Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Pit Przygodda entdeckt die Welt.

PitPr

Mit „Lied“ veröffentlichte der Hamburger Pit Przygodda vor kurzem sein erstes Solo-Gesangsalbum. Ein – so darf behauptet werden – wirklich besonderes Werk aktuellerLiedermacherkunst, zeigt sich hier doch die künstlerische Vielbildung des Multiinstrumentalisten. „Echte Pit-Pop-Songs“ jubelt sein Label. Und Ein Achtel Lorbeerblatt jubelt mit. Ein Gespräch über Jazz, Material-Lichtton-Filme und – ja, verdammt – die Sache mit dem Gesang…

Interview: David Wonschewski 

REINHÖREN: Pit Przygodda – Allein in dieser Stadt

Ein Achtel Lorbeerblatt (EAL): Pit, du bist sehr früh zur Musik gekommen. Gut, dass jemand mit 7 Jahren Klavierunterricht erhält erscheint noch relativ normal, aber da kamen dann sehr schnell so erlauchte Dinge wie Komponieren, Harmonielehre und Gehörbildung zu. Für mich als Nicht-Musiker klingt das schon sehr ambitioniert für so ein junges Alter…

Pit Przygodda (PP): Ich hab nicht mit 7 angefangen zu komponieren. Sagen wir eher mit 11, 12. Meine Eltern hörten Jazz, mein Vater konnte sich ans Klavier setzen und Evergreens nach dem Gehör spielen (ohne Noten). Das ist womöglich sehr wichtig gewesen, das zu erleben. Dass es eine Musik gibt, die nicht auf Noten steht. Spätestens als die ersten Beatles-Platten nach Hause kamen und dazu noch E-Gitarre und E-Bass aus der Schule meines Vaters (er war Rektor), haben meine Brüder und ich eine Familien-Band gegründet. Und dafür bastelten wir Musik. Das waren eher Fragmente, die wir manchmal alle hintereinander hingen, aber auch schon 2-teilige Lieder.

EAL: Eine experimentell angehauchte Familienband klingt enorm spannend. Vielleicht fehlen mir ein paar Kenntnisse, aber die meisten Familienbands kamen über Pop und oftmals ganz schlimmen Pop nicht  hinaus. Namen verkneife ich mir hier natürlich. Was ich aber besonders faszinierend an deiner Vita finde ist, dass sogar ich, der ja nun wirklich schon einiges gelesen und gehört hat, mit Begriffen konfrontiert werde, denen ich nie zuvor begegnet bin. Und die Lust auf mehr machen. Mein Lieblingssatz, findet sich auf deiner Homepage, ist zum Beispiel der hier: „Ich studierte an der Kunsthochschule Hamburg Experimentalfilm und brachte es mit meinem Material-Lichtton-Film „Gardine Sing Sing“ bis zu ARTE, auf internationale Festivals und in ein Themenprogramm des Goethe-Instituts“. Das klingt – und das ist als Kompliment zu verstehen – für einen Ungeweihten wie mich nach einer hochkreativen Mischung aus Gaga und Dada…aber vielleicht entwirrst du uns diesen Satz mal ein wenig…

PP: Die Vita…will man damit angeben? Irgendjemand überzeugen, dass man ein heißer Hund ist? Ohne Aufschneiden zu wollen? Die Musik war zuerst da, aber über meinen großen Bruder kam ich zum Film (hört sich auch gut an), ich meine Super-8, später VHS. Ich habe mit einem Freund diverse Filmchen gedreht, aber später, als ich mich für frei improvisierte Musik interessierte, und diese auch gespielt habe, auch filmisch versucht, neue Wege zu gehen. Daraus wurden Super-8-Performances zu frei improvisierter Musik (zwischen Free-Jazz und Geräusch). Ich suchte danach, Dinge artfremd zu bedienen, daraus Musik oder eben Film zu machen. Meine Filmereien und filmischen Experimente brachten mich dann zur Hochschule für bildende Künste Hamburg (als Student natürlich). Da gab es zu der Zeit (1990) tatsächlich einen Experimentalfilmprofessor. Allerdings war es im Trickfilmkurs, wo ich bei Arbeiten auf 35mm-Blankfilm (durchsichtiger Film) auf die Idee kam, Gardinen auf das Bild und die Lichttonspur zu kleben. Da die Muster periodisch sind, ergeben sich auf der Tonebene „richtige“ Töne. Der Film ist übrigens auf YouTube:

http://www.youtube.com/watch?v=KU5tt5LZESc

Naja, in der Experimentalfilmszene kam der Film gut an, lief auf diversen Festivals und im TV. Es kennen mich tatsächlich einige Leute wegen dieses Films. Danach passierte nicht mehr so viel bei mir, filmisch. Von daher ist er doch recht wichtig für mich.

EAL: Der Link ist in der Tat sehr empfehlenswert, ich habe mir „Gardine Sing Sing“ vor unserem Interview natürlich bereits angesehen und gebe zu – ich stehe ja extrem auf so etwas, genau mein Fall. Kleiner Tipp nur an dieser Stelle für unsere Leser, die sich den Film hoffentlich ebenfalls zahlreich ansehen werden: Ganz so ausufernd experimentell ist dein Album „Lied“ nun nicht geworden. Ich würde es eher als spannend und zugänglich zugleich beschreiben – wenn das nicht bereits ein Widerspruch ist…Wie dürfen wir diese Lust am Experiment bei dir  eigentlich verstehen? Ich weiß von Musikern, die beherrschen das Wilde, das Unberechenbare – aber an kleinen, simplen Konstrukten verheben sie sich, bekommen es einfach nicht auf die Reihe. Konntest oder wolltest du es also nie auf die „einfache Tour“…?

PP: Ich wollte es nicht auf die einfache Tour, bzw. um bei den Filmen zu bleiben, konventionelle Filme zu machen war für mich sehr schwierig, schon vom organisatorischen Aufwand her. Das sollten andere machen, das waren auch nicht die Art Geschichten, die ich erzählen wollte. Ich wollte eben eher von singenden Gardinen, quergelegten Super-8-Kameras und den Sounds, die aus dem Video-Signal einer VHS-Kamera kommen erzählen. Kurios ist, dass ich zwar zu der Zeit filmisch als auch musikalisch teilweise sehr experimentell unterwegs war, aber auch währenddessen immer mehr oder weniger konventionelle Songs geschrieben habe. Ich hatte seit meiner Pubertät, oder vielleicht sogar davor, seit meiner Beatles-Entdeckung, immer eine starke Neigung zum Pop, zum Ohrwurm, zum Lied. Mein Lied wiederum durfte dann auch nicht zu einfach sein. Ich habe Spaß gehabt an langen Akkordreisen und überhaupt an komplexen Akkorden. Erst später habe ich einfachere Songstrukturen für mich entdeckt, Folk, Punk, Rock n Roll etc.

EAL: Diverse Genres hören kann ja fast jeder von uns. Das tolle bei dir ist, dass du das meiste davon auch selbst musikalisch auf die Reihe bekommst. Denn du bist nicht nur ein Multiinstrumentalist, sondern auch wirklich in vielen Bereichen und Genres unterwegs. Nimmt man nur die Musik, so finden sich in deiner Vita auch noch 3 Alben mit der Pop-Band Go Plus, eine 2004 erschienene Filmmusik-Compilation und das Keyboardlastige Instrumental-Album „Pitsound“ (2008). Und nun kommt also Pit Przygodda, der Solo-Liedermacher, der auch erstmalig singt….war das alles Teil einer großen Suche nach dem richtigen künstlerischen Platz für dich? Oder bekennst du dich eher dazu, dass du gerne von einem Baumwipfel zum nächsten springst und in einigen Jahren vielleicht schon wieder was ganz anderes machen wirst…?

PP: Hey! ICH war der Sänger von Go Plus!

EAL: Oha. Stehe ich ja nun etwas dumm da. Dabei bin ich doch sonst immer so stolz auf meine

exzellente Interviewvorbereitung…

PP: Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Vermutlich bist Du überarbeitet (lacht). Vielleicht solltest Du die Passage streichen, oder?

EAL: Sollte ich dringend tun. Aber ich wette ich vergesse es und dann steht es doch drin! Aber hey – nach einer gewissen Suche sieht dein musikalischer Werdegang aber dennoch aus!

PP: Es ist vielmehr – nachdem die aus der Schulzeit stammenden Bandstrukturen sich überlebt hatten – ein Heimkommen zum gesungenen Lied. Go Plus war für mich 14 Jahre lang im Alltag, mein Podium. Ich brauchte einige Jahre, um wieder zum Mikrophon zu finden. Filmmusiken habe ich eh gemacht und nebenbei, während dieser Findung sind die instrumentalen „Pitsound“- Sachen entstanden. Diese beiden Platten, die Filmmusiken und ein Musiktheater-Stück, das ich mal gemacht habe, waren Schritte auf dem Weg zum Solo-Künstler. Ich habe noch viele Stücke in der Tasche und freue mich riesig auf die nächste Solo-Gesangs-Platte, plane aber auch Kooperationen. Z.B. mit meiner Frau Geka Norden. Aber in der Tat habe ich so viele Ideen. Ich würde auch mal gerne eine Pit-Jazz-platte machen. Wer weiß.

REINHÖREN: Pit Przygodda – Back in Pop

EAL: Sage mal, du lebst und arbeitest in St. Pauli – die Frage mag vielleicht nahe am Klischee sein, gerade deswegen muss sie aber gestellt werden. Zumal wir ein Blatt für Liedermacher sind, also einem Genre, das kaum überfrachtet ist in dieser Richtung – also, kurzum: Was bedeutet die Hamburger Schule für dich?

PP: Wen meinst Du? Welche Platten, welche Zeit?

EAL: Ich glaube das ist die beste „Antwort“, die ich je auf diese Frage bekommen habe von Musikern. Hamburger Schule ist für Außenstehende zumeist auf zwei oder drei Bands beschränkt und eine klar definierte Zeit. Wer aber aus der Gegend stammt und sogar sagen kann direkt am Puls gelebtund musiziert zu haben, für den ist diese „Szene“ bedeutend vielfältiger…okay, sprechen wir über deine Platte, „Lied“. Wie können wir uns denn den Entstehungsprozess deines Albums vorstellen? Dauert so etwas Jahre von der ersten Note bis zum „finished product“? Bist du ein Perfektionist, der nur schwerlich sagen kann: So-fertig…?

PP: Das dauerte Jahre. Zunächst das sich-auf-den-Weg machen. Wie gesagt, ich musste erst einmal verdauen und erkennen, dass ich nicht mehr Mitglied einer Band war. Dass ich als Solo-Künstler meine Lieder produzieren kann und auch wieder singen -nachdem ich mehrere Versuche gemacht hatte, andere meine Lieder singen zu lassen. Ich hatte einen Stapel Lieder, teilweise aus Go Plus-Zeiten, welche, die wir nicht verwenden konnten, oder aus  „Singer“-Zeiten, das war die nachfolgende Band. Und neu geschriebene gab es auch. Dann habe ich angefangen, aufzunehmen und zu arrangieren, so, wie ich es für meine Filmmusiken tue. In meinem Heimstudio. Schlagzeug habe ich mit Lars Horl im Proberaum aufgenommen, Bläser bei den Bläsern zuhause in Hannover und die Opernsängerin Daniela Strothmann in Leipzig. Dann habe ich Tobias Levin, den ich vom 2. Go Plus-Album „Largo“, da war er Produzent, her kannte gefragt, ob er mal drüber hören würde. Er hat mir dann ein paar gute Tipps zu Arrangements, Sound, Stückeauswahl und anderem gegeben. Dann habe ich selber Mixe erstellt und spätestens bei den Gesängen gemerkt, dass ich nicht zufrieden war mit den Ergebnissen. Es klang irgendwie nach Heimstudio, nach Lo-Fi, sehr intim und klein. Nicht, dass das schlecht sei, aber ich wünschte mir für diese Musik einen größeren Sound. Da habe ich dann wieder Tobias Levin gefragt, ob er mit mir abmischen würde. Er ist ein toller Künstler, der sehr  inspirierende Klänge erschafft. Ich bin sehr glücklich mit dem Sound, den er gemacht hat. Er hat mich auch beispielsweise zu neuen Gesangs- aber auch Gitarren- und Keyboardspuren angeregt. Deshalb heißt es auf der Platte „zusätzlich produziert von Tobias Levin“. Ich glaube, ich kann ganz gut sagen,“jetzt ist es fertig“. Bis dahin ist es aber ein weiter Weg. Man muss für das Richtige die nötige Geduld mitbringen. Hetzen für Kunst lohnt nicht.

 EAL: Besonders spannend finde ich die Frage – wie setzt du das denn alles live auf der Bühne um?

PP: Ich habe durch einen Zufall wieder den ersten Go Plus-Bassisten Matthias Pacht in der Band, dann natürlich immer noch Lars Horl am Schlagzeug. Dazu habe ich Philippe Frowein von der Band „Geschmeido“ an der  Lead-Gitarre, er kann auch toll singen, wir haben also eine solide 2-stimmigkeit auf der Bühne. Und am Keyboard habe ich Jens Windeler, ein Jugendfreund, mit dem ich schon verschiedenste Musiken gemacht habe. Er ist ein genialer Multiinstrumentalist. Ich selbst singe und spiele Rhythmus-Gitarre, ein bis zweimal auch Synthie. 

EAL: Gut, Pit, da wir ein Liedermacher-Magazin sind und Fans viel mehr auf „Namedropping“ stehen als Musiker – sag uns zum Schluss doch noch, ob dich jemand, den du unter „Liedermacher“ verordnen würdest, geprägt hat. Wer fasziniert dich und von wem hast du eventuell Platten?

PP: Für meine Art zu texten habe ich nicht wirklich ein Vorbild. Es gibt aber Texter, die mich beeindruckt haben und es noch tun. Udo Lindenberg, Element of Crime und Hildegard Knef fallen mir da ein. Auf meiner Platte habe ich aber tatsächlich auch einen richtigen Liedermacher-Einfluss: Meine Freundin fuhr vor einer Weile plötzlich voll auf Wolf Biermann ab. Ich war dann auch mit auf einem Konzert. Ich kannte seine Kunst natürlich schon länger von weitem, aber erst jetzt auf der neuen Platte habe ein Lied, das Herrn Biermann seine Wucht und sein Duktus verdankt. Es heißt: „Schweres Schiff“.

http://www.pitprzygodda.de

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 29. November 2012 von in 2012, Artikel & Interviews, Liedermacher, Przygodda, Pit und getaggt mit , , , , , , , .
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