Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Heike Kellermann – beziehungs-weise

kellbez

von David Wonschewski

Um zu erkennen, wie sehr Lyriker und Liedermacher einander verbunden sind, braucht es wahrlich keinen sonderlich geschärften Blick. Denn lang, länger, am längsten ist die Liste an Veröffentlichungen, in denen die (mehr oder minder) upper class chansonesker Musiker sich dem Schaffen heimischer Poeten widmet. Ja, die gesungene Vertonung des verbalen Schönklangs, sie hat immerwährende Hochkonjunktur. Kaum ein Dichter scheint den emotionalen und sprachlichen Sehnsüchten der Liedermacher dabei derart nahe zu kommen wie der 1939 vor den Nazis nach England geflohene Theodor Kramer. Unfassliche 10 000 Gedichte hat uns der 1958 verstorbene jüdische Arztsohn hinterlassen. Ein Fundus, aus dem schon der nicht minder sprachbegabte Wenzel sich mehrfach ehrerbietend zu bedienen gewusst hat.

Es spricht für Heike Kellermann, dass auch sie aus ihrer Bewunderung für Kramer kaum einen Hehl macht – mit ihrem Album „beziehungs-weise“ dabei jedoch nicht in die Falle tappt Pfade zu betreten, die doch von Wenzel längst ausgelatscht worden sind. Nein, der studierten Musikerin gelingt es ihren ganz eigenen Kramer-Favoriten („Krätzer“, „Angst“, „Hass“, „Bei Dir“, „Verzweiflung“ und „Überessen“) eine Melange aus Folk, Jazz und Chanson abzugewinnen, die zwar ganz selbstredend immer wieder bravouröse Wenzel-Alben wie „4 Uhr früh“ in Erinnerung ruft, dabei jedoch auch mehr als einmal die faszinierende Eigenständigkeit der auch als Musiktherapeutin tätigenden Berlinerin aufblitzen lässt. Zu verdanken ist das neben einer äußerst reichhaltigen Instrumentierung aus u.a. Gitarren, Cello, Bratsche, Geige, Blockflöte, Oboe und Fagott vor allem Kellermanns so wunderbar akzentuiertem Gesang. Sicherlich, es hilft bereits, dass es hier nun ganz einfach eine Frau ist, die den universellen Charakter der Gedichte Kramers ins rechte Licht rückt, doch bereits ein Song wie der Opener „Beim Krätzer“ zeigt auf, wie sehr Kellermann es versteht Lieder eben nicht nur zu singen, sondern zugleich auch darstellerisch zu erzählen. Ja, er reißt mit, der mittels Akkordeon in Szene gesetzte „Krätzer“, während das dramatisch umrissene (und nicht bei Kramer, sondern Eva Strittmatter entliehene) „Vor einem Winter“ derart beunruhigend und dräuend intoniert ist, dass mitunter die so britisch-intensiven und fast schon ätherisch daherkommenden Folkdarbietungen von Richard & Linda Thompson bzw. gleich Fairport Convention einfallen wollen. Eine Interpretationsweise, zu der Heike Kellermann immer wieder zurückkehrt auf dieser vielschichtigen Platte. Wohltuend oft unterbrochen von schwungvolleren Ausritten und musikalisch wie auch gesanglich ab und an begleitet von Wolfgang Rieck. Ein Variantenreichtum, angesichts dessen es nicht weiter verwundert, dass Kellermann auch vor erfrischend-modernen, ja fast schon poppigen Stippvisiten in den Bereich Musical („Sonette 43“) nicht Halt macht.

Die Kompositionen und Arrangements der 20 Songs stammen fast komplett aus Kellermanns eigener Feder, während sich den sechs erwählten Kramer-Gedichten auch Poeme weiterer Lyriker wie Shakespeare, Borchert oder Ringelnatz hinzugesellen. „beziehungs-weise“ gerät somit zu einer hochgradig feinsinnigen Angelegenheit, die auch in ihrer liebevollen Gesamtausstattung ganz den Geschmack all jener sensiblen Geister treffen dürfte, denen das Wort „Kunst“ mitsamt seinem Kraft und Hingabe fordernden Eigensinn noch immer ein Bedürfnis ist.

Ein spezieller Dank gebührt Rolf Limbach und seinem Label Conträr, das funkelnde Kleinode wie „beziehungs-weise“ überhaupt erst möglich macht.

www.heike-kellermann.de

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 27. Februar 2013 von in 2013, I-L, Liedermacher, Plattenbesprechungen und getaggt mit , , , , , , , .
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