Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Kellerkind – Das Album

kellerkindvon David Wonschewski

Gerade in skandinavischen Sphären hat es sich durchaus eingebürgert, dass Musiker der Fraktion „Punk“ oder „Rock“ sich gerne in Nebenprojekten auf leise Solo-Pfade begeben, Verstärker Verstärker und Wut Wut sein lassen und stattdessen das sanfte Akustikpferd aufzäumen. Auch Ralf Thiel, der sich nun KELLERKIND nennt, gehört zu dieser Spezies Musiker, die diesen gar nicht so üblen Brauch nun ganz offensichtlich auch in deutsche Gefilde zu übertragen trachten. Denn dass der Stuttgarter ursprünglich als Sänger der Alternative-Rock-Combo „The Pussybats“ aus der Fraktion „hart“ kommt, das ist nicht nur seinem hier und da an Campino erinnerndem Organ anzuhören, sondern auch seinen 12 eigenen Kompositionen, die diesem selbstbetitelten Debüt nebst aller Melancholie und Introvertiertheit eine kräftige Note Drive verleihen.

Gerade in seinen besten Momenten erweist sich KELLERKIND mit dieser zumindest hierzulande relativ uniquen Mischung als eine Art teutonischer Billy Bragg, also eine Melange aus Bob Dylan und, tja, den Stooges vielleicht, wobei die Heftigkeit und die Rebellion fast ausschließlich gesanglich in Szene gesetzt werden, während musikalisch ein feiner Minimalismus herrscht, lediglich ab und an begleitet von einer energischen Begleittruppe. Geradezu prototypisch für den hier gesetzten Sound dürfte dabei der Song „Helden“ sein, eine Nummer, die – textlich und rhythmisch aufrüttelnd – den bewusst wütend bis ätzenden Grundcharakter der meisten Lieder perfekt zur Schau stellt.

Auch wenn viele Songs emotional gehalten sind und KELLERKIND eher zum Regenkind mutieren lassen, so ist es doch eine Form von Klassenkampf, die immer mitschwingt, egal, wovon der Mann mit der Glatze nun singt. Genau das kann freilich auch als eine der Schwächen des Albums ausgemacht werden, denn um wirklich introvertiert und melancholisch zu sein (oder doch zumindest glaubwürdig danach zu klingen) fehlen KELLERKIND ganz offensichtlich das passende Organ und vielleicht sogar der passende Charakter. Mit dem Ergebnis, dass manch durchaus gute und gelungene Lieder („Su“, „Zeit:Raum“) etwas zu sehr gewollt wirken und damit jene fast schon routinierte Lässigkeit verfehlen, die gerade einen Track wie „Helden“ derart überragend machen.

In Summe somit ein Debüt, dass die Rohheit und die Unfertigkeit besitzt, die nur ein Erstling haben darf, haben kann. Und mit einem Sound im Gepäck, den es schon aus „marktlückerischen“ Gründen in Zukunft für Kellerkind weiter auszuloten und somit zu veredeln gilt.

www.daskellerkind.net

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 5. Mai 2012 von in 2012, E-H, Liedermacher, Plattenbesprechungen, Uncategorized und getaggt mit , , , , , , , .
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