Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Der EAL-Tagesgedanke. Homo Homini Lupus. Oder: Me and Miss Elvers-Elbertzhagen.

sws

Der folgende Artikel hat bereits einige Wochen auf dem Buckel. Fand seinerzeit jedoch, wenn ich es so sagen kann, überraschend viele Leser und wurde offenbar gerne in Netzwerken herumgereicht. Gerne möchte ich ihn nun an dieser Stelle „aufwärmen“. Schließlich verschwinden Probleme selten, indem man – nein, WIR – einfach wegsehen. Oder gar zur Tagesordnung übergehen. Und so las ich also heute, dass Jenny Elvers-Elbertzhagen sich zurückmeldet. Wochen nach ihrem seltsamen Auftritt im NDR, der sie als Alkoholikerin entlarvte. Und der dazu führte, dass sie einen selten diffamierenden Shitstorm erleben musste. Dieser Auftritt kursiert noch im Netz, aber ich werde ihn nicht verlinken. Wer mag, kann ihn sich suchen. Aber sich bitte dabei überlegen, ob er das aus Gehässigkeit tut. Oder um zu verstehen was Leid und Leere aus Menschen machen kann. Und wie die Umwelt, die wir alle immer nur als „die Anderen“ titulieren, daraus macht.

„Ich wollte mich totsaufen“ wird Frau Elvers nun zitiert. Und weit davon entfernt ein Gutmensch zu sein bin ich doch erneut betroffen von ihrer Geschichte. Und wie die Menschen darauf reagieren. Da sitzt jemand betrunken und derangiert live im Fernsehen – und wird brutal gerichtet. Untenan also erneut mein Text. Vielleicht lernen wir, vielleicht lerne ich ja zukünftig etwas daraus.

Ihr David Wonschewski

Homo Homini Lupus

Und so trug es sich zu, dass ich dieser Tage in den einschlägigen sozialen Netzwerken und sogar manchen TV-Programmen vermehrt auf zwei bizarre Filmschnippsel gestoßen wurde. Das eine zeigte den Sänger Mark Medlock, der erbost von der Bühne herab ein johlendes, pfeifendes und lästerndes Publikum beschimpfte. Der andere Videoclip hingegen entstammte der N3-Show von Bettina Tietjen, die auf ihrem roten Sofa eine auffallend derangierte Jenny Elvers zu Gast hatte.

Eines düsteren Humors nicht unverdächtig machte ich mich sofort daran, die diversen Kommentare zu studieren, die sich längst unter beiden Clips ausgebreitet hatten. Und während ich fast an die hundert Bemerkungen zum unflätigen Verhalten von Herrn Medlock und dem vermuteten Drogenkonsum von Frau Elvers las, fühlte ich mich herausgefordert. Doch Kreativität hin, Galgenhumor her – wirklich jede Pointe schien längst gemacht, jeder noch so billige Dreh bereits von diversen Vorpostern verwirklicht. Und so saß ich also dort und durfte resigniert feststellen, dass mir einfach kein Zusatzwitz mehr einfallen wollte. Kein eloquent-cleveres Sätzlein, mit dem ich der Welt zeigen konnte, wie formidabel mein Humor und wie intakt mein moralisches Selbstverständnis ist.

So verronnen die Sekunden, wertvolle Lebenszeit vergurkte ich mit der Betrachtung eines weißen Kommentarfeldes, das vergeblich auf meinen Humor wartete. Und so geschah es, dass mir etwas klar wurde, was uns Menschen leider viel zu selten klar wird: Was für ein ekelhaftes und selbstgerechtes Arschloch ich doch sein kann. Ohne es freilich auch nur im Ansatz zu bemerken.

Mit dieser noch schemenhaften Selbsterkenntnis im Gepäck studierte ich die vielen Kommentare erneut. Und wurde von einem misanthropischen Würgereflex ergriffen, den ich in meinem Roman „Schwarzer Frost“ doch so oft herbei zu führen versuche. Hundert Kommentare, geschrieben mit faden Nicknames, aus der vermeintlichen Sicherheit der eigenen vier Wände heraus. Das Auftreten von Frau Elvers und Herrn Medlock kann selbstverständlich beanstandet werden, doch rechtfertigt das Fehlverhalten der „Stars“ doch niemals unser eigenes Fehlverhalten. Wer, so lässt sich also fragen, ist eigentlich diese bornierte Gesellschaft, über die wir alle immer schimpfen? Wer sind diese „anderen Menschen“, über deren kaltes Verhalten wir so oft die Köpfe schütteln? Wer sind die Kleingeister, die Spießbürger, die Moralheuchler, die unser aller Leben so schwierig machen?

Die Antwort ist einfach: Wir selbst sind es. Wir alle. Wir sind nicht Deutschland, nein. Wir sind ekelhaftes, verlogen heuchlerisches Mehrheitspack. Und bemerken es nicht einmal.

Und jene “anderen” – tja, die gibt es wohl gar nicht.

Nun, ich habe dann doch noch meine eigenen gehässigen Witze in den Foren und Kommentarfeldern hinterlassen. Und manches „like“ abgesahnt, auch diverse „hihi, der war gut“ wurden mir gutgeschrieben. Ich bin und bleibe also ein lustiger Bursche, der alles im Griff hat, jederzeit.

Und so freue ich mich auch schon jetzt auf den Moment, in dem in der Zeitung zu lesen sein wird, dass jemand wie die Elvers sich eine letzte tödliche Dröhnung gesetzt hat. Und einer wie der Medlock am Stricke baumelnd aufgefunden wurde. Aus den Fällen “Enke” und “Seidel” kann schließlich jeder seine Lehren ziehen – warum also sollte gerade ich mein Verhalten wirklich ändern, wo das allen anderen offensichtlich ebenfalls viel zu langweilig ist?

Entsetzt werde ich einfach „Oh nein!“ rufen. Und ganz pikiert den Kopf schütteln. Ich werde wieder seitenlange Essays verfassen, über die Entfremdung der Menschen voneinander, über das Erkalten der Emotionen. Und „homo homini lupus!“ werde ich wissend ausrufen und dabei ganz clever und weise aus der Wäsche schauen, als personifiziertes Weltgewissen.

Super wird das werden. Denn genau das ist der Vorteil unserer bigotten Heuchlerei: Man stirbt nicht dran.

Der Roman “Schwarzer Frost” von David Wonschewski erschien am 28. November im Verlag Periplaneta. Mehr Infos zu diesem von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlenem Roman finden Sie HIER.

(Das oben abgebildete Cover entstammt dem aktuellen Album der Swans, “The Seer”. Ein, wie bemerkt werden darf, Meisterwerk zeitgenössischer Songkunst.)

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