Ein Achtel Lorbeerblatt

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Literaturrezension: Georg Northoff – „Das disziplinlose Gehirn“

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von Sandra Matteotti, Philosophin, Zürich

Kant kam doch aus Königsberg heraus und nimmt im Berlin unserer Tage an einer Tagung von Neurowissenschaftlern teil. Begleitet wird er von einem jungen Studenten, welcher zwar angetan von Kant ist, diesen aber im Namen der Neurowissenschaft widerlegen will. Dies ist die Rahmenhandlung von Georg Northoffs Buch über die Suche nach dem Bewusstsein. Auf amüsante und gut lesbare Art stellt Georg Northoff die heutigen Erkenntnisse der Hirnforschung dar, zeigt auf, was durch Experimente beobachtet werden kann und wo diese Experimente ihre Grenzen haben. Diese  Erkenntnisse werden quasi durch Kants Augen kritisch beäugt, indem die Begrifflichkeiten genau geprüft werden und darauf geachtet wird, dass es zu keinen falschen Zuordnungen kommt. Es soll ja alles seine Ordnung haben.

Wo aber findet sich nun das Bewusstsein? Im Gehirn? Im Verstand?

Unser Student würde jetzt wohl sagen: „Dann müssen wir im Gehirn selbst schauen, und das können wir am besten durch Beobachtung.“

„Da werden Sie nicht viel sehen“, würde Kant erwidern. „Nichts als Neuronen und Aktivität. Weder Einheit noch Bewusstsein.“

„Nein“, kontert der Student, „das lasse ich so nicht stehen. […]“

Northoff führt uns in seinem Buch in die moderne Neurowissenschaft ein, geht dabei auf Erkenntnisse durch Experimente von anerkannten Forschern ein und zeigt – vermittelt durch Kants kritischen Blick – deren Ergebnisse und auch deren Grenzen auf. Der Leser gewinnt so auf spielerische Weise Einblick sowohl in die Empirie des Gehirns wie auch in die transzendentale Philosophie Kants. Während man im Vorbeigehen noch einiges über die Lebensumstände und die Biographie des Königsbergers Philosophen erfährt, nähert man sich Schritt für Schritt dem Bewusstsein.

Anhand von anschaulichen Beispielen wird deutlich gemacht, wie das Gehirn funktioniert, was im Gehirn abläuft, wenn wir etwas wahrnehmen, etwas in unser Bewusstsein dringt oder eben nicht. Man sieht das Gehirn als Teil einer Einheit mit der Umwelt, mit welcher es interagiert. Diese statische Umwelt-Gehirn-Einheit macht denn auch deutlich, dass es nicht nur Hirn oder Umwelt ist, sondern beide, dass es nicht nur Neurowissenschaften oder Philosophie braucht, sondern eine Verbindung der beiden, wenn man dem Bewusstsein auf die Schliche kommen will. Empirie und Erkenntnis in Verbindung und nicht im erbitterten Kampf um den Thron und die Herrschaft über die andere Wissenschaft.

Negativ aufgefallen an dem Buch sind mir einzig die vielen Wiederholungen, teilweise innerhalb eines Absatzes fast derselbe Satz zweimal. Auch hat der Übersetzer oder Korrektor nicht immer ganz sauber gearbeitet, da teilweise Wörter fehlen, wodurch der Sinn gerade umgedreht wird, sprich, das Falsche ausgesagt. Dass es das Falsche ist, ergibt sich aus der Logik des Textes, dazu müsste man nicht mal Kenntnis der Materie haben. Aus dieser heraus ist es aber offenkundig. Dies nur ein kleiner Makel an einem sonst herausragenden Buch.

Fazit:

Fundierte Einführung in ein komplexes Thema auf amüsante und lesbare Art. Wissenschaft kann unterhaltsam und muss gar nicht trocken sein. Absolut empfehlenswert.

Angaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 312 Seiten

Verlag: Irisiana Verlag 2012

Preis: EUR: 22.99 ; CHF 36.90

Sandra Matteotti denkt stetig und ohne Grenzen, mal allein, mal im Diskurs, oft still, manchmal laut, geradeheraus und um Ecken herum. Nachzulesen auf www.denkzeiten.com

Ein Kommentar zu “Literaturrezension: Georg Northoff – „Das disziplinlose Gehirn“

  1. emsemsem
    23. Februar 2013

    Falls es jemanden interessiert: Auf http://www.jedemdasmeine.de kann man in Kostproben die Bekanntschaft mit meinem ganz persönlichen Kant machen.

    Herzliche Grüße

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. Februar 2013 von in Literatur, Kabarett & Hörbuch., Uncategorized und getaggt mit , , , , , , .
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