Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Das Potsdamer Chansonfestival. Eine Handfestlichkeit.

Potsdamer_Chansonfestival_Schlosstheater

von David Wonschewski / Fotos: Christoph Freytag

Es lässt sich kaum anders sagen – kulturell betrachtet ist Potsdam schon ein höchst seltsames Fleckchen. Auf der einen Seite gesegnet mit reichlich Historie, reichlich Schönheit, sehr viel Pomp und nicht selten – Ost-Vergangenheit hin, Ost-Vergangenheit her – gar einem heiteren Schuss Dekadenz. Dann aber wieder kann diese brandenburgische Hauptstadt sich wohlgefällig in den Hüften wiegen, wie sie möchte – ihre regionale Nähe zur Weltmetropole Berlin schwebt über ihr wie das wohlbekannte Schwert des Damokles. Warum, so eine durchaus berechtigte Frage, sich also mitsamt seinen kulturellen Ideen im in seiner Schönheit stets leicht erstarrt wirkenden Brandenburg niederlassen – wenn die wuselige Kapitale doch so nah liegt? Ähnliche Überlegungen dürften auch den Chansonnier HADI und den Veranstalter und Promoter Juan Carlos Risso umtrieben haben, als sie vor zwei Jahren das Potsdamer Chansonfestival etablierten und somit einen vitalen Höhepunkt des ansonsten eher klassisch geprägten, brandenburgischen Kulturkalenders boten.

Ein Gespräch mit zwei Kreativköpfen  – über kulturelles Engagement,  ganz eigene künstlerische Ambitionen und, tatsächlich, Tanz & Tango. Geführt in Berlin, Prenzlauer Berg.  An einem wolkenverhangenen  Tag und inmitten der gemütlichen Atmosphäre eines Cafés am Senefelder Platz.

       

Ein Achtel Lorbeerblatt (EAL): HADI, Juan – ihr beide veranstaltet jedes Jahr das Potsdamer Chanson-Festival – wie kam es dazu? Wie wird man, wie im Falle von HADI, vom Künstler zum Organisator?

Juan Carlos Risso (JR): Nun, geboren wurde die Idee vor einigen Jahren an einem sommerlichen Tag im Innenhof des Schlosshotels Cecilienhof in Potsdam. Wir spielten schon seit längerer Zeit mit dem Gedanken, eine Plattform für Singer/Songwriter-Musik zu schaffen, um die Kolleginnen und Kollegen aus den Eckkneipen-Auftritten zurück auf die große Bühne zu holen. Übrigens – Glückwunsch zu Eurem neuen Magazin. Eine sehr gelungene Idee und sicherlich notwendig für unser schönes Genre. JR Promotions machte für das Schlosshotel seinerzeit eine monatliche Veranstaltungsreihe. Die Direktorin des Hotels bot dann großzügig an, im Falle eines Festivals die anreisenden Künstler – denn diese kommen ja aus dem gesamten deutschsprachigen Bereich – kostenfrei im Schlosshotel unterzubringen. Diese Zusage war der Auslöser. Und HADI hat ja nicht nur selbst an einigen Wettbewerben teilgenommen, sondern auch in der Regel einen großen Teil seiner Konzerte organisiert. Künstler und Organisator, das fällt da nicht weit auseinander.

EAL: Das  stimmt und fällt natürlich auch mir auf. Gut, dass Singer/Songwriter per se viel selbst machen gehört auch ein wenig zu den Grundtugenden des Genres, wird gerade in organisatorischen Auftrittsfragen aus meiner Sicht aber eher ad absurdum geführt. Da stehen sich viele vermutlich auch selbst im Weg. Und auch im modern-medialen Bereich erscheint mir bei vielen Musikern – Danke für die Vorschuss-Lorbeeren übrigens – tatsächlich viel Luft nach oben zu sein. Nun ist es aber vermutlich gar nicht so arrogant,  an dieser Stelle zu fragen, warum ihr mit einer solchen Veranstaltung nicht nach Berlin „emigriert“. Oder werdet ihr etwa vom brandenburgischen Kultusministerium gefördert?

(beide lachen)

HADI: Wir wünschten, wir würden… Aber ganz im Ernst. Da wir weder ein Verein sind – wir zahlen alles selbst – noch in Potsdam wohnen, stehen uns viele  Töpfe nicht offen. Tatsächlich ist es jedoch nicht möglich, ein solches Festival dauerhaft ohne Förderung durchzuführen. Wir haben neben der kostenfreien Unterbringung des Cecilienhofs einige Sponsoren, die Sachspenden geben oder mit Dienstleistungen unterstützen. Darüber hinaus sind alle Beteiligten kostenfrei dabei. Das gilt nicht nur für die Teilnehmer selbst, sondern auch für die Jury, die Moderation, die Tontechnik bis hin zu weiteren Helfern. Aber auch wir haben, darüber freuen wir uns sehr, monetäre Unterstützung. Seit zwei Jahren sind wir in der Lage, durch die Förderung der Paul Woitschachstiftung des Deutschen Komponistenverbandes auch Geldpreise zu vergeben – und natürlich nicht  zu vergessen unsere jährliche Trophäe. Wir wollen, dass die mal so wertvoll sein wird wie der Oscar beim Film! (lacht)

Warum wir nicht in Berlin sind? Nun, zum einen wegen der Zusammenarbeit mit dem Schlosshotel, zum anderen gibt es in Berlin ja bereits ein schönes Festival, und schließlich ist Potsdam einfach ein fantastisch schöner Ort: Die Künstler wohnen im Schlosshotel und treten auf im barocken Schlosstheater – das hat doch was, oder?

Potsdamer_Chansonfestival_2011_PLatz_Eins_Gordon_November
EAL: Absolut, die Fotos von Christoph Freytag, die wir hier auch sehen, die hätten in Berlin aus den verschiedensten Gründen in der Form wohl nicht entstehen können. Aber mal Hand aufs Herz – wie schwer ist es, Jahr für Jahr gute Kandidaten für diese Veranstaltung zu finden? Ertrinkt ihr in Bewerbungen und habt dann die Qual der Wahl? Oder ist die Quantität wesentlich höher als die Qualität? Wie ist da eure Erfahrung?

JR: Wir haben immer eine gute Anzahl von Bewerbungen, so in der Regel um die achtzig jedes Jahr. Aber es dürfen ruhig auch mehr werden. Die Qualität variiert, aber insgesamt stellen wir immer wieder fest, wie viele tolle Musikerinnen und Musiker da draußen hervorragende Arbeit machen. Es fällt uns jedes Jahr schwer, aus den Bewerbungen die Finalisten auszuwählen, wir würden gerne mehr einladen. Nichts desto trotz wollen wir aber alle Kolleginnen und Kollegen ermuntern, sich zu bewerben und auch gerne, wenn’s einmal halt nicht klappt, mehrfach. Wir planen, noch einiges mehr durchzuführen als „nur“ das Chansonfestival. Da ist es dann toll, viel Musik zu kennen. Und: Auch unser Wettbewerb steht und fällt mit der Musik – wir freuen uns also auf viel Gutes.

EAL: Was habt ihr als Organisatoren eines solchen Festivals für einen Eindruck von der Wahrnehmung der Liedermacherszene? Dieses Magazin hier wurde ja zum Beispiel aus dem Bewusstsein heraus gegründet, dass es medial unsagbar schwer ist, als Liedermacher eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. Wie sieht es da bei euch aus? Lauft ihr überall offene Türen ein oder merkt ihr auch, dass da ganz schön viel gebügelt und Klinken geputzt werden müssen, um sich Gehör zu verschaffen?

JR: Bügeln und Klinkenputzen! Wir können Dir nur zustimmen – daher, nochmals Danke fürs Magazin. JR Promotions ist ja auch mit Tango unterwegs. Es ist erstaunlich, um wie viel einfacher es ist, für Tango Interesse zu wecken. Immerhin schaffte es HADI mehrfach mit seinem deutschen Tangoprogramm sogar in die Berliner Philharmonie – ob das mit Chanson möglich wäre, lassen wir mal offen. In vielen Fällen können sich die Menschen unter dem Begriff „Chanson“ nichts vorstellen. Bestenfalls fällt ihnen dann noch die Piaf ein. Wenn es dann gar um Liedermacher geht, dann geht schnell die „politische Klappe“ runter. In der Tat, es ist nicht so leicht, mit Singer/Songwritern wahrgenommen zu werden. Wenn jemand übrigens ’ne tolle Idee für eine Alternative zum Begriff „Deutschsprachiges Chanson“ hat, so sind wir für Vorschläge sehr dankbar. Aber wir sind guten Mutes. Inititiaven wie Eure hier zeigen, dass das Interesse immer noch da ist. Das Publikum ist in der Regel nach unseren Veranstaltungen begeistert, wir merken ja auch, dass das Potsdamer Chansonfestival jährlich größer wird. Und aktuell finden immer mehr Songs aus dem Singer/Songwriter-Metier den Zugang zu den Charts und damit auch ins Radio – das macht echte Hoffnung.

EAL: Das mit dem Tango interessiert mich nochmal, da wir hier in diesem Magazin ja auch im Folk unterwegs sind – und damit fast zwangsläufig auch immer wieder eine kleine Schlagseite in Richtung Weltmusik haben. Im Übrigen auch ein ganz schauerlicher Begriff, viel zu verwaschen und aussagelos, da müßte auch mal was Neues her… Da ich nun ganz hervorragend Eins und Eins zusammenzählen kann, schaue ich bei dem Wort Tango zunächst einmal eher Dich und nicht HADI an, Juan…

JR: Klar, als Argentinier bin ich natürlich mit dem Tango verbunden. Ich vertrete ein sehr erfolgreiches Tango-Ensemble hier in Berlin, Cantango Berlin. Mit Cantango Berlin schaffte ich gemeinsame Auftritte mit HADI, der das Ensemble mit einem Repertoire deutscher Tangos der 20er und 30er Jahre ergänzte und mit diesem Programm auch in der Berliner Philharmonie auftrat und auftritt. Außerdem bin ich Mit-Initiator und Namensgeber der „tangonale – das Sommerfest der Tangokunst“ in der ufa-Fabrik. Dieses Sommerfest wurde im vergangenen Jahr gestartet mit großem Erfolg. Auf diesem Festival wiederum wurde das Theaterstück „Cafetin del Sur“ aufgeführt (ausverkauft – was uns natürlich freute). Das Stück ist eine Collage aus Musik, Tanz und Schauspiel – HADI spielt darin die Hauptrolle.

Potsdamer_Chansonfestival_2011_Jury

EAL: Und – HADI selbst schreibt ja auch Lieder, seine wirklich hervorragende CD „Alles Liebe!“  hat nur einen großen Haken – sie ist von 2007. Wann kommt denn da was Neues?

HADI: Danke fürs Kompliment. Du hast Recht, die CD ist schon einige Jahre alt. Aber unsere Art von Musik wird ja im Gegensatz zu den Lady Gagas da draußen nicht ranzig! (er grinst breit) Nun, ich habe zur Zeit einige Projekte. Da gibt es die Zusammenarbeit mit dem Berliner Symphonie Orchester, mit dem ich im Dezember in der Philharmonie auftrat, dann spiele ich im Tango-Theaterstück „Cafetin del Sur“ im April wieder die schauspielerische Hauptrolle, im Sommer moderiere ich die „tangonale“ in der ufa-Fabrik, Berlin. Aber im Dezember geht es dann wieder so richtig ins Chanson: Ich habe das große Vergnügen, ein Programm zusammen mit Rainer Bielfeldt zu machen, auch in der ufa-Fabrik. Es wird eine Mischung aus Theater und sehr viel schöner Musik. Übrigens neu geschrieben, vielleicht gibt es dann ja mal wieder eine neue CD. Auf jeden Fall freu ich mich schon drauf.
Ach ja…. und in enger Zusammenarbeit mit Juan ist ein Roman entstanden… natürlich eine musikalische Geschichte… darüber muss ich aber derzeit noch schweigen – auch wenn das so einem Zirkuspferd wie mir natürlich schwer fällt… (beide lachen)

EAL: Ich nehme dich beim Wort und hoffe auf ähnlich schwelgerisch-elegante Momente, wie es sie auf deinem Debüt zuhauf gab und gibt. Was würdet ihr selbst jungen, nachrückenden Liedermachern eigentlich empfehlen? Ergibt es wirklich noch Sinn, viel Geld und Mühen darauf zu verwenden, im Radio gespielt zu werden oder von einem Majorlabel mit einem Vertrag ausgestattet zu werden? Oder tickt diese wunderbar handgemachte Szene nicht schon längst sehr abgelöst davon, eher digital?

HADI: Eine Empfehlung abzugeben, ist natürlich immer schwer. Es gibt genug Beispiele für beide Wege – sowohl für den „selbstgemachten“ als auch für den vom Majorlabel geführten. Das ist wohl auch immer eine Sache der Persönlichkeit. Allen denjenigen, die sehr freiheitsliebend sind, ist wohl eher zu empfehlen, selbst Hand anzulegen und die Möglichkeiten der digitalen Vermarktung zu nutzen. Natürlich ist es auch schön, einigermaßen von einem Label gebettet zu werden. Das bedeutet aber nicht automatisch das große Geld. Ein echtes Erfolgsrezept ist, sich selbst treu zu bleiben. Also nicht vermarktungsorientiert zu produzieren. Wer Trends nachmacht, rennt diesen nur hinterher.

EAL: Wobei die Kunst vermutlich in dem Spagat besteht, sich selbst treu zu bleiben und zugleich flexibel und offen für Optimierungsansätze zu sein. Als langjähriger Radiomacher bin ich selbst, das gebe ich zu, eher skeptisch, selbst wenn ein Song ein oder zweimal bei einem Das Beste aus den 80ern, den 90ern und von Heute – Stationen gespielt wird oder würde. Ich bezweifle, dass das einem Liedermacher außer der Befriedigung einiger nostalgischer Gefühle viel einbringen wird. Und auch was den Plattenvertrag betrifft, klar Madonna ist Madonna, Prince ist Prince und Radiohead sind Radiohead und damit jenseits jeglicher Diskussion. Aber ihre Gründe sich aktiv und fast aggressiv gegen ihre Label zu stellen und zu sagen:
Euch braucht keine Sau – das hat schon Signalwirkung… Aber sprechen wir lieber wieder über Euer Festival. Ein kleiner Ausblick noch auf 2012 – auch da wird es das Potsdamer Chansonfestival wieder geben. Auf was dürfen wir uns denn da freuen, könnt ihr schon was sagen?

JR: Nun, derzeit sind wir natürlich noch in der Planungsphase. Auf jeden Fall wollen wir auch in 2012 das Festival wieder durchführen. Gerne können uns Interessierte jetzt schon ihre E-Mail- Adresse geben, damit sie umgehend informiert werden, wenn die Bewerbungsfrist läuft. Und natürlich freuen wir uns auch über Unterstützer. Wir haben eine tolle neue Idee fürs Festival in petto, die aber noch nicht spruchreif ist.  (beide schmunzeln) Na, wenn das nicht ausreicht in unsere Mailing-List zu wollen, dann wissen wir es auch nicht!  Im Ernst: Wir freuen uns, mit vielen Interessierten in Kontakt zu treten, um die Liedermacherszene wieder zu beleben. Denn eines ist sicher: Der Bedarf nach Authentizität, nach echten Musikern, nach Liedern, die etwas aussagen, dieser Bedarf ist da und ist groß – wahrscheinlich wird er sogar immer größer. Wenn wir alle in diesem Genre ein funktionierendes Netzwerk schaffen, dann können wir uns gegenseitig helfen.

EAL: Besser könnte das Leitmotiv von Ein Achtel Lorbeerblatt nicht zusammengefasst werden, Juan! Also, wir freuen uns, von nun an Teil dieses Netzwerks zu sein, freuen uns natürlich noch mehr, wenn wir, sobald es in die heißere Phase geht, wieder vermehrt mit euch Kontakt haben können, um euer Engagement medial zu unterstützen. Tja, und als ganz einfacher Freund des gepflegten Chansons und des aufrührenden und aufrüttelnden Liedermacherstücks sage ich: Danke, dass ihr der Szene einen so wichtigen Impuls gebt! Hach, und wo wir gerade so schön pathetisch unterwegs sind und so euphorisch zusammensitzen – ein ganz großes Dankeschön für das Gespräch und die vielen Einblicke.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 10. Februar 2013 von in 2012, Artikel & Interviews und getaggt mit , , , , , .
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