Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Der EAL-Tagesgedanke. Heute: Paradigmenwechsel.

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Der EAL-Tagesgedanke gibt literarisch, philosophisch und/oder gesellschaftskritisch angehauchten Schreibern, Bloggern, Essayisten und Lyrikern die Möglichkeit, ihre Zeitbetrachtungen einer breiteren und ganz sicher sehr wortinteressierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Text- und Poem-Zusendungen von Autoren bitte über das Kontaktformular in der linken Seitenleiste.

Paradigmenwechsel

Und so feiern wir also die Geburt. Und fürchten den Tod. Senden anlässlich des einen Anlasses Glückwunschkarten. Und anlässlich des anderen Beileidsbekundungen. Lachen hier und flennen dort. Und wundern uns alsdann über die Mühsal unserer Existenz? Nein, da gibt es nichts zu wundern, denn genau diese bornierte Ansicht – die Geburt zu preisen und den Tod zu verdammen – ist der hauptsächliche Konstruktionsfehler. Dass das Leben als schwierig empfunden wird ist dementsprechend keine Feistheit des Schicksals, auch kein Zürnen mancher Gottheit. Es ist Logik.

Betrachten wir unsere Lebensanordnung anhand eines simplen Diagrammes, in der linken Vertikalen die Wertigkeit – sagen wir von 0 bis 10 – und unten, als Horizontale, unsere Lebensspanne – sagen wir von 0 bis 80. Ganz links, im Alter von 0 Jahren, tragen wir nun die Geburt ein. Wertigkeit: 10. Unser Kreuzchen landet also ganz links und ganz oben.

Nun setzen wir den Tod ein. Klar, ganz hinten, bei der 80. Und da der Tod jämmerlich ist geben wir ihm die Wertigkeit:0. Wir haben nun also zwei Kreuzchen, das eine ganz links oben, die Geburt. Das andere ganz rechts unten, der Tod. Nun verbinden wir diese beiden Linien, ziehen eine Gerade von Kreuzchen 1 zu Kreuzchen 2. Und stellen was fest? Genau – es geht bergab. Oder anders: Es muss bergab gehen, durch unsere Kreuzchensetzung geben wir unserer Lebensgeraden gar keine andere Chance als bergab zu gehen.

Unser Scheitern ist also gewollt.

Man stelle sich einmal vor, wir würden diese Vorzeichen ein wenig ändern. Im abstrusen Fall die Geburt mit der Wertigkeit 0 betrachten und den Tod mit der 10. Es ginge stetig bergauf. Angenommen wir könnten das Neugeborene nicht länger als reines, unschuldiges Wesen sehen, das im Laufe seines Lebens diverse Fehler begehen wird, sondern als von vornherein schlechten Mensch, dem es mit viel Inbrunst und Aufopferung jedoch gelingen wird seiner Existenz viele gute Charakteristika abzutrotzen – alles das, was wir als selbstverständlich erachten, wäre ein Fest. Wir könnten unseren Fokus nicht mehr auf das legen was er – oder wir – alles nicht geschafft hat, wo versagt wurde, wo Niedertracht und Fehlverhalten zutage traten. Sondern wir würden sagen: Obwohl er geboren wurde, dieser arme Mensch, brachte er es im Laufe seines Lebens zu Freundlichkeit, zu Selbstlosigkeit, zu Hilfsbereitschaft.  Ganz abgesehen davon, dass Enttäuschungen besser zu verkraften wären.

Das Leben wäre eine Ansammlung an dem Schicksal sauer abgetrotzten Erfolgen, jeder Tag ein echter, ein wahrlicher Sieg. Auf einer Lebensgeraden, die steil nach oben führt. Der Ursprung ist der schlechte Mensch, nicht der gute Mensch. Und unsere Lebensaufgabe besteht darin eifrig Pluspunkte anzuhäufen. Und nicht darin uns dauernd selbst dabei zu beobachten, wie wir den hohen moralisch-reinen Standard unserer Geburt wieder und wieder verraten.

David Wonschewski

Schwarzer Frost – der Debütroman von David Wonschewski ist Ende 2012 im Verlag Periplaneta erschienen. Beziehbar über alle bekannten Buchmarketender, versandkostenfrei (!) über den Verlag

zur Website von David Wonschewski

2 Kommentare zu “Der EAL-Tagesgedanke. Heute: Paradigmenwechsel.

  1. David
    22. Januar 2013

    Na, wer die „Arschkriecher-Ballade“ von Hannes Wader kennt, der weiß aber wohl, dass eine glatte Gesichtshaut nur bedingt zu empfehlen ist…
    Ansonsten: Vielleicht haben wir am Ende aller Tage ja durchaus die Zeit nachzulesen in den Blättern unseres Lebens. Obwohl, hm, eher nicht. Licht aus und Ende, so wird es laufen.

  2. G-U-R-U
    22. Januar 2013

    Toller Text, muss ich mir für die nächste Zeit an den Badezimmerspiegel hängen. Statt mich zu rasieren. Bringt sicher mehr glatte Haut in den Tag.

    Wenn man doch bloss am Ende, also nach the Great Divide, die Zeit hätte, mit einem guten Schluck Welschriesling das Erreichte wohlwollend mit Vor- und Zurückbättern nachlesen zu können…

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 10. Januar 2013 von in 2013, Artikel & Interviews, Literatur, Kabarett & Hörbuch. und getaggt mit , , , , , , , .
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