Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Die EAL-CD des Monats/Februar 2013: Walter Blau – Schon gehört?

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von David Wonschewski

Es gibt Werke, deren Reiz erschließt sich gerade in ihrer Unerklärlichkeit. Und „Schon gehört? „, das Debüt der Heidelberger Band Walter Blau, ja, das gehört mit Sicherheit zu genau dieser seltsamen Spezies. Denn, sagen wir es ruhig, zunächst wäre es fast untergegangen. Im Haufen der inzwischen doch etlichen beim Lorbeerblatt eintreffenden Mails, im Chaos der sich wöchentlich mehrenden Anfragen.

Ja, es ist lediglich einer Laune des Schicksals zu verdanken, dass just als „Schon gehört?“ dem sich hier Artikulierenden angeboten wurde, das laue Lüftchen einer kurzmomentigen Pause durch dessen Zimmer schwang. Welch‘ glückliche Fügung, so darf im Nachhinein nun konstatiert werden.

Nein, wirklich die Muße sich eine unbekannte Band aus Heidelberg anzuhören hat er in jenem Moment nicht gehabt, der ach so vielbeschäftigte Schreiber dieser Zeilen.  Schließlich warten diese Wochen mit weitaus größeren Namen auf: Wader, Maurenbrecher, Wenzel – sie alle veröffentlichen gerade neue Werke, frisch und ungebändigt. Und mit all ihrer so traditionell zäh-zärtlichen Wucht. Sie alle rufen nach Beschäftigung, nach Inbrunst, nach Hingabe. Was kann da schon ein „Walter Blau“ – vor allem, wenn er zu einer ziemlichen Unzeit des Weges kommt?

Nun, um es direkt zu sagen: Verdammt viel kann er, dieser Walter. Das erste Querhören von „Schon gehört?“, ja, das mochte vielleicht noch nahezu pflichtschuldigst erfolgen. Doch schon kurz darauf keimte dieses viel zu selten erlebte Gefühl auf. Ein Gefühl das besagt, dass da was ist in diesen Songs. Etwas, das sich eben nicht schnell dechiffrieren und erklären lässt. Ein Charme, eine simple Verlockung, die dem hingebungsvoll Horchenden einflüstert, dass ein zweiter, diesmal kompletter und intensiverer Lauschdurchgang vielleicht „gar nicht schaden“ könnte. In der Selbstbeschau erfahrene Plattenhörer kennen und erkennen dieses Verhalten: Es ist der Anfang einer mittelschweren Begeisterung.

Und mit einem Male dann die Erkenntnis: Walter Blau – das Trio aus einer Dame und zwei Herren verschweigt die Herkunft dieses eigentümlichen Bandnamens beharrlich – tragen eine Frische in und durch ihre Songs, die der Liedermacher- und Chansonszenerie verdammt gut tun. Was dort 13 Lieder lang zwischen Gitarre, Bass und Cajon, zwischen Saxophon, Trompete und Melodicaund zwischen Glockenspiel und (aber ja doch!) Salatlöffel an Spiellust abgeliefert wird, das ist endlich einmal nicht getragen, nicht schwermütig, ja nichteinmal sonderlich kopflastig. Und doch so weit entfernt von der Beliebigkeit billig produzierten Plastiks. Nein, da sind drei unbekannte Musiker, deren Songs kommen so unsagbar unaufgeregt daher, dass es fast schon wieder aufregend ist.

Sicher, man kann Sebastian Heintel, Patricia Engelmann und Christian Koch so einiges vorwerfen. Dass sie gesanglich doch arg oft an Hartmut Engler, den Sänger von PUR, herankommen. Dass sie in Songs wie „Die Ruine“ oder vor allem „Der Kapitän“ an die paar großen „Shanty“-Klassiker von Reinhard Mey erinnern (Wir erinnern uns? „Der Steuermann lügt, der Kapitän ist betrunken und der Maschinist in dumpfe Lethargie versunken…“). Und dass ein Ohrwurm wie „Habt ihr gehört?“ mit dem angenehmen Nebeneffekt aufwartet, doch endlich einmal wieder in Konstantin Weckers sadopoetische Gesänge hören zu wollen. Dass ihre Lieder kaum Ecken und Kanten vorweisen kann ebenfalls kritisch und mit erhobenem Zeigefinger hervorgebracht werden und dass „Schon gehört?“ somit unterm Strich zu einer Platte gerät, die mit dem Prädikat „für die ganze Familie“ versehen werden kann. Alles das kann man Walter Blau vorwerfen. Um dann, zwischen Hördurchgang zehn und zwanzig, dennoch zu kapitulieren. Und zuzugeben, dass Hartmut Engler nun einmal eine wahnsinnig vielseitige und geile Stimme hat und man kein versoffener Russe sein muss, um bei Shanties das stolz-melancholische Schunkeln zu bekommen. Dass ein Wecker als Fernreferenz, wenn auch eher textliche, gar nicht so übel ist. Und Lieder, bei denen Oma genauso gerne hinhört und mitsingt wie Mama, Papa und der kleine Sohnemann anstatt „unhip“ vielleicht auch einfach einmal ein Adjektiv wie „schön“ verdient haben.

„Habt ihr gehört?“, der Opener der Platte, ist schlichtweg unentrinnbar und kratzt partiell etwas an der Gesangstechnik eines Ludwig Johann Trommsdorff. „Der Kapitän“ geht allenfalls in den ersten zwei Minuten als Karnevalsnummer durch, „Comics und Pinups“ zelebriert die Kunst des nostalgischen Midtempo-Songs und das ruhige „Ich bin hier“ plätschert einem derart eintönig und wie „schon tausendmal gehört“ durchs Hirn, dass am Ende – ja, soetwas gibt’s! – nichts anderes bleibt als ein heftiges Gefühl von zu Hause. Ein seltsamer Song, wahrlich nicht sonderlich kreativ – und doch ausgestattet mit jener seltsam-abstrakten Wucht, die Lieder ab und an immer weiter wachsen lässt in unserem Kopf. Weiter und weiter.

Das Werkzeug, mit dem Walter Blau hier operieren, ist dabei eines, von dem wir gar nicht wissen wollen, ob es eher Zufall oder vielleicht denn doch taktische Erwägung ist: Naivität. Ja, Walter Blau kommen aus Heidelberg. Und ohne nun in jene grundlose Großkotzigkeit aller Großstädter zu verfallen – eine so wunderbar frische Platte wie „Schon gehört?“ hat mit Sicherheit nur in einer vergleichsweise provinziellen Gegend wie eben Heidelberg erwachen können. Unvorstellbar, dass künstlerisch-alternative Knubbelpunkte wie Hamburg, Berlin oder München ein solches Werk jemals hätten entstehen lassen können. Viel zu sehr auf Trend, viel zu sehr auf Hype und viel zu sehr auf abgefahren wird ein jeder Musiker hier gedrechselt, verformt vom Markt, von den Gesetzen der Clubs und vom Gefühl nun aber ganz nah dran zu sein am großen Ding.

Bei Walter Blau merkt man von alledem nichts. Walter Blau klingen wie (ja, verdammt!) ganz normale Menschen, die gar nicht wirklich vorhaben ihre Songs auf die Welt loszulassen. Ja, eine solche Attitüde sollte normal sein. Doch genau das ist sie nicht, ist sie niemals. Es ist die Ausnahme. Und damit automatisch auch ein klein wenig: die ganz große Kunst.

Fazit: Ein unerwarteter Volltreffer. Abgefeuert aus der Deckung, abgegeben aus dem Hinterhalt. Und nicht zuletzt auch durch diesen Überraschungsfaktor um Haaresbreite vor dem wieder einmal furios auftrumpfenden Wenzel zur „CD des Monats“ gekürt.

www.walterblau.de

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