Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Das große EAL-Interview: Felix Janosa leistet sich was.

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Meckern über den Niedergang der Musikkultur kann bekanntlich jeder. Doch wirklich etwas dagegen unternehmen, nun, das ist eher wenigen Klagegeistern gegeben. Felix Janosa – mehrfach preisgekrönter Chansonnier, Kabarettist, Produzent und Schöpfer der ausnehmend beliebten Kinderreihe „Ritter Rost“ – unternimmt in seinem aktuellen Programm „In der Hitfabrik“ jedoch genau diesen Versuch.

Ein Gespräch über popkulturelle Schwachstellen, dringend nötiges Kleingeld und – ja, tatsächlich – viel zu wenig Tanten und Omas.

Interview: David Wonschewski / Fotos: Peter Leßmann, Münster

REINHÖREN & REINSEHEN: Felix Janosa – In der Hitfabrik (mit freundlicher Genehmigung von Herrn Janosa)

Ein Achtel Lorbeerblatt (EAL): Herr Janosa, fangen wir etwas unorthodox an und sprechen nicht über Sie, den Künstler, sondern – Ha! – über MICH. Ich habe über zehn Jahre als Musikredakteur bei relativ großen Radiosendern gearbeitet. Ich bin also auch derjenige gewesen, der mit dafür gesorgt hat, dass „immer das gleiche“ läuft, sozusagen. Der aussageschwache Pop-Brei, der heutzutage aus den meisten Äthern zu vernehmen ist, ja, der entstammte lange Zeit meiner Hände Arbeit…na los, das ist Ihre Chance mich ordentlich zu schelten…!

Felix Janosa (FJ):Nicht jeder muss oder kann ein John Peel sein und der Musikgeschichte aus solch einer Position seinen Stempel aufdrücken. Ich bin glücklich, in den 1970ern und frühen 1980ern noch dieses Radio mit echten Charakteren erlebt zu haben. Mein „John Peel“ hieß Michael Rüsenberg, hockte beim WDR und durfte spät abends  Jazz und Artverwandtes handverlesen und klug kommentiert in den Äther schicken. Dass Redakteure heute nicht mehr diesen Handlungsspielraum haben, trägt natürlich zur Verarmung der Musiklandschaft bei.

EAL: Das ist vollkommen richtig, in einer auf Kommerz gedrillten Welt – sogar die öffentlich-rechtlichen Radiostationen steigen ja seit langer Zeit munter auf diesen Wettbewerb ein – sind den Machern zunehmend die Hände gebunden. Musikalische Tiefenkenntnis lohnt sich finanzpolitisch betrachtet für einen Journalisten leider kaum noch. Aber dass wir auf diese Weise in unser Gespräch einsteigen hat selbstredend seinen handfesten Grund: Ihr aktuelles Album, „In der Hitfabrik“. Dort sezieren, entlarven und, ja, verspotten Sie die modernen Auswüchse der Musikindustrie. Da auch ich in gewisser Weise weiterhin Teil dieser Musikindustrie bin kann ich den meisten Ihrer Beobachtungen nur zustimmen…

FJ: Was ich als besonders frappierend empfinde ist, dass sich in der Musikindustrie im Kleinen genau das zeigt, was wir gesamtgesellschaftlich im Großen erleben: Eine Kluft tut sich auf. Alles wird immer kommerzorientierter, was insofern noch okay wäre, wenn wirklich alle im Musikbetrieb was davon hätten. Stattdessen aber machen einige wenige „Player“ den großen Reibach, während eine ganze Heerschar kleinerer Musiker ziemlich strampeln muss, um überhaupt noch über die Runden zu kommen. Das ist besonders bitter, weil selbst ich als „nicht-kommerzieller“ Komponist und Produzent Musikern und Sängern inzwischen sagen muss: „Liebe Leute, ich sehe keine Chance irgendjemanden in Plattenfirmen oder Radio für euer Können und eure Ideen zu begeistern. Das Aufnehmen und Pressen von CDs könnt ihr euch eigentlich sparen, denn die liegen doch nur bei euch zu Hause rum und so viele Tanten und Omas zum Beschenken habt ihr auch nicht.“ Nur wer wie ich in der glücklichen Lage ist, eine kleine und feine Marktnische wie den „Ritter Rost“ gefunden zu haben, hat heutzutage die Möglichkeit, nebenher auch noch etwas nach seinem eigenen Geschmack zu machen.

EAL: Wobei das doch kein so neues Phänomen, oder? Klar, es gibt jene mutigen Gestalten, die alles auf eine Karte setzen und fast verrecken an dieser Mischung aus Enthusiasmus, Illusion und Naivität. Viele große Errungenschaften der Menschheit beruhen bekanntlich auf solchen Charakteren, erst vor einigen Tagen sah ich eine Dokumentation über Charles Goodyear, den Erfinder der Kautschuk-Vulkanisation, dem wir u.a. unsere Auto- und Flugzeugreifen zu verdanken haben. So richtig Spaß – gesundheitlich und finanziell – hat der auch nicht gehabt an seiner Errungenschaft. Goethe konnte doch nur deswegen so unfassbar viel Zeug raushauen, weil er einem wohlhabenden Elternhaus entstammte, andere Bestseller wie John Grisham oder „unser“ Frank Schätzing  haben ihren literarischen Erfolg ebenfalls nur aus der finanziellen Sicherheit anderer Broterwerbe heraus erzielen können. Und sogar Schauspieler wie George Clooney, Brad Pitt oder Johnny Depp geben offen zu, dass sie nur deswegen ab und an künstlerisch ambitionierte Filme machen können, weil sie nebenbei dauernd in etwas plumperen, aber sehr einträglichen Blockbustern auftauchen.  Erliegen Sie und ich da also vielleicht nicht einfach einem Hirngespinst, indem wir uns ausmalen, dass irgendwann und irgendwo alles einmal besser und einfacher war? Ist der Beruf „Künstler“ nicht vielmehr schon  immer ein brutales Wagnis gewesen…?

FJ: Ein wahrscheinlich größeres als heute, wenn man an Franz Schubert oder Charlie Parker denken, deren Kunst wir zwar bewundern, in deren Haut wir aber nicht wirklich gesteckt haben möchten. Was mich erstaunt, ist die Ignoranz mit der Radio, Plattenfirmen und in deren Folge auch das Publikum handwerklich und künstlerisch guten Sachen begegnen – die meisten Hörer sind offensichtlich ganz zufrieden mit dem „slime oozing out from your TV set“ (Frank Zappa).

jan2 jan4EAL: Zurück zu Ihrer „Hitfabrik“. Die gefällt mir auch deswegen so gut, weil sie musikalisch sehr elegant umgesetzt ist, mit Piano und Bläsern etc., zugleich aber in einer fast durchweg ironisch-sarkastischen Sprache verfasst ist. Ein seltsamer, aber ganz wunderbarer Widerspruch, da schmeichelt sich einer instrumental ein, kommt dann aber, wenn man bereits denkt „Hach, watt schööön“ mit dem Holzhammer um die Ecke…

FJ: …das muss sein, entspannen kann man ja in der Sauna, ich brauche einen aktiven Hörer als Gegenüber. Vor wenigen Wochen war ich übrigens so was von sauer: Bei den Leverkusener Jazztagen hatte am Ende des sensationellen Sets von Esperanza Spalding bereits die Hälfte des Publikums den Saal verlassen, das wäre zwanzig Jahre früher wohl so nicht passiert. Musika-lische Wellness ist den meisten Hörern heute wichtiger als Können, Vitalität und Intelligenz.

 EAL: „Musikalische Wellness“, das ist gut. Und erinnert mich ein wenig an meine Wolf Biermann-Platten. Wenn ich die auflege, geht meine Freundin – eine an sich durchaus kulturbeflissene Frau – auch aus dem Zimmer. Und wenn sie mich fragt, ob ich das, was der Biermann da macht, etwa „schön“ finde, dann sage ich zumeist: „Nein. Deswegen höre ich es ja so gerne.“ Für mich muss Kunst immer ein wenig wie Sport sein. Wenn es nicht zumindest ein wenig anstrengt, ist es sinnlos…

FJ: Ja, die Arbeit macht mir dann keinen Spaß, wenn ich weiß, dieser musikalische Job ist nur ein mäßiger Soundtrack zu mäßigen Gefühlen, die mittelmäßige Menschen haben. Für andere in meiner Branche hingegen ist genau dies das Berufsziel: Zu 100 Prozent das mit Text und Musik untermauern, was in den Köpfen einer statistisch definierten Zielgruppe vorgeht, die vollständige Eliminierung der Kunst durch die Betriebswirtschaft.

EAL: Melodiös betrachtet trifft ihr Song „500 Prozent“ meine persönliche Wellness-Area komplett. Sie singen dieses Lied aus der Sicht eines etwas in die Jahre gekommen Mannes, der auf Teufel komm raus ins Rampenlicht will. Mir fällt beim Hören ab und an der berühmte „Moviestar“ von Harpo ein, der thematisch ja gar nicht so anders gelagert war damals. Ebenfalls hervorzuheben ist der Song „Die Kugel“. Denn die kann man sich als Künstler, vor allem als junger, heutzutage nur noch geben, so ihre Botschaft. Sei es aus purer Verzweiflung oder aber um Aufmerksamkeit zu generieren und so zumindest posthuman noch die eine oder andere Platte zu verkaufen. Gab es so etwas wie einen Hauptimpuls, der zu dem Konzept der „Hitfabrik“ führte?

FJ: Die inzwischen reale, totale Verfügbarkeit jeglicher Musik ohne nennenswertes Entgelt über Spotify oder YouTube ist definitiv ein Einschnitt in der Musikgeschichte. Deswegen war dieses Konzeptalbum für mich eine wichtige Wegmarke: Wenn das Musikgeschäft sowieso durch den Wind ist, kann ich doch machen, was ich will. Und da ich via „Ritter Rost“ über das nötige Kleingeld verfüge, leiste ich mir auch so ein Album. L’art pour l’art. Mit tollen Musikern tolle Songs aufnehmen. Der Spaß, den mir die Studioarbeit daran (so etwa zwei Jahre) gemacht hat, ist unbezahlbar.

EAL: Sie haben zweimal den „Bundeswettbewerb Chanson“ gewonnen, in den Jahren 1987 und 1989. Danach allerdings haben Sie sich ein wenig aus dem Rampenlicht zurückgezogen und vor allem im Hintergrund als Komponist, Autor und Produzent gearbeitet. Erst seit dem vergangenen Jahr sind Sie nun wieder verstärkt auf Bühnen zu finden (Tourneeplan 2013). Erklären Sie mir diesen fast 20jährigen „Rückzug“, ein wenig. Immerhin haben sie damals so renommierte Bühnen wie das „Unterhaus“ in Mainz oder das „Renitenz-Theater“ Stuttgart bespielt und fanden auch bereits in Funk und Fernsehen statt. Es lief also alles bestens und nach Plan…

FJ: So etwa 1995 habe ich nach 10 Jahren Live-Auftritten den Rückzug angetreten, wirklich genau in dem Moment, als eine „Karriere“ hätte beginnen können. Doch das Touren lässt eben wenig Zeit zum Komponieren und dies ist mein eigentlicher Beruf. Darum: Häusliches Leben auf dem Lande, eine liebe Frau, eine tolle Tochter und jeden Morgen noch vor dem Rasieren zwei Stücke im Bademantel komponiert oder Demos in den Computer hineingesungen. Ist das nichts? Von meiner Persönlichkeit her hätte ich wahrscheinlich gut ins 17. Jahrhundert gepasst: Alessandro Felice Gianossa, barocker Komponist, geb. 1642 in Neapel, gest. 1712 ebenda, schrieb 87 Opern und 35 Messen, daneben Vokal- und Klaviermusik, bekannt heute lediglich durch die schwungvolle Ouvertüre zu seiner Oper „Attilas Rache“. Dass ich jetzt nicht barocke Opern schreibe, sondern die vielen Kindermusicals und Hörspiele rund um den „Ritter Rost“, ist für mich eigentlich kein großer Unterschied.

EAL: Apropos „Ritter Rost“ – wie fühlt es sich denn an nach all der Zeit wieder auf der Bühne zu stehen und einen doch recht heftigen Tourplan abzuarbeiten…?

FJ: Es macht mir mehr Spaß als früher, weil ich weder finanziell noch vom Zuspruch her wirklich darauf angewiesen bin. Stress entsteht durch Erfolgsdruck, viele Künstler verbiegen und verdrehen sich, wollen auf Teufel raus nur noch beim Publikum „ankommen“. Es gibt so viele deutsche Comedians oder Musiker, die ich anfangs nett und sogar intelligent fand – nach drei Jahren Fernsehpräsenz sind sie meist nur noch ein Abziehbild ihrer selbst. Doch nochmal zum Touren zurück: Weniger wichtig als der Auftritt ist für mich das Rumkommen, Schauen und Zuhören: Meine Skizzenbücher sind nach ein paar Tagen Tour immer voll.

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EAL: Oh ja, ein aus meiner Sicht sehr wichtiger Bestandteil der Künstlerexistenz. Wer nichts erlebt und nichts sieht kann auch nur in abstruser Abstraktheit verharren. Auch ein Grund, warum ein „normaler“ Broterwerb keine so schlechte Idee ist. Sie selbst sind von Haus aus Musikpädagoge, wie auch Ihre Frau Musiklehrerin ist. Das ist von daher ganz interessant, da just unser vorheriges großes Interview mit dem Liedermacher Carsten Langner stattfand. Und der plädierte dafür, dass Eltern ihre Kinder nicht so sehr in die Musikschulen drängen, da das zumeist nur Nachteile bringt. Gut, nicht jeder verfügt über das offensichtliche Talent von Herrn Langner, der als Autodidakt so lange Mey-, Wader- und auch Zuckowski-Lieder nachgespielt hat, bis er es einfach drauf hatte. Und natürlich hat er in seinem Statement auch vor allem beschrieben, wie es ihm persönlich ergangen ist. Aber liegt er nicht auch ein wenig richtig mit seiner Meinung, dass derjenige, der Musik in sich trägt, ganz von selbst dahin gelangen wird? Oder brauchen wir doch einen eher stärkeren musikpädagogischen Ansatz wie es zum Beispiel in Schweden der Fall ist?

FJ: Als Autor von ganz vielen musikpädagogischen Werken muss ich Herrn Langner natürlich voll widersprechen. Wir brauchen eine noch bessere Musikausbildung an den Unis, mehr Musikunterricht in den Schulen, musikalische Kompetenz in den Kindergärten und vor allem müssen die Eltern begreifen, wie wichtig Musik für die Persönlichkeitsbildung ist. Doch meist heißt es nur: „Ah nä, der Kevin soll jetzt Noten schreiben lernen? Da kenn isch doch auch nix von!“.  Die Wertschätzung des Schulfachs Musik ist in Deutschland katastrophal, da wird die geistige Trägheit von vielen Eltern vorgelebt.  Schweden ist ein gutes Gegenbeispiel, ich habe auf YouTube gerade drei junge Typen aus Stockholm erlebt, die heißen „Dirty Loops“ und spielen Jazz-Funk wie die jungen Götter, gibt’s hier in Deutschland nicht, diese Kombination aus Können und purer Spielfreude.  Man kann ohne stramme musikalische Ausbildung problemlos ein Zuckowski werden, aber sicher nicht ein Jamie Cullum oder gar ein Lang Lang.

EAL:  An was für einem Punkt stehen denn Sie persönlich gerade? Ist die „Hitfabrik“ eine berufliche Neubestimmung für Sie? Oder eher ein kleines Intermezzo, bevor es zurück geht in die düsteren Hinterzimmer der Musikindustrie…?

FJ: In die Musikindustrie geht es nicht zurück, weil es ja außerhalb der Casting-Shows im TV nur noch wenige Aufträge für Songs, Texte oder Arrangements gibt. Jeder schraubt sich heute seine Musik am häuslichen Computer irgendwie zusammen, und so klingt es dann auch meist. Die „Hitfabrik“ ist für mich ein echter Neustart, drei weitere Alben („Ein Mann, ein Flügel“,„Giftschrank“ und „Raucher und Verbrecher“) liegen schon bei mir auf dem Mischpult, die ich auch sukzessive veröffentlichen werde. Vermutlich aber nicht mehr alle als reale CD, sondern nur noch als Download. Dann liegen die CDs nämlich nicht mehr bei mir zu Hause herum. Und so viele Tanten und Omas zum Beschenken habe ich auch nicht mehr.

Website: www.janosa.de

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 17. Januar 2013 von in 2013, Artikel & Interviews, I-L, Janosa, Felix, Liedermacher, Uncategorized und getaggt mit , , , , , , , , .
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