Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Daantje & The golden Handwerk – Ach

DaantjeAch
von Michael Husen

Wenn das eigene Label, Omaha Records, die Musik von Daantje in eine Reihe mit dem kultigen Rio Reiser stellt, der hier schreibende Begutachter jedoch eher versucht ist auf „Ach“ eine Mischung aus der melodiösen Introvertiertheit der amerikanischen Eels und dem Text- und Stimmlagenverständnis eines Wolfgang Michels zu erhören, dann ist das weniger ein Widerspruch als denn vielmehr eine unterschiedliche Beschreibung der gleichen Ansicht. Schließlich ist Michels doch jener Mann, der dereinst mit Reiser die ein oder andere Nummer gemeinsam schrieb und bisweilen bis heute nach dem großen Ton Steine Scherben-Hasardeur klingt. Und nun also Daantje, bürgerlich Joachim Zimmermann und so gar nicht Niederländer, sondern aus Stuttgart stammend. Spröde kommt er daher, akustisch und von seinem „Golden Handwerk“ tatsächlich nur in einem Maße begleitet, wie es einer Band eben zustehen sollte, die sich nicht beständig in den Vordergrund spielen muss. Was nicht unterschätzt werden sollte, leben doch gerade die etwas zupackenderen Songs wie das südstaatenhafte „Container“ mitsamt Banjo und Geige davon, dass Daantje sich eben nicht darauf verlegt dauernd den Einsiedler zu geben und Platz zur musikalischen Atmung lässt, wie überhaupt nicht unerwähnt bleiben sollte, dass „Ach“ natürlich live und in ganzer Länge herrlich direkt eingespielt wurde, was den Begriff „Handwerk“ gleich einmal mit einem ganz eigenen Glanz überzieht.

Die wirklichen Großtaten vollzieht Daantje jedoch, wenn er sich in jene spröde Zerrissenheit begibt, in die melancholische Sinniererei, die bei ihm fast immer holpernd wie ein Planwagen des Weges geruckelt kommt. „Alles was wir haben“ glänzt mit einer getrieben-wühlenden Steigerung nach verhaltenem, fast eintönigem Beginn, während „Herr Wisemann“ mit Zeilen wie „Zwischen hier und New York ist nicht viel“ oder „Wir fahren die Asche deiner Mutter durch die ungläubige Zeit, das ist alles was uns noch bleibt“ den nihilistischen Geist einer verkorksten Fern- und Sehnsucht so grotesk auf den Punkt bringt, wie dies in deutscher Sprache schon lange nicht mehr gelungen ist. Ein Lied, für das auch mal eben der Begriff „kleines Meisterwerk“ aus dem Halfter gezogen werden darf. Das energisch, dreckig vorgetragene und (ganz latent) punkige „Meine BumBum Revolte“ fängt dafür dann tatsächlich ein wenig jenen Ton Steine Scherben-Geist ein, wohingegen „Zum Tee zu Neerström“ in seiner leicht wutschnaubenden Kopfnicker-Art zwar fast etwas untypisch für diese Platte klingt, zugleich aber zeigt, dass Daantje in der Lage ist eine ganz eigene Form von Revolte anzuzetteln.

Natürlich merkt man Daantje an, dass seine Vorbilder eher im nordamerikanischen Bereich zu finden sein dürften als den bei deutschen oder gar französischen Chansonniers und Liedermachern. Auch eine gute Prise moderner skandinavischer Singer/Songwriter schwingt hier mit, was Daantje schlussendlich ganz einfach zu einem stets etwas bockigen Kind seiner Zeit macht. Einer Zeit, in der die wirklich talentierten Neulinge mit den wirklich tiefen Texten – siehe z.B. Gisbert zu Knyphausen – ganz zwangsläufig auch immer einen vagen Duft von Indie-Rock mit sich herumtragen.

Daantje & The golden Handwerk bei omaha-records: http://www.omaha-records.de/index.php/einwohner/daantje/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 30. Juni 2012 von in 2012, A-D, Liedermacher, Plattenbesprechungen, Uncategorized und getaggt mit , , , , , , , , .
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