Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Der EAL-Tagesgedanke. Heute: Von ehrlichem Lachen und aufrichtiger Angst.

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von David Wonschewski, Musikjournalist & Schriftsteller

Ab und an entsinne ich mich noch jenes Tages, an dem zum ersten Mal eine Waffe auf mich gerichtet wurde. Und die Augen desjenigen, der diese Waffe hielt, mich geradezu anglotzten, verzerrt von Wut und Schmerz. Ich entsinne mich nicht oft daran, habe diesen Moment erfolgreich verdrängen können, ihn abgelegt im Regal unerwünschter Erfahrungen. Und doch ist er noch da, wie permanent zum Zugriff bereit, immer und überall.

Ich trage ihn mit mir herum.

Dabei war alles so untypisch gewesen, an jenem Tag und in jenem Moment. Und so anders  als ich es erwartet hätte. Denn damals, als ich zum ersten Mal in die zu allem bereite Mündung eines Maschinengewehrs blickte, hat die Sonne geschienen. Und eine friedvolle Ruhe lag über der Stadt. Ja, die Sonne hat wahrhaftig im Zenit gestanden, kraftvoll und blendend.  Mit ihren Strahlen hat sie die vielen Dattel und Avocado Haine in prächtige Farben getaucht – und auch mir die Haut mit einem goldbraunen Glanz überzogen. Vollkommen geräuschlos waren die ersten Stunden jenes Tages an uns vorübergestrichen, hatten weder Lärm noch Laute gekannt, weder Flüche noch Schreie. Und waren stattdessen wie taub durch uns hindurchgesickert, als stumme und blendende Zeit.

In jenen Wochen waren wir viel durchs Land gereist, Boris und ich. Waren zunächst an der Küste gewesen, später in den Bergen. Und erst zum Abschluss dann auch im Landesinnern, inmitten der Hauptstadt. Wir hatten bereits vier oder fünf Tage in einem Gästehaus verbracht, nur wenige Meter entfernt von der ehrwürdigsten aller Mauern, da  hatte Boris mit einem Male diese Idee gehabt. Die Idee in den Ost-Teil der Stadt zu reisen. Und noch daüber hinaus. Ich war sofort begeistert gewesen davon, hatte, so erinnere ich mich, sogar einen kleinen Freudenschrei ausgestoßen. War mir doch klar gewesen, dass ich auf eigene Faust niemals dorthin gefahren wäre. So aber machten wir uns gemeinsam auf, rafften nur die nötigsten Utensilien zusammen, stopften sie in unsere Rucksäcke und liefen hinüber zum zentralen Busbahnhof. Bestiegen dort eines dieser Sammeltaxis. Und fuhren los. Einfach so, als ginge es nur hierhin oder dorthin. Doch das ging es nicht, natürlich nicht. Wir machten uns nicht einfach auf in einen anderen Ort, sondern in eine andere Welt.

Und ja, sie zeigte sich sogleich von ihrer anderen Seite, diese Welt. Noch im Taxi wurden wir von Jugendlichen stürmisch begrüßt, die schnell mitbekamen von wo wir stammten. Und die uns sogleich und freudestrahlend zuriefen: Hitler! Hitler! Sie lachten dabei, nicht so hinterhältig und verschlagen wie sie sonst immer lachen auf der Welt, wenn wir mit unserer klammen Historie des Weges geächzt kommen. Nein, hier lachten sie ehrlich und aufrichtig. Boris und ich, wir hatten nicht gerechnet mit einer solchen Aufrichtigkeit und so blieben wir die ganze Fahrt über stumm, quälten uns angesichts weiterer begeisterter Hitler-Bekundungen hilflos das ein oder andere Lächeln aus dem Gesicht – und stoben davon, kaum dass wir am Zielpunkt angekommen waren. Es sollte noch oft geschehen, dass wir auf diese Weise frenetisch begleitet wurden. Schulkinder rannten uns in Scharen hinterher, erkannten offenbar an unserem Gang, an unseren Gesichtern und der Art, wie wir unser Haar trugen, dass wir gar nicht dorthin gehörten. Und so rannten sie hinter uns her, lachten ein ganz ehrliches, geradezu beglückendes Lachen, tanzten um uns herum und riefen dabei ebenfalls: Hitler! Hitler! Und ich weiß noch wie Boris mich ansah und auch ich Boris ansah. Und obwohl er nichts sagte und auch ich weiterhin stumm blieb, war uns beiden gemeinsam klar, dass das Wetter so schön, die Landschaft so herrlich und die Leute so ehrlich und freundlich zu uns waren. Und wir uns dennoch in einem Albtraum befanden.

Wir hatten geahnt, dass unser Trip zum Albtraum werden könnte, dass es zumindest kein Gang war, den wir antraten, um später gutgelaunt Dinge ausplaudern zu können. Aber auf diese Form von Albtraum waren wir nicht vorbereitet gewesen.

Mit der Zeit mischten sich immer mehr Erwachsene unter die Kinder und die anfängliche Schar schwoll an zu einem wahren Massenauflauf. Ja, Boris und ich wurden zu einer Attraktion, denn Touristen, die kannte dieser Ort nicht. Und auch Gründe sich zu freuen, die gab es hier nur höchst selten. Und so liefen wir Gefahr ohne ein Wort zu sagen und ohne eine Handlung zu vollziehen zu Stars zu werden, zu artikulationsunfähigen Maskenträgern, wenn nicht gar lebendig begrabenen Heiligen. Wie zwecklos wären Worte und Handlungen auch gewesen, wir sprachen ihre Sprache nicht und sie nicht die unsere und der einzige Begriff, in dem sie und wir zusammenfanden, schien wahrhaftig Hitler zu sein. Und selbst wenn wir eine gemeinsame Sprache gehabt hätten – hätten wir das Recht gehabt ihnen das einzige zu nehmen, was sie hier, in ihrer verlorenen Welt noch haben? Illusionen sind nicht dazu da, um von zwei arglosen Rucksacktouristen im Handstreich gestohlen zu werden.

Und so begannen Boris und ich zu rennen. Wo es kein Wort zu verlieren gab, Argumentation unmöglich und selbst Rechtfertigungen ad absurdum geführt wurden, blieb uns nur noch die Flucht. Die Flucht vor jenen, die glaubten uns zu mögen. Als hätte es also ein Signal gegeben wechselten wir aus unserem schlendernden Gang hinüber ins Traben. Und schließlich ins Rennen. Wie verwinkelt es doch ist in dieser Stadt, die sie und wir Nablus nennen, die den anderen jedoch nur als Schechem bekannt ist. Es ist die wunderbarste, romantisch verwinkelte Altstadt, die ich in meinem Leben habe sehen dürfen – und kennengelernt habe ich sie mit Boris, panisch davonlaufend, mit fast 50 Leuten im Schlepptau. Leuten, die keinerlei Ahnung von unserer eigenen nationalen Zerrissenheit hatten. Einer Zerrissenheit wie sie sich nicht geziemt für Helden.

Wir wurden sie los, wir wurden alle los. Obwohl wir uns nicht auskannten in dem heillosen Wirrwarr der Gassen. Und vielleicht auch gerade deswegen, waren wir in jenen Augenblicken der Flucht doch bereit Wege zu nehmen, die kein vernünftig denkender Mensch jemals nehmen würde.

Und dann stand er plötzlich vor uns. Seine Uniform saß schlecht, nachlässig und schmutzig hing sie von seinen Schultern herab. Und er zielte auf uns. So dachte ich zumindest, doch erst als er uns näher kam bemerkte ich, dass das nicht stimmte. Denn er zielte nicht auf uns – er zielte auf mich.  Er schrie, seine kehligen Sätze platzen nur aus ihm heraus und ich erinnere mich noch gut an die Adern, die ihm geschwollen aus seinen Schläfen traten. Er verlangte nach Antworten, soviel war zu begreifen, doch wer waren wir schon, dass gerade Boris und ich ihm Antworten auf sein Leben hätten geben können? Auf die seit so vielen Jahrzehnten andauernde Unterdrückung. Auf den Schmerz über die vielen Toten seiner eigenen Familie. Auf dieses hilflose Gefühl ein Gefangener zu sein, obwohl man doch frei herumläuft unter dem prächtigsten aller Himmel und auf dem wunderbarsten aller Böden. Nein. Boris und ich hätten ihm eh nichts antworten können, gar nichts.

Ich wollte ihn bitte noch zu warten mit seinem Schuss. Ja, genau – zu warten, zu warten auf seine Landsleute, die uns doch gerade eben noch frenetisch gefeiert hatten, mit ihren Hitler-Rufen. Es kann doch nicht sein, dass ein Mensch gerade noch gefeiert wird wie ein Held und dann biegt er einmal um eine Ecke und schon steht da einer und will ihn totschießen. Doch Boris und ich, wir rangen nach Worten, die wir eh nicht in uns trugen. Während das Gefühl der Angst uns immer weiter zu lähmen begann. Und uns die Zungen blockierte.

Wie weit mag es gewesen sein von meinem Gesicht bis hin zur Mündung seines Gewehrs? Am Ende, als er schon fast vor mir stand und ich seinen Atem zu riechen begann, da waren es allenfalls noch zwei Meter, vielleicht auch drei. Wenn er nun schießt, so habe ich in jenem Moment gedacht, dann wird es ihm seine zerschlissene Uniform noch weiter besudeln. Wenn er nun schießt, habe ich noch gedacht, dann wird er als Held durch die Gegend getragen werden. Denn offensichtlich hält er uns für einen der anderen und so wie er mir gerade direkt ins Gesicht zielt wird mir später niemand mehr meine europäische Herkunft ansehen. Obduziert werden Menschen hier mit Sicherheit nicht, habe ich noch gedacht. Und nachgeforscht wird wohl auch nicht, dafür gibt es zu viele Tote in dieser Gegend, zu viele Trauernde. Nein, so wie sie gerade noch unsere lebenden Körper besungen haben, so werden sie auch unsere Leichname durch die Gassen ihrer Stadt tragen. Denn genau das ist die chaotische Welt, in die sie gedrängt wurden. Oder in die sie sich haben drängen lassen, ich kenne die Antwort nicht, vermengen sich mir Opfer und Täter doch seit jeher zu einem einzigen, sehr universellen Menschencharakter.

Er hat nicht geschossen seinerzeit, der Mann mit dem Gewehr. Vielleicht hätte er es wirklich getan, doch ich, zum ersten Mal in meinem Leben konfrontiert mit dem Gefühl wirklicher Angst, löste meine Zunge. Hob dann meinen Arm, zeigte erst auf Boris und schließlich auf mich selbst. Bekam ein Lächeln zustande und sagte: „Wir Hitler! Wir Hitler!!“

Sehen so Happy Ends aus? Ich weiß es nicht. Alles was ich mit Bestimmtheit sagen kann ist, dass ich einen Teil meiner Würde verloren habe, an jenem stummen und blendenden Tag. Aber, vielleicht und immerhin, habe ich auch unser beider Leben gerettet.

Für Lilly in Arad, Amir und Isaam in Ramallah, Shimon in Jerusalem und Noam in Tel Aviv. Und für den Mann, der damals mit der Mündung eines Gewehrs auf mich zielte, mir seinerzeit zu allem bereit erschien. Und der mir in den Tagen danach einen Tee spendierte und ein Stück von jener wunderbaren palästinensischen Süßspeise namens Knafeh.

„Schwarzer Frost“ – das Romandebüt von David Wonschewski erschien Ende 2012. Ein ausführliches Interview zu dem Roman lesen Sie HIER.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 22. Februar 2013 von in Literatur, Kabarett & Hörbuch. und getaggt mit , , .
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