Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Wofgang Ambros – 190352

Wolfgang-Ambros-190352_3
von Annegret Winternatt

Es mag aus Musikersicht ja durchaus passend sein, eine Platte mit dem eigenen Namen, dem eigenen Wohnort oder eben dem eigenen Geburtsdatum zu betiteln – aus Kritikersicht sind es dann jedoch zumeist exakt diese Alben, denen sich eher mit Grausen zugewendet wird. Schließlich sind hauptsächlich für Werke, in denen „ganz viel von mir“ steckt, dereinst auch gleich die Begriffe „überambitioniert“ und „überkandidelt“ mitgeliefert worden.

Etwas anders verhält es sich da schon mit den musischen Ergüssen von Künstlern, die schon ein wenig was hinter sich haben. Dass auch Wolfgang Ambros nicht nur das ein oder andere bereits besungen, sondern vor allem das ein oder andere bereits erlebt hat, das wird dementsprechend dann auch schnell am Titel seines neuen Werkes klar: 190352 – nicht mehr, aber eben auch nicht weniger als das Geburtsdatum des Österreichers. Unaufgeregter kann ein Mann, der sich fraglos als Legende zwischen die Namen Hirsch, Mey und Wecker stellen darf, wohl nicht mit seinem Lebensjubiläum umgehen. Dass er es dennoch benennen will und seine Platte in erster Linie als „Blick zurück“-Werk gestaltet hat, nun, mag zwar eine gewisse nostalgische Sämigkeit fördern, rückt gerade im Fall von Ambros jedoch auch wieder eine seiner Grundtugenden in den Vordergrund, stellte gerade die Beschäftigung mit dem Ableben der Menschen doch schon immer einen Hauptpfeiler seines Schaffens dar. Es lebe der Zentralfriedhof, sein Überwerk von 1975, mag zwar nicht die brachiale Todessehnsucht seines Landsmannes Ludwig Hirsch transportieren, ließ in seinen vielen melancholischen Momenten jedoch gerade das unausweichliche Ableben eines Menschen als größte irdische Herausforderung vor Augen treten. Und so kann 190352 natürlich auch, selbst wenn es pikant ist, als Grabsteininschrift gedeutet werden, die lediglich ihres Zusatzes, eben dem Todestag, harrt.

Dass diese These zwar etwas bitter, aber vielleicht auch zutreffend ist, wird nun durch die hohe Qualität gestützt, mit der Ambros hier auftritt. Herzlich wenig ist hier zu spüren von jener selbstverliebten „I did it my way“-Mentalität, derer alternde Stars so gerne anheimfallen. Nein, Ambros feiert sich nicht, er lehnt sich nicht zurück und er ruht sich auch nicht auf den Lorbeeren aus, die er sich tatsächlich über die Jahrzehnte wacker erspielt hat. Stattdessen blickt er zurück, im Zorn, aber auch voller Wehmut. Er hält inne, wagt den Neuanfang – und blickt dem Tod offen ins Auge. Regenbogen (Text: Georg Danzer) erzählt von der Ehrfurcht vor dem Leben, dem rechtzeitigen Loslassen, während der Kapitän, ganz klar zu Protokoll gibt, dass er, Ambros, noch zu viele Dinge zu erledigen hat, um jetzt schon mit ihm zu gehen. Ein durchaus wichtiger Punkt, sind mit Hirsch und Danzer doch zwei wichtige Weggefährten tatsächlich längst nicht mehr an seiner und unser aller Seite.

Dass Ambros sich ausgerechnet ein Stück der Innovationsmeister von Radiohead ausgesucht hat, um mit Ka Überraschung eine der überraschendsten wie auch überragenden Coverversionen der jüngeren Liedermachergeschichte abzuliefern, spricht dabei nicht nur für den weiterhin vorhanden, sehr doppelbödigen Humor des „Austropop“-Mitbegründers, sondern auch für dessen kreative Frische und Flexibilität.
Lebenslust und Zorn, 190352 bietet beides, wie es eben sein muss nach 60 Lebensjahren, mitsamt Höhen und Tiefen. Und so feiert Ambros seinen Geburtstag, mit Sie die Liebe zu Lebensgefährtin Anne und in Vier blaue Augen die Freude an seinen bald zweijährigen Zwillingen Sebastian und Rosalie. Er rechnet schmerzfüllt mit seiner Ex-Ehefrau ab (Ausg’lacht), geißelt die Gier und beschreibt die Unerbittlichkeit des Arbeitslebens, des Aussortiertwerdens im Alter (Die Wolkn).

Auch im Alter erweist sich Ambros somit als sichere Bank und liefert mit 190352 ein Album ab, das eindrucksvoll beweist, warum der Mann seit gut 40 Jahren von seiner Musik Leben kann und darf.

www.wolfgangambros.at

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