Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Der EAL-Tagesgedanke. Heute: Meine erste Platte.

suli-wien

von Suli Puschban, Liedermacherin aus Berlin (zur Homepage von Suli Puschban)

Ich kann mich nicht erinnern.
An meine erste Platte. Ehrlich nicht.
Ich bin Musikerin, ich muss mich doch erinnern können! Immer wieder lese ich Artikel von anderen Musikerinnen und Musikern.
Sie sagen: »Meine erste Platte war tralala.«
»Aha«, denke ich. »Und meine?«
Ich habe unter der Kompaktstereoanlage meines Vaters gelegen und Platten gehört. Ich weiß es genau. Bob Dylan, Neil Young, Joni Mitchell. Aber an meine erste Platte kann ich mich partout nicht erinnern. Nicht mal an das Geschäft in dem ich sie gekauft habe.
Ich erinnere mich daran, dass ich endlich den Führerschein hatte und mit dem roten R4 meiner Mutter fahren durfte. Mein Bruder stieg mit einer Cassette ein, die den kleinen Rekorder selbstverständlich überforderte.
»Hör mal«, sagte er.
Queen. Bohemian Rhapsody.
Ich dachte, lustig, wie Comics als Musik.
Mein Bruder hatte immer interessante Musik dabei, mein Bruder, dem so vieles zerbrach in den Händen, geliehene Squashschläger, Autos, Musikinstrumente.
Er legte Yes auf, John Coltrane und Pink Floyd.
Ich zupfte an meiner Gitarre, versuchte meine Finger zu einem Barrégriff zu überreden und wenn nicht, dann hörte ich Marianne Faithfull, die Indigo Girls, Rickie Lee Jones.
»And I won’t need a pilot. Got a pirate who might sail«, sang sie mir vor und knackte.
Ich erinnere mich, dass ich im Wohnzimmer meiner besten Freundin Tina stand, die mit ihrer Mutter und Großmutter zusammenlebte. Ich liebte die Mutter, die Künstlerin in Sachen Porzellan war und verehrte die Großmutter, die einen dschungelartigen Wintergarten pflegte. Niemals wieder schmeckte die Sacher-Mischung so wie von der Großmutter zubereitet. Wir hörten uns durch die Plattensammlung der Mutter: David Bowie, Bob Dylan wieder, Laurie Anderson. Als Tracy Chapman für uns sang, waren wir sprachlos.
Tina ist Fotografin geworden. Die schönsten Fotos, die es von mir gibt, sind von ihr. Sie hat den Blick ins Innere. Sie macht meine Augen grün.
Wenn ich zurückblicke, während ich durch meine Platten blättere, sind meine Erinnerungen süß. Sie hängen an der Musik wie Spinnen im Netz, die wippen, wenn der Wind Bilder vorbei weht, wie Preisschilder an alten Kleidern, die man immer noch gern trägt.
Nun lege ich die entscheidende Platte auf: Element of Crime. Damals hinterm Mond.
»Endlich«, dachte ich. »Geht doch.«
Deutsche Texte, die nicht befremden, sondern befreien. Ich erinnere mich an dieses Gefühl: eine Weite, die es zu beschreiten gilt. Pfadloses Land. Vielleicht war das meine erste Platte. Die erste, die mir Mut machte, Lieder in deutscher Sprache zu schreiben.
Der R4 meiner Mutter ist schon lange verschrottet, die coole Revolverschaltung mit ihm im Grab, die Cassette ist Vergangenheit. Nur Vinyl bleibt bestehen und knistert weiter.
Ich leg noch eine auf.
»Long may you run.« Neil Young.

Suli Puschban, Liedermacherin, Wienerin in Berlin, beweist mit ihren Liedern, dass Musik grenzenlos bleibt: Alter, Sprache, Melodie, man kann immer noch weiter gehen beim Singen. Und sie tut es.

Foto: Tina Dietz
Können Sie sich noch an ihre erste Platte erinnern? An jene Songs, die Sie am stärksten geprägt haben und die Sie bis heute begleiten? Ob Musiker oder nicht: Schreiben Sie darüber und lassen Sie uns Ihre Erinnerungen zukommen – wir freuen uns!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. Januar 2013 von in Liedermacher, Literatur, Kabarett & Hörbuch., M-P, Puschban, Suli und getaggt mit , , , , , , , .
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