Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Wenzel – Widersteh, so lang du’s kannst

wenzel

von Kristy Husz

Liedermacher, Volkssänger, Weltmusiker? Poet, Buchautor, Theaterregisseur, Schauspieler, Narr? Lehrerkind, Revoluzzer, studierter Kulturwissenschaftler und Ästhet? Katzenfreund, Sprachrohr der Einsamen, Philosoph, Mensch? – Von allem ein bisschen, aber vor allem eines: lebendes Gesamtkunstwerk.

Hans-Eckardt Wenzel, geboren 1955 in der Nähe der Lutherstadt Wittenberg, war im Osten schon lange Kult, bevor der in Musikfragen stets in Richtung Atlantik schielende Westen seine Existenz überhaupt nur erahnte. Eigentlich ein Skandal, hatte diese richtungsweisende Galionsfigur der ostdeutschen Kulturszene nämlich nie etwas im Kielwasser all der Singer-Songwriter-Größen anglo-amerikanischer Prägung verloren. Wenzel trat zusammen mit Steffen Mensching als kongenialer Clown in Erscheinung, war im September 1989 eine treibende Kraft hinter der „Resolution von Rockmusikern und Liedermachern“ gegen die Staatsmacht, vertonte Theodor Kramer und Woody Guthrie, ging mit dem Sprössling des Letzteren auf Tour, wurde vollkommen zu Recht achtmal mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik sowie mit dem Deutschen Kabarettpreis, dem Deutschen Kleinkunstpreis und – wie vor ihm die illustren Kollegen Sarah Kirsch, Dieter Süverkrüp und Peter Rühmkorf – dem Heinrich-Heine-Preis des Ministeriums für Kultur der DDR geehrt.

Unermüdlich und unerschrocken schrieb er Lieder und veröffentlichte mehr als dreißig Platten; auf dem Meer der Kunst nahm er meist den Posten im Krähennest ein: ein kluger Beobachter, der bis heute mahnt, ohne den Zeigefinger zu erheben, ein Mann, der weit herumgekommen ist und weiß, wann man einer Widrigkeit wütend, spöttisch, subversiv oder mit Bedacht begegnen muss. Am 15. Februar hat er mit „Widersteh, so lang du’s kannst“ ein neues Album auf den Markt geworfen und zeigt einmal mehr, dass die Herzensergießungen eines musikliebenden Philosophen mit das Schönste sind, was man sich anhören kann. Gerade in diesen grimmen Tagen.

Es scharwenzelt (aber ja doch!) und knarzt und rauscht und rumpelt und brummt und säuselt und schunkelt und scheppert auf diesem Tonträger, dass es eine Freude ist, und maßgeblichen Anteil daran hat, neben dem Allroundtalent Wenzel, das restliche Line-up, bestehend aus den Gitarristen Hannes Scheffler und Thommy Krawallo, dem Drummer Stefan Dohanetz, einer ausgelassenen Bläsersektion und zwei Background-Sängerinnen, darunter auch Wenzels Tochter Mascha.

Irgendwo zwischen Bob Dylan, Element of Crime und Seemannsgarn lassen sich die Texte verorten, und wie passend ist es da, dass mit „Meister des Kriegs“ die Nachdichtung eines fünfzig Jahre alten Zimmerman’schen Protestsongs Eingang auf die CD gefunden hat. Puristisch wie das Original klingt jene nur am Anfang, später wächst sie sich zu einer dröhnenden Anklage aus, gerichtet an die gegenwärtige Armada der Waffenhändler, gewissenlosen Gewinnmaximierer und politischen Sargnagelfabrikanten. „All die Listen der Toten wachsen still vor sich hin“, erkennt Wenzel, und nimmt sich dieses Themas, nun allerdings mit einem Augenzwinkern, gleich noch ein zweites Mal an: Der „Selbstmord“ wird als Notausgang in der Tradition Hermann Hesses besungen, „denn Gründe gibt es genug, zu gehen – mehr, als zu bleiben“, und die Namen derjenigen, die eine „lethale Wut gegen die ewigen Wiederholungen des Sinnlosen“ auszeichnete, „fallen auf uns wie Schnee“ in dieser locker-flockig erzählten Kulturgeschichte des Suizids: Seneca, van Gogh, Cobain, alle dabei. Ob man weinen, nicken oder dazu tanzen soll, bleibt jedem selbst überlassen.

Fakt ist, dass das Lachen, das Wenzels Lyrik aus uns herauskitzelt, bei vielen Liedern gern mal im Hals stecken bleibt, und genau darin liegt ihr Zauber. Die Up-tempo-Nummer „Stacheldraht, Elektrozaun“ ist ein weiteres Beispiel dafür. Flott, zynisch, irre wird das Abschottungsmaterial als Allheilmittel gepriesen, es „schützt uns vor der Bettler Bitten, schützt die Banken mit Krediten, ist mehr wert als Gottvertrauen“ und „etwas Bess’res hat die Welt doch wohl niemals hergestellt“! In die gleiche Kerbe schlägt der Shanty „Warten in C.“, in welchem sich Wenzel ähnlich Asterix auf die Jagd nach dem Passierschein A 38 begibt und vor den Auswüchsen der Bürokratie, vor Schlangen, Reihen und Gesetzestexten kafkaesken Ausmaßes irgendwann kapitulieren muss: „Immer brauch ich einen Stempel, immer brauch ich ein Papier, immer steht vor einem Tempel noch ein Wärter vor der Tür“!

Wenzel wäre jedoch nicht Wenzel, wenn er beim Ausloten zwischenmenschlicher Untiefen nicht auch ein Faible für die Poesie des Alltags hätte, für die kleinen Momente der Schwermut, Sehnsucht und Seligkeit. Er outet sich als „Glücksucher“, der wie Heinrich Heine rhetorische „Fragen“ nach diesem begehrtesten und verklärtesten aller Gefühle stellt: „Wo wohnt das Glück, wo kann man es sich borgen?“ – „Ist es die Stunde, da wir ziellos zogen durch einen Abend ohne Hast zu Dir?“ – „Ist es nur immer das, was einmal war?“ – „Ist es die Lüge, die man selber glaubt?“ Er streift durch „Corn Island“, ganz fremd, aber ohne Heimweh, und saugt das Leben der Anderen in sich auf wie ein Schwamm, ein Leben, dessen Dynamik „Die Schwalben“, die unter dem zärtlichen Blick Wenzels flügge werden, wiederum gänzlich unbeeindruckt lässt. Und er entpuppt sich, auf jegliche Effekthascherei verzichtend, „In dieser Nacht hier“ als aufrechter Romantiker.

Diese Wahrhaftigkeit ist es, die Wenzel in sämtlichen Song-Manövern über Wasser hält, zusammen mit einem gnadenlos vorwärtsmarschierenden Schlagzeug und einem Akkordeon, auf dessen Wogen die Melodien auf und nieder treiben wie ein Schiff auf hoher See. Das „Weinlied“ und das „Bekenntnis“ geben hierfür die eindringlichsten Beispiele ab. Apropos Bekenntnis: „Auf einem Bein“ hüpft in der Mitte der Platte ein junger Bettler, ein Landminenopfer, durch Managua und steht nicht nur für Wenzels Erfahrungen in der Hauptstadt Nicaraguas, sondern weist den Musiker selbst als „ein[en] Zauberer, Artist[en], ein[en] Clown“ aus, als trotzigen Long John Silver, der den Schmutz und Filz unserer Zeit zur Klammer erklärt, die alles zwischen dem ersten und letzten Track zusammenhält: „Die Gitarre auf dem Rücken“, folgt der Künstler leichtfüßig „unbekannten Spuren durch den Unrat dieser Welt“, und „rutscht der Boden weg, dann zieh ich mich am eigenen Hals mit meinen Liedern aus dem Dreck“ – wie es im Opener „Alles“, einem gigantischen Schelmenstück, heißt.

Halten wir zum Abschluss Folgendes fest: Bei nicht wenigen Alben wird man ja das Gefühl nicht los, dass jeder zweite oder dritte Titel Füllmaterial ist, einzig und allein mit auf den Rohling gepresst, um irgendeine Zeitmarke zu knacken und die hier und da eingestreuten Diamanten umso prächtiger funkeln zu lassen. Bei Wenzels Neuer, äußerlich markant designed vom Leipziger Grafiker Johannes Heisig, hat man dieses Gefühl nie. „Widersteh, so lang du’s kannst“ ist eine üppig ausstaffierte Schatztruhe, randvoll mit Perlen, Edelsteinen und Gold; jedes Lied ein Kanonenschuss ins Glück.

http://www.wenzel-im-netz.de

Herbstgewitter – die moderierte Radiosendung rund um Liedermacher & Chansonniers. HIER reinhören!

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Ein Kommentar zu “Rezension: Wenzel – Widersteh, so lang du’s kannst

  1. Ricardo
    10. Mai 2013

    Die neue CD von Wenzel – der Mann produziert im Akkord – ist wiedermal ein Knaller. „Widersteh so lang du kannst“ Wenzel besingt darin ein Landminenopfer aus Managua, der niemand Schuld an seinem fehltenden Bein gibt. Was für ein Hohn – bei den vielen Kriegen überall auf der Welt – die immer die Zivilbevölkerung trifft. Es geht um Geld und Macht, oder wie ist es mit den Rüstungsgütern – wer verdient (gewinnt) damit – und wer verliert? Die CD und die vielen Lieder wie z. B. „die Meister des Kriegs“ (Liederbestenliste Platz 1 April 2013) sind stark und klug.

    Beim Doppelkonzert im „Theater am Rand“ hat Wenzel auch bewiesen, dass er nicht nur in der Produktion im Akkord arbeitet, sondern auch als Arbeiter auf der Bühne. Damit hat er auch uns (den Besuchern) doppelt so viel freude gemacht.

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