Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Jochen Malmsheimer – „Ermpftschnuggn Trødå“

JM

von David Wonschewski

Ob wir Jochen Malmsheimer nun einen sonderlich großen Gefallen erweisen, so wir hier zu Protokoll geben, dass „der Name auch bei ihm wieder einmal voll und ganz Programm“ sei, ist von dieser Stelle aus schwierig zu erfassen. Denn einerseits sagt ein Titel wie „“Ermpftschnuggn Trødå““ eher wenig bis gar nichts über das aktuelle Machwerk des Kabarettisten aus. Andererseits hat er es ganz offensichtlich genau darauf aber auch angelegt. Nicht zuletzt der in typischem Malmsheimerismus gestaltete Nachsatz „- „Hinterm Staunen kauert die Frappanz““ – weist darauf hin, dass es in der Tat gerade diese Unverständlichkeit des Moments ist, der er sich hier mit Wonne widmet. Was aus der Ferne gelesen nun eventuell wie der Beginn eines abstrakt-philosophischen Traktats klingt, entpuppt sich bei Malmsheimer jedoch gewohnt schnell als feines Gespür für das absurde Wesen vermeintlicher Selbstverständlichkeiten, deren hanebüchene „“Frappanz““ der gebürtige Essener  denn in für jedermann zugängliche Begrifflichkeiten gepackt hat.
Ja, mit Sprache versteht der unvollendete Germanist und umso gelehrigere ehemalige Buchhändler hervorragend umzugehen, so gut sogar, dass es gar nicht mehr sonderlich ins Gewicht fällt, dass er sich mit den seltsamen Pubertätsschwankungen seiner Söhne ein erstes, an sich leicht abgegriffenes Grundthema herausgesucht hat. Ja, über das seltsame Wesen aufwachsender Jugendlicher sind eher zu viele als zu wenig Humoresken geschrieben worden, so dass Malmsheimer wahrlich gut daran getan hat, diesen erzählerischen Programmfaden nicht auch noch im Titel zu verewigen. Nicht wenige, der Autor dieser Zeilen eingeschlossen, hätten sich vermutlich von vornherein einem Genuss verschlossen, der – natürlich – wesentlich hochklassiger daherkommt als dieses eben nicht mehr sonderlich aufregende Grundthema. Dass seine ganz eigenen Pubertäts-Beobachtungen und Ausführungen weder abgeschmackt noch peinlich geraten, liegt dabei zum einen an Malmsheimers charakterlicher Nähe zum, sagen wir es ruhig, Wahnsinn. So eloquent und gebildet er auch daher redet, ja mitunter fast doziert, so klar wird auch, dass niemand so fabelhaft aufgehoben in der spätabendlichen „“Anstalt““ des ZDF ist wie er. Ja, Malmsheimer balanciert mehr als einmal direkt an der Grenze zum Wahnsinn entlang, was sich jedoch hervorragend verbündet mit seiner Spürnase für Alltäglichkeiten, hinter denen sich – da können wir uns nur wiederholen, just –das „Staunen“ und die „Frappanz“ immer dann am besten zeigen, wenn der geneigte Hörer sich im leicht hysterischen Gelächter des liebenden, verängstigten und so gar nichts mehr raffenden Vaters Malmsheimer einfach nur selbst wiederfindet.

Missverständnisse sind es, mit denen sich der bekennend unpolitisch daherkommende Malmsheimer immer wieder konfrontiert sieht – und die nicht nur sein eigenes Leben kennzeichnen, sondern das Miteinander aller Menschen untereinander, seit jeher. Ein Kerngedanke, den er im Laufe seines Programmes immer wieder neu herausarbeitet.

Die wahre Sensation an Malmsheimer ist jedoch, dass es ihm gelingt, die Ausdrucksweise der sprachlich ja nun wahrlich nicht verarmten Kabarettistenszene auf ein bis dato ungekanntes Niveau zu bringen. Natürlich gibt es bereits einige deutschsprachige Humoristen, denen es gelingt, neben der „puren Pointe“ auch stilistisch zu erfreuen und den Deutschen seit einiger Zeit die Freude am Deutschen zurückzubringen. Doch wo ein Rolf Miller oder auch Johann König eine eher kathartische Wirkung haben, indem sie uns gekonnt aufzeigen, wie nachlässig und aussageschwach wir unser eigenes Vokabular doch zumeist verwenden und Olaf Schubert uns den Wert adäquat gewählter Fremdwörter und korrekt gesetzter Sentenzen vorführt, bringt uns Malmsheimer zu nicht viel weniger zurück als zur Schönsprachlichkeit. Ja, zur Lyrik. Denn zu verfolgen, wie er beispielsweise die Veränderungen des in die Jahre gekommenen männlichen Körpers zusammenfasst, das ist von seinen Beobachtungen her nicht neu: Die Haare ziehen sich auf dem Schädel zurück und wachsen dafür an wesentlich unliebsameren Stellen nach, der Bauch dehnt sich aus, so dass plötzlich sogar der hundsnormale Pinkelvorgang kaum noch mit Würde zu vollbringen ist. Allein zu hören, in was für Worte er diese simplen  Beobachtungen jedoch kleidet, wie er aus seiner eigenen körperlichen Vergänglichkeit ein Fest verbalisierter Sinnlichkeit gestaltet, lässt, tja, ebenfalls jene frappante Staunerei entstehen.
Dementsprechend verwundert es auch nicht, dass bei einem wie Malmsheimer nicht ganz so oft zwischengelacht wird wie bei manch anderem Kabarettisten. Auch spontane Beifallsstürme, die ihm das Wort abschneiden, sucht man vergebens. Um zu begreifen, wie alles das zusammenhängt, das Staunen, die Frappanz, Malmsheimers Bedürfnis nach sprachlicher Schönheit und sein kabarettistisch
entlarvender Blick – ist es tatsächlich vonnöten, sich ein kleines Meisterwerk wie seinen Psalm „“Die Hose““ in vollkommener Ruhe und über seine gesamten weit über fünf Minuten zu geben. Ein Barbar, wer hier dazwischen quasselt.

Malmsheimer ist nicht unbedingt erste Wahl für Aufsucher exorbitanter Lachsalven Marke „Quatsch Coemdy Club“ und – wie erwähnt – auch kein Vertreter des ganz großen Polit-Kabaretts. Aber beides war auch weder zu erwarten, noch zu erhoffen. Er ist stattdessen: Der größtmögliche Ohrenschmaus für Wortakrobaten.

Website: www.jochenmalmsheimer.de

2 Kommentare zu “Rezension: Jochen Malmsheimer – „Ermpftschnuggn Trødå“

  1. achtellorbeerblatt
    14. Januar 2013

    Und fast neide ich;-) Die CD jedenfalls enthusiasmiert….

  2. Sven
    12. Januar 2013

    Stimmt. Eine gute Rezension. Er ist ein „Wortakrobat“. Vielleicht, oder deshalb, heißt sein aktuelles Programm „Wenn Worte reden könnten“, jedenfalls steht es so auf meiner Eintrittskarte: 28.2.! „Ick freu mir schon“
    #Ostseegrüße

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 14. Januar 2013 von in 2013, Liedermacher, Literatur, Kabarett & Hörbuch., M-P, Plattenbesprechungen und getaggt mit , , , , , .
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