Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Who’s That Man – A Tribute To Conny Plank

connyplank

Weder Liedermacher noch Chansonnier steht Conny Plank (dennoch) für einige der artifiziellsten Klangwerke, die je in unserem Lande produziert wurden. Eine neue CD huldigt diesem nun wahrlich bahnbrechenden Produzenten, so dass wir uns sehr gerne genötigt sehen dieser Veröffentlichung auch an diesem Orte ein wenig Platz einzuräumen.

Mit Dank an Fabian Broicher / www.alternativmusik.de

Wenn man sich in den Siebzigern für anspruchsvolle und artifizielle Musik interessierte, kam man an einem Namen nicht vorbei: Conny Plank. Dieser stand meist klein gedruckt auf der Rückseite des Covers oder auf dem Label, hinter der etwas merkwürdigen Angabe „Produced By“ versteckt. Doch den Argusaugen der Plattenkäufer entging die häufige Erwähnung dieses Namens nicht, und mit jeder neuen Aufnahme von experimenteller Rock- oder elektronischer Musik, die auf den Markt kam und von Plank produziert worden war, wuchs sein Ansehen als Liebhaber und Umsetzer guter Musik. Ein Starproduzent eben, lange bevor es den Begriff überhaupt gab. Nun erfährt der Deutsche posthum eine längst überfällige Huldigung in Form eines Boxsets.

Eigentlich ein Mammutunterfangen, unlösbar wie eine Sisyphos-Aufgabe, das extraordinäre Schaffen Planks auf vier CDs zusammenzufassen, schließlich war Plank bis zu seinem Tod 1987 an weit über hundert Aufnahmen beteiligt, schmückte alle möglichen Stile meisterhaft klanglich aus und brachte unzählig viele Steine ins Rollen. Mit Brian Eno musizierte er, verhalf Neu! und Kraftwerk zum Erfolg (letzteren sogar zum Namen) und blieb sich dabei immer treu. Im liebevoll aufgemachten und mit tollen Bildern versehenen Booklet schildern teils amüsante Anekdoten davon, wie er Größen wie David Bowie den Zutritt zu seinem Studio verwehrte oder sich schlicht weigerte, mit jemandem wie Bono Vox von U2 zusammenzuarbeiten. Solche Geschichten, teils von Weggefährten erzählt, untermauern nur abermals Planks einzigartigen Charakter. Dass er sich gleichzeitig nicht zu schade war, auch Künstler wie die Bläck Fööss (rheinische Stimmungskapelle) oder die Scorpions aufzunehmen und abzumischen (und zwar ziemlich gut), spricht fürderhin für ihn.

Doch Grönland löst diese Aufgabe gut, indem auf den ersten beiden CDs vor allem die elektronische Seite Planks vorgestellt wird. Beginnend mit Arno Steffens Hörprobe, ein lustiges Intro einer meisterhaften Platte, Schlager – wer erinnert sich noch an Supergut, ne? – die bislang noch nie auf CD erschien, ausschließlich aus gesampelten Geräuschen bestand und von der ich mir noch ein paar mehr Stücke gewünscht hätte, bietet die Zusammenstellung einen tollen Überblick über Planks bekannte und weniger bekannte Arbeiten. Da gibt es das ungewohnt düstere Eurythmics-Stück Le Sinistre, den wilden Art-Punk der Psychotic Tanks (ebenfalls mit zwei Compact-Disc-Neuveröffentlichungen vertreten) und die damalige deutsche Skandalband D.A.F. Doch wo Planks bahnbrechender Erfindungsreichtum am besten zur Geltung kommt, sind die überlangen Krautrockstücke von Neu!, La Düsseldorf oder Michael Rother. Fast schämt man sich, Kompositionen wie Rothers Feuerland, das rhythmisch clever gestaltete Regenmacher von Roedelius oder die getragene Pianokomposition Leb Wohl von Neu! als Krautrock zu bezeichnen, scheinen all diese Songs doch von einer Ära der Zeitlosigkeit umgeben, die andere deutsche Musik aus der Zeit, selbst die von Can oder Tangerine Dream, etwas vermissen lässt. Und ich wage zu behaupten, dass dies nicht zuletzt dem großen Einfluss Conny Planks zu verdanken ist.

Außerdem kommt Plank auch als Performer nicht zu kurz, finden sich auf Who’s That Man einige seiner Kollaborationen sowie Stücke der Band Phew, die der Produzent damals mit Can-Mitgliedern gründete. Erneut fällt die Zeitlosigkeit auf, mit der die Songs aus den Boxen klingen. Die düstere, universelle, teils furchterregende Electronica-Tour de Force Pitch Control von Dieter Moebius, Mani Neumeier (von Guru Guru) und Plank eingespielt, klingt so, als wäre sie von Autechre oder Aphex Twin vor nicht einmal fünf Minuten einprogrammiert worden. Wieder zeigt sich Planks Einfallsreichtum, Klänge hervorzubringen und zu erzeugen, ganz deutlich – kein Wunder, dass er damals den Status eines Erfinders nachgesagt bekam. Eines verschrobenen zwar, der seine Goldenen Schallplatten auf dem Lokus auf hing und dadaistische Weihnachtslieder mit Whiskey zersetzter Grölstimme einsang (Deutsches Weihnachts Potpourri), aber eines revolutionären Erfinders.

Der revolutionäre Einfluss wird abermals auf der dritten CD verdeutlicht, auf der sich aktuelle elektronische Klangkünstler damit befassen, ausgewählte Plank-Produktionen zu remixen. So nimmt sich Sascha Ring alias Automat Broken Head von Eno / Moebius / Plank an, um es in ein groovendes Stück Trip Hop zu verwandeln. DJ Eye hievt Neu! mit seinem Remix von Für Immer auf die Tanzflächen der Clubs. Und der Kompakt-Label-Künstler Jens-Uwe Beyer schließt Tonträger Nummer drei mit einem achtminütigen stimmungsvollen Ambientklangmonolith, den er schlicht Conny Plank Rework taufte. Ein toller und lohnender Beitrag für den Plank’schen Klangkosmos, der ebenfalls leicht hätte schief gehen können. Dass Grönland ein äußerst geschmackvolles Händchen in der Auswahl der Reworker hatte, hört man den Mixen allerdings jederzeit an und somit bleiben eventuelle Peinlichkeiten von vorneherein auf der Strecke.

Mein persönlicher Höhepunkt dieser rundum gelungenen Box folgt jedoch erst mit CD vier. Dort findet man einen bisher unveröffentlichten Live(!)-Mitschnitt von Plank, Moebius und Steffen. Warum die Aufnahme, die 1987 während eines Konzertes in Mexiko entstand, so lange benötigte, um das Licht der Welt zu erblicken, ist mir aufgrund ihrer Qualität und der herausragenden künstlerischen Leistungen absolut schleierhaft. Zwar gibt es Abstriche in der B-Note aufgrund der Soundqualität, die natürlich nicht an die Studioaufnahmen heranreicht, doch um die faszinierend konstruierten Elektronikkompositionen zu begreifen und sich zu wünschen, dass man gerne dabei gewesen wäre, genügt es allemal. Dass es eigentlich vollkommen unmöglich scheint, Dinge wie Solarplexus oder Der Berg Ruft aufgrund ihrer bemerkenswert elektronisch verfremdeten Klänge live aufzuführen, ganz von den technischen Möglichkeiten vor fünfundzwanzig Jahren zu schweigen, macht das ganze Hörerlebnis zu einer faszinierenden Angelegenheit.

Also kaum ein Grund für den durchschnittlichen Musikliebhaber, diese Box nicht zu besitzen und sich an ihr zu erfreuen. Das schon erwähnte Booklet, liebevoll gestaltet und informativ, ergänzt dabei die Musik hervorragend und lädt immer wieder dazu ein, in ihm herumzublättern. Ein gerechtfertigtes Tribute, für einen der größten Produzenten seiner Zeit, der viel zu früh von uns ging, das sowohl Fans, als auch bislang von Planks Werk unberührte Leute ansprechen und zum genussvollen Hören einladen dürfte.

2 Kommentare zu “Rezension: Who’s That Man – A Tribute To Conny Plank

  1. fotografischewelten
    15. Februar 2013

    Da bin ich doch mal gleich in den Keller gegangen und habe nachgesehen, und hatte ich mich doch richtig erinnert, außer als Produzent der ersten Scorpions LP an die Band „Streetmark“ , auf ihrer silberfarbenen Platte „Dry“ hatte Konrad Plank auch seine Finger im Spiel. :-) Mal direkt wieder Zeit zum Anhören! Danke für den tollen Artikel.

    • achtellorbeerblatt
      15. Februar 2013

      Besten Dank! La Düsseldorf bringen im Übrigen auch bald ein neues Album heraus, läuft dann aber unter „Klaus Dinger & Japandorf“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 14. Februar 2013 von in Plattenbesprechungen und getaggt mit , , , , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: