Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Alte Eidgenossen und junge Schweizer – Fritz Widmer interpretiert von Bettina Schelker

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Fritz Widmer-Hesse: Berner Troubadour-Legende, Buchautor sowie Deutsch- und Englischlehrer

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Bettina Schelker: Musikerin, Schulleiterin und Schweizer Meisterin im Boxen (Halbmittelgewicht, 2005)

REINHÖREN: Bettina Schelker interpretiert „Morge“ von Fritz Widmer

von Markus Heiniger

Fritz Widmer, 1938 bis 2010, war Berner Troubadour der ersten Stunde. „Ein Bild eines Mannes!“, erinnert sich Christof Stählin an seinen Schweizer Freund, „wie aus einem alten Holzschnitt.“
„I ha mys Bärndütsch vo de Chnächte u de Mägd“, (Ich habe mein Berndeutsch bei den Knechten und Mägden erlernt), pflegte Widmer in seinen letzten Konzerten denn auch schmunzelnd zu erwähnen, wenn er ein sprachlich passagenweise eher derbes Lied ansagte. Seinen lieben Eltern muss der begabte Sohn zuweilen etwas gespenstisch vorgekommen sein.

Widmer fand sein Glück. Er heiratete eine Enkelin von Hermann Hesse, ihres Zeichens Musikerin. Fritz wurde Vater zweier Töchter und fuhr in den 1960er- und 70er Jahren zu den weitherum so gefragten Berner-Troubadours-Konzerten schon bald zusammen mit seinem Freund Mani Matter, welcher heute in der Schweiz als Übervater des Chansons gilt.

Nach Mani Matters frühem Tod (1972) auf einer Schweizer Autobahn sang Widmer dessen noch unveröffentlichte Lieder auf der Tour „dr Kolumbus“ zusammen mit Jacob Stickelberger vor und ein. Danach beschlich den in seinen Liedern wohl witzigsten der Berner Troubadours eine lähmende künstlerische Orientierungs- und Ratlosigkeit. Eben noch hatte er sich mit Mani Matter über eine mögliche Professionalisierung ihrer Zusammenarbeit unterhalten und nun war der Freund mit einem Schlag weg.

Fritz Widmer wurde Deutsch- und Englischlehrer am Lehrerinnenseminar Marzili in Bern und begann eine zweite Karriere als Romanautor. Am erfolgreichsten war er dabei mit seinem Mundart-Erstling „Gluscht u Gnusch u Gwunger“, (Lust, Unordnung und Neugierde).

Ja, er konnte hadern, der Fritz
Die Nachfolge Franz Hohlers beliebter Kindersendung am Schweizer Radio gab Widmer bald schon auf; er fühlte sich weder in Matters noch in Hohlers grossen Fussspuren richtig wohl und suchte nach eigenen Wegen. Dabei konnte er zuweilen auch hadern, Fritz, noch in der Garderobe etwa, vor einem Auftritt, über seinen Gesang, über sein Gitarrenspiel. Dass er textlich allerdings trittsicher war wie nur wenige hierzulande, war ihm durchaus bewusst. Und um seine starke Bühnenpräsenz wusste jeder, der seine Konzerte besuchte. Grosse Beachtung fand Fritz Widmer über viele Jahre in seinen heiter-nachdenklichen „Morgenbetrachtungen“, die in Abständen jeweils eine Woche lang täglich über den Landessender ausgestrahlt wurden.

Und schliesslich fand Fritz Widmer wieder mit ganzem Herzen auf die Bühne zurück. Die Berner Troubadours hatten sich zum Revival zusammengefunden und begannen in und um Bern erneut die Konzertsäle zu füllen. Doch seinen Fokus legte Widmer nun vermehrt aufs Übersetzen Schwedischer, Englischer, Lateinischer und Italienischer Texte und Lieder in seinen Dialekt.

So bekam sein Publikum hinreissende Berndeutsche Fassungen des Schwedischen Rokoko-Liederfürsten Carl Michael Bellmann zu hören, Mozart-Arien in Berndeutscher „Strassenmusik-Version“ und vieles mehr. Fritz Widmer-Hesse versprühte Herzlichkeit und Optimismus. Er hielt zusammen mit seiner Frau Christine Vorträge über ihren Grossvater und lieferte den Berndeutschen Text zum Kult-Film „Die Herbstzeitlosen“. „Markus Heiniger und Fritz Widmer / Ganz Alts und ganz Neus“ nannte sich nun sein Chanson-Programm. Widmer kümmerte sich dabei ums „ganz Alte“. Da hatte ihn bereits ein heimtückischer, aggressiver Tumor heimgesucht.

Fritz war gerührt
Und dann kam die grosse Würdigung. „Türeschletze“, (Türen zuknallen), „Fritz Widmer gewidmet“, (2008 im „Zytglogge-Verlag“ CH). 24 Schweizer Liedsängerinnen und –sänger spielten je eines von Fritz Widmers Chansons ein. Fritz war gerührt, ja tief bewegt.

„Morge“ (Morgen) heisst der von Bettina Schelker, (geb. 1972), darauf eingespielte Titel. Die „Frau mit Frau ohne Kinder“, wie sich die international tätige Musikerin selber bezeichnet, interpretiert den melancholischen Song des Berner Troubadours auf Zürichdeutsch. Für sich entdeckt hat sie das Lied, welches in ihr eigene Erinnerungen weckt, wie sie im von Widmers Tochter Karin gestalteten CD-Booklet schreibt, auf einer langen Autofahrt an ein Konzert in Deutschland. – Worum geht es?

Ein Paar sitzt am Tage seiner Trennung am Frühstückstisch in einer Wohnung in irgendeiner Grossstadt. Sie kommt frisch vom Duschen, das Badetuch um sich geschlungen. Draussen ist es noch finster. Man sucht etwas verlegen nach letzten Worten des Abschieds. Draussen wird es langsam hell, er blickt durchs Fenster und fragt sie, was sie sehe. Sie entgegnet, sie schaue nach innen, nicht nach draussen. Und da drinnen sieht sie Felsen in einer Wüste, ein Geflimmer und einen Baum, der keinen Schatten wirft. Er offeriert ihr einen Tee. Sie fragt ihn, ob er bleibe, in dieser Stadt, er habe es ja gut hier.

Schliesslich greift sie zu einem grünen Fotoalbum, blättert drin, entdeckt ein Bild von ihnen zweien und meint: „Schau mal, wie ahnungslos ich da noch in der Gegend rumgeschaut habe“. Sie neigen sich ganz nahe zusammen über die Bilder. Dann kleidet sie sich an, sagt Lebewohl und er solle nicht zu viel nachdenken. Sie geht. Ennet der Stadt steigt die Sonne hoch.

Widmer weiss darum, dass Gefühle literarisch oft gerade dann am besten zum Ausdruck kommen, wenn die Oberfläche präzise beschrieben wird, unter der sie sich verbergen. Und Bettina Schelkers Interpretation des Liedes hat nicht nur Fritz Widmer überzeugt und berührt.

http://www.bettinaschelker.ch
http://www.fritz-widmer.ch

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