Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

„Viele Lieben“ – Langner singt Hausin. Eine Entstehungsgeschichte (inklusive exklusiver Hörprobe)

CLangner

Dass Carsten Langner – wir kommen nicht umhin dieses Adjektiv in diesem Zusammenhang zu verwenden – nahezu brillant ist, wenn es darum geht Lieder zu komponieren, die einem Reinhard Mey zu großer Ehre gereichen würden (vgl. Sie gerne HIER) ist inzwischen bekannt. Auch Mey persönlich im Übrigen, der Langner bereits mehrfach lobend zu erwähnen wusste. Doch so wunderbar diese Fähigkeit auch ist – Langner tut vermutlich gut daran sich nicht allzu sehr darauf zu versteifen, dass genau diese Methode sein Erfolgsmittel für alle Ewigkeiten sein könnte. Und so ist der Mittzwanziger bereits seit einiger Zeit emsig dabei sich in gänzlich neue Fahrwasser zu begeben. Einer unausgesprochenen Liedermachertradition folgend hat er im niedersächsischen Poeten Manfred Hausin (von dem im Übrigen auch Hannes Waders aktueller Song „Dass wir solang leben dürfen“ stammt) einen kreativen Seelengefährten gefunden, dessen Lyrik er nun zu vertonen gedenkt. Nicht die schlechteste aller Ideen, poetische Gebilde in Melodien zu gießen, wie wir spätestens seit Wenzel, Volker Kittelberger oder jüngst Heike Kellermann wissen.

Doch wie kam es überhaupt dazu? Ein Achtel Lorbeerblatt wollte es genau wissen und hat daher, klar, einfach einmal nachgefragt. Und einen wunderbar ausführlichen Gruß von Carsten Langner erhalten, direkt aus seinem Studio…

von Carsten Langner

Im Spätsommer vergangenen Jahres hörte ich auf Hannes Waders damals brandneuem Album „Nah dran“ zum ersten Mal das Lied „Dass wir so lang leben dürfen“. Die – im positiven Sinne – volkslied-taugliche Melodie und der wunderbare Text, dem es weder an Nachdenklichkeit und Tiefsinn noch an augenzwinkernder Ironie fehlt („Dass wir so lang leben dürfen / Schnäpse kippen, Rotwein schlürfen / Feurig würzen, Biere stürzen / Prassend unser Leben kürzen) blieben mir sofort im Ohr. Der Begleittext im Booklet verrät: Die Verse stammen nicht von Wader selbst, sondern sind ein Gedicht aus der Feder Manfred Hausins, das der Liedermacher vorzüglich vertont hat.  Google-Suche, unzählige Treffer: Manfred Hausin (www.manfred-hausin.de), Erzpoet & Eulenspiegel, „die Stimme Niedersachsens“ und Vater der „Compagnie Poesie“ – ein Zusammenschluss befreundeter Künstler aus den verschiedensten Sparten der Kleinkunst. Liedermacher finden sich unter ihnen ebenso wie Puppenspieler, Varietékünstler treffen bei den Gemeinschaftstagungen und -festen auf Kabarettisten, Schriftsteller auf Schauspieler – und nicht wenige sind in gleich mehreren Kreativwelten zuhause. Mehrmals jährlich treffen sich die Mitglieder der Compagnie auf Einladung von Kleinkunstveranstaltern aus der ganzen Republik zu „Langen Nächten der Poesie“ (www.lange-nacht-der-poesie.de), stets von Manfred Hausin arrangiert und moderiert. In diesen Nächten begeistern sie ihr Publikum. Und einmal im Jahr, Mitte Januar, strömen alle, die es irgendwie einrichten können, zur Tagung im nordhessischen Bad Karlshafen zusammen. Ein Wochenende lang wird dann musiziert, sich ausgetauscht, öffentlich aufgeführt und natürlich nach allen Regeln der Kunst die Poesie zelebriert.

Begeistert von seinen Gedichten und diesem Gemeinschaftsgedanken, wollte ich mich bei Manfred Hausin als Nachwuchs-Künstler für die „Lange Nacht der Poesie“ bewerben. Also schrieb ich ihm einen Brief, legte meine erste CD bei, übergab den kleinen, gepolsterten Umschlag der Post und versuchte ab dann, nicht mehr daran zu denken: Als junger Musiker hoffst Du maximal bei den ersten 20 Briefen an potentielle Veranstalter noch auf Antworten. Danach resignierst Du entweder völlig und suchst Dir eine andere Berufung oder gibst Dir zwar so viel Mühe wie möglich beim Schreiben, rechnest aber niemals mit einer Antwort und lässt Dich dann, wenn es doch mal anders kommt, eben positiv überraschen. Weit über 90 Prozent der Briefe an Veranstalter, die ich bislang schrieb (in den meisten Fällen lag auch eine CD bei), blieben jedenfalls unbeantwortet.  Entsprechend überrascht und angesichts meiner Bewunderung seiner Werke auch schlagartig ordentlich aufgeregt war ich dann, als einige Tage später das Telefon klingelte und sich Manfred Hausin meldete. Es ergab sich ein freundliches Gespräch, in dem er mich irgendwann plötzlich fragte, ob ich nicht auch mal ein Gedicht von ihm vertonen wolle. Ich war baff, weil ich mit dieser Frage niemals gerechnet hätte und entgegnete in einer Art Blackout-Zustand: „Wenn Sie eins haben, dann sehr gerne.“

Pause. Dann etwa diese Antwort: „Das hab ich wohl, ja …“ Ich weiß bis heute nicht, ob Manfred meinen Fauxpas in jenem Moment nicht vielleicht für einen misslungenen Scherz hielt.  Erst nach dem Telefonat konnte ich meine Gedanken ordnen, um dann rasch festzustellen, wie töricht es ist, solch einen Satz zu einem Dichter zu sagen: „Wenn Sie eins (ein Gedicht) haben, …“ Nachdem ich mich eine Zeit lang über meine Ungeschicklichkeit geärgert hatte, überlegte ich, wie ich die Wogen wieder glätten könnte und kam zu dem Schluss, dass es wohl am besten sei, dies musikalisch zu tun – das kann ich überlegter als reden.  Noch am selben Abend nahm ich die Gedichte-Sammlung „Liebe für immer. Die 111 schönsten und frechsten Liebesgedichte des Manfred Hausin“ zur Hand. Ich hatte schon früher dann und wann mal versucht, das eine oder andere Gedicht anderer Poeten zu vertonen, wenn mich eines ansprach. Es war mir nie gelungen. Es gibt Texte, die mir vortrefflich gefallen – aber ich finde einfach keinen musikalischen Zugang zu ihnen. Dieses Mal war es anders. Gleich beim Lesen des Titelgedichts „Liebe für immer“ fiel mir eine Melodie dazu ein und ich sang es schon und spielte dazu Gitarre, noch bevor ich die letzten Verse gelesen hatte. Und erst die Zugabe: „Viele Lieben“. Es machte mir richtig Freude, dieses Gedicht zu vertonen, ein Lied aus ihm entstehen zu lassen. Der Wiedergutmachungswille wich schnell einem wahren Genuss.  Nachdem ich es ein paar Wochen hatte reifen lassen, ging ich ins Studio, nahm eine Demo-Version (nur Gitarre und Gesang) des Stückes auf und schickte sie Manfred.

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Wie freute ich mich, als er wieder anrief, um seine Freude darüber zu bekunden. Nun traute ich mich auch, ihm „Liebe für immer“ zu schicken, fand als Reaktion darauf gegen Beginn der Adventszeit zunächst ein Päckchen mit weiteren Hausin-Büchern in meinem Briefkasten und bekam schließlich – kurz nach Weihnachten – eine Einladung zur Tagung der Compagnie Poesie Mitte Januar in Bad Karlshafen. Neben vielen anderen auf der Gästeliste: Hannes Wader, Werner Lämmerhirt, Winfried Bornemann.  In vorfreudiger Erwartung und wieder mal mächtig aufgeregt zugleich fuhr ich hin, wurde im „Weinhaus Römer“ prompt herzlich als „Benjamin“ in den Kreis der Kollegen, die ich bis dahin nur von CDs, Konzerten, aus Funk und Fernsehen oder ihren Büchern kannte (manche habe ich auch erst an diesem Wochenende kennen gelernt), aufgenommen, durfte am öffentlichen Abend mit auf der Bühne stehen und begegnete endlich auch Manfred Hausin persönlich. Am zweiten, nichtöffentlichen Abend traute ich mich dann sogar, „Viele Lieben“ zum ersten Mal live zu singen.

Motiviert durch die positiven Reaktionen machte ich mich zuhause daran, das Lied noch einmal im Studio aufzunehmen – diesmal aber richtig. Dafür spielte ich zwei Gitarren ein, sang, engagierte meinen Vater als „Shaker“, nahm anschließend selbst noch ein zweites Schüttelei sowie Bass und Schlagzeug (zugegeben: aus Budgetgrunden beides auf meinem Digital-Klavier gespielt) auf und bat „meinen“ Gitarrenbauer Andreas Köpke, der zudem ein begnadeter Musiker ist, samt Ukulele und Mandoline (selbst gebaut!) ins Studio: Was er dann noch in das Lied hineingezaubert hat, berührt mich immer noch, obwohl ich es beim Abschmischen schon unzählige Male gehört habe.  Nach zwei Wochen musizieren, experimentieren, aufnehmen, wieder verwerfen, noch einmal einspielen und endlosen Stunden am Mischpult („Viele Lieben“ ist meine erste größere Produktion, bislang habe ich auch im Studio ausschließlich als Solist gearbeitet) ist das Lied nun fertig. Manfred gefällt’s, ich bin – als Perfektionist wohl eher vorläufig – auch ganz zufrieden damit, also darf es raus in die Welt.

Hier also ein kleiner Höreindruck als Geschenk an alle EAL-Leser.

Wahrscheinlich ab Herbst wird es das Lied auf CD geben. Mir sind nämlich mittlerweile noch zu einigen weiteren Hausin-Gedichten Melodien eingefallen. Warum also kein ganzes Album mit Texten von Manfred Hausin und Musik von Carsten Langner? „Langner singt Hausin“ ist seit Anfang Februar in Arbeit …

Herzlichst,

Carsten Langner

www.carsten-langner.de

Zum ausführlichen Interview mit Carsten Langner

Hören Sie auch ins Herbstgewitter – unsere moderierte Radiosendung rund um Liedermacher & Chansonniers. Zur aktuellen Ausgabe: HIER entlang…

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