Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

„Ich habe immer nur Affären mit den Musen“ – Heiniger trifft Holger Saarmann.

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„Treffen sich ein Schweizer und ein Berliner auf’m Bahnhof“…so oder so ähnlich haben vor vielen Jahren einmal Standard-Witze begonnen. Und auch, wenn es natürlich nicht das oberste Begehr unseres Baseler Fachkollegen Markus Heiniger gewesen ist, mit der Humorkeule durch die Lande zu reisen, so haben sich doch gleich eine ganze Reihe sehr amüsanter Momente eingeschlichen in seinem Gespräch mit dem Liedermacher Holger Saarmann.  Ein Dialog zwischen Musikern -über stilvoll heruntergekommene Häuschen, schwermütige Lieder und, ja wirklich, das Speichervolumen von Flaschen.


Reinhören:
Holger Saarmann:  Bahnsteig gegenüber (Demo 2003)


Markus Heiniger (MH):
Holger, wir sitzen da zum Interview beide vor der Tastatur unserer Computer. Du in Berlin, ich in Basel. Bestimme für unser Gespräch doch einen fiktiven Platz. Wo setzen wir uns hin?

Holger Saarmann (HS): Ich schlage vor, anstatt uns hinzusetzen, gehen wir ein wenig spazieren. Nach meiner Erfahrung redet es sich im Gehen besser.

MH: Einverstanden. Wohin geht’s?

HS: Die Richtung darfst du bestimmen: Rechts geht’s nach Berlin, links nach Bamberg, hinter uns die Gegend meiner grauen Vorzeit, und vor uns liegt unergründetes Land. Die hyperdimensionale Topographie erlaubt eigentlich jeden Weg; wir können alle Gegenden streifen.

MH: Ich nehme Berlin. Hauptbahnhof. – Na, sag mal: Wer beobachtet uns eigentlich dort auf dem „Bahnsteig gegenüber“? Kennst du die?

HS: Wen meinst du? (Zug fährt ein, versperrt die Sicht.) Tja, leider zu spät! Daran siehst du, wie unvereinbar meine gesungenen Träumereien mit dieser schnelllebigen Stadt sind. Auf die unerreichbare Frau am Bahnsteig gegenüber wäre ich hier wohl kaum gekommen. Ohnehin ist das eine Idee, die aus einer Zeit stammt, als noch nicht alle permanent auf ihre Handys und Smartphones starrten.

MH: Buchautor und Berner Troubadour-Legende Fritz Widmer-Hesse bezeichnete deinen Song „Bahnsteig gegenüber“ nach einem deiner Schweizer Auftritte einmal als formal perfektes Lied.

HS (lächelt bescheiden): Eigentlich war es quasi das End- oder Abfallprodukt einer gescheiterten Prosa-Erzählung mit Anfang 20. Das ist der Vorteil der Prosa: Man schreibt einfach drauflos, ohne sich von ausbleibenden Reimen bremsenzu lassen, und irgendwas kommt dabei heraus, was dann die Mühe einer formalen Abrundung lohnt. (Zug am Bahnsteig gegenüber fährt ab; am Gleis stehen nur noch Männer.) Schade. Wollen wir woanders hingehen?

MH: Ja, gehen wir doch mal auf den Bahnsteig gegenüber, wie du es in deinem Lied ebenfalls tust. Von diesem subtil aufgebauten und eingeleiteten, schliesslich aber doch irgendwie unerwarteten Perspektivenwechsel in deinem „Bahnsteig“ war Fritz Widmer ja nicht zuletzt so angetan. Ach, die Rolltreppe ist defekt. Wie sagst du es in einem anderen Lied doch so schön? „Der Weg durch das Leben führt uns über Treppen“.

HS: Missinterpretiere mich nicht leichtfertig! (Verharrt trotzig mit einem Fuss auf der untersten Stufe) Außerdemkann man sich gar nicht selber auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig betrachten! … (Nimmt nun aber doch die Stufen). Also gut, auf deine Verantwortung!

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MH (im Treppensteigen): In seinem Buch „Nachdenken über Musik“ schreibt der Pianist Alfred Brendel, Beethoven habe mit der Sicherheit des Architekten komponiert und Schubert mit der des Schlafwandlers. Was bist du beim Liedermachen eher, Architekt oder Schlafwandler?

HS (überlegt bis zur obersten Treppenstufe): Vielleicht bin ich der Architekt, der als Schlafwandler vom eigenen Dach purzelt, weil er die Feuerleiter nicht nach den Sicherheitsbestimmungen der Lunatismus-Behörde anbringen ließ. Aber stell‘ die Frage lieber dem Gitarrenbarden, der meine Lieder in 100 Jahren singt. Oder dir selbst: Als was siehst du mich denn – im Vergleich zu dir oder zu anderen Liedermachern?

MH: Als zeitlosen Barden – auch ohne dich jetzt mit anderen zu vergleichen – zuweilen so erschreckend zeitlos, dass er vielleicht tatsächlich in 100 Jahren noch gesungen wird. Welche drei deiner Songs, die du bereits geschrieben hast, würdest du denn spontan in die Flaschenpost stecken, die im Jahre 2112 einem nachgeborenen deutschsprachigen Sänger und Gitarristen in die Hände gespült wird?

HS: Ach Markus, es ist schon so hart, eine Auswahl für den nächsten Konzertabend zu treffen, also zu entscheiden, welche Lieder man diesmal weglässt, um unter zwei Stunden zu bleiben! Und du verlangst von mir, drei meiner Lieder für die Ewigkeit auszuwählen, und das auch noch spontan!

MH: Ja.

HS (überlegt lange und übersieht dabei zahlreiche schöne Frauen am eigenen Bahnsteig): Weisst du, ich habe mir sagen lassen, dass die Flaschen heutzutage ein ungeheures Speichervolumen haben: Da passen alle meine Lieder rein, inklusive der Hoffnung, dass der noch ungeborene Kollege schon die richtige Auswahl treffen wird, wenn er sie am Strand der Kulturgeschichte aufliest. Goethe hielt seine „Farbenlehre“ für sein bedeutendstes Werk. Ich denke, auch aus den Irrtümern der alten Meister kann und sollte man lernen, wenn man ihnen schon sonst nicht das Wasser reichen kann. Und somit will und darf  ich nicht entscheiden, ob der „Bahnsteig gegenüber“ mein „Faust“ oder meine „Farbenlehre“ ist. Aber es macht Spass, diese drei Titel mal in einem Atemzug zu nennen!

MH: (Bleibt auf dem Bahnsteig stehen und freut sich über den ganzen Rummel auf und neben den Geleisen. Das sollte sein Sohn jetzt sehen. Wieder zu Holger Saarmann gewandt). Na, dann ist „Bahnsteig gegenüber“ jedenfalls mit dabei in der elektronischen Flaschenpost. Ist doch schön!

HS: Ja, und es freut mich natürlich ungemein, dass Fritz Widmer das Lied mochte, dass unser beider Lehrer und Mentor Christof Stählin es sich immer wieder von mir zu hören wünscht, dass Tina Häussermann und Fabian Schläper es covern, dass ich es zufällig mal beim Googeln in einer Partnerbörse fand, dass sich jeder, der es hört, irgendwie damit identifizieren kann.

MH: Aber es läuft nicht am Radio. Oder?

HS: Nicht, dass ich wüsste. Eigentlich seltsam, dass es nicht mehrheitsfähig sein soll. Irgendwie scheinen meine Lieder nicht in diese Welt zu passen. Oder sie suchen noch ihren ultimativen Interpreten. Vielleicht ist das erst der Strandgut-Sammler in 100 Jahren. (Seufzt)

MH: Jetzt sieh mal einer an. Nun steht sie doch tatsächlich dort drüben, wo wir selber eben noch waren und lächelt uns vom Bahnsteig gegenüber zu. Das ist doch nun aber wirklich gespenstisch. Ob sie eine Art geheimnissvoller „Gast“ ist, wie du ihn in einem deiner Lieder besingst? Oder gar ein „Schatten“? Oder suchen wir da zu weit? Ist sie womöglich bloss eine ganz gewöhnliche „Friseuse“? Oder eine „Zahnärztin?“ Oder doch eher ein entwichener und irrlichternder „Butzemann“, der seinen Schabernack mit uns treibt? Wie auch immer. Wir sahen sie jedenfalls „schon mal“. – Oder ist sie vielleicht deine Konzertbesucherin, die unlängst alle deine Lieder mit den Lippen mitsprach? Wie war das noch mal?

HS: Also, wenn ich dich recht verstehe, bestärkst du mich darin, alle meine Lieder in die Flaschenpost zu stopfen und bestehst nicht auf die Heiligen Drei; vielen Dank!

MH: Bitte, gerne!

Reinhören:
Holger Saarmann: Begleiter (2009)

 

HS: Die Konzertbesucherin, die du ansprichst – das war ziemlich beeindruckend: Ich beobachtete im leicht erhellten Konzertsaal, wie diese Frau ganz vergnügt alle meine Texte mitsang, oder eher mitflüsterte, und dachte mir: Wow, die kennt meine CD auswendig, endlich mal ein echter Fan! Nachher fragte ich sie, ob sie zuvor schon mal in einem Konzert von mir gewesen sei, und sie antwortete ein wenig  schüchtern: Nein, sie sei mit einigen Freundinnen und Betreuerinnen aus der Behindertenwerkstatt hier und hätte mich vorher nicht gekannt. Sie singe immer mit, egal ob sie das Lied kenne oder nicht.

MH: Warst du sehr erstaunt?

HS: Allerdings. Ich wusste wohl, dass manche Menschen intuitiv irgendein fremdes Lied mitsingen können, so dass jeder glaubt, sie hätten es einstudiert. Aber dass dies auch mit meinen eigenen Liedern möglich sei, war mir neu. Meine Texte neigen ja nicht gerade zu schneller Einprägsamkeit.

MH: Die Konzertbesucherin würde dies wohl kaum unterschreiben. Und ich übrigens auch nicht.

HS: Ich meine: Es ist ja nicht gerade Pop, was ich da zusammendichte. Aber vielleicht hilft es, dass ich meist ziemlich formstreng, also nach Versmass und Reimschema schreibe. Merkwürdig übrigens, dass ich bisher keinen Popsong zustande gebracht habe, so stark wie meine Biographie von Popmusik geprägt wurde. Aber Pop erscheint mir wie eine Sprache, die ich zwar verstehe, mich aber zu sprechen weigere, weil mir ihr Vokabular und ihre Gesten nicht geheuer sind. Was hältst du übrigens von einem Ortswechsel? Der Hauptbahnhof ist nicht Berlin!

Holger drängt Markus Richtung Hinterausgang, wo die Spree fließt und nicht weit entfernt die Flagge über der Schweizer Botschaft weht. Markus gefällt es hier fast ebenso gut wie im Bahnhof. Holger lehnt sich über das Geländer der Fussgängerbrücke und sieht hin, wo sich die Spree dem Blick entwindet.

MH:  Wenn du, flussauf oder -abwärts Berlin noch heute verlassen könntest, um irgendwo abgeschieden in der Natur zu leben und zu arbeiten. Würdest du es tun?

HS: Davon träume ich seit Jahren: Ein stilvoll heruntergekommenes Häuschen, etwas abseits eines Dorfes, höchstens fünf Kilometer vom nächsten Bahnhof entfernt. Es darf auch gerne ein alter Bauernhof sein, der Platz für ein ländliches Kulturzentrum böte, eine Art Künstler-Landkommune. Inmitten einer abwechslungsreichen Landschaft, die immer wieder neu erkundet werden möchte.

MH: Wie kommst du auf  sowas?

HS: Vielleicht ist mir dieser Traum unbeabsichtigt schon durch meine Mutter eingepflanzt worden. Als ich Kind war, sang sie gerne Kunstlieder am Klavier, und eines lautete (singt laut, trotz Passanten):

„Ein kleines Haus, von Nussgesträuch umgrenzt,
wo durch das Fensterchen die Morgensonne glänzt
und mich vom Schlaf das Lied der Lerche weckt;
Ein kleiner Tisch, den mir die Liebe deckt,
ein kleines Feld, das keinen Zehnten gibt;
Ein alter treuer Nachbar, der mich liebt …“

(bricht ab, verhaltener Applaus der Passanten):  Haydn.

MH: Ist das nicht fast schon etwas weltfremd?

HS: Nein, ich wäge sehr genau ab und werte auch Fremderfahrungen aus. Übrigens habe ich ja schon mal einige Jahre auf dem Land gelebt, ganz in deiner Nähe, nur nördlich des Rheins. Ich weiss, das Landleben hat seine ganz eigenen Härten. Und Haydn, wäre er Besitzer dieses kleinen Hauses gewesen, hätte vielleicht von Metropolen und Palästen geträumt.

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MH: Würdest du die Vorzüge von Berlin nicht vermissen?

HS: Ich schätze hier in der Stadt meine Freunde und Kollegen, Menschen mit einem weiten Horizont, teils mit holprigen Biographien, mit ausgefallenen Lebensentwürfen und gesellschaftlichen Utopien. Die gibt es zwar nicht nur in Berlin, aber auf dem Land muss man schon danach suchen. Die, die man dort findet, sind meist Städter, die der Stadt den Rücken gekehrt haben. Die sich, wie ich, nicht berufen fühlen, der kulturellen Übersättigung der Metropolen noch etwas hinzuzufügen, sondern lieber kulturelles Brachland beleben wollen.

MH: Brachland? Dota Kehr sieht in einem ihrer Songs überall nur „erschlossenes Land“.

HS: Nein, dann wäre sie nicht Dota. Der Kleingeldprinzessin muss man genau zuhören: Erschlossenes Land sieht nur der, für den die Erde eine Scheibe ist! Oder wer den Kopf in den Sand steckt. Brachland, so wie ich es meine, gibt es zur Genüge, gerade in Ostdeutschland, aber deutlich zu wenig Anreize, diese Gegenden wieder zu bevölkern. Auch eine Künstler-Kommune muss von irgendwas leben, und ein Kulturzentrum braucht Besucher. Ich denke, wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen gäbe, könnte man viel optimistischer planen. Aber darauf warte ich lieber nicht. Ich halte momentan Augen und Ohren weit offen nach einem vielversprechenden Weg, der aus dieser Stadt herausführt, sei es spreeauf- oder -abwärts.

MH: Sollen wir gleich wieder zurück in den Bahnhof gehen?

HS (jetzt lässig mit dem Rücken gegen das Brückengeländer gelehnt): Danke, nicht nötig! Ich kenne ja meine Gefühle für die Frauen auf dem Bahnsteig gegenüber. Sie wollen mir sagen, dass ich eigentlich woanders hingehöre, dass ich das Leben, das mir eigentlich zugedacht ist, hier wo ich gerade bin, versäume. Und so geht es wohl vielen Menschen. Der geschätzte Kollege Wenzel hat mal – sinngemäss und in einem anderen Zusammenhang – festgestellt: Gerade das sei doch typisch deutsch, dass wir uns eigentlich immer woanders hinsehnen. Und dass Heimat gerade deshalb ein so deutsches Wort sei, weil der unerfüllbare Traum davon so viel wirklicher sei als unser reales Zuhause.

MH: (Schweift gedanklich kurz ab zum Rhein und lehnt sich dann ebenfalls entspannt ans Geländer). Zu Hause bist du jedenfalls ganz bestimmt in deinen Liedern, Holger. Wer dich schon auf der Bühne erlebt hat, weiss es. Ich meine das nur schon mal rein handwerklich. Du spielst und singst äusserst gepflegt. Trotzdem wirkt das Ganze insgesamt völlig entspannt.

HS: „Gepflegter“ Vortrag ist aber nicht unbedingt von Vorteil in unserem Fach: Der Liedermacher soll ja, im Gegensatz zum Schlagersänger, authentisch sein, und da hat sich, wie im Rock, das Klischee des Rauhen, Ungeschliffenen durchgesetzt. Vielen Deutschrockern und Liedermachern unserer Generation hört man, wie ich finde, das Vorbild Rio Reiser an. Im Osten ist es häufig Gerhard Gundermann. Ich mag diese Sänger auch gern, aber so sehr ich beim Covern ihrer Lieder dazu neige, sie zu imitieren, so sehr stehe ich bei meinen eigenen Liedern zu meiner Stimme. Und die klingt naturgemäß eher „gepflegt“.

MH: Brauchst du da den Butzemann-Geistersong oder die Racheteufel des Karl May, im Lied, das sein Leben erzählt, um ab und zu doch mal etwas aus der Reserve zu kommen und mal so richtig zu rumpeln und zu poltern?

HS: Ja, das hast du gut erkannt! Wenn ich in eine andere Rolle schlüpfe, bin ich auch gern stimmlich jemand anders, und da hast du die besten Beispiele herausgepickt. Das heisst allerdings nicht, dass ich in allen anderen Liedern ganz „ich selber“ wäre: Ich vertone nie mein Tagebuch, sondern erfinde Geschichten. Alle haben natürlich zwischen den Zeilen irgendwas mit mir zu tun, aber eigentlich ist jedes Lied eine Rolle. In meiner Bamberger Zeit habe ich viel Theater gespielt, auch semi-professionell, und da ist in mir die Einsicht gewachsen, dass ich eigentlich jedes Lied – auch ausfremder Feder, auch Volkslieder – singen kann, wenn ich es als Rolle verstehe.

Reinhören:
Holger Saarmann & Vivien Zeller:  Ballade des armen Webersohnes Karl May (2007)


MH:
Welche Bühnensituationen, welche Momente zählen für dich zu den wertvollsten, mal abgesehen vom Zusammenspiel mit der Violinistin Vivien Zeller?

HS (überlegt): Wertvoll sind mir vor allem Konzerte gemeinsam mit befreundeten Musikern.

MH: Und das Publikum?

HS: Ein Publikum, so nett man einander während des Konzertes findet, lässt einen zwei Stunden später meist wieder allein. Ich gehöre zu der Sorte Bühnenkünstler, die nach der Vorstellung noch die Geselligkeit sucht, und die hat man am ehesten in Begleitung sympathischer Kollegen.

MH: Und dann sitzt man zusammen in der Nähe der Bar am Kaminfeuer, heckt Pläne aus und spricht noch ein bisschen mit dem Barpianisten, der gerade Feierabend hat.

HS: Ja, unser gemeinsames Alpenhotel-Engagement im August, Markus, das ist ein schönes Beispiel für zahlreiche Gelegenheits-Kolaborationen. Ich greife jetzt aber niemanden heraus, sonst fühlen die anderen sich vergessen. Es sind übrigens alle online in meinen Konzert- und „News“-Annalen verewigt, teils auch fotografisch dokumentiert.

Reinhören:
Holger Saarmann:  Schon mal (mit Markus Heiniger am Klavier, 2011)

MH: Gibt es Meilensteine unter deinen Bühnenerlebnissen?

HS: Ein Meilenstein, der noch nicht so weit hinter mir liegt, ist sicherlich die Burg Waldeck, wo ich letztes Frühjahr auf Christof Stählins Einladung hin am Eröffnungskonzert des Chansonfestivals teilnehmen durfte, gemeinsam mit tollen Kollegen, von denen du die meisten ja kennst: Künstlergruppe „Sago“. Leider mussten die meisten schon am nächsten Tag wieder abreisen, aber ich bin das ganze Pfingstwochenende dageblieben, um Konzerte zu hören und die herrliche Gegend zu erkunden. Und nebenbei erhielt ich – stellvertretend für die Kollegen – auch noch manches Kompliment. Übrigens soll künftig jedes Waldeck-Pfingstfestival von Christof und einer Auswahl seiner Schüler eröffnet werden!

MH: Ist es noch der faszinierende Ort, wie ihn mir der Baseler Grafiker und Kleinkunstkenner Jürgen von Tomëi beschrieb, der 1968 zusammen mit Hanns Dieter Hüsch, Hannes Wader und anderen Kollegen und Freunden seiner Generation dort war?

HS: Ich wünsche dir sehr, dass du mal dabei bist! Durch ihre Geschichte – und durch ihre Landschaft sowieso – ist die Waldeck ein geradezu magischer Ort! Allerdings war früher die Konzertbühne geschickter platziert, die Landschaft wurde dadurch zum Bühnenbild. Heute sitzt man auf Bierbänken im Zelt, vor Regen geschützt.

MH: Weitere Meilensteine?

HS: Meist sind die Erinnerungen an das Drumherum eines Auftrittes intensiver als der Auftritt selbst. 2006 gab ich auf einem Rhein-Ausflugsschiff ein Konzert für die Sommerkurs-Studenten der Uni Frankfurt (Main). Man hatte mich gebeten, auch Lieder zur Rheinromantik vorzutragen, und so habe ich unter anderem die „Loreley“ von Heine und Silcher einstudiert. Pate stand dabei übrigens Leonard Cohens „Suzanne“, aber das ist eine andere Geschichte. Ein guter Freund von mir war extra nach Bacharach getrampt, um mich dort zu treffen. Er wurde auch an Bord gelassen, war später beim geselligen Umtrunk dabei, und als Studenten und Dozenten schließlich wieder im Bus nach Frankfurt sassen, wanderten wir beide in der Abenddämmerung die Weinberge hinauf, fanden oben schliesslich einen wilden Zeltplatz mit Blick auf Bingen und verabschiedeten den Tag mit Gitarrenklängen, wie zwei verirrte Pfadfinder. Übrigens entstand die Loreley-Strophe in meinem Lied „Begleiter“ aufgrund dieser Einladung an den Rhein. Fast wäre es nämlich eine Strophe über die Venus aus der Tannhäuser-Sage geworden.

Reinhören:
Holger Saarmann:  Loreley (Demo, 2006)

MH: Noch ein Wort zu deiner „Friseuse“. Bei deinem „Songs-an-einem-Sommerabend-Hit“ und zugleich auch deinem CD-Titelsong, erreichst du deine bislang vielleicht grösste Leichtigkeit. Diese ist absolut ansteckend. Ich habe während deines Liedvortrags auch schon mal ins Publikum geschaut. Umwerfend, all die lachenden Gesichter zu sehen. Und bei unseren Arosa-Konzerten verlangte das Publikum spontan nach einer Reprise! Welche Muse hat dich da geküsst?

HS: In diesem Fall war es ein Auftragswerk meiner Eltern: Mein Vater sagte: Nimm dir mal ein Beispiel an Reinhard Mey und schreib nicht immer so schwermütige Lieder! Und meine Mutter ergänzte: Und geh mal wieder zum Friseur!

MH: Echt?

HS: Echt, so war das.

MH: Und die Muse?

HS: Wenn die Muse, welchen Beruf sie auch immer ausübt, einen küsst, verlangt sie ihrerseits auch, dass man sich zärtlich um sie bemüht. Ohne was zu „machen“, bliebe es nur bei einem Küsschen. Aber diese Affäre – ich habe immer nur Affären mit den Musen – war von ganz und gar spielerischer Leichtigkeit. Aber halt: Ich vergesse allzu leicht, dass ich die letzten Strophen unter dem Eindruck einer traurigen Nachricht schrieb, die ich so vielleicht verdrängen wollte: Ein Freund schrieb mir, dass seine Frau gestorben sei.

MH: Vielleicht hätte ja gerade sie sich ein leichtes Lied von dir gewünscht? Wer weiss… – Woran schreibst du gerade?

HS: Ich habe gerade ein Lied über das Vergessen geschrieben, an dem ich jetzt musikalisch feile. Es besteht aus lauter Traum-Szenen. Hätte ich die Gitarre dabei, könnten wir uns dort unten ans Ufer setzen, vor die Überwachungskameras vom Kanzleramt, und ich würde es dir vorsingen. Obwohl … es ist ja bitterkalter Winter! Das vergisst man doch allzu leicht, wenn man ein Interview per Tastatur führt!

MH: Apropos: Haben wir eigentlich den politischen Holger Saarmann zu erforschen vergessen?

HS: Der ist, glaube ich, eher ein Träumer. Aber einer, der weiss, dass er träumt: Unstet in seinem Wunsch, die Welt zu verbessern und in seiner Ahnung, dass dies auf herkömmlichem Wege nicht geht. (Seufzt, schweigt einen Moment und singt dann leise, wie für sich:)

„… Und alles geschah, doch das ahnten nur wir,
durch Küsse gewisser Frisö-ö-ösen.“

MH: Holger, ich danke dir für dieses Gespräch!

HS: Gern geschehen. Ich danke dir, auch, dass du dafür extra nach Berlin gekommen bist!

Reinhören:
Holger Saarmann: Meine Friseuse (2009)



Holger Saarmann

kam 1971 in Hagen / Westfalen auf die Welt. Der Germanist und Musikpädagoge lebt heute in Berlin. Schon früh durchstreifte  Saarmann, als fahrender Schüler, unseren Kontinent mit Fahrrad und Gitarre. Später war er Schüler in Christof Stählins Mainzer Akademie für Poesie und Musik. 2007 trat er als Nachwuchspreisträger bei „Songs an einem Sommerabend“ auf. Holger Saarmann arbeitet heute neben seinen überregionalen Bühnenauftritten als Musikpädagoge im Klingenden Museum sowie als Gitarrenlehrer für Kinder und Erwachsene.

www.holger-saarmann.de

2 Kommentare zu “„Ich habe immer nur Affären mit den Musen“ – Heiniger trifft Holger Saarmann.

  1. Silke
    18. November 2013

    Wow, endlich mal ein Künstler, der sich nach dem Auftritt noch die Gesellschaft seines Publikums wünscht… ;-))

  2. Maxwellsdemon
    12. Februar 2013

    Ich hatte das Glück Holger Saarmann als Mitstudent in Bamberg kennenlernen zu dürfen. Erinnere mich noch an sagenhafte Konzerte in der Weinstube am Stephansberg. War eine schöne Zeit!

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