Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Das Handbuch für Songtexter

handbuch_songtexter Interview: David Wonschewski/ Fotos: Volker Glasow, Björn Knetter

Die sprichwörtlichen Spatzen pfeifen es seit geraumer Zeit von den Dächern: Das Wort – gesprochen wie geschrieben wie gesungen – befindet sich im steilen Sinkflug. Sei es im Journalismus oder auf der Straße, in der Literatur oder der Musik, der Wert, den qualitative Textarbeit haben kann und haben sollte, wird immer weniger geschätzt. Mit durchaus desaströsen Folgen für Kultur, Intelligenz und allgemeines Sprachempfinden. Zu den wenigen Aushängeschildern guter und professioneller Textarbeit gehört ganz fraglos Edith Jeske, ihrerseits Gründerin der Celler Schule, der einzigen deutschen Ausbildungsstätte für Songtexter. Gemeinsam mit Tobias Reitz, dem wohl jüngsten professionellen Liedtexter unseres Landes, hat sie nun das Handbuch für Songtexter geschrieben und herausgegeben.

Ein Gespräch über Rhythmusgefühl, Glaubwürdigkeit – und potentiellen Nachhilfeunterricht für Hannes Wader.

Ein Achtel Lorbeerblatt (EAL): Edith, Tobias, ihr beide beschäftigt euch also hauptberuflich mit der Lieferung von Songtexten. Da wir uns hier als eine Art Fachblatt für Liedermacher und Singer/Songwriter verstehen, beginne ich daher ganz bewusst einmal mit einer etwas aggressiven, in diesem Zusammenhang aber verständlichen Nachfrage – ist das nicht ein Armutszeugnis, wenn ein Musiker selbst nicht in der Lage ist eigene Gefühle und Gedanken in Worte zu bringen?

Edith Jeske (EJ): Etwas fühlen und etwas ausdrücken können ist nicht dasselbe. Wir haben alle schon Briefe geschrieben, bei denen wir sehr genau wussten, was wir sagen wollten, aber um die Formulierungen ringen mussten. War das, was wir sagen wollten, deshalb weniger stichhaltig? Und wer sagt, dass man mehr um die Form ringen muss als notwendig? Jeder Handwerker hat sein Werkzeug. Die Schraube muss in den Dübel – aber wo steht geschrieben, dass dazu nur der Daumennagel benutzt werden darf?

Tobias Reitz (TR): Auch wenn die Begabung fürs Textdichten vorhanden ist, gibt es Dinge, an denen man feilen kann: Reim, Metrik, Stringenz der Erzählung und der Sprache, Glaubwürdigkeit. Jeder Musiker, der Veröffentlichungen hat, lernt mindestens aus dem Feedback des Publikums. Aber man kann es auch mithilfe von Seminaren oder einem Buch wie dem „Handbuch für Songtexter“ lernen. Wie sehr erfolgreiche Beispiele im Kollegenkreis beweisen.

EAL: Nun liegt es in der Natur der Sache, dass Liedermacher – in bester alter DIY-Tradition – wohl kaum zu eurem Kundenstamm gehören, während es im Schlager- und Popbereich ja im Grunde schon zum guten Ton gehört, sich versierte Texter ins Boot zu holen. Stellen wir die Frage also einmal andersherum: Angenommen ein Reinhard Mey oder Klaus Hoffmann käme zu Ihnen, ein Konstantin Wecker oder Hannes Wader – inwiefern könnten Sie bei solchen Leuten guten Gewissens sagen, dass da noch ein Optimierungsbedarf herrscht, den Sie ankurbeln könnten…

TR: Die Künstler, die Sie nennen, wissen natürlich genau, was sie tun. Ich würde es bei denen nicht Optimierungsbedarf nennen – schon aus Respekt vor ihrer herausragenden Leistung! Hilfreich kann aber auch für solche Künstler der Blick von außen sein, der das eigene Raster aufbricht. Wir Kreativen leben alle von Zeit zu Zeit mit Scheuklappen, Blockaden oder Ideenmangel.

EJ: Grönemeyer hat in jungen Jahren in einem Rundfunkinterview mal gesagt, dass er sich sehr mit den Texten quälen musste und immer heilfroh war, wenn er sie endlich hatte. Inzwischen wird das bei ihm sicher nicht mehr so sein. Und sicher war der Weg nicht leicht für ihn. Muss deshalb jeder nach ihm dieses Rad neu erfinden?

EAL: Es gibt ja so diverse Berufe, die im Verdacht stehen hauptsächlich von Leuten ausgeübt zu werden, bei denen es für die ganz große Bühne einfach nie gereicht hat. Auch der Beruf des Musikjournalisten gehört ganz fraglos dazu, Ghostwriter und Textdichter dürften ebenfalls in diese Klasse fallen. Ich unterstelle also einfach einmal etwas stolpernd, dass auch Textdichter letzten Endes Musiker sind, bei denen es irgendwie dann doch nie ganz gereicht hat…

EJ: Wirklich so fraglos? Wenn jemand bei sich feststellt: Der Blick für musikalische Qualität ist da und das Mitteilungsbedürfnis auch, aber die Stimme nicht – warum soll der dann nicht ein hervorragender Musikjournalist werden können? Ein Restauranttester muss kein Sternekoch sein und ein guter Germanist muss nicht selbst Autor sein. Das sind unterschiedliche Talente, und manchmal eiert man halt eine Weile herum, bis man seines zu fassen bekommt.
EAL: Das stimmt allerdings, das mit dem rumeiern, bis die eigenen Talente klar vor Augen stehen…

TR: Ich kann nur von mir selbst ausgehen: Ich bin glücklich, dass ich eine Kompetenz habe und es für mein Können einen Bedarf gibt. Und ich bin – heute! – auch froh, dass meine Arbeit hinter den Kulissen liegt. Mir fehlen in der Tat gewisse Gene oder Charakterzüge, die mich zum Bühnenmenschen machen. Ich vermisse sie aber nicht. Zum Bühnenmenschen muss man wahrscheinlich geboren sein. Andernfalls sollte man es sein lassen. Ich bin es nicht. Das habe ich im Selbstversuch erfahren. Also lasse ich es sein. Rainer Maria Rilke schrieb in seinen Briefen an einen jungen Dichter: „Fragen Sie sich, ob Sie sterben müssten, wenn Sie nicht mehr schreiben dürften.“ Das ist zwar etwas zu theatralisch für meinen Geschmack, aber im Kern hat er recht: Das Schreiben dürfte mir niemand nehmen. Das Interpretieren ist mir im Vergleich dazu relativ egal.

edithjeske

Edith Jeske

EAL: Was den professionellen Texter ebenfalls mit einem Ghostwriter oder Journalisten eint ist vermutlich, dass es zwar durchaus diverse Seminare und Fortbildungsmöglichkeiten gibt, es unterm Strich aber wohl eher eine typische Seiteneinsteigerbranche ist, nehme ich an. Dass ein gewisses Grundgefühl für Sprache vorhanden sein muss steht dabei außer Frage, aber was müssen Sie können, was z.B. ein Ghostwriter nicht kann oder nicht können muss? So an und für sich dürften die Anforderungsprofile da doch nicht so unterschiedlich sein, oder?

EJ: Eine Seiteneinsteigerbranche ist es nur deshalb, weil man es eben nicht studieren und sich ausbilden lassen kann. Was also soll man machen, wenn man sich berufen fühlt? Der deutlichste Unterschied besteht darin, dass ein Textdichter die 3-Minuten-Form drauf haben muss. Sich in die „Zielperson“ hineinfühlen – im Idealfall mit ihr verschmelzen – müssen beide können – der Textdichter und der Ghostwriter. Gute Textdichter SIND eine Art Ghostwriter!

TR: Wichtig für den Textdichter ist außerdem ein Gefühl für die Einheit von Text und Musik. Wenn man das nicht hat, sieht’s düster aus. Der klassische Ghostwriter braucht es nicht unbedingt. Man muss die Stimmung einer Musik erfassen und in Sprache umwandeln können; dem Lied ein Gesicht geben. Man sollte Genrekenntnisse mitbringen – die braucht ein Ghostwriter auch, aber sicherlich nicht in unseren Maßstäben; eine politische Rede ist etwas anderes als eine Doktorarbeit – und man sollte neben der Zielperson auch das Publikum und seine Gefühle einschätzen können. Wenn man dazu eine Neigung hat, ist es im zweiten Schritt wichtig auch die Sprache, ihren Klang und ihre Besonderheiten immer genauer zu erforschen und einzusetzen zu lernen. Alles Dinge, die auch einem Ghostwriter helfen können, wenn er sie erforscht. Um beim Beispiel zu bleiben: Auch eine politische Rede lebt von ihrer Rhythmik, ihrer Sloganhaftigkeit und der Empathie mit dem Zuhörer.

EAL: Als Journalist habe ich da ja nun den Vorteil, dass ich kein Dienstleister bin, der es mit seiner Schreibe einem Künstler recht machen muss. Das dürfte bei Ihnen ganz anders aussehen, der Musiker muss ja das Gefühl haben, es wären seine Worte, die er da singt. Oder liegt der Schuh gar nicht bei Ihnen, sondern eher bei dem Sänger, der seine ganzen Interpretationskünste auffahren muss, um einen guten Text mit Leben füllen zu können ?

TR: Das Maximalziel heißt: Alles sollte stimmen! Wenn der Künstler sich wohlfühlt mit seinen Songs, der Komponist und Produzent ihn abnicken, die Plattenfirma ihn veröffentlichen will und die Medien ihn gerne in ihren Programmen einsetzen, haben wir auf dem Weg zum Publikum alles richtig gemacht. Aber: Jedes Einzelne davon ist eine Kippstelle. Wenn nur eine davon Nein sagt, bekommt das Publikum das Lied nicht zu hören. Der Schuh liegt also definitiv bei uns Textdichtern – aber eben nicht NUR bei uns. Trotzdem: Man muss Verantwortung übernehmen, flexibel sein gegenüber den Wünschen aller Beteiligter – in erster Linie des Künstlers, denn der muss hinter dem Song stehen können – und aufrichtig sein gegenüber seinen Partnern und Kollegen. Allerdings wünsche auch ich als Textdichter mir natürlich Interpreten, die meine Texte wirklich transportieren können…

EJ: Im Idealfall fühlt der Künstler unseren Text so, als käme er aus ihm selbst. Wobei unsere Aufgabe aber noch viel weiter reicht: Wir berücksichtigen die phonetischen Präferenzen unserer Interpreten, die bestklingenden Vokale, eventuell sparen wir Laute aus, die jemand nicht gut kann (ich habe mal ein s-freies Lied für jemanden geschrieben, der kein schönes S singen konnte). Und – ganz nebenbei: Als Journalist können Sie auch nicht uneingeschränkt schreiben, was Sie möchten. Denn gedruckt sehen möchten Sie es ja auch.

Tobias-Reitz

Tobias Reitz

EAL: Ich habe das Glück gehabt einmal ein Interview mit einem der besten Pop-Interpreten der Welt machen zu dürfen – Cliff Richard. Auch mit ihm sprach ich damals darüber, ob es nicht im Grunde peinlich sei, dass er wie ein kleines Kind doch textlich immer noch an der Hand genommen werden und die Titel singen müsse, die von anderen stammen. Ich muss zugeben, Cliff Richard hat mir damals eine Lehrstunde in puncto „Ehrlichkeit & Berühmtheit“ erteilt und mit bewundernswerter Gelassenheit benannt, dass er einfach wisse, was er enorm gut kann und was eben nicht so gut, texten zum Beispiel. Dass der Hauptpunkt aber der sei, dass er als erfolgreicher Musiker in einer Käseglocke lebe, wie abgekapselt von dem Leben normaler Menschen und dementsprechend selbst als guter Texter zusehen würde, dass er Material von Menschen bekommt, die wirklich näher dran sind am Leben als er…

TR: Guter Mann, dieser Cliff Richard! Nana Mouskouri schreibt in ihrer Autobiographie über Julio Iglesias, dass er sich genau wie sie mit seinem einzigen Talent, dem Singen, ins Leben gewagt hat. Auch hier: Hochachtung vor der Ehrlichkeit! Es gibt in fast allen Genres vergleichslos gute Interpreten, die das Schreiben eigener Songs nie interessiert hat: Tim Fischer im Chanson, Angelika Milster im Musical, Mary Roos im Schlager, Gitte Haenning im gehobenen Schlager und Jazz. Man käme wohl nie auf die Idee solchen Künstlern nachzusagen: Die sind verhindert; die haben es als Schreiber nicht geschafft…

EJ: Erwartet jemand von einem Bühnenkünstler, dass er auch seinen Anzug selbst näht? Von einem Schauspieler, dass er das Drehbuch selbst schreibt? Das mit der Käseglocke sehe ich allerdings anders. Künstler haben auch ein „normales“ Leben – jedenfalls die allermeisten. Sonst haben sie womöglich ein Problem.

EAL: Sie beide stehen in direktem Zusammenhang mit der Celler Schule…erzählen Sie doch mal kurz, ich kenne die Frankfurter Schule, die Hamburger Schule – jetzt also Celle…

TR: Die Celler Schule gibt’s seit 1996. Damals hieß sie etwas sperrig „Förderseminar für Textschaffende in der Unterhaltungsmusik“. Es ist die einzige Masterclass für Textdichter in Deutschland. Sie haben das Stichwort selbst gegeben: Textdichter ist ein Quereinsteiger-Beruf.

EJ: Und das ist deutlich besser geworden, was man an der enormen Präsenz unserer Absolventen im Musikbusiness merkt. Wobei die Konsumenten diese Präsenz natürlich nicht wahrnehmen, weil es hier genau um diejenigen Schreiber geht, die im Hintergrund wirken, während die Interpreten auf der Bühne sichtbar werden. Und gerade für die (also nicht diejenigen, die es als Interpreten vorher erfolglos versucht haben) sind wir der einzige professionelle Einstieg in die Branche. Dazu liefert die Celler Schule das Handwerk, das Fachwissen von GEMA bis Selbstmarketing und die ersten Kontakte. Das sind die Schuhe, die wir den Leuten anziehen. Laufen müssen sie dann selbst.

TR: Ich war 2001 selbst Teilnehmer. Es war für mich der Startschuss in meine berufliche Laufbahn als Songtexter. Ich bin Edith und der Celler Schule unendlich dankbar. Darum arbeite ich weiter für diese tolle Idee und freu mich über die 16 Jahre – und besonders natürlich über unsere 11 gemeinsamen! Wer sich bewerben will, hat übrigens noch bis zum 10.02. Zeit dafür. Auf http://www.celler-schule.de gibt’s alle Unterlagen.

EAL: Ah, okay, einmal angenommen ich hätte jetzt Blut geleckt und würde denken – das wäre doch genau mein Ding. Was müsste ich tun, um bei Ihnen zu landen? Beziehungsweise auch für mich zu wissen, ob ich wirklich Perspektive hätte in dem Bereich?

TR: Beweisen Sie sich und der Jury, dass Sie gute Ideen haben! „Gut“ heißt in diesem Fall: Ihre Texte sollten originell sein und eigenständig. Sie sollten so sein, dass ein Publikum – ob nun Nische oder Masse – dafür gefunden werden kann. Wir bekommen leider immer wieder Einsendungen, bei denen die Jury geschlossen das Gefühl hat: Hier therapiert sich jemand.

EJ: Beantworten Sie für sich als Bewerber die Frage: Gäbe es jemanden, der das singen und sich damit gut fühlen würde? Gäbe es ein Publikum, das diese Lieder aus eigenem Interesse anhören möchte – und nicht, um ihnen einen Gefallen zu tun? Wenn Sie dazu zweimal ja sagen können, sind Sie schon einen guten Schritt in die richtige Richtung unterwegs.

EAL: Eine Frage noch zum Schluss – angenommen ich bin weder Musiker noch Musikjournalist: Warum sollte ich Ihr Buch lesen?

TR: Weil Sie sich bestimmt dafür interessieren – sonst würden Sie die Frage nicht stellen…

EJ: Ihnen werden beim Lesen eine Menge Lichter aufgehen, die Ihren Musikgenuss bereichern. Auf einmal haben Sie eine Messlatte und können begründen, warum ihnen etwas gefällt oder nicht. Das macht einfach noch mehr Spaß als nur zu konsumieren. Wie Sport im Fernsehen: Wer die Spielregeln kennt, hat mehr davon. Wissen tut dem Ego immer gut.

TR: Ich glaube, dass das „Handbuch für Songtexter“ ein gutes Buch ist. Zumindest sagen das die Kritiken und die Feedbacks von Menschen, die sich damit beschäftigt haben – von Buchhändlern über Romanautoren, Schülern und Studenten bis hin zu Werbetextern und Plattenfirmen-Mitarbeitern. Und natürlich auch Musikern, klar. Das ist ja das Wichtigste. Wir wollten ein für alle leicht verständliches Buch, das neben der reinen Songtexterei auch viel über die Praxis im Musikbusiness erklärt, über zwischenmenschliche Reibungspunkte im Zusammenarbeiten und über die Suche nach der beruflichen Erfüllung. Ich hoffe, es ist uns gelungen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 28. April 2012 von in 2012, Artikel & Interviews und getaggt mit , , , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: