Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

„I han e Uhr erfunde“ oder Schweizerdeutsch für Deutsche

Markus Heiniger
Markus Heiniger / Foto: Jen Preusler Berlin

von Markus Heiniger

In seinem Lied „was den Schweizer von den Menschen unterscheidet“, erklärt der Basler SongPoet Aernschd Born – EAL hat ihn unlängst portraitiert – die Eigenheit des Schweizers bestehe nicht darin, dass er „keinem Sonnenkönig huldigt, sondern nur, dass er sich pausenlos entschuldigt.“

Natürlich übertreibt Born ein ganz kleines Bisschen, wenn er daraufhin einen Schweizer am Schalter einer Bank beim Ausrauben derselben zitiert: „Entschuldigung, das ist ein Banküberfall!“ Wobei, wie gesagt, nur ein kleines Bisschen.

Dabei ist es eine Mär, dass der Schweizer langsamer spricht als der Deutsche

Tückisch im Umgang zwischen Deutschen und Schweizern ist ja nur schon das unterschiedliche Sprechtempo. Dabei ist es eine Mär, dass der Schweizer – abgesehen vom Berner vielleicht – langsamer spricht als der Deutsche. Nur des Schweizers Sprechpausen sind erheblich länger, denn er pflegt hin und wieder zu überlegen, bevor er weiterspricht. „Reculer pour mieux sauter“, (rückwärtsgehen um besser springen zu können), nennt das der Welschschweizer. Das ist letztlich weniger eine Frage des Tempos als vielmehr eine des berechnenden Wesens des Schweizers. Oder positiver ausgedrückt, seiner überlegten Art.

Legt der Schweizer nun aber bei einem gemeinsamen Bier mit einem Deutschen Zeitgenossen hin und wieder eine solche Sprechpause ein, ist das noch lange keine Einladung, ihm ins Wort zu fallen, wie es der Deutsche geflissentlich tut, weil er es seinerseits wiederum für unhöflich hielte, die vermeintlichen „Einladungen“ auszuschlagen. Na Prost!

Wo trinken unsere beiden Freunde übrigens ihr Bier? „In-der-Knei-pe / an-der-Stras-se / bei- der-Brük-ke“, mit dreimal vier Sprechsilben, im hochdeutschen 4/4-Takt? Oder „In-dr Beiz / an-dr-Stross / bi-dr-Brugg, mit dreimal drei Sprechsilben im Baseldeutschen 3/4-Takt-Swing? Oder „Ir-Peiz, / ar-Strass / bir Brügg“, im Berner 2/4-Mundart-Rock-Groove?

Wie auch immer, der Berner erreicht die Kneipe, wie wir gerade sehen, eh – im halben Sprechtempo des Deutschen – spätestens gleichzeitig mit diesem. Spricht der Berner also eher etwas langsamer, dann nur, um den Deutschen nicht zu sehr ausser Atem kommen zu lassen. Und dazu spendiert der Bewohner der Zähringerstadt an der Aare seinem germanischen Freund erst noch einen zweiten Humpen.

„Ich krieg noch ‘n Bier“, würde er im Restaurant beim Bestellen allerdings nie sagen. Nie im Leben. Wir Eidgenossen sprechen, streiten und bestellen sogar im Konjunktiv. „Könnte ich vielleicht noch ein Bier haben?“ (ohne besondere Betonung auf „vielleicht“, da ironiefrei gesprochen, versteht sich). Der rege Gebrauch des Konjunktivs klingt in Deutschen Ohren wohl etwas umständlich. In Schweizer Ohren hingegen klingen das Fehlen von Entschuldigungen sowie das Nicht-Vorhandensein der Verkleinerungsform auf „li“ etwas forsch. Und des Deutschen Fokussierung auf den Indikativ? Sie lässt jeden Schweizer in seinen Grundfesten erzittern.

Aber was wollen wir tun, wir Schweizer? Jeder kennt hier jeden. Über sieben Ecken zumindest. Zudem sind wir seit je her ein aus lauter Randgruppen bestehendes soziales Gefüge. So haben wir uns im Laufe der Jahrhunderte notwendigerweise eine abtastende, vorsichtige Sprache erarbeitet, die keinen verletzt und jedem immerzu und allenthalben mindestens noch ein kleines Türchen offen lässt. Eine durchaus höfliche Sprache also, ohne je einen Hof gehabt zu haben.

Ruhig nochmals lesen, das stammt nicht aus der deutschen Übersetzung von Asterix bei den Briten!

Kommt hinzu, dass wir recht unbeholfene Erzähler sind, die im Dialekt die Deutsche „Erzählform“ Präteritum, (Imperfekt) nicht kennen. Auch kein Plusquamperfekt. Nur so ein umständliches Konstrukt zum Bilden der Vorvergangenheit, das dann (auf Baseldeutsch) etwa so klingt: „Won y dä Text gschriibe ha, isch myni Frau scho längschtens gange gsii“, (als ich diesen Text geschrieben habe, ist meine Frau schon längstens gegangen gewesen). Und so haben wir für uns eben die Möglichkeitsform entdeckt, den Konjunktiv. Etwas will man letztlich ja dann doch auch beherrschen.

Im Grunde sind wir aber ganz einfach vom integrativen Potential einer unscharfen Grammatik überzeugt. Sie bestimmt nicht zuletzt auch unsere politischen Debatten. So sind gerade auch unsere Politiker meist bemitleidenswerte Rhetoriker. Doch während ihre deutschen Kollegen gerade erst damit begonnen haben, sich in ihren Debatten verbal nach allen Regeln der Kunst gegenseitig mit dem Florett zu zerlegen, haben wir Schweizer längst einen gut eidgenössischen Kompromiss gefunden und eine tragfähige Lösung. Im Konjunktiv, versteht sich. Der Indikativ tritt erst dann ein, wenn das Volk über den Gesetzesentwurf der Parlamentarier abgestimmt hat.

Grammatikalische Unschärfe treibt in der Schweiz aber auch Blüten erhabenster Sprachkultur. So kann ein Berner nach einem Konzert etwa sagen: „Gö mer no go nes Kafi go nä?“ Wörtliche Übersetzung: „Gehen wir noch gehen ein Kaffe gehen nehmen?“ Ja bitte, ruhig nochmals lesen, das stammt nicht aus der deutschen Übersetzung von „Asterix bei den Briten“.

Doch keine Sorge, liebe Germanen, wer die Beweglichkeit besitzt, aus einem Substantiv wie etwa dem Wort „Hirn“, kurzerhand ein Verb abzuleiten, ist auf bestem Wege uns Helvetier zu verstehen. Alemannische Dialekte muss man musikalisch angehen. Nicht erst lange „hirne“, (hirnen), was in der Schweiz, wo wir nebst Adjektiven ja ganz gerne auch mal Verben steigern, quasi der Superlativ des Verbs denken ist: denken, grübeln, hirnen.

Ganz beiläufig integrieren wir in unsere Verben auch den Diminutiv. Ist bei uns etwa jemand müde, möchte er am liebsten ein wenig „pfuuse“. Dieses Wort ist ja an sich schon so was von gemütstief, dass die ebenfalls feine Deutsche Entsprechung „schlummern“ schon fast kaum mithält. Aber ein Baby „pfuust“ eben nicht bloss bei uns, es „pfüüselet“. Nett, nicht? – Willkommen in der Schweiz!

So nett, wie ihr Deutschen uns im Urlaub immer findet, sind wir im Grunde aber nicht. Denn erstens sind wir alten Demokraten nicht autoritätsgläubig, was Deutsche Kader, die bei uns Chefposten belegen, regelmässig zum Heulen bringt, (richtig, vor allem jene, die den Konjunktiv nicht beherrschen), und zweitens sind wir ja eher freundlich als nett. Das ist nicht dasselbe. Das ist nett mit einem Schuss Bauernschläue.

Wollen wir Schweizer unsere Präzision unter Beweis stellen, halten wir den Mund und bauen Uhren.

So oder so laden wir euch zum Schluss nun aber auch gerne noch zum Kaffee ein. In der Verkleinerungsform versteht sich. Also „zume Käffeli“. Zu einem Kaffeechen. Nein, schon klar, das geht nun aber gar nicht auf Deutsch. Da öffnet sich zwischen unseren Ländern ein tiefer Abgrund: Der von mir als Begriff hier kurzerhand eingeführte „Käffeli-Graben“. Aber Vorsicht, jetzt kommt’s ja erst! Denn wie man sich denken kann, machen wir Schweizer auch hier das Nomen zum Verb im Diminutiv. Genau: Wir „käffele“. Und damit noch nicht genug. Wir verwandeln nämlich aus lauter Freude am Dialekt den ins Verb integrierten Diminutiv mit der Substantivierung des Verbs gleich wieder ins Nomen zurück und laden euch somit ein zum „Käffele“. – Milch und Zucker? Ja? Schmeckt er? Im bestimmten Artikel (er) beziehen wir uns letztlich dann doch aufs fiktive Ursprungswort im Maskulin: „Der Kaffee“! Denn bei aller Verniedlichung: Wir wissen in der Regel ganz gut, wovon wir sprechen. Und? Erzählt ihr uns nun was?

Gerne hören wir euch zu. Wirklich. Dabei bleibt ihr aber am besten bei eurem astreinen Hochdeutsch. Denn beginnt ihr damit, „Grüezi“ zu sagen, stellen sich uns die Nackenhaare auf. Und beginnt ihr damit, unsere Diminutive nachzuahmen, reagieren wir darauf mit allergischen Hautreizungen und fürchterlich juckenden Ausschlägen. Uns genügt es völlig, ob eurer grammatikalischen Schärfe wohlig zu erschauern. – Ja, muss man denn immerzu gleich so präzise sprechen, denken wir uns dabei. Denn wollen wir Schweizer unsere Präzision unter Beweis stellen, halten wir den Mund und bauen Uhren!

Als Mani Matter 1966 seine Aufnahme „I han e Uhr erfunde“, (Ich habe eine Uhr erfunden), beim Berner Zytglogge Verlag veröffentlichte, hörte man die Nähe des von Haus aus zweisprachigen Berners zum Franzosen Georges Brassens noch gut heraus. Gleichwohl gelang es dem Erfinder seiner Uhr, die er alle zwei Stunden neu aufziehen muss, mit seinem eigentümlichen Lied sich selber zu erfinden und damit das Berner Chanson. Ihm, dem Frühverstorbenen und seinen Mitstreitern der ersten Stunde.

Während ihr Deutschen also mit Reinhard Mey neben der Startbahn eines Flughafens steht, in Kerosinpfützen guckt, sich darin spiegelnde Wolken entdeckt und euch über diese hinaus, zum Brummen der Motoren, in die Freiheit hinaufträumt, erleben wir Schweizer unsere Freiheit mit Mani Matter beim Rumtüfteln an unserer eigenen Uhr, die uns beim Aufziehen alle zwei Stunden neues Selbstvertrauen gibt und frischen Mut. Verschroben? Vielleicht. Aber solange die Chinesen sich darum reissen…

Markus Heiniger,
Berndeutsch mit der Muttermilch, Baseldeutsch im Sandkasten und Hochdeutsch mit den Märchen der Gebrüder Grimm. Der 1968 in Basel geborene Schweizer Chansonnier singt seine drei Muttersprachen in eigenen Songs und in Interpretationen und Arrangements am Piano.

Mani Matter „I han e Uhr erfunde“ http://www.youtube.com/watch?v=7G5eumXuy0w
Aernschd Born „Was dr Schwyzer vo de Mensche unterscheidet“ http://www.borninbasel.ch/

8 Kommentare zu “„I han e Uhr erfunde“ oder Schweizerdeutsch für Deutsche

  1. theomix
    5. Dezember 2013

    Habe ich gern gelesen. Vielen Dank!

    Zwei Anmerkungen:

    Welcher Deutsche benützt beim Sprechen das Präteritum, wenn er etwas erzählt? Die Vergangenheitsform ist auch da der Perfekt. (In der Schriftsprache ist das anders.)

    Und im Deutschen gibt es ein „Käffchen“. Das ist heimelig und freundlich. Eine zärtliche Note wie bei Käffeli fehlt.

    • Markus Heiniger
      5. Dezember 2013

      Danke, Theomix, für den Hinweis, was das Perfekt betrifft. Ja, für uns Schweizer ist Hochdeutsch natürlich meist eh geschriebene Sprache…

  2. Markzus Heiniger
    4. Mai 2013

    Liebe Fabienne Sand

    Besten Dank fürs akkurate Lesen meines Artikels. Zum Baseldeutschen „käffele“ kann ich nur folgendes sagen:

    Erstens sage ich es so. Meine Art Baseldeutsch zu sprechen ist allerdings keine so grosse Referenz. Ich habe meinen Dialekt in den 1970er-Jahren im Baselbieter Leimental, (Oberwil), weitgehend im Sandkasten gelernt.

    Zweitens gibt es die abschliessend richtige Schreibweise der Schweizer Dialekte eh nicht. – Als Richtlinie gilt in Basel allerdings Rudolf Suters Baseldeutsch Wörterbuch (sowie seine Grammatik), für mich jedenfalls, auch wenn sein Wörterbuch bereits ein nicht mehr von ihm verfasstes Nachfolgewerk gefunden hat.

    Bei Rudolf Suter lese ich: „käffele (käffeled) 1. nach Kaffee riechen. 2. gemütlich, längere Zeit Kaffee trinken.

    Im oben genannten Nachfolgewerk „Neues Baseldeutsch Wörterbuch“ (ebenfalls „Christoph Merian Stiftung (Hg.)“) lese ich:

    „käffele (käffeled) gemütlich und ausgedehnt Kaffee trinken: Hütt han i mini Fründinne droffe zum Käffele (U).

    Schön, dass im Beispiel auch die Rücksubstantivierung des Verbs verwendet wird, so, wie ich es in meinem Artikel ja beschreibe.

    Mit gemütlichen Grüssen

    Markus Heiniger

  3. achtellorbeerblatt
    3. Mai 2013

    Hallo Fabienne,
    schön, dass Ihnen der Artikel gefällt.
    Ich als Hamburgerin kenne die Feinheiten ja eh nicht – aber ich habe mir von Markus Heiniger erklären lassen, dass „käfele“ Berndeutsch und „käffele“ Baseldeutsch ist.
    Schmecken tun sicher beide Varianten ;-)
    Herzliche Grüße
    Rike von EAL

    • Sand Fabienne
      4. Mai 2013

      also käfele mit 2 f tönt wie ein Deutscher der schweizerdeutsch probiert, auf Berner – wie auf Basler – oder Zürcher Dialekt. Das würde ein Schweizer nie sagen;-) Ein “ Kaffi oder Gkaffi jedoch schon

  4. Sand Fabienne
    3. Mai 2013

    sehr lustig, danke, aber wirklich käfele mit einem f, sonst versteht das ja gar niemand…

  5. Markus Heiniger
    25. Februar 2013

    Herzlichen Dank, „fiirvogu“, für die präzise Rückmeldung!

    1. … ja, das mit dem Kaffee ist ein Stilblüte, klar, aber so was blüht schon mal in meiner (unserer) Muttersprache; gerade nach einem Konzert…

    2. …ja, auch klar, mein mit Abstand am schnellsten sprechende Freund ist tatsächlich in Langenthal aufgewachsen. Sein Berndeutsch hält locker mit Viktor Giacobbos Zürcher Dialekt sprechender Kunstfigur „Dr. Klöti“ (Videos sind im Netz) mit, deren Sprechtempo wohl selbst einen Hanns Dieter Hüsch verdutzt hätte.

    Gerade auch Berner Troubadoure, nicht nur die alte Generation, auch Liedermacher-Kollegen wie Nils Althaus, Stefan Heimoz oder Oli Kehrli haben ja zuweilen auch ein ganz ordentliches Tempo drauf.

    Aber es gibt eben auch den langsamen Berner, wie wir bei „Ueli der Schreiber“ erfahren, der in den 1950er und 60er-Jahren im Schweizer Satire-Magazin „Nebelspalter“ über seine eigene Spezies schrieb:

    „Ein Berner namens Sami Streit

    verblüffte durch Beredsamkeit.
    Sein Wort war rasch, sein Geist war wendig
    und seine Sprechart sehr lebendig.

    Nach diesen Worten ist es klar,
    dass Sami gar kein Berner war.“

    oder

    „Ein Berner namens Edi Zahn

    fuhr auf der deutschen Autobahn.
    Er fuhr und fuhr die längste Zeit
    mit bernischer Geschwindigkeit.
    Um sechs Uhr früh war er gestartet
    und hatte eigentlich erwartet,
    um neunzehn Uhr ans Ziel zu kommen;
    doch dieser Wunsch schien nichts zu frommen.

    Da sprach er: „Geit ächt das no lang?
    – Süsch schalteni i zwöite Gang!“

    Liebe Grüsse

    Markus

  6. fiirvogu
    25. Februar 2013

    …nur bei zwei Sachen möchte ich als Bernerin ein Veto einlegen
    1. “Gö mer no go nes Kafi go nä?” würde ich als Bernerin nie sagen – da ist ein „gehen“ zu viel drin. Dafür kann wahlweise das zweite oder dritte „gehen“ weggelassen werden. Welche Sprache kann so etwas schon von sich behaupten.
    2. Seit ich im Appenzell wohne weiss ich ganz sicher, dass wir Berner nicht langsamer sprechen, als die Appenzeller. Somit also nicht die einzigen wären, die den Deutschen im Sprechtempo hinterherhinken würden. Wenn wir es denn täten.

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