Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Ludwig Johann Trommsdorff eckt an.

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Interview: David Wonschewski Fotos: Alex Koch

Es gehört mit Sicherheit zu den markanten Eigentümlichkeiten des Liedermacher- und Singer/Songwriter-Genres, dass der Ausbildung der eigenen vokalen Möglichkeiten eine weitaus geringere Bedeutung zugemessen wird, als dies in anderen Sparten der Fall ist.

Da sich aber bekanntlich nicht jeder darauf verlassen kann, mitsamt schiefem Charakter-Organ und überragender Textkunst mal so eben in die Sphären eines Bob Dylan vorzustoßen, kann etwas professionelle Schulung zu durchaus bemerkenswerten Alleinstellungsmerkmalen führen, wie gerade am Beispiel von Ludwig Johann Trommsdorff hervorragend zu erkennen ist.

Ein Gespräch über mongolischen Obertongesang, Stimmbrüche und, ja tatsächlich, Bausparverträge.

Ein Achtel Lorbeerblatt (EAL): Hallo, Ludwig. Lass uns gleich mal mit einer Quizfrage in die Vollen gehen – welche deutsche Musikinstitution ist älter, die ehrwürdigen Thomaner aus Leipzig oder aber die Regensburger Domspatzen? Und nicht nachrecherchieren!

Ludwig Johann Trommsdorff (LT): Ich muss bei aller Bescheidenheit gestehen, ich hab‘ den alten Slogan noch im Ohr: „Ältester Knabenchor der Welt…“, d.h. die Regensburger haben wohl ein paar mehr Jahre auf dem Buckel. Es ist schon 1000 Jahre her, als in Regensburg zum liturgischen Dienst im Dom ein Chor organisiert wurde, aber noch gar nicht so alt ist die geniale Zusammenführung von Schule, Chor und Internat unter ein Dach durch Georg Ratzingers Vorgänger Theobald Schrems. Das war enorm praktisch, denn so konnte die Schule auf die chorischen Aktivitäten Rücksicht nehmen, man hatte alle auf einem Haufen und wir konnten bis kurz vor der Singstunde auf demselben Gelände Fußball spielen, gaaaanz wichtig.

EAL: Die Frage kommt natürlich nicht von ungefähr, denn du hast eben exakt dort, am Musikgymnasium der Domspatzen, dein Abitur gemacht. Darf da eigentlich jeder hin oder gibt es da ein strenges Auswahlverfahren? Und: Ist man dann nicht automatisch auch ein Domspatz oder hat es dafür denn doch nicht gereicht…?

LT: Kein strenges Auswahlverfahren, aber man muss schon vorsingen und eine prinzipielle musikalische Eignung vorweisen, und wenn man mal dabei ist, ist man per se natürlich auch ein Domspatz. Ich war dort wie auch mein Vater und meine beiden großen Brüder vor mir – es war also ein bisschen Familientradition. Als ehemaliger Domspatz ist man übrigens inoffiziell immer noch „Kathedralgeier“…

EAL: „Kathedralgeier“ klingt nun aber doch etwas morbide, oder? Wie auch immer, so ganz schlecht bist du stimmlich nun aber definitiv nicht unterwegs, das hört man natürlich auf deinen eigenen Liedern als Liedermacher, war jedoch auch schon in einer a-cappella Formation zu bestaunen…

LT: Ja, hört man das? Ich würde sagen, ich komme zwar aus dem Chor- und a-cappella-Gesang und habe da meine Wurzeln und sammelte dort die ersten Solo-Bühnenerfahrungen, jedoch ist klassischer Gesang doch nochmal etwas Grundverschiedenes. Klar, eine gewisse Nähe zu melodiöser Songgestaltung kann ich sicher nicht leugnen, dazu schreibe ich auch viel zu gern Popsongs für Philadelphia (das ist eine 3-köpfige Straßenmusikband mit zweien meiner Geschwister), aber der Text steht bei mir schon ziemlich im Mittelpunkt.

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EAL: Du hast ja auch selbst schon Chöre geleitet, dazu eben deine a-cappella-Erfahrung – wie nah oder weit liegt das alles eigentlich zu dem, was du jetzt inzwischen machst? Gibt es da einen speziellen Ansatz wie du Lieder schreibst, der aus deiner eigenen Historie stammt oder gibt es stimmliche Parallelen…?

LT: Solo-Liedermacher zu sein ist sicherlich etwas ganz anderes als meine früheren Projekte, aber es ist auch das Ergebnis einer spannenden Entwicklung: erst war ich einer von vielen im Chor, dann Chordirigent, dann sang ich in einem 6-köpfigen Ensemble („Stimmbruch“), dann in einer 3-köpfigen Band und jetzt bin ich Liedermacher und auf mich allein gestellt. Ich finde es richtig und wichtig, dass sich was tut und sich entwickelt, das Gute daran ist ja, dass sich die Stationen nicht ausschließen. Mit der Band machen wir gerade nur eine Zwangspause, weil meine Geschwister in Mexiko und Ungarn auf Reisen sind. In der Gruppe oder allein zu spielen hat selbstredend immer Vor- und Nachteile.

Das Liederschreiben habe ich für „Stimmbruch“ begonnen, auf Deutsch und ziemlich holprig. In der Band kamen dann englische und deutsche Lieder an die Reihe, bis ich gemerkt habe „ups, so viel Text kann ich den beiden ja gar nicht antun“, und ab da habe ich dann auch alleine gesungen. Übrigens Anfangs als eigene Ein-Mann-Vorband zu „Philadelphia“ selbst. Einen speziellen Ansatz zum Liederschreiben habe ich nicht – ich lasse mich einfach sehr gern von meiner (musikalischen) Umgebung inspirieren, sodass Text und Melodien oft gleichzeitig entstehen.

EAL: Du bist, was deine Veröffentlichungen angeht, ja auch ein absoluter Self-made Man, sozusagen. Ich selbst werde sehr oft von jungen – aber auch alten – Musikern gefragt, ob ich nicht ne Idee habe, wie man zu einem Plattenvertrag kommt, wie man eigene Songs auf CD kriegt. Nun bist du ja auch nicht gerade ein Mainstream-Act und es ist zu vermuten, dass du auch keinen dicken Sponsor im Rücken hast. Magst du uns also vielleicht mal erzählen „wie das so ging“, dass du 2010 deine erste CD „Dein Element“ hast aufnehmen können…?

LT: „Dein Element“ ist schlichtweg durch die Halbierung meines Bausparvertrags und die Großzügigkeit meines Vaters entstanden. Durch die CD-Projekte mit Philadelphia war ich hochwertige Aufnahmen einfach gewohnt, und so habe ich mir den Luxus zur Investition in CDs gegönnt… andere kaufen sich ein Auto oder fliegen in den Urlaub. Nein, Spaß beiseite, ich habe es einfach zu oft miterlebt, dass Bands oder Ensembles ihre CDs mit der Bemerkung feilbieten: „Aber unsere erste CD müsst ihr nicht unbedingt kaufen, die ist ultra schlecht geworden damals…“. Das wollte ich nicht, keine halben Sachen, selbst wenn und gerade weil man weiß, dass sich der Erfolg nicht unmittelbar einstellen wird. Man muss schon ein bisschen Vertrauen in die Zukunft haben. Ich denke es lohnt sich nicht, auf einen Plattenvertrag oder ähnliches zu warten, man muss es als junger Musiker schon selber angehen und auf eigene Faust CDs vorweisen, erst dann wird man ja wahrgenommen.

EAL: Deine neue, ganz frische Platte ist nun mit „Zeiten“ betitelt…ein bewusst vieldeutig gewählter Titel…?

LT: „Zeiten“ ist der Titel eines Stückes, das einfach ziemlich rund gelungen ist und sich als CD-Name auch autobiographisch anbot. Inwiefern er aber auch für die Hörerschaft mehrdeutig scheint, kann ich nicht sagen. Ich habe mich generell davon verabschiedet, genau zu schildern, was ich mit diesem oder jenem Titel, Lied oder Satz ausdrücken will – die Wirkung und Interpretationsweite der Zuhörer kann überhaupt nicht unterschätzt werden. Die Lieder gehören einem, hat man sie einmal an die Luft gelassen, ja gar nicht mehr selber, alle machen sich selbst einen Reim darauf. Es passiert, dass mich Leute ansprechen, sie hätten genau gehört, dass dies oder jenes in einem meiner Lieder auf etwas Hintergründiges abziele, aber oft genug ist die Assoziation purer Zufall und von mir nicht beabsichtigt. In solchen Fällen widerspreche ich gar nicht erst. Es wirkt halt so auf sie, es ist ihre „Wirklichkeit“, und das macht es ja eigentlich auch so spannend.

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EAL: Wir Musikjournalisten neigen ja ganz gerne dazu, immer irgendwelche Querverweise zu anderen Musikern zu ziehen, um mit Worten zu erklären, wie jemand klingt. Die meisten Musiker ärgert sowas, der Vorwurf der „Schublade“ steht dann immer gleich im Raum…also, ich gebe dir gerne mal freie Hand: Was für Musik macht LJTrommsdorff? Was bewegt ihn thematisch? Worauf legt er seine Schwerpunkte und was interessiert ihn vielleicht auch gar nicht?

LT: Ein Kritiker hat mal gemeint, ich schlage die Brücke zwischen klassischem und modernem Liedermachertum. Das hat mir gut gefallen. Um das ursprüngliche Vorbild Reinhard Mey kommt man bei mir sicher nicht drum rum, dazu klingen einige meiner Lieder ganz unfreiwillig viel zu sehr wie er. Allerdings reizen mich auch textlich abstruse Themen und, wie gesagt, auch poppige, melodiöse Sachen. Einen Schwerpunkt oder eine Schublade kann ich für mich nicht ausmachen, dazu bin ich viel zu gefühlsgesteuert. Mal kommt etwas Autobiographisches heraus, manchmal pure Fiktion.

EAL: Nun bin ich es gewohnt, dass „Liedermacherei“ eines jener Genres ist, das man definitiv nicht mit dem Ziel angehen kann, große kommerzielle Meriten zu ernten. Pop wäre wohl aussichtsreicher gewesen, vielleicht auch Rock oder irgendwas im Alternative-Bereich überhaupt…

LT: Nein, man ist kein Liedermacher um viel Geld zu verdienen. Man ist es, um die Lieder unters Volk bringen. Man traut ihnen etwas zu, egal was man mit ihnen ausdrücken will, man möchte sie in den Augen der Leute klingen sehen. Nur im besten Fall kann man von ihnen leben. Letztlich will man ja nur glücklich durch sie und mit ihnen sein. Wir hatten mit der Band zeitweise die Vorstellung, „groß raus kommen“ zu müssen, weil das das einzig Wahre wäre. Aber wenn ich manchmal unsere obligatorischen Montag-Abend-Straßenmusiksessions am Freiburger Bertoldsbrunnen Revue passieren ließ, wo Trauben von Leuten mit Klappstühlen oder auf dem blanken Stein sitzend stundenlang ausharrten, um uns dreien zuzuhören, und uns auch nach vier Stunden nicht gehen ließen, ohne uns ein a-cappella Schlaflied abzuringen, da fragte ich mich: Wie viel mehr Genugtuung kann ein Musiker noch erfahren, als so hautnah die Leute mit der eigenen Musik zu beglücken? Ich traue mich zu sagen, dass so manch erfolgreicher Popstar dieses Gefühl noch nicht kennenlernen durfte. Lange Rede, kurzer Sinn also: Ich finde, Musik sollte in erster Linie den Liedermacher selbst glücklich machen.

EAL: Apropos „Zeiten“: Würdest du sagen, dass dein eigenes Genre ein zeitgemäßes Genre ist?

LT: Heutzutage gibt es eigens Festivals für z.B. mongolischen Obertongesang – warum sollte das Liedermaching nicht zeitgemäß sein? Es mag altbacken klingen, aber mich nur deswegen „Singer/Songwriter“ zu nennen, fände ich albern. Außerdem, was ist denn schon zeitgemäß? Dass Radiosender nicht Bodo Wartke oder Sebastian Krämer spielen, ist doch kein Zeichen dafür, dass ihre Musik nicht zeitgemäß wäre, sondern nur nicht Mainstream.

EAL: Du arbeitest nebenberuflich als Musiklehrer…das ist nun nicht neu, viele Liedermacher gehen einer ähnlichen Tätigkeit nach. Aber außerhalb deiner Heimat, also Norddeutschland, dürften Auftritte dadurch doch eher schwierig zu realisieren sein…

LT: Sagen wir so, ich kenne die Zugstrecke Hamburg-Freiburg nun schon sehr gut… ich spiele nun vor allem hier im Norden, lasse aber auch die sich anbietenden Ereignisse und Bühnen in Süddeutschland nicht aus den Augen. Es nimmt viel Druck heraus, als Teilzeitliedermacher nicht unbedingt auf Auftritte angewiesen zu sein und mitnehmen zu können, was man will.

EAL: Zwei hundsgemeine, aber immer und jederzeit berechtigte Fragen: Angenommen ich habe 50 Euro „übrig“ – warum wäre es eine gute Idee diese 50 Euro in den Erwerb deiner beiden CDs und eines Live-Gigs von dir zu stecken…?

LT: Aber wer spricht denn von 50 Euro? Für so viel kann der Hörer ja fast meine Gitarre kaufen… nein, so viel braucht man gar nicht, um mich hören. Die CDs kosten zwar zusammen 25 Euro, man kann sie sich aber auch runterladen. Und die Slams, offenen Bühnen und Konzerte, in denen ich spiele, kosten nie mehr als 7 Euro Eintritt.

www.lujotro.de

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