Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Literaturrezension: Theresa Rath – Die Ketten, die uns halten.

trath

von David Wonschewski

Selbstverständlich erscheint es in Zeiten der Bohlens und Brüderles fast ein wenig antiquiert, so ein Rezensent zum Einstieg in seine kulturbeflissene Buchbesprechung zunächst einmal laut polternd darauf verweist, dass es sich bei der Schriftstellerin Theresa Rath – na hoppala – um eine junge Frau handelt. Und es auch gerne wiederholt: Eine – junge – Frau. Andererseits hilft es aber ja auch nichts, sind es doch gerade die Merkmale „jung“ und „weiblich“, die aus einem ziemlich guten Buch eine kleine Sensation machen. Und aus einer weiteren Schriftstellerin eine verdammt große Literaturversprechung. Denn sind wir ehrlich: Im Grunde hätte eine junge Frau ein Buch wie „Die Ketten, die uns halten“ niemals schreiben können. Hat sie aber, was widerum den Reiz, vor allem aber den tieferen Wert dieses Werks ausmacht. Schließlich handelt es sich hierbei um ein Buch, das Theresa Rath in gut 25 Kurzgeschichten und Gedichten – Sie müssen diesen Brüderle-ismus verzeihen – derart unerwartet ausfüllt, dass gerade alte, vom Leben und Streben nach Kraft und Macht gezeichnete Sackgesichter (ja, auch und vor allem die männlichen) es ihr gar nicht oft genug ungefragt mitteilen können. Denn von menschlichen Zerwürfnissen, von Aufstieg und Fall und vom Ende aller Fahnenstangen nach einem temporären Dasein in Glanz und Gloria, davon versteht Theresa Rath ausnehmend viel. So viel, dass  es ihr gelingt immer wieder Zusammenhänge aufzudecken, wo andere nur ein kaum zu durchdringendes Emotionsdickicht sehen. Ja, die gebürtige Neusserin Rath macht in ihrem Debütantenkleid eine geradezu sensationelle Figur, wirft mit kleinen, unerwartet weisen und funkelnd-intimen Erzählungen um sich, dass es eine wahre Wonne ist. Und lässt dabei eben nur eines vermissen: Einen Hinweis auf ihr junges Alter (Jahrgang 1991). Oder (oftmals) eben ihr Geschlecht. Oder wie lässt es sich sonst erklären, dass auch ein diverse Jahre älterer Mann sich in den meisten von ihr geschilderten Konfliktsituationen problemlos wiederfindet?

Noch keine zwanzig Jahre alt ist die inzwischen in Berlin lebende Autorin gewesen als sie das Material für die knapp 120 vorliegenden Seiten niedergeschrieben hat. Doch die von Melancholie durchtränkten Gedanken, die sie hier entwickelt und der von vielen stummen Erschütterungen gegerbte Schreibstil, den sie dabei pflegt, lässt das Bild einer durch alle Feuer und Schatten geschrittenen Grand Dame entstehen.

 

Das Rütteln und Zerren

an den Fensterläden meines Kopfes

ist wie ein langes Nervenleiden,

das an die Wurzeln geht.

 

Wahrnehmung ist Gewalt.

Mit diesen poetischen, an der Grenze zur Depression entlang tänzelnden Worten leitet Theresa Rath ihren Erzähl- und Gedichtband ein.  Ein mächtig sensibles Verbalpfund, mit dem sie dort wuchert. Und unter dem sie es auch auf Buchlänge nicht macht. Nein, juvenile Sehnsüchte, rosarote Perspektiven oder – Achtung Klischee! – neoromantische Vampirfrotzeleien suchen wir vergebens. Und finden stattdessen: Introspektive Schilderungen einer weitgereisten Seele. Und damit einhergehend: Eine Gedankenwelt, die sich mit einer unfassbaren Reife ganz offenbar bereits eingependelt hat in jenem schwarzen Niemandsland zwischen  Verletzlichkeit und Abgeklärtheit.

Die Angst vor dem Einschlafen,

der Schrecken beim Aufwachen,

die Zeit dazwischen,

ein schwarzes Loch,

die Bewusstlosigkeit,

meine einzige Ruhe.

 

Nein, das ist schon lange kein simples, dahergelaufenes „Jung, weiblich, ledig, sucht…“ mehr. Das ist bereits jetzt verwittert, eine Marianne Faithfull par excellence (wir erinnern uns? „At the age of 37, she realized she’d never ride through Paris in a sports car with the warm wind in her hair…” – Ballad Of Lucy Jordan, 1979). Auch die israelische Autorin Zeruya Shalev mag als Referenzpunkt ab und an einfallen.

Während ihre Lyrik-Ansätze in einem oftmals desperaten Gewand daherkommen sind es gerade ihre Kurzgeschichten, in denen Theresa Rath durch eine seltsame, aber gerade dadurch beeindruckende Form der Lässigkeit glänzt. Im Mittelpunkt ihrer Geschichten stehen zumeist Menschen – im Übrigen auffallend oft Männer – die es aus einer vermeintlich sicheren Position unversehens und jäh in eine Schräglage zieht. Nein, ein Faible für bereits gefallene Menschen besitzt Theresa Rath nicht unbedingt, ihr geht es vielmehr darum just jenen hilflosen Moment abzupassen, in dem der freie Fall gerade beginnt. Den Moment, in dem aus Siegern plötzlich Verlierer werden, aus Vermögenden Mittellose, aus Starken Schwache – und aus Kontrollfreaks rettungslos im Chaos Versinkende. Gerade eine Geschichte wie „Zu schön, um wahr zu sein“  (in deren Mittelpunkt ein Mann steht, der eines Tages beschließt Frau und Kind zu verlassen eben weil er sie liebt) führt diesen Ansatz derart kompromisslos vor, dass am Ende, nach gerade einmal sechs Seiten,  jenes wunderbare Lesegefühl entsteht, in dem sich ein Weinen und ein Lachen die Hände reichen. Und sich erfahrenes  Leid mit einer uns allen bekannten, auf ewig unstillbaren Sehnsucht nach Freiheit und Glück koppelt. Um schließlich in einem Zustand aufzugehen, der weit entfernt von plastikartigen Happy End-Lösungen ist. Dafür sind die von Theresa Rath entworfenen Charaktere wahrhaftig zu sehr gefangen in ihren blind-stochernden Orientierungssuchen.

Nein, das Leben ist keine Einbahnstraße, kein stetes Aufeinandertreffen von Gegenspielern wie Gut und Böse, wie Freude und Schmerz. Es ist eine Symbiose, ein  ständiges Miteinander sämtlicher Emotionen, das Ying und Yang einer auf Vergänglichkeit geeichten Existenz.

Warum Theresa Rath dieses Wissen schon in einem derart jungen Alter nicht nur erworben, sondern auch noch in zum größten Teil bedrückend effektive Texte zu gießen verstanden hat, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Dass sich der Schreiber dieser Zeilen aber bereits jetzt auf das literarische Schaffen dieser Frau freut, sobald sie erst einmal die Demarkationslinie von 30 Jahren überschritten hat – das ist gewiss.

Nett auch die Idee des Verlages, „Die Ketten, die uns halten“ standardisiert mit einer CD auszustatten.  Theresa Rath liest hier, klar: Theresa Rath. Und das knackige 73 Minuten lang.

www.theresa-rath.com

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rathketten

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23. Februar 2013 von in Literatur, Kabarett & Hörbuch. und getaggt mit , , , , , , .
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