Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Achim Amme – Der Welt ist schlecht

amme2011-cover

von David Wonschewski

Da gibt es so ein „no go“, das Künstler in der Regel weitaus weniger verstehen wollen als ihre Rezipienten: Singende Schauspieler sind genau so überflüssig wie schauspielernde Sänger. Eine Ansicht, für die es viel zu viele Belege gibt, ist die industrialisierte Verwertungsmaschinerie seit einigen Jahren doch offensichtlich ganz versessen darauf, aus einem klangvollen Namen auch klingende Münze machen zu wollen, egal wie albern dieses Vorhaben dann auch wird.

Womit wir denn auch gleich bei Achim Amme wären und dem Beweis dafür, dass Ausnahmen die Regel bestätigen – vor allem im Chanson & Liedermacherbereich, selbstredend. Nein, natürlich ist es überhaupt nicht nötig als Musiker die Max-Reinhardt-Schule in Berlin besucht zu haben, so wie Achim Amme dies in den frühen 70er Jahren getan hat. Aber schaden kann es ganz offenbar auch nicht, wie Der Welt ist schlecht uns ein weiteres Male nahebringt. Klaus Hoffmann, dem Amme rein rechnerisch betrachtet seinerzeit sogar begegnet sein könnte an benannter Ausbildungsstätte, ist das wohl bekannteste Beispiel für die sinnvolle Vermengung von Schauspiel und Gesang, doch auch Amme zeigt, dass gerade mit einem Bein im Kleinkunstbetrieb die stimmlich-mimische Grundausbildung zum Trumpf geraten kann. Zwar hat es Amme nicht gleich bis zu Bergman getragen, wie dereinst Klaus Hoffmann, aber doch immerhin auch bis ins Großstadtrevier, zu Bella Block und in den Tatort – was ganz lustig ist, denn wenn Der Welt ist schlecht irgendetwas mit Sicherheit nicht ist, dann spannend. Muss es aber ja auch gar nicht, ist es doch nicht Aufgabe des Chansons in irgendeiner spannend zu sein, geschweige denn sich immer wieder neu zu erfinden, wie nicht wenige Musikapologeten es viel zu oft herauskrakeelen. Nein, gutgemachter Chanson spielt damit, dass er es sich ein wenig bequem gemacht hat auf seinen Tugenden – und Achim Amme hat diese Tugenden so sehr verinnerlicht, dass er es sich sogar leisten kann Der Welt ist schlecht sensibel-elegant und anklagend zugleich werden zu lassen. Ein Balanceakt, keine Frage, wenn nicht gar ein Widerspruch, bei dem ein gewisses Scheitern im Grunde nur logisch wäre.

Lieder die glücklich machen hat Amme seinem Werk im Booklet – wenn auch aus dem Munde befreundeter Musiker – voranstellen lassen. Das kann von dieser Stelle aus durchaus bestätigt werden. Nunja, solange halt nicht so auf die Texte geachtet wird. Denn die sind von einer Coleur, für die dereinst die wunderbare Menschengattung des Misanthropen ersonnen wurde. Und die damit auch dem Plattentitel gleich viel näher kommen. Provisorium erweist sich hier vermutlich als der diesbezüglich plakativste Song, denn das Provisorium, das ist der Mensch, den Amme in bester Arnold Gehlen-Tradition als Mängelwesen ausmacht, der halt gar nicht anders kann als ab und an einen heben zu gehen. Das Stück Noch bist du klein kommt als charmanter Kindersingsang daher, der es jedoch nicht versäumt darauf hinzuweisen, dass das Leben nicht auf Dauer so grundsympathisch und warm bleibt, wie es als Säugling noch erscheint. Verhext hingegen ist exakt die Art von Liebeslied, auf die Chansonfreunde ihre ganze Hingabe an und für dieses Genre gründen. Dass der Hamburger Amme auch bereits für Tim Fischer komponiert hat wird gerade hier besonders deutlich. Ich weiß nicht mehr, wer ich gern wär/Wahrscheinlich bin ich gleich schon der/ den du glatt in die Tasche steckst:/Du hast mich irgendwie verhext, so heißt es hier und ja, natürlich ist das alles zärtelnd und als Lob für die Liebste oder den Liebsten zu lesen. Aber auch als Statement einer tickenden Beziehungszeitbombe, wie Amme ebenso, nur wenige Augenblicke zuvor, verrät: Es ist unglaublich, aber wahr/ Ich suche quasi die Gefahr:/Wer ist der Nächste? Who is next?/Du hast mich irgendwie verhext.

Nein, spannend wird Ammes Songreigen auch trotz des ständig aufeinander klatschenden Widerspruchs von Introvertiertheit und Extrovertiertheit, von beglückenden Melodiebögen und fast schon weltverneinenden Aussagen nicht. Aber ein Fest für all jene, die das Leid der Welt mit befriedigender Süffisanz zu feiern verstehen.

http://www.achim-amme.de/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 10. Dezember 2011 von in A-D, Achim, Amme, Amme, Achim, Liedermacher, Plattenbesprechungen, Uncategorized und getaggt mit , , , , , , , , .

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