Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Alte Meisterwerke: Herman van Veen – „Ich hab‘ ein zärtliches Gefühl“ (1973)

vanveenzärt

von David Wonschewski, Schriftsteller & EAL-Redakteur, Berlin

Leider bin ich um einige Jahre zu jung, um die späten 60er und 70er Jahre mitbekommen zu haben, so dass ich auf viele alte Schätze erst nachträglich stoßen konnte und noch immer kann. Vieles davon haut mich nicht im Ansatz aus den Schuhen. Einiges dafür aber umso heftiger. Und so ist eines meiner absoluten Lieblingsalben ganz klar „Ich hab‘ ein zärtliches Gefühl“ von Herman van Veen. Auch wenn es klanglich betrachtet kein Werk ist, das „aus den Schuhen haut“. Denn dafür ist es viel zu feinsinnig.

Das Album stammt aus dem Jahr 1973, ist van Veens Debüt gewesen und ich habe diese Platte im Musikschrank meines Onkels gefunden. Ich glaube, ich war etwa 8 Jahre alt, als ich anfing, immer und überall die Plattenschränke zu durchwühlen und als erstes fielen mir natürlich immer Pop- und etwas später dann Rock-Platten in die Hände. An Herman van Veen, der immer etwas absurd und grotesk zwischen all den Queen-, Boney M-, Supertramp- und ABBA-Platten stand, habe ich lange einfach nur vorbeigeblättert. Obwohl ich mich erinnere, dass mich das Coverbild schon damals fasziniert hat. So grau, so weiß, so nachdenklich und irgendwie auch ein klein wenig fertig mit der Welt steht er da, der sensible Niederländer.

Später, als Teenager, hinderte mich dann der Titel daran, genauer in die Platte zu hören, denn irgendwie klang mir das doch zu sehr nach Schlager: „Ich hab‘ ein zärtliches Gefühl“.  Geht gar nicht, wenn man 17 ist und eine Band namens Nirvana gerade die Welt revolutioniert. Erst mit knapp 25 war ich dann reif genug, notfalls auch zu Schlager zu stehen, wenn denn gut gemacht. Umso überraschter war ich zu hören, wie passend dieser Titel ist, ist dieses van Veen-Debüt doch die mit Abstand zärtlichste Platte, die ich je gehört habe, bis heute. Und hat mit Schlager gar nichts zu tun, natürlich nicht. „Weißt du wie es war“ ist das erste Lied gewesen, das mich der melancholischen Nostalgie nahegebracht hat, so sanft dahingetupft, so gestern und heute zugleich. „Wollten vor Glück nicht ans Ufer zurück“ ist eine Zeile aus dem Refrain und ich nutze diesen Satz noch immer gerne und oft, wenn ich Glückwunschkarten oder ähnliche Sachen schreibe und mir ein paar schöne Worte fehlen.

Der „kleine Fratz“ ist einer der bekanntesten Songs von Herman van Veen und auch dieses Lied nötigt mir die größte Bewunderung ab. Ich meine, ein Lied über ein kleines Kind auf seinem Dreirad muss man auch erst einmal schreiben können. Meistens strandet das in elterlicher Sämigkeit, sage ich als jemand, der noch kinderlos ist und so betrachtet von jeher in einer leicht standardisierten Abwehrhaltung, was derartige Thematik betrifft. Oder wie sagt Reinhard Mey in, ich glaube „Sven“, so schön? „Schaut her, ich hab‘ mich fortgepflanzt!“. Genau das ist das Problem vieler Lieder, in denen es um das Elternglück geht. Und genau das umschifft van Veen hier. So sehr, dass es ihm gelingt in dieses kurze , an sich so simple Stück all das Glück, all die Sorge und all die Wehmut eines Vaters zu packen wie es viele Jahre später nur Reinhard Mey noch einmal gelungen ist mit „Kleines Mädchen“.

Besonders beglückend an der Platte ist, dass sie einen durchweg schwelgerischen Tonfall besitzt, ja, überhaupt wie aus einem Guss daherkommt. Van Veens Lieder sind hier allesamt Lieder wie aus Porzellan, zerbrechlich und kostbar. Und hört man die Platte heute, gut 40 Jahre später, so hört man sie wie durch einen sanften Nebel hindurch, einen stilistischen Weichzeichner, wie ihn der Filmemacher und Fotograf David Hamilton in seinen Werken doch so gerne verwendet hat.

Und ja: „Zärtlich“ ist das beste aller Worte, um dieses fragile Meisterwerk zu betiteln.

Schwarzer Frost – der Debütroman des Musikjournalisten & Schrifstellers David Wonschewski ist Ende 2012 erschienen. Ein Interview zu diesem Roman können Sie HIER lesen.

10 Kommentare zu “Alte Meisterwerke: Herman van Veen – „Ich hab‘ ein zärtliches Gefühl“ (1973)

  1. mickzwo
    7. April 2013

    Das gute an diesem Künstler ist ja, dass er nicht nur so zärtlich und liebevoll daher kommt. Da ist überhaupt kein Kitsch. Das ist glasklare Überzeugung und bei weitem nichts für Weicheier.

  2. mae
    23. Januar 2013

    Ja, bei ihm geht es eben um konkrete politische Aussagen und nicht ’nur‘ um Chansons. WB ist m.E. durch seine Biografie extrem glaubwürdig: Im Westen geboren, aus Idealismus in die DDR übergesiedelt, dort das System offen hinterfragt, ausgebürgert worden (und einige andere gleich hinterher), im Westen weiter den real existierenden Sozialismus kritisch be-arbeitet und immer erfolgreich.
    Er ist auch eher ein Erzähler, seine Texte kann man nicht nebenbei goutieren. Inhaltlich und von der Sprachgewalt her ist es schon literarisch wertvolle Musik die er macht.
    Anhörtipp: „Warte nicht auf beßre Zeiten“

    Gruß,

    • achtellorbeerblatt
      23. Januar 2013

      Absolut. Ich persönlich habe mir Anfang des Jahres seine ersten beiden Alben geholt und horche sie rauf und runter, bin also halbwegs „im Saft“. Die „Bessren Zeiten“ fallen ja auch darunter und gerade das Bärlach-Lied – wenn auch vom Debüt – haut mich richtig um, diese Sprachgewalt sucht ihresgleichen, keine Frage.

  3. mae
    22. Januar 2013

    Ja, das ist ein schönes, unaufdringlich-sensibles Album. Natürlich wirkt auch der weiche niederländische Akzent sehr angenehm auf die Hörer.
    Was muss ich da aber im A-Z-Künstlerarchiv sehen? Nichts von Wolf Biermann enthalten?! Nun aber rran!

    • achtellorbeerblatt
      22. Januar 2013

      Gerne, sehen wir genauso – und freuen uns auf Ihre Plattenrezension…;-)

      • mae
        23. Januar 2013

        Hm. Das mache ich evtl. mal auf meinem eigenen Blog, dann können Sie das gerne re-bloggen. Allerdings höre ich hauptsächlich keine Liedermachen, sondern Rock und Klassik, so dass da theoretisch noch viele Alben vorher dran kämen.. Mal sehen.

      • achtellorbeerblatt
        23. Januar 2013

        Hallo,
        na, das war auch eher als unterschwelliger Hinweis darauf gemeint, dass es doch sehr schwierig ist in diesem Musikbereich Schreiber zu finden. Und doppelt schwierig solche, die sich ein wenig mit den Liedermachern aus den östlichen Bundesländern auskennen. Gerade Biermann ist ja, das stelle ich immer wieder fest, so wunderbar polarisierend, dass ich zum Beispiel nicht weiß, ob ich selbst – gebürtige Westfale, geboren Ende der 70er Jahre – der beste Beschreiber seines Schaffens wäre. Ich denke, da gibt es geeignetere Menschen mit einem fundierteren persönlichen Bezug. Ich hoffe daher noch darauf, dass sich jemand zu uns ggesellt, der in dem Bereich gut unterwegs ist.
        Mit besten Grüßen

        EAL/David

  4. fotografischewelten
    4. Januar 2013

    Danke für die schön geschriebene Erinnerung. Zu meinen Zeiten hatte Freunde das „Liederbuch“ von Hermann van Veen, auch bei mir ging es trotz zeitlichem Vorteil – statt Nirvana war es AC/DC und BJH- noch nicht mit der einfühlsamen Musik van Veens. Doch Stücke wie „Sieben Tage lang“ unter Mitwirkung van Veens waren in, ohne uns bewußt zu sein, wer da mitsingt. Es lohnt sich immer wieder die Platte zur richtigen Zeit aufzulegen.
    GRUß Mies Vandenbergh

    • achtellorbeerblatt
      4. Januar 2013

      Besten Dank für den netten Komentar. Und ich vermute einfach einmal: Sogar von einem Landsmann von Herrn van Veen…? Vom „Liederbuch“ haben wir im Übrigen das schöne Cover oben rechts auf der Seite. Dort wo die Cover-Ansichten immer wechseln.
      Mit melodiösen Grüßen

      EAL/David Wonschewski

  5. holgoehr
    29. Dezember 2012

    Deiner LP-Rezension pflichte ich bei, lieber David: Vor allem ist es, wie ich finde, ein Album ohne einen einzigen Durchhänger. Das liegt aber bestimmt auch daran, daß dies nur das deutschsprachige Debut van Veens ist, der zuvor schon mindestens acht LPs in Holländisch aufgenommen hat, hier also quasi mit einem „Best of“ aufwarten konnte, für das ihm Thomas Woitkewitsch gute Texte/ Übersetzungen lieferte.
    Und den „kleinen Fratz“ schicke ich Dir bei Gelegenheit in der Originalfassung von Ralph McTell: „Girl on a Bicycle“.
    Ich muss aber gestehen: Die holländischen LPs van Veens kenne ich selber nur vom Hörensagen und aus diskographischen Aufstellungen:
    http://www.discogs.com/artist/Herman+van+Veen

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