Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Der EAL-Tagesgedanke. Heute: Der HEINRICH wird die Welt verändern.

grohm

von Guido Rohm, Schriftsteller

Zugegeben, seit unsere Straße eine Währungseinheit bildet, geht es mit uns bergab. Man wollte zusammenstehen, wollte durch dick und dünn, um als Wirtschaftsriese die Stadt zu beherrschen. Und dann das? Niemand – außer uns – will die Währung HEINRICH akzeptieren. Gehen wir zum Einkaufen und blättern der Verkäuferin siebenundvierzig HEINRICH und dreißig ERICH hin, blickt sie verdutzt auf die Ansammlung Papierschnipsel, die von uns höchstselbst beschrieben wurden. Das ginge nicht, schüttelt sie ungläubig den Kopf. Hier müsse man mit Euro bezahlen.

Euro besitzen wir nicht, weil wir das Geld in HEINRICH umwandeln, indem wir Euroscheine mit weißer Farbe anmalen, ausschneiden und beschriften. (Die Kinder haben Spaß an der Arbeit. Sie unterstützen uns, wo es nur geht und behaupten, das wäre das erste sinnvolle Tun, seit sie uns kennen.)

Es gibt bereits erste Pläne, sollte unsere Währung weiterhin nicht akzeptiert werden, die Stadt (nachts, während sie schläft) zu überfallen. Ein blitzartiger Angriff, um unsere Währung salonfähig zu schießen. Sind wir erst die neuen Herren, wird es ein Ende mit dem Euro haben und der HEINRICH wird endlich seinen Siegeszug antreten.

Geschäfte wickelt man noch am besten mit der Stationierung eigener Truppen ab. Muss der Partner erst in den Lauf einer Waffe blicken, wird er sich rasch unserer Meinung anschließen. Er wird einsehen müssen, dass der HEINRICH die einzige Waffe im Kampf gegen eine drohende Krise ist, eine Waffe, die nicht versagen wird, weil der HEINRICH von uns nicht nur wirtschaftlich betrachtet wird, sondern auch ideologisch, was ihm einen großen Vorteil verschafft.

Momentan stellen wir nur eine geringe Anzahl HEINRICHs her, weil wir eine Inflation verhindern wollen. Der HEINRICH muss etwas wert sein. (Welch ein tollkühner Plan, eine neue Währung aus einer alten herzustellen, um so nicht nur die neue allmählich zu etablieren, sondern weil man die alte Scherenschnitt um Scherenschnitt sterben lässt. Wir werden nicht ruhen, bis alle Euroscheine weltweit in HEINRICHs umgewandelt wurden.)

Für den Nachmittag steht ein Treffen im DAVOS an, der Stammkneipe unserer Währungsunion, deren Wirt eine hervorragende Auswahl an Musik-CDs bereit hält, so etwa die Hits von Bata Illic, dessen “Das Finanzamt ist pleite” wir beinahe auf jeder Versammlung rauf und runter spielen. (Unsere Frauen sind ganz wild darauf. Aber wir auch, vor allem, wenn wir über die Pläne sprechen, wie die Demokratie in unserer Straße abgeschafft werden könnte. Bei solchen Besprechungen ist deshalb nicht jeder dabei, nur die Elite der Straße, also der Georg und ich.)

Ich denke schon, dass sich der HEINRICH über kurz oder lang durchsetzen wird, auch wenn es Stimmen gibt, die vor uns warnen. Der HEINRICH wird zu einem systemrelevanten Gut werden und wird Europa vor dem endgültigen Absturz in die Niederungen der Bedeutungslosigkeit bewahren.

Unsere Straße ist ein Zusammenschluss starker Partner, die von Georg und mir angeführt, nichts und niemand zu fürchten braucht, zumal die Russen inzwischen mit im Boot sitzen. (Zwei Familien sind vor drei Wochen in eine der Wohnungen an der Kreuzung Felsenkeller/Trimburgstraße eingezogen. Vom Feiern verstehen sie was, wie uns ihr Dauergekreisch auf dem Balkon verrät.)

Georg und ich wollen sie zum nächsten Treffen im DAVOS einladen. Mit den Russen an unserer Seite, werden wir nicht mehr aufzuhalten sein.

Besser also, Sie entscheiden sich bereits heute für den HEINRICH. Dann können sie irgendwann wenigstens behaupten, sie wären von Anfang an dabei gewesen.

Er kam, sah und schrieb. Der Schriftsteller Guido Rohm , geboren 1970, lebt und raucht in Fulda. Romane von ihm tragen sensible Titel wie „Blut ist ein Fluss“ und „Blutschneise“.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 27. Januar 2013 von in 2013, Artikel & Interviews, Literatur, Kabarett & Hörbuch., Uncategorized und getaggt mit , , , , , .
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