Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Silly – Kopf an Kopf

silly

von David Wonschewski

Verlieren legendäre Bands ihre Gesichter und mit diesen Gesichtern auch ihre Stimmen, so entsteht die immer gleiche, selbstverständlich stets auch etwas unfaire Frage: Ist das, was da noch übrig ist, wirklich noch das Original? Vor allem, wenn eine neue, ganz eigene Stimmpersönlichkeit ans Mikrofon gestellt wird? Queen, die Meinung hat sich inzwischen wohl durchgesetzt, wurden nach dem Tod von Freddie Mercury nie wieder Queen, ja hätten den Laden am besten gleich gänzlich dicht gemacht. Genesis hingegen landeten nach dem Abgang von Peter Gabriel einen unerwarteten Volltreffer namens Phil Collins. Tja – und wie verhält es sich in nationalen Kreisen, zum Beispiel just bei Silly? Silly sind eine Sonderform dieses per se etwas holperigen Übergangsprozesses. Denn keine jener Bands, die mit dem etwas dubios-despektierlichen Prädikat „Ostrock“ daherkommen (ein Begriff, für den wir Musikjournalisten geteert und gefedert und anschließend im Blauen Bock ausgestellt gehören), hat es wirklich geschafft ihren einstigen DDR-Ruhm nach der Wende auch in die westlichen Bundesländer zu exportieren. Nicht die Puhdys, nicht Karat, nicht City. Und unfassbar großartige Bands wie Pankow oder Lift (ja, verdammt, beide gibt es noch!), die kennt zwischen München und Kiel, es ist leider nicht anders zu sagen: quasi keine Sau. Die textlich und klanglich durchweg hochveranlagten Bands der ehemaligen DDR, sie blieben den Westlern derart schleierhaft, dass sogar die Linkspartei von sich behaupten darf beliebter zu sein dort. Womit wir denn wieder bei Silly angekommen wären. Denn gerade die bilden, genau: Die einzige Ausnahme. Und das haben sie in erster Linie ihrer Neuerfindung zu verdanken, die nur mit Anna Loos so horrend gut gelingen konnte.

Bei allem – an dieser Stelle sogar allergrößten – Respekt für die 1996 verstorbene Tamara Danz und ihren vollkommen berechtigten Kultstatus: Es darf bezweifelt werden, dass Silly mit ihr zu dem allgemeindeutschen Phänomen geworden wären, das sie heute sind. Die sehr unique Art von Tamara Danz zu singen, diese ganz spezielle Weise, wie die Worte ihren Mund und eben ihr Gesicht verließen – wahrlich kein Stoff aus dem westliche Glückseligkeit zu basteln gewesen wäre (was durchaus als Lob gen Ost und leichte Kritik gen West verstanden werden kann). Und so kann es sich jeder Musikfan drehen wie er möchte: Nein, Silly sind nicht mehr Silly. Ja, Anna Loos ans Mikro zu stellen war eine grandiose Idee. Auch wenn im Hintergrund das alte Silly-Stammteam wirbelt und  – womit wir denn endlich bei der neuen Platte angelangt wären – instrumentale Oberklasse abliefert, das Erfolgsrezept dieser Band heißt fraglos Anna Loos. Das mag bandintern verneint werden, da nicht so empfunden, nicht so praktiziert. Von außen jedoch wird es spätestens jetzt, mit „Kopf an Kopf“, mehr als deutlich.

All diese Vorüberlegungen, ja sie sind wichtig, um das neue Werk halbwegs adäquat einordnen zu können. Denn all jene Ewiggestrigen, die es nun einmal auch in der Musik gibt, die noch immer hoffen, dass der ganz alte Silly-Glanz zurückkehrt – sie werden enttäuscht. Dieser nostalgische Glanz kommt nicht mehr zurück, soll es auch gar nicht, darf es auch nicht. Gerade aus den Augen eines Liedermacher-, Chanson- und Weltmusikfreundes betrachtet bietet  „Kopf an Kopf“ gleich eine ganze Reihe Schmuckstücke. „Vaterland“ etwa, ein wunderbar folkloristisch  gehaltenes Stück, südosteuropäisch angehaucht, drohend, dräuend – und textlich so kritisch formuliert, dass nicht einmal Konstantin Wecker Silly Zahnlosigkeit vorhalten könnte. Kriegerisch anmutende Trommeln, ein druckvoll eingesetzter, aber gottlob nicht pathetisch werdender Chor, die große Schlacht in Blickweite. Ebenso „Blutsgeschwister“, ein ebenfalls geradezu kriegsversehrter Song über den Verlust von Identität und Freundschaft auf dem Minenfeld zwischen Ost und West. Die neue Entfremdung unter einst Vertrauten wird hier derart feinsinnig und sanft artikuliert, dass  nicht weniger als Gänsehaut die Folge ist. Eines dieser Stücke, die klar aufzeigen, dass Silly durchaus chansoneske Züge besitzen. Und mit Anna Loos über eine Schauspieler-Sängerin verfügen, die es versteht die emotionale Klaviatur ihrer Hörer zu bespielen.

Womit wir bei den einzigen Kritikpunkten angelangt wären, die sich – es kann nur Taktik sein – ganz zu Beginn des Albums tummeln. Denn mit dem Titeltrack „Kopf an Kopf“, dem folgenden „Dein Atlantis“ und schließlich „Lotos“ eröffnen ausgerechnet drei sehr auf Effekt getrimmte Uptempo-Nummern die Platte, die gut gemacht sind, live hervorragend funktionieren werden und als potentielle Singles auch definitiv erfolgreich sein werden. Aber – qualitativ betrachtet entziehen sie dem Album just den Charme, den es später aufbaut und behält. Denn die große Qualität von Anna Loos ist es auf ihre ganz eigene Art lebenserfahren zu klingen, wie durch sämtliche Höhen und Tiefen geschritten. Und damit mehr Chanteuse zu sein als denn juvenile Popsängerin. Genau das aber vermeidet sie auf diesen ersten drei Songs, die daherkommen als hätte man sich jüngst ein paar Mal zu oft die chartaffinen Werke zwanzigjähriger Newcomer angehört. Anna Loos als Girlie – mag sein, dass es Menschen gibt, die so etwas brauchen. Ihre wirkliche Attraktivität, die sie aus einer trotzig-lasziven Tiefgründigkeit bezieht, überzieht sie hier aber auf süßlich hoppsende Weise, die weder sie und schon gar nicht Silly nötig haben. „Atlantis“  – an und für sich eine Wucht von einem Popsong  – hätte auch locker von Frida Gold stammen können. Mit gutgemeinten Textbausteinen, die jedoch offenbar bewusst so gehalten wurden, dass sie in jedes Poesiealbum passen. Oh doch, auch diese Lieder sind kleine Meisterwerke. Meisterwerke in puncto „Wie schreibe ich einen Mainstream-Hit?“.

Gut möglich, dass der sich hier artikulierende Schreiber einfach zu verkopft ist, um zu sehen, dass von 15 Songs doch nicht alle bleischwer daherkommen müssen. Und er doch selbst am besten weiß, wie das so ist mit dem Kommerz und der Kunst. Ja, das mag alles sein. Nur hätte er das Album nach den ersten drei Songs mit einem dramatischen Seufzer fast schon aus der Anlage geholt. Hätte sich fast zu einem Ostalgiker gemacht, der guten alten Zeiten wegen. Und hätte fast einen üblen Verriss geschrieben.

Was für ein Fehler wäre das gewesen, denn: 80 Prozent von „Kopf an Kopf“ sind gehobene Musikkunst.

www.silly.de

Lesen Sie auch: „Schwarzer Frost“ – der Roman von David Wonschewski um Depression, Misanthropie und Weltenwahn. Eine Empfehlung der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft. Weitere Infos – HIER

2 Kommentare zu “Rezension: Silly – Kopf an Kopf

  1. tinyentropy
    23. März 2013

    Ich kenne Silly noch nicht, aber ich freue mich, hier gleich eine Reihe von interessanten Bands empfohlen bekommen zu haben. Ich bin sicher so ein typischer Wessi, dem es gut zu Gesicht stünde sich mal mehr für die von Dir genannten Bands zu interessieren. LG

    • achtellorbeerblatt
      23. März 2013

      Du, ich bin selbst so ein „Wessi“, wurde berufsbedingt aber temporär gezwungen tief in die musikalische Historie von Pop- und Rockbands aus der ehemaligen DDR zu tauchen – und habe es nie bereut. Im Gegenteil, gerade Lift und Elektra haben aus meiner Sicht die beste deutschsprachige Musik der 70/80er Jahre überhaupt hervorgebracht in dem Bereich. In der Tat gibt es da so eine seltsame Hürde, über die manch Ohr aus Köln, Hamburg oder Bielefeld erstmal rüber muss – das liegt aber wohl einfach daran, dass „jene“ Musik fordernder ist, wir können auch gerne sagen: etwas anspruchsvoller.
      LG

      EAL/David

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23. März 2013 von in 2013, Plattenbesprechungen und getaggt mit , , , , , , , , , , .
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