Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Hannes Wader & Allan Taylor – Old Friends In Concert (VÖ: 01.02.2013)

wadtay

von Kristy Husz

Wader ist Wader ist Wader ist Wader. Einen hundertjährigen Gedichtvers Gertrude Steins variierend, lässt sich mit diesem Diktum zweierlei über Hannes Wader konstatieren: Er ist eine hinreichend erschlossene öffentliche Person, die bloße Namensnennung reicht aus, um Freunden der Liedermacher-Szene, Gesellschaftskritikern, Polit-Aktivisten und Gitarren-Enthusiasten ein Leuchten in die Augen zu zaubern. Und er ist ein Mann mit Rückgrat. Keiner konnte Wader je verbiegen; selbst in Zeiten, in denen ihm der Gegenwind mitunter recht harsch ins Gesicht bließ, blieb er immer er selbst.

Der skeptisch-trotzige Zupfgeigenhansl mit dem markanten Profil und der noch viel markanteren Stimme ist auf seine alten Tage – letztes Jahr wurde er siebzig – nicht ruhig geworden. Zum runden Geburtstag schenkte er sich und seinen Fans das Studioalbum „Nah dran“, davor tourte er unter anderem mit dem bayerischen Liedermacher-Urgestein Konstantin Wecker mehrmals erfolgreich durch die Lande. Und fand dazwischen Gelegenheit für eine Handvoll Live-Auftritte mit einem weiteren Freund, dem britischen Singer-Songwriter Allan Taylor.

Ein Mitschnitt jener kleinen Gastspielreise zeigt nun, dass das Ganze, frei nach Aristoteles, mehr ist als die Summe seiner Teile und viel Gutes entsteht, wenn man zwei rastlose Volkssänger gemeinsam auf die Bühne stellt. Unter dem an das Folk-Duo Simon & Garfunkel erinnernden Label „Old Friends“ firmieren sie, die sich in den achtziger Jahren in Dänemark das erste Mal über den Weg liefen, und versetzen dabei nicht nur zwölf Gitarrensaiten in luftige, harmonische Schwingungen, sondern zelebrieren eine Freundschaft mit historischen Dimensionen: Noch vor wenigen Dekaden hätten ihre Ahnen einander in den Schützengräben aufgelauert, heute wären die Nachkommen in der Liebe zur Musik friedlich vereint, wie Allan Taylor bei der Ankündigung des Tracks „Es ist an der Zeit / The Green Fields Of France“ dankbar bemerkt.

Die Silberscheibe wird, wie könnte es anders sein, allerdings mit „Heute hier, morgen dort / Day To Day“ eröffnet, Hannes Waders „signature tune“ vom LP-Klassiker „7 Lieder“ und unverzichtbarer Opener fast aller seiner Konzerte. In seiner ungebrochenen Strahlkraft höchstens zu vergleichen mit Reinhard Meys „Über den Wolken“ und Woody Guthries „This Land Is Your Land“, gibt der deutsch-englische Titel auch gleich die Richtung für viele andere Stücke auf der CD vor: Es sind meist zweisprachig intonierte Lieder aus dem Repertoire beider Troubardours, in denen sich Waders schweres, bluesiges Timbre und Taylors graziler Folk-Sound hervorragend ergänzen.

Zorn und Zynismus, seit seinem Durchbruch 1966 auf der Burg Waldeck eigentlich unverzichtbare Begleiter Hannes Waders, weichen hier einer gewissen Zärtlichkeit, am eindringlichsten vielleicht in Pete Seegers Antikriegsballade „Sag’ mir, wo die Blumen sind / Where Have All The Flowers Gone“. Schon allein, um Konzertperlen wie diese möglichst klar und deutlich bestaunen zu können, empfiehlt es sich deshalb, dem Album mit Kopfhörern zu lauschen. Nur so dringen all die feinen Nuancen eines intimen Liederabends ins Ohr, und nur so lässt sich verstehen, dass für „Taylor-Wader“ vor allem eines gilt: Glücklich ist, wer im Mai 2011 live dabei war.

http://www.hanneswader.de
http://www.allantaylor.com

Herbstgewitter – die Radiosendung rund um Liedermacher & Chansonniers. HIER reinhören!

11 Kommentare zu “Rezension: Hannes Wader & Allan Taylor – Old Friends In Concert (VÖ: 01.02.2013)

  1. maja
    2. Februar 2013

    ist doch klar, Du bist ja auch noch blutjung

  2. achtellorbeerblatt
    23. Januar 2013

    Und ich danke allen Beteiligten herzlich für diese Diskussion. Denn ich zumindest habe ein paar Wader-Infos bekommen, die ich bisher nicht hatte. So muss es sein, klasse!
    EAL/David

  3. maja
    22. Januar 2013

    Stimmt, ich geb dir recht, ich hab das verwechselt.
    ebenfalls liebe grüsse.
    maja

  4. K
    22. Januar 2013

    Hallo Maja,

    ich glaube, es ist hier zu unterscheiden zwischen „Zupfgeigenhansel“ und „Zupfgeigenhansl“. Die mit dem „e“ im Namen sind ein Folk-Duo, Letzteres ist dagegen ein Liederbuch der Wandervogel-Bewegung. Und weil Hannes Wader an die Tradition des Wandervogels anknüpft (zum Beispiel in „Heute hier, morgen dort“), Zupfgeige (= Gitarre) spielt und die Verniedlichungsform seines Vornamens nun einmal Hansl lautet, habe ich mir erlaubt, ihn in meiner Rezension als Zupfgeigenhansl zu bezeichnen. Das war, wie David schon sagte, aber keinesfalls herabwertend gemeint!

    Und dass Wader mit siebzig noch keine Ruhe gibt, finde ich grandios, so, wie ich es zum Beispiel auch bei Bob Dylan grandios finde, der sich ebenfalls in keine Schublade pressen lässt, rastlos Konzertbühnen beackert und weiterhin innovative Alben veröffentlicht. Gerade in unserer schnelllebigen, auf Jugend fixierten Zeit ist das eine Leistung, auf die man doch durchaus mal hinweisen darf!

    Liebe Grüße
    Kristy

  5. maja
    22. Januar 2013

    und noch ein schöner Kommentar aus der zeit zu diesem Artikel
    Folkzausel?

    Ein Blick in Wikipedia hätte geholfen:

    Er gilt neben Reinhard Mey und Konstantin Wecker, Dieter Süverkrüp und Gerhard Schöne als einer der letzten großen deutschen Liedermacher im traditionellen Sinne. Zunächst bekannt geworden als sozialkritischer Chansonnier, der Einfluss auf die Studentenbewegung ausübte, wandte sich Wader später dem traditionellen deutschen und plattdeutschen Liedgut zu. Seit Ende der 1970er Jahre begann er sich verstärkt als DKP-Mitglied zu engagieren und trat auf zahlreichen politischen Veranstaltungen auf. Arbeiterlieder und sozialistische Hymnen, die damals einen wichtigen Teil seines Repertoires ausmachten, trägt er heute allerdings kaum noch vor. Seit den 1990er Jahren interpretiert Wader verstärkt Werke von Dichtern früherer Epochen wie Joseph von Eichendorff oder Carl Michael Bellman.

  6. maja
    22. Januar 2013

    hier ist der Blog vom Folkzausel
    http://blog.zeit.de/tontraeger/2012/09/10/hannes-wader-charts_13999
    natürlich wird das auch wieder lieb gemeint sein.

    • achtellorbeerblatt
      22. Januar 2013

      Nun, ich persönlich finde, dass es immer auf den Zusammenhang ankommt. Und ja, auch in dem von dir verlinkten Artikel finde ich es daher nicht despektierlich, denn es ist ja ein lobender Artikel. Für die Damen und Herren der „Zeit“ trifft natürlich in noch größerem Maße zu, was ich bereits meinte: Sie schreiben nicht für eine Folk-Gemeinde, sondern für Leute, die ansonsten u.U. Lady Gaga hören.Und für deren Ohren wird ein Wader erstmal sonderbar klingen, sehr gewöhnungsbedürftig. Gut, das Adjektiv „alt“ hätte man durchaus weglassen können davor. Das hat aber, denke ich, weniger was mit alten Menschen zu tun, sondern findet sich in fast jeder Beschreibung, auch – mit anderen Worten dann, natürlich – bei jungen oder jüngeren Musikern. Es ist der Versuch, die Einzigartigkeit zu beleuchten, die Besonderheit. Liegt evtl auch daran, dass sich Musikjournalismus oftmals arg weit entfernt on einer nüchternen Schreibweise. Da wird eine „saloppe“ Benennung schnell zur Tugend, denn die Leser sollen unterhalten werden.
      Aber dass zumindest Wader „nicht gesehen“ wird, stimmt ja nun nicht. Die Zeit schreibt über ihn. Unter nicht gesehen werden verstehe ich wahrlich etwas anderes. Ich glaube viele junge Liedermacher gäben sonstwas dafür, würden sie mit dem Beinamen „Zausel“ in der Zeit auftauchen, oder?
      Aber wie gesagt, subjektive Meinung, kann man durchaus auch sehen wie du.
      Liebe Grüße!

  7. maja
    22. Januar 2013

    Sicher, wie du möchtest David, es ist aber wirklich wahr, wird man alt oder älter, wird man nicht mehr wahrgenommen, die Jugend bedenkt nicht, daß sie in 30/40 Jahren in den gleichen Schuhen stehen, wenn sie dann nicht schon liegen, nicht jeder wird 70. ich hab in einem blog gelesen,“ der alte Folkzausel“, das finde ich ebenfalls nicht unbedingt nötig. wir wissen ja, die Jugend bleibt nicht ewig.
    in unserer Gesellshaft will man mit Alten nichts zu tun haben, Konstantin Wecker sang mal in einem Lied vor Jahren ein Lied, ich weiß den Titel nicht mehr, Auszug:
    “ die Alten kommen ins industriegebiet,
    damit man unsre Alten
    nicht allzu häufig sieht……….

  8. maja
    22. Januar 2013

    Der skeptisch-trotzige Zupfgeigenhansl mit dem markanten Profil und der noch viel markanteren Stimme ist auf seine alten Tage – letztes Jahr wurde er siebzig – nicht ruhig geworden. Zum runden Geburtstag schenkte er sich und seinen Fans das Studioalbum „Nah dran“………..

    Meine Meinung: Zupfgeigenhansl ist eine Gruppe, die mit dem skeptisch-trotzigen mit dem markanten Profil eigentlich nichts zu tun hat. Und warum soll er ruhig werden weil er 70 geworden ist. Er liegt ja noch nicht im Grab. Ich sag ja immer, wird jemand alt, wird er beleidigt, oder nicht mehr beachtet oder gesehen.
    Hier wurde die CD „Nah dran“ ja schon erwähnt, das reicht ja eigentlich dann, Das Geschreibsel von mir ist ja somit eh überholt.

    • achtellorbeerblatt
      22. Januar 2013

      Hallo Maja,

      ich kann natürlich nicht für unsere Autorin sprechen, ich selbst fand den „Zupfgeigenhansl“ gar nicht despektierlich, sondern als nettes Synonym für die eigensinnige Eigenständigkeit von Herrn Wader. Also durchaus als Kompliment.Und dass er nicht ruhig geworden ist ist durchaus eine Erwähnung wert. Klar, die Liedermacher-Freunde wissen, dass Herr Wader wohl niemals „ruhig werden“ wird. Aber wir wenden uns ja auch – und vor allem – an Leute, die das Genre hoffentlich neu entdecken. Und gerade die denken, (leider mit Recht), bei 70jährigen Künstlern zumeist an Leute, die ihre 25ste Best Of-Sammlung aufbrühen. Das Liedermacher-Genre, so zumindest meine Meinung, darf sich hier glücklich schätzen. Und deine Worte zu „Nah dran“ haben sich natürlich nicht erledigt, Oder reicht eine Erwähnung, um nicht an anderer Stelle erneut und vertiefter darüber zu sprechen?

      Liebe Grüße

      EAL/David

  9. maja
    22. Januar 2013

    Reblogged this on da kriegste ja die Motten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 18. Februar 2013 von in Liedermacher, U-Z, Uncategorized, Wader, Hannes und getaggt mit , , , , , , , , .
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