Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Konrad Beikircher liest „Als Strohhalme noch aus Stroh waren“

beikircher_Strohhalme

von David Wonschewski

„Die Wirklichkeit stellt sich oft ganz anders dar als die Realität“, sagt Konrad Beikircher, ganz offensichtlich selbst schmunzelnd, im Vorwort zu seinen Kindheitserinnerungen. Ein wahrhaft wunderbarer Satz, der trefflich übermittelt, dass das Leben natürlich immer exakt das ist, was man eben selbst daraus macht. Inklusive der bisweilen drolligen Verrenkungen einer lebhaften Phantasie.

„Als Strohhalme noch Strohhalme waren. Eine Kindheit in Südtirol“, so sind die Erinnerungen des Kabarettisten und Musikers Beikircher betitelt, bei denen man allerdings zunächst gewillt ist sich ein wenig zu fragen, warum in drei Teufels Namen so etwas überhaupt geschrieben, vorgetragen, produziert wird. Sicher, Beikircher ist ein begnadeter Kabarettist, doch selbst die Eltern des hier schreibenden Rezensenten, ihrerseits Besitzer fast sämtlicher tonal erhältlicher Programme des Komödianten aus Bruneck, haben ihre liebe Müh‘ damit dem Werk ein Existenzrecht zuzusprechen. Sicher, sie haben auch noch gar nicht reingehört, aber die Kritik daran, dass inzwischen jeder B- und C-Promi offensichtlich glaubt wichtig genug für Memoiren zu sein, sie steht auch bei einem wie Beikircher im Raum. Womit wir den härtesten Kritikpunkt auch gleich einmal in Szene gesetzt hätten, denn schlängeln wir uns an diesem harten Argumentbrocken vorbei, so haben wir einen freien Blick auf gleich eine ganze Reihe vortrefflich blitzender Erkenntnisse. Die wichtigste, für ein gelungenes Hörbuch existenznotwendige Grundlage vorneweg: Beikircher ist schlichtweg der geborene Geschichtenerzähler. Der Mann wirkt in Stimmlage und Artikulation derart sympathisch großväterlich, dass er ohne Probleme auch als Einwechselspieler für berühmte Märchenonkel wie dem unvergessenen Hans Paetsch oder Wolfgang Völz herhalten könnte. Beikircher als Überleitsprecher in einem „Hanni & Nanni“-Hörspiel oder aber als freundlich garnender Käpt’n Blaubär – überhaupt kein Problem. Und dann sind da natürlich noch die Geschichten, die er hier von sich gibt. Geschichten, die nun tatsächlich nicht sonderlich spannend oder außergewöhnlich sind – es aber auch nicht sein müssen, da Beikircher ihnen derart viel Leben einhaucht, dass ein jeder Hörer sich zwangsläufig an seine eigene Jugend erinnert fühlt, auch wenn er gar nicht aus Südtirol stammt. Sein größtes Talent ist es dabei, die Sinnesorgane des Menschen, das Tasten, das Riechen, das Hören, mittels warmer Stimme und nicht minder warmer Erzählweise lebendig werden zu lassen. Es geht um die heißen Sommer in der »Schwimmschule«, die Angst vor dem »Zingerle«, die Streiche der »Krieg-der-Knöpfe-Gang« vom Stegener Weg und die Liebe zu den älteren Brüdern, die den Pfad seiner Kindheit säumten, ohne ihm dabei auf die Füße zu treten. Die tollen Amouren des Macho-Rackers mit den Damen aus der Erwachsenenwelt und die wundervollen Brunecker Platzkonzerte unter blühenden Kastanien.

Konrad Beikircher erzählt von den Spuren seiner Kindheit – von Glück und Sonnenschein, aber auch Traurigem, Abseitigem – so lebendig und vertraut, dass man ihm glaubt, dass es so war, oder zumindest gewesen sein könnte.

„Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihre eigene Kindheit sehen, wenn ich Ihnen meine erzähle“, gibt er dem Hörer mit auf den Weg. Und nimmt man Beikirchers Aussage hinzu, dass dieses Hörbuch nun wahrlich „nichts für Realitätsfetischisten“ sei, dann kann dem längst am Niederrhein beheimateten Herrn nur gratuliert werden: Ihm gelingt ein fast schon märchenhafter Transferakt, in dem er die Linie zwischen der Realität und seiner subjektiven Wirklichkeit derart fein verwischt, dass tatsächlich jedermanns und jederfraus Realität dabei herauskommt. Gut und gemütlichkeitsorientiert serviert und mehr eine Ansammlung vieler kleiner Geschichten als denn der große chronologische Abrissroman, der von ganz links nach ganz rechts durchgeackert werden möchte.

http://www.beikircher.de

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