Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Reinhard Mey – Gib mir Musik

Reinhard_Mey_-_reinhard_mey_gibmirmusikvon David Wonschewski

Musikfreunde, die eher wenig Kontakt mit dem Genre der Liedermacher haben, wundern sich bisweilen über die schiere Menge an Live-Veröffentlichungen, die den Fans und Freunden in diesem Teil der Klangwelt geradewegs um die Ohren gehauen werden. Und schauen wir uns einfach einmal die (vermeintlich) großen Namen an, so können wir gut und gerne und auch sehr tatsächlich von einer kleineren Reizüberflutung sprechen. Reinhard Mey jubelt dieser Tage mit „Gib mir Musik!“ bereits seine fünfzehnte Live-Platte unters Volk, sein Freund und Kollege Klaus Hoffmann macht es sich seit vielen Jahren zur Gewohnheit, neben dem obligatorischen Studio-Album ebenfalls ein Live-Album aus immer wechselnden Orten nachzuschieben und das Ganze dann sogar – on top sozusagen – noch ganz gerne mit einer Live-DVD, aufgenommen wieder woanders, zu garnieren. Und besonders emsige Sammler derartiger Prachtstücke kennen das archivarische Problem des kleinen Mannes, sind vor lauter „Wecker mit Wader“ und „Wecker mit Wader und Mey“ und „Hoffmann und Freunde“-Veröffentlichungen jegliche alphabetische Sortierkünste doch längst ad absurdum geführt. Dass diverse Song-„Evergreens“ auf diese Weise gleich einen vielfachen Eingang in den eigenen CD-Schrank finden, das sei dabei nur am Rande benannt.
Und nun also Mey, wie erwähnt zum bereits fünfzehnten Mal. Ein kompletter Konzertabend, aufgenommen im vergangenen Jahr im Circus Krone in München, während seiner „Mairegen“-Tournee. Die große Frage also: Brauchen wir das?
Die ebenso klare Antwort: Ja. Denn wer schon einmal die Gelegenheit hatte Live-Auftritten eines Klaus Hoffmann, eines Konstantin Wecker oder eben Reinhard Mey beizuwohnen, der weiß, dass es sich im Bereich der Liedermacher zwar in der Tat oftmals um vergleichsweise leicht produzierte Nachschiebware handeln mag, die ergo auch einen gewichtigen kommerziellen Zweck erfüllen wird. Mit Volksverarschung, um es einmal so salopp zu sagen, hat diese Veröffentlichungspolitik hier jedoch ausnahmsweise einmal eher wenig zu tun. Das beginnt schon bei der plumpen Songauswahl, die zwar so gut wie immer – und somit auch bei „Gib mir Musik!“ – einen Streifzug durch viele Jahrzehnte künstlerischen Schaffens bietet, dabei jedoch nur selten in eine öde „Best Of“-Abwicklung abdriftet. „Über den Wolken“ beispielsweise, der fraglos größte Hit von Reinhard Mey, findet live derart selten Verwendung, dass der Effekt, den der Berliner erzielte, als er ihn auf seiner vorherigen Live-Platte amüsant und kunstvoll in den Song „Männer im Baumarkt“ einwob, umso größer war und zu einem echten Highlight geriet.

Ein durchaus wichtiger Kommentar, denn auch auf „Gib mir Musik“ fehlt „Über den Wolken“ mal wieder, wie auch „Der Mörder ist immer der Gärtner“ fehlt oder „Ich wollte wie Orpheus singen“. Dafür taucht das in Summe eher unwichtige „Männer im Baumarkt“ erneut auf, diesmal allerdings zusammengemischt mit „Gute Nacht Freunde“. Es ist die Lässigkeit dieser kleinen Spontanüberraschungen, die ein Reinhard Mey-Konzert zum Erlebnis werden lassen, gelingt es ihm neben den besten, lustigsten und ausführlichsten Songüberleitungen, die im deutschsprachigen Raum zu erleben sein dürften, doch auch stets kleine Perlen aus seinem natürlich längst riesigen Song-Reservoir zu zaubern. Lieder, die oftmals auf keiner Hitsammlung auftauchen würden und dennoch vielen Hörern unsagbar viel bedeuten. In diesem Fall sind es Kompositionen wie das nostalgische „Viertel vor Sieben“, das Mey in den späten neunziger Jahren veröffentlichte, das poetische „Herbstgewitter über Dächern“, „Das war ein guter Tag“ von seinem oft unterschätzten Album „Einhandsegler“ oder gar „Selig sind die Verrückten“ und „Sei wachsam“ aus seiner im Grunde schwächsten Kreativ-Phase, Mitte der neunziger Jahre. Mey jedoch gelingt das Kunststück, seine Lieder offenbar immer passend zum Anlass aus dieser ganz tiefen Kiste zu holen, Lieder, die, in ein derartiges Gesamtkonzept gestrickt, mit einem Male nicht mehr als vermeintliche Zwischenstücke untergehen, sondern live ganz eigenständig zu blühen beginnen, eben weil Mey persönlich sie in den richtigen Kontext stellt. Und so ganz nebenbei damit auch beweist, was schon lange klar ist: Dass die meisten seiner Songs allgemeingültig sind, im besten Sinne zeitlos, nicht auf Jahre oder Jahrzehnte beschränkt.

Gerade den Songs seines vergangenen Studioalbums „Mairegen“ ist es dabei natürlich geschuldet, dass „Gib mir Musik!“ unterm Strich dennoch etwas besinnlicher geworden ist als frühere Live-Alben. Der Hintergrund ist den meisten Liedermacher-Freunden selbstredend bekannt, einer der Söhne von Mey liegt seit längerer Zeit im Wachkoma, eine private Tragödie, an der Mey nicht vorbeiwitzeln mag und die er nicht zuletzt durch „Drachenblut“ oder auch „Ficus Benjamini“ mehrfach thematisiert.

http://www.reinhard-mey.de

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