Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Christof Stählin und Freunde – Aus freien Stücken

christofstaehlin

von David Wonschewski

Zugegeben, sich als Rezensent gleich zu Beginn einer Plattenbesprechung von seiner weichen Flanke her zu präsentieren, nein, das ist nicht jedermanns Sache. Und doch ab und an auf eine fast schon kathartische Art und Weise richtig und nötig. Denn: Natürlich ist der Name Christof Stählin dem hier schreibenden, sehr geneigten und auch tiefschürfenden Liedermacherfreund seit langer Zeit ein Begriff. Als Begründer der Sago-Schule klingt sein Name schließlich, wenn schon nicht von selbst, so doch inzwischen auch aus gefühlt hundert Jünger-Kehlen zu einem jeden Klangjournalisten, egal, ob der es denn nun hören möchte oder nicht. Und dennoch – es bringt ja nun nichts sich an dieser Stelle in wulff’sche Leugnerei zu begeben – beinhaltet „Aus freien Stücken“, die aktuelle Veröffentlichung des Hechingers, die erste Tonansammlung, die dem Autoren dieser Zeilen von Stählin bis dato an die Ohren gekommen ist. Nicht wahr? Doch wahr! Denn irgendwas sollte, so scheint es, immer dazwischen kommen. Was jedoch kein Einzelschicksal sein dürfte, lassen sich doch offenbar eine ganze Reihe Menschen noch immer viel zu oft davon abbringen, Stählin die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die er sich kein Deut weniger verdient hat als all die anderen Koryphäen, die mühelos Hallen füllen. Denn, soviel lässt sich ganz fraglos sagen, suchen wir nach einem Musiker, der es versteht deutsches Liedgut ähnlich elaboriert und stilvoll zu servieren, so müssen wir verdammt lange suchen. Und landen am Ende vermutlich allenfalls noch bei Wenzel, der sich mit seiner naturgegebenen, naturorientierten (und letzten Endes damit wohl auch naturgewollten Spielweise) ähnlich gut darauf versteht, fast schon barock anmutende Vorstellungs- und Melodiewelten ins Hier und Jetzt zu holen, ohne dabei jedoch in der hölzernen Gangart des Edelmannes zu erstarren. Nein, wie sein ostdeutsches Pendant, so versteht sich auch Stählin in seinen Kompositionen hervorragend darauf, niemals seinen Standpunkt als derjenige zu vernachlässigen, der mitten aus dem Volke spricht. Sicherlich, dem harten und entbehrungsreichen Leben des einfachen Mannes begegnen wir eher selten, viel zu stark ist das romantische Sendungsbewusstsein Stählins, so dass Musikfreunde, die die depressiven Jammerwelten junger deutscher Nachwuchsliedermacher favorisieren, hier definitiv an ihre Grenzen stoßen dürften. Denn selbst in latent niederdrückenden Stücken wie Alter Musketier spannt er einen Bogen, der weit vorbei führt an den Wiesen und Auen jener Selbstzerstörung, die doch so modern und so angesagt ist heutzutage.

In der Tat ist es beeindruckend, wie wendig sich Stählin dabei in den Grenzen seines an und für sich sehr eng gesteckten musikalischen Konzeptes zeigt. Eines Konzeptes, das mit Der Kirschbaum einen ganz besonderen Höhepunkt erfährt, hat er sich hier doch daran gewagt, ein altes arabisches Volkslied in unseren Kultur- und vor allem Sprachraum zu hieven. Mit dem Ergebnis, dass aus einem textlich ganz netten Naturlob ein Stück von sprachlich unerhörter Spannung wird, einer Spannung, die vor allem Stählins gesanglichem Umgang mit der arabischen Vorlage zu verdanken ist.

Ebenfalls hervorzuheben ist Dank an die Akkorde, ein Stück, das simpel klingen mag, jedoch nur einem Liedermacher gelingen kann, der wie Stählin bereits viele Jahrzehnte der Auslotung seines Genres gewidmet hat. Biographische Notizen mit kleiner und kleinster Musiktheorie zu verweben und dann derartig lässig herunter zu erzählen, ja, das kann auch schnell einmal in plumper Selbstbeweihräucherung enden, auch die Gefahr einer triefenden Nostalgie ist an einem solchen Punkte stets gegeben, wie wir vor allem aus den jüngeren Werken eines Hoffmann, Wecker oder Mey wissen. Doch nein, genau dieser Gefahr entgeht Christof Stählin in diesem Lied – und auf der gesamten Platte.

In Summe gerät auch Aus freien Stücken damit selbstredend noch lange nicht zu einem Muss, das jeder Musikfreund im heimischen Regal stehen haben sollte, dafür ist sein Klangkostüm zu eigensinnig, sein Musikansatz zu kompromisslos kunstbeflissen, nicht jedem Akustikfreund behagt diese Schlagrichtung. Christof Stählin jedoch, an dem sollte kein Weg vorbeiführen, so dass Aus freien Stücken ein ziemlich guter Einstiegspunkt ist. Für Spätentdecker, denen ansonsten irgendwie immer irgendetwas anderes dazwischen zu kommen droht.

http://www.christof-staehlin.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: