Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Schweden: Herman Dune – Strange Moosic

hdune

von David Wonschewski

Ein eher unfreiwillig durchgeführtes Experiment bringt es an den Tag: Von drei Personen, die unabhängig voneinander zufällig zugegen sind, als der Plattenrezensent etwas achtlos das aktuelle Herman Dune-Werk „Strange Moosic“ im Hintergrund dudeln lässt, wollen drei auffallend schnell wissen, was für eine tolle Band denn dort ihre digitalen Boxenrunden dreht. Drei dieser drei Personen können mit der daraufhin gegeben Antwort „Herman Dune“ – über zehn Jahre Bandbestehen hin, über zehn Jahre Bandbestehen her – schlichtweg gar nichts anfangen. Und zumindest zwei dieser drei Personen erwecken den Eindruck, als seien sie bei aller Begeisterung auch nicht willens, sich diesen Namen dann zumindest ab jetzt zu merken.

Was sagt uns nun all das über Herman Dune? Nun, vermutlich sagt es uns vor allem, dass diese Combo um den schwedischen Singer/Songwriter David-Ivar Herman Dune es sich so unfassbar zwischen allen Stühlen bequem gemacht hat, wie wir es ansonsten vielleicht allenfalls noch von 22-Pistepirkko behaupten können, jener ebenfalls skandinavisch-schrulligen Alternativband, die es geradezu ergreifend weit gebracht hat für eine Band, die es, tja, irgendwie nie zu etwas gebracht hat. Ein Widerspruch? Mitnichten, wie nun auch an Herman Dune und ihrer „Strange Moosic“ erneut leicht nachzuempfinden ist, ist doch auch dieser (im Übrigen gleich mehrfach von John Peel geadelte) Anti-Folk teilweise so angenehm aufgezogen, dass es zunächst schwerfällt zu glauben, dass Herman Dune einen Großteil ihres seltsamen Geheimtipp- und Kultstatus auch ihrem Hang zur offenherzigen „Do It Yourself“- Produktion zu verdanken haben. Und so braucht es in der Tat eine gute Zeit, bis David-Ivar Herman Dune und sein Drummer Cosmic Newman auch auf „Strange Moosic“ zeigen, dass sie von dieser lustvollen Sperrigkeit auch bei all der hier praktizierten hörfreundlichen Eingängigkeit im Grunde kein Stück abgerückt sind. „Tell Me Something I Don’t Know“, der Opener und zugleich eines der Highlights der Platte, lässt mit seiner distanzierten Eigenironie Querverbindungen zum großartigen 2006er Werk „Not On Top“ zu, auf dem David-Ivar Herman Dune den in Anti-Folk-Kreisen gar nicht einmal so seltenen Ansatz zelebrierte, sein eigenes Versagen ins Zentrum jeglicher Betrachtungen zu stellen. Textlich und tonal im überraschend breiten Kreativland zwischen den Mountain Goats und Jeffrey Lewis angesiedelt ist es vermutlich just dieses Bekenntnis, den Anforderungen des modernen Lebens so gar nicht gewachsen zu sein, welches verhindert, dass aus Herman Dune eine kommerziell erfolgreichere, auf ausgetrampelten Akustikpfaden dahergeschlichen kommende Weichwaschvariante wird, deren gottverdammten Namen sich denn auch gottverdammte Mainstreamfreunde denn einmal merken könnten.

„You say Why don’t you go down to the record store?”, hören wir David-Ivar dementsprechend im bereits erwähnten Opener “Tell Me Something I Don’t Know“ ein kurzes Gespräch aus seinem Alltag wiedergeben, ein Gespräch, welches offensichtlich mit dem Ziel geführt wurde, ihm die Ernüchterung und die Langeweile aus den Knochen zu jagen. Doch David-Ivar mag nicht hinunter in den Plattenladen gehen: „I say every new band feels like I heard them before/You say I should have lived a hundred years ago/ Tell me something I don’t know“. Und auch wenn die textliche Idee, sich als ein musikalisch etwas aus der Zeit gefallener Kauz zu begreifen, nicht sonderlich neu ist, so bringen Herman Dune das Kunststück auf die Reihe, dieses durchaus fatale Lebensgefühl mit einer emotional tiefschichtigen Tragikomik zu überziehen, zu der auf cineastischer Ebene allenfalls noch ein Woody Allen fähig ist. Oder – noch passender – ein Buster Keaton es dereinst war. Und so ist es kein Wunder, dass der Hörer sich bereits nach wenigen Songs selbst dabei beobachten kann, wie er lachen und weinen zugleich will, wie er hochgradig amüsiert und tief betroffen ist von der ganzen Trostlosigkeit des Individuums, die Herman Dune hier so fein ziseliert und frei von jeglichem Düsterpathos auf uns träufeln. Auf „Liebeslied“ getrimmte Stücke wie das nach herrlich billiger Rummelplatz-Atmosphäre duftende „The Rock“ oder das als Uptempo-Nummer daherkommende, aber von einer unfassbar bitteren Einsamkeit durchzogene „Be A Doll And Take My Heart“ geraten dabei zu Meisterstücken eines gelebten Emotions-Eskapismus, wie er tatsächlich ansonsten kaum zu finden sein dürfte in der aktuellen Musikszene und von dem sogar zu vermuten ist, dass es Herman Dune sind, die diesen introspektiv-fragilen Klangstrang überhaupt erst begründet haben.

Wem Worte nun nicht ausreichen, um die seltsame Ausstrahlungskraft von Herman Dune nachzuvollziehen, dem sei ausnahmsweise das Musikvideo zu „Tell Me Something I Don’t Know“ ans blutende Herz gelegt. Ein Musikvideo, welches in seiner DIY-Simplizität und – sagen wir es ruhig – bewusst kitschigen Dämlichkeit doch tatsächlich zu Tränen zu rühren vermag.

Zum Videoclip von Herman Dune: HIER entlang.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 18. Januar 2013 von in Internationale Szene.
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