Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Bodo Wartke – Klaviersdelikte

wartkeklaviers
von David Wonschewski

Und so kann ganz vortrefflich – und auch etwas sinnlos – darüber spekuliert werden, ob wir Bodo Wartke gerade beim endgültigen Erwachsenwerden beobachten oder aber Zeuge einer langsamen Transformation in Richtung Massentauglichkeit werden. Vermutlich trifft angesichts seines neuen Albums Klaviersdelikte das eine genauso zu wie das andere. Was unterm Strich dann ganz einfach bedeutet, dass Bodo Wartke sich jetzt, mit Mitte 30, gerade ganz heftig vom Fleck entwickelt.

Bereits das optische Gewand seiner neuen Veröffentlichung besticht durch eine Eleganz, die tatsächlich nur noch sehr bedingt mit Ulk zu tun hat und eher die feinen Optikkonzepte wesentlich betagterer Chansonniers ins Gedächtnis ruft. Ein Konzept, das nicht nur zu gefallen weiß, sondern darüber hinaus auch exakt den Ton trifft, den wir dann auch klanglich auf Klaviersdelikte serviert bekommen. Schließlich legt der Pianokabarettist und Sprachjongleur nach unzähligen Live-Aufnahmen hier sein erstes wirkliches Studioalbum vor, verlässt sich also zum ersten Mal nicht mehr auf seine vielfach erprobten und bewiesenen Entertainment-Skills, auf Geschäker mit dem Publikum, auf Gelache und Gekicher aus dem Auditorium – sondern einzig und allein auf die Kraft seiner Musik.

Durchaus mutig und dementsprechend etwas enttäuschend der Beginn, gerät Probleme, die ich früher noch nicht hatte doch in seiner gesamten Machart zu einer Songreminiszenz an Meine neue Freundin, jenem bitterbösen Track aus seinem Achillesverse-Programm. Mit dem Unterschied, dass der Song hier – wie im Grunde immer bei Wartke – zwar wunderbar zusammengereimt daherkommt, dabei jedoch eine Zahnlosigkeit offenbart, die etwas überrascht. Der Song ist nett, aber für Wartke-Verhältnisse so nahe dran an belanglos, dass der Verdacht entsteht, dass hier jemand bewusst versucht etwas gefälliger daherzukommen als bisher, nicht mehr ganz so heftig Gebrauch von der Brechstange zu machen, ja stattdessen nett und freundlich abzuwarten, ob nach dem Klingeln nicht doch von selbst jemand die Türe öffnet.

Ein Verdacht, der im Übrigen auch auf Albumlänge nicht mehr vollständig getilgt wird, hat sich Wartke doch ganz offensichtlich und tatsächlich dazu entschlossen, sich auf Klaviersdelikte etwas weniger als Komödiant als denn als charmant-versierter Komponist zu präsentieren. Ein Unterfangen, auf das sich der Hörer erst einmal einstellen muss – das Wartke aber, nach diversen Minuten der Umgewöhnung, dann ausnehmend gut gelingt. Mehr noch: Es gelingt dem gebürtigen Hamburger derart gut, dass sich der geneigte Chansonfreund sogar regelmäßig wünscht, die Humorkeule wäre doch einfach komplett im Schuppen liegen geblieben. Am deutlichsten wird dieser Balanceakt in Frühlingsgefühle, einem Lied, das tatsächlich beinahe erstirbt in seiner puren Schönheit – wobei das Ersterben einer etwas billigen Pointe zuzuschreiben ist, die Wartke hier etwas ungelenk einquetscht, so dass er sich hauptsächlich bei seiner Duett-Partnerin Melanie Haupt bedanken darf, dass die Nummer dennoch zu einem absoluten Highlight gerät.

Gelingt es jedoch, sich eben erst einmal von diesem Gedanken frei zu machen, dass es sich hier in erster Linie um das Werk eines Schenkelklopfers handeln könnte, ist gleich auf eine ganze Reihe kleiner und funkelnder Diamanten zu stoßen: Architektur in Deutschland beweist, dass Wartke gar nicht seiner Humor-Brechstange bedarf, um textlich hochwertige, relevant-amüsante Songs zu schreiben, während Dein Duft derart feinsinnig verwoben und vernäht ist, dass allenfalls die Frage bleibt, warum sich in den vergangenen Wochen eigentlich so viele Kleinkünstler und Liedermacher (Pigor, Christof Stählin) auf ihren neuen Alben dem Parfüm widmen. Konstanze und Das Schweigen der Spammer brillieren mit jener fingerschnippenden, weltgewandten Lässigkeit, die schon die Covergestaltung verspricht, bevor Wartke uns mit zwei Songs – Sie und Christine – verabschiedet, die jeweils zeigen, wohin er offenbar gehen möchte. Und wohin er auch gehen kann. Nein: Wohin er bitte viel öfter gehen sollte. Zwei introvertiert-getragene Trauerballaden, zwei Volltreffer. Ulkfreie Zone, Amor, getroffen, nein, erschossen und darniederliegend, darbend. Herrlicher Schmerz auf viel zu hohen Fenstersimsen und in viel zu tiefen Seelen-Seen. Wunderbar.

Klaviersdelikte? Wohlmöglich ein typisches Übergangsalbum, etwas zerrissen und doch übersät mit großen und erhabenen Momenten.

http://www.bodowartke.de

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