Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Nadine Maria Schmidt euphorisiert.

Nadine_Maria_Schmidt_Solo

Interview: David Wonschewski          Fotos: Corwin von Kuhwede

Die Intensität des Augenblicks einzufangen, das vermag – so theatralisch es vielleicht auch klingen mag – derzeit kaum eine Liedermacherin so gut wie die Leipzigerin Nadine Maria Schmidt, die just dieser Tage zusammen mit ihrer Begleitband Frühmorgens am Meer das Album „Blaue Kanten“ veröffentlicht. Ein Album, das es nicht nur sprachlich wahrhaftig „in sich“ hat, sondern vor allem in konzeptioneller Hinsicht. Wir haben mit ihr gesprochen – über die vielleicht besten Fans der Welt, über Lasershows und, ja tatsächlich, zukünftige Börsennotierungen, aus denen wohl nichts werden wird…

Ein Achtel Lorbeerblatt (EAL): Sage mal, Nadine, 6000 Euro, das ist die Summe, die du zur Verfügung gehabt hast, um euer neues Album „Blaue Kanten“ zu finanzieren. Ich nehme an, da ihr euch eher handgemachter Musik widmet, darf ich angesichts dieser Summe auf der Bühne von nun an Lasershows und durchchoreographierte Tanzspektakel erwarten….

Nadine Maria Schmidt (NMS): Dank unserer großartigen Fans hatten wir das Geld zur Verfügung, ja! Mit 6000 Euro haben wir aber dennoch ein ziemlich günstiges Album produziert. Alle haben für viel weniger Geld als normal gearbeitet oder sogar ehrenamtlich, einfach aus Liebe zur Musik. Wir konnten davon die Basics decken, also die Studioproduktion bei Gensi, eine 1000er Pressung, Layout, Fahrtkosten, Plakate und Flyer fürs Releasekonzert. Ich glaube, es wird oft unterschätzt, was so ein Album noch drumherum für Kosten verursacht, will man es wirklich publik machen. Gerade bei der Promo kann man Unmengen ausgeben. Es gilt als selbstverständlich und vorausgesetzt, dass eine Band Alben aufnimmt, aber was das real kostet, wissen Außenstehende oft nicht. Und grad als unbekannte Band voll mit Studenten…haha…da weißte was los is mit der Knete (lacht)

EAL: Wirklich fein ist ja, wie du überhaupt an diese Knete gekommen bist…

NMS: Ja das ist total super. Wir haben so großartige Fans. Sie sind der Hammer! Ich hätte das nie gedacht, als ich im Dezember 2010 die Beste Fans der Welt Aktion und die Sponsorenpakete online stellte. Neumodisch spricht man ja von Crowdfunding. Eine Freundin, die Leipziger Malerin Carolin Okon, erzählte mir davon und Till (Till Kratschmer, Pianist von Frühmorgens am Meer, Anm. der Red.) verwies mich auf „sell a band“. Da hab ich dann bissl geschaut und mir was ausgedacht, was zu uns passte. Und siehe da knapp 6000 Euro kamen zusammen. Ich bin immer noch völlig baff über so viel Hilfe! DANKE an dieser Stelle an unsere Sponsoren & Besten Fans der Welt. Alle Helfer sind unter http://www.fraumitgitarre.de einzusehen.

EAL: Wie muss man sich das denn vorstellen, gibt es jetzt eine Nadine Maria Schmidt GmbH mit diversen Anteilseignern? Du weißt ja, Aktionäre können auch sehr lästig werden, jeder will mitquatschen und mitknabbern am Erfolgskuchen….

NMS: Du bist ne Marke! Haha, die Börse wartet bestimmt schon auf uns… (lacht)

EAL: Ach komm, was Facebook kann, könnt ihr doch schon lange! Einen guten Titel habt ihr ja auch schon, schließlich ist „Blaue Kanten“, der Name eures Albums, ja nun wirklich eine sehr interessante Begrifflichkeit. Klingt ein wenig schmerzhaft durch seine Nähe zu „blauen Flecken“, klingt künstlerisch etwas sperrig, wie jene oft geforderten „Ecken und Kanten“…die Farbe Blau also solche kann schließlich sehr unterschiedlich empfunden werden, kühl wie der Nordpol, aber auch sommerlich wie ein Urlaub am Mittelmeer…

NMS: Für mich sind „Blaue Kanten“ Handlungs- und Denkmuster sowie Reaktionen, die aus grundlegenden Erfahrungen der Vergangenheit rühren, aber immer noch in der Gegenwart wirken. Kanten, weil man sich immer wieder an ihnen stößt, man selbst und auch andere und sie oft im Weg stehen und Missverständnisse zwischen Menschen aufwerfen. Blau deshalb, weil diese Kanten immer wieder weh tun, Dir selbst und auch anderen. „Blaue Kanten“ können von Mensch zu Mensch, von Generation zu Generation weitergegeben werden. Zum Beispiel, denk ich, meine zwei größten „Blauen Kanten“ sind zum einen die Verlustangst: dass Menschen, die man liebt, gehen, sei es durch die Entfremdung voneinander oder durch den Tod. Und zum anderen die Angst nicht zu genügen, das Gefühl nichts wert zu sein. Wie oft steh‘ ich vorm Publikum und schäme mich für meine Lieder. Völlig grundlos sagt der eine, ich sag: „Blaue Kanten“! In unserem Album geht es um „Blaue Kanten“! „Maria“, „Janeck“, „Olaf“ … alle leiden sie darunter, aber alle besitzen sie die Stärke zu sehen und vielleicht auch aufzustehen.

Nadine_Maria_Schmidt_Quartett_2_

EAL: Du trittst zusammen mit den Jungs von Frühmorgens am Meer als Band auf, und das bereits seit 3 Jahren. Wie kann man sich eigentlich die Aufgabenverteilung vorstellen, wenn man zwar als „Band“ unterwegs ist, aber eine Person ganz klar vorangestellt ist, schon im Titel…was ja auch in der Regel handfeste Gründe hat…

NMS: Die Aufgabenverteilung ist eigentlich sehr einfach. Ich schreibe die Songs mit Gitarre und Text fertig und kümmere mich um alles um die Musik herum, also Booking, Promo, Finanzierung, Orga, Soziale Netzwerke, Newsletter, Homepagepflege usw. Das Arrangement der Songs machen wir alle gemeinsam: Till spielt Klavier, Chris Bass und Karl Schlagzeug. In Sachen Layout & Satz bezüglich Flyer, Plakate und die Webprogrammierung der Homepage ist Chris unser Fachmann.

EAL: Du nennst dich ja auch ab und an „Frau mit Gitarre“, eure Homepage läuft sogar unter dem Namen http://www.fraumitgitarre.de und…

NMS: Ich nenne mich nicht „Frau mit Gitarre“…

EAL: Oh. Ach so…?

NMS: Ja, das leiten nur manche von unserer Domain ab. Die Homepageadresse kam zustande, da sie so schnell einprägsam ist, nicht weil das mein Künstlername ist. Die Idee kam von einem lieben Freund und großartigen Fotografen, Corwin von Kuhwede.

EAL: Wieder was gelernt. Okay, aber dann erzähl uns davon ausgehend doch mal, was für ein Impuls das überhaupt ist, der dich zur Gitarre greifen lässt. Bei mir als Musikjournalist ist es zum Beispiel so, dass mein ständiges Wühlen und das Ausleuchten von Musikszenen dadurch entsteht, dass ich für mich immer nach Musik suche, die mich anspricht, die mir etwas gibt, in der ich aber auch quasi vorkomme…das zu finden ist aber schwierig und in höchster Vollendung gelingt es nur ganz ganz selten. Also grabe ich und grabe ich und grabe ich, in der Hoffnung, ab und an etwas Gold zu finden…

NMS: Ich greife zur Gitarre, weil ich es förmlich muss. Ich muss Musik machen, Songs schreiben, raussingen, was mich bewegt. Und was mich bewegt ist der Mensch in seinem Dasein mit all seinen Ängsten, all seiner Liebe und all seinem Leid. Musik hat mir geholfen Dinge zu sehen, die ich vorher nicht sah, Dinge zu fühlen, die ich vorher nicht fühlte, Musik macht immer wieder alles gut. Musik ist meine Aufgabe, so schwülstig wie das auch klingen mag.

EAL: Einer der besonders gelungene Songs auf „Blaue Kanten“ ist „An Dir vorbei“, der – ähnlich wie „Das Leben ist schön“, zeigt, was euch tatsächlich besonders macht: Eure Intensivität. Am besten seid ihr offenbar dann, wenn ihr langsam und langgezogen zu Werke geht, den Hörer langsam in eure Songs hineinzieht, die leise genug sind, um auch mal eine berüchtigte Stecknadel hören zu können, aber zugleich derart stark, dass sie einen aus dem Hier und Jetzt ziehen können. Das kann fast ein wenig was von Trance haben, in die man da rutschen kann…

NMS: Oh das ist schön, dass du das so siehst. Danke dir! Ich persönlich fühl mich bei den tragenden Stücken auch am wohlsten. Diese Songs schreiben sich bei mir auch fast von alleine. Ich weine viel, wenn ich sie schreibe, aber weniger um mich, sondern um die Betroffenen bzw. um die Tatsache, dass es dieses Leid im Leben gibt. Aber ich finde auch wichtig, dass diese Betroffenheit gebrochen wird durch ein Lachen wie im „Monstersong“ oder in „Von Sonne Mond und Bären“. Denn das Leben ist ja nicht nur das eine oder nur das andere. Es ist in all seinen Facetten wunderbar. Es gibt keine guten oder schlechten Gefühle, es gibt, meiner Meinung nach, nur Erfahrungen. Ist auch die Frage, ob die stillen melancholischen Lieder so zur Geltung kämen, wären da nicht auch ein paar groovige lautere Nummern wie „Raus hier“ und „Bitte lob mich“. Zudem machen die den Jungs und mir auch ne Menge Freude beim Spielen.

Nadine_Maria_Schmidt_Quartett_1

EAL: Wenn wir euer Album jetzt einfach einmal „eigenfinanziert“ nennen…

NMS: Eigenfinanziert ist das falsche Wort! Fanfinanziert ist das richtige Wort dafür.

EAL: Ja, natürlich, ich meinte damit auch eher, dass ihr eben komplett ohne Hilfe der Musikindustrie loslegen konntet und eben niemandem Rechenschaft ablegen müsst, so wie das nun einmal bei „normalen“ Geschäftskonstrukten schnell mal der Fall ist. Was mich aber halt genau deswegen interessiert: Was bedeutet das denn nun ganz konkret für euch und eure weiteren Planungen, wie werdet ihr nach dieser Platte und der Tour weitermachen? Was bedeutet das für eure nächsten Schritte…?

NMS: Na, das bedeutet für uns, dass es Menschen da draußen gibt, die fest an uns glauben. Wir sind mega dankbar für die vielen lieben Menschen. Sie geben uns ne Menge Kraft! Für unsere weitere Planung heißt das: weitermachen!

EAL: Ja, aber was heißt denn das, weitermachen? Ich meine, du gehst doch nicht ernsthaft davon aus, dass ihr euch eure Platten nun eine ganze Karriere lang von euren Fans finanzieren lassen könnt…

NMS: Na einfach mal schauen würd ich sagen. Vielleicht ist es ja DAS Konzept, um in Zukunft weiter unabhängig Alben produzieren zu können. Ich find das bewegend, wenn alle mit anpacken. Ich würd es wieder so machen, denn neben der Möglichkeit ein Album zu finanzieren, gibt das ne Menge Kraft und Liebe, wenn so viele Menschen mitfiebern. Geld ist nur ein belangloses Mittel, was man halt in unserem System braucht, um ne Platte aufzunehmen, aber die Liebe, die wir bei so einer Aktion zurückbekommen ist unbezahlbar viel wert. Und deshalb machen wir weiter! Was wäre eine Band ohne Fans? Nüscht!

EAL: Hm, ja das ist natürlich richtig. Ich glaube, wäre ich Künstler und hätte solche Fans, die mir eine Platte finanzieren – was ja wirklich toll ist – ich würde das für mich als einmaligen 6er im Lotto definieren, als tolle Anschubhilfe, verbunden aber mit der Pflicht jetzt wirklich was daraus zu machen und Wege zu finden, mich wirtschaftlich selbst tragen zu können. Ich muss aber zugeben, ich finde, es ist auch eine tolle Charaktereigenschaft sich eben einfach einmal keinen Kopf über „das Morgen“ zu machen, denn dieses „Morgen“ kommt ja wahrlich noch schnell genug. Und sehr gerne lass ich mich natürlich in vielleicht zwei oder drei Jahren eines Besseren belehren, wer weiß, vielleicht erleben wir hier ja wirklich gerade die Geburtsstunde eines neuen Veröffentlichungskonzeptes, schön wäre es ja! Ich entnehme deinen Worten aber, dass ihr um das „gute alte“ Musikbusiness eher einen Bogen machen werdet…

NMS: Naja, mit dem großen Musikbusiness hatten wir noch keine Berührung. Wir machen einfach unser Ding. Was anderes könnte ich für meinen Teil auch nicht. Was die Frage des mittelfristigen Wirkens angeht, da kann ich nur für mich sprechen, nicht stellvertretend für meine lieben Bandkollegen. Ich für meinen Teil denke nicht darüber nach, was geht und was nicht geht oder was irgendein großer unbekannter Riese namens Musikbusiness will oder nicht will. Ich möchte tun, was ich liebe: Musik. Ich bin der Meinung, wenn man die Dinge tut, die man liebt, kommt der ganze Rest von ganz allein. Dazu braucht es nur ein wenig Vertrauen. Und wenn ich mit dem, was ich liebe, anderen Menschen auch noch etwas geben kann und sie sich berühren lassen: Gibt es was Schöneres? Materiell hab ich keine großen Ansprüche. Das ist ne gute Kombi (lacht). Am Ende eines Lebens zählen doch „nur“ noch die Menschen und Dinge, die man in all den Jahren geliebt hat. Für mich gibt’s da also nichts lang zu überlegen.

http://www.fraumitgitarre.de

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