Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Die ECHO-Laudatio für Hannes Wader: Reinhard Mey im Wortlaut.

Hannes-Wader--c--Stefan-Hoederath---Universal-Music

Bekanntlich hält die bundesdeutsche TV-Landschaft nicht mehr allzu viele großartige Momente für Liedermacher-Freunde parat. Um so schöner war er, der Abend des 21. März, der es uns gestattete den mit dem ECHO ausgezeichneten und durchaus gerührten Hannes Wader auf der ganz großen und öffentlichkeitswirksamen Mattscheibe zu erleben. Und nicht nur ihn, auch Reinhard Mey, der eine sehr schöne Laudatio auf seinen Freund hielt. Ein Achtel Lorbeerblatt hat nachgefragt – und von Reinhard Mey persönlich noch einmal den genauen Wortlaut seiner Rede erhalten.

Für alle Enthusiasten und Weggefährten hier nun also die Rede nocheinmal zum Nachlesen:

Guten Abend. Ich freue mich, hier zu sein, und dass es darum geht, einen lieben Freund und guten Weggefährten mit einem Echo für sein Lebenswerk zu ehren.

Unsere Weg beginnt in grauer Vorzeit, im vorigen Jahrhundert, wir schreiben das Jahr 1965. Ganz Deutschland stöhnt unter dem Joch amerikanischer Schlager, deutscher Schnulzen und lähmender Tanzmusik. Ganz Deutschland? Nein, ein kleines Häuflein unbeugsamer, zorniger junger Leute lehnt sich dagegen auf. Sie rotten sich zusammen auf einer grünen Wiese vor einer Burg mit Namen Waldeck, singen widerborstige Lieder, die sie selber schreiben und mit denen sie dem Stumpfsinn speienden Drachen der Volksverdummung den Gar ausmachen wollen.

Ich saß auf dieser Wiese bei einem prähistorischen Open-Air, man nannte es damals noch Freiluftveranstaltung, und wurde Zeuge, als dieser hagere, große Junge mit einem kühnen Sprung die Bühne erklomm, begnadet Gitarre spielte und mit klarer Stimme sang. „Die Blumen des Armen“ hieß sein Lied und es traf mich wie ein Schlag. Das war das, was ich schon immer hören wollte, das war das, was ich suchte, das war das Lied, nach dem wir uns alle sehnten. Wir wussten alle an diesem Abend des Jahres 1965, dass ein Meister vor uns stand: Der große, hagere Junge hieß Hannes Wader.

Wir erkannten uns als Seelenverwandte und wurden Freunde, wir hatten jeder eine Handvoll eigener Lieder und waren begierig, auszuprobieren, was wir da geschrieben hatten. Aber mit einer Handvoll Liedern – selbst wenn es lange sind – ist es schwer, einen ganzen Konzertabend zu bestreiten. Also legten wir unsere Schätze zusammen, gingen gemeinsam auf die Bühne und sangen abwechselnd unsere Lieder. Wenn eine Zugabe verlangt wurde, sang ich eins von Hannes’ Liedern, und Hannes eins von mir. Wir sangen überall, wo man uns ließ, auf Straßenfesten, in Kellertheatern, am liebsten in Kneipen, denn wo viel getrunken wurde, konnten wir nach der Pause, die Lieder aus der ersten Hälfte nochmal singen, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre.

Es war unsere Sturm- und Drangzeit, wir schrieben wie im Rausch und irgendwann hatte jeder von uns sein eigenes abendfüllendes Programm, sein Publikum und jeder ging seinen eigenen Weg allein weiter. Wir haben uns nie aus den Augen verloren, nicht aus dem Sinn und aus den Ohren erst recht nicht, aber wir waren so verdammt beschäftigt, immer unterwegs – heute hier morgen dort – keine Zeit innezuhalten.

Erst gegen Ende der 80er Jahre, als der Sensemann durch unsere Reihen ging und die ersten Freunde mitnahm, erkannten wir, dass auch unsere Zeit nicht endlos sein würde und wie kostbar Freundschaft ist, und wir sind wieder enger zusammengerückt. Mit unserem Leben, unseren Familien unseren Kindern und Kindeskindern. Und wie damals singt wieder einer ein Lied des anderen, Hannes singt meine alte Ballade von den „Mädchen in den Schenken“ und ich sein „Es ist an der Zeit“, das wichtigste und ergreifendste aller Lieder, die ich kenne.

Hannes Wader hat die Musikszene bewegt, und er hat erreicht, was alle Liedermacher sich auf die Fahne geschrieben haben: die Welt ein Stück besser zu machen. Denn mit seinen leidenschaftlichen Hymnen gegen den Krieg, Gewalt und Unrecht hat er eine ganze Generation dazu gebracht, sich das mit dem Dienst an der Waffe nochmal zu überlegen und lieber als Ziwi in Krankenhäuser und Pflegeheime zu gehen und den Menschen wirklich zu dienen. Hannes Wader hat sich mit seinen Liedern und seinem Lebenswerk um die Menschlichkeit verdient gemacht. Ich verneige mich vor einem wahrhaft großen Liederpoeten, und ich umarme einen lieben, warmherzigen Freund.

Lieber Hannes, Ich bin glücklich, dass ich Dir nach bald 50 Jahren gemeinsamen Weges zum Echo für Dein Lebenswerk gratulieren kann. Glückwunsch, lieber Freund, Du hast ihn verdient – aber ich verlange Dir an dieser Stelle das Versprechen ab, dass du dein Lebenswerk zu unser aller Freude in kommenden, guten Jahren noch kräftig ausbaust! Wir brauchen Dich!

Foto: Stefan Hoederath / Universal Music

11 Kommentare zu “Die ECHO-Laudatio für Hannes Wader: Reinhard Mey im Wortlaut.

  1. maja
    26. März 2013

    @David, da hast Du vollkommen recht, stimmt genau, eine Verwässerung der zuvor erteilten Ehre war das, besser kann man es nicht ausdrücken. Die toten Hosen sollen ihren Kram singen. Mich hat ja sowieso gewundert, daß Hannes Wader das mitgemacht hat, Er, der sowieso sehr zurückhaltend ist und dann diese schreckliche Veranstaltung bei der es nur darum geht sich zur Schau zu stellen. ich muss sagen, mir hat er leidgetan. ich wollte schon vorher ins Bett gehen, dachte, er kommt sowieso nicht. Dann hab ich Reinhard Mey gehört, und wussste, er ist doch da, mit Gattin und Tochter. Er hatte ja zuvor überlegt, ob er einen Smoking anziehen müsste, Stell dir das vor. Man würde besser hingehen und eine Fernsehveranstaltung machen mit Liedermachern wie es mal war in den 80ger jahren, da gabs das noch, zwar spät, aber dafür bin ich gerne aufgeblieben.
    schau dir doch die Gestalten an die da geehrt wurden. nun, wir müssen es akzeptieren, wir haben eine andere Zeit. Aber trotzdem werden die Liedermacher immer noch gerne gehört, wenns auch kaum einer zugeben will. Ich war mit meinem Sohn im November in Saarlouis beim Konzert, ich hab ihn ja schon oft live gesehen, mindestens 20 mal
    und werde immer hingehen, wenn er hier irgendwo in der Nähe herumtourt. und ich hoffe es sind noch viele Jahre. ich hab ja immer ein ungutes Gefühl, wenn ich höre, es bekommt jemand den Preis für sein Lebenswerk. Ich hoffe, daß wir ihn noch lange haben. Lieben Gruss Maja

    • achtellorbeerblatt
      26. März 2013

      Dass timmt, Preise fürs Lebenswerk sind wirklich eine verdammt ambivalente Angelegenheit…
      LG
      David/EAL

    • Günter H. Schullenberg
      13. März 2014

      Hallo, kennen Sie auch sein großes Liederbuch „Dass nichts bleibt, ei es war“von 1983, wo ich mit einer Ordensklamotte verewigt bin (ab S.221 ff.)?

  2. achtellorbeerblatt
    26. März 2013

    Vielen Dank für die ausführlichen und sehr detailierten Kommentare, gerade sowas gibt jüngeren Lesern stets den besten Einblick in eine Zeit, die sie selbst nicht miterleben konnten.
    @maja: Für meinen Geschmack hätte man die Toten Hosen nicht gebrucht, die haben doch wirklich genug Plattform gehabt bei der Veranstaltung. So an Wader getackert hatte das was von „alleine können wir den doch nicht hinstellen und singen lassen an diesem wichtigen TV-Platz“…also zwei Schritte vor, ein zurück. Die Verwässerung der zuvor erteilten Ehre…

    LG

    David/EAL

  3. maja
    26. März 2013

    preise fuers lebenswerk diesen haett ich abgelehnt aber echt

  4. maja
    26. März 2013

    Reblogged this on Kein Tagebuchblog.

  5. Günter Lüdeke, Wedemark
    25. März 2013

    Von den Waldeck- Festivals las ich erstmals 1967 in Rolf Gekelers Zeitschrift „Song“. Dort waren auch Texte von Wader, Mey, Mossmann, Hedy West usw. veröffentlicht. In Erinnerung blieb mir aus dieser Zeit Waders „Das Loch unterm Dach“.
    Im Spätherbst 1971 sah ich Hannes Wader dann erstmals auf der Bühne. Es war im Berliner „Quartier von Quasimodo“, wo er zusammen mit Werner Lämmerhirt die Lieder seiner zweiten LP vortrug.
    Seitdem haben mich Waders Lieder und Texte nicht mehr losgelassen. Es sind Lieder aus Eiche – zeitlos gültig, eingängig und schön.
    Die zweite Begegnung dann Ostern 1973, beim Ludwigshafener Waldeck- Nachfolgefestival mit dem Abschlusskonzert „Hannes Wader trifft Tom Paxton“.
    Dessen „Last Thing on my Mind“ ist mittlerweile ins Deutsche übersetzt und auf der aktuellen „Nah dran“- CD enthalten.
    Der ECHO ist hoch verdient – wird doch einer der ganz großen Folksänger ausgezeichnet, der zweifellos in einer Reihe steht mit Bob Dylan, Pete Seeger und Woody Guthrie.
    Ich möchte mich den Glückwünschen anschließen und dem Hannes noch ganz viele gute Jahre wünschen verbunden mit der Hoffnung, noch viel von ihm zu hören.

  6. freiedenkerin
    25. März 2013

    Danke für’s Posten!

  7. Günter H. Schullenberg
    25. März 2013

    Seine „Langeweile“ ließ mich nicht mehr los;ich erkämpfte e.Artikel i.d.“Zeit“ 1982 „Der Sänger d.Traums v.Frieden“, ich bin in s.Liederbuch („Dass nichts bleibt..“) verewigt, ich habe viele seiner Konzerte besucht, immer war es auch e.Stück Lebenshilfe für mich.Er ist e.guter Geschichtenerzähler gworden u.deckt alle Bereiche d.Lebens wie Jugend,Alter und Endlichkeit gründlich ab;Hannes Wader ist a.d.“Poetenweg“ aufgewachsen; mein für ihn in Bielefeld bereits 1983 angeregten Kulturpreis hat er allerdings noch nicht erhalten. Zu seinen Fan`s gehören auch die Schriftstellerin Elke Heidenreich, die bereits 1985 den immer noch lebendigsten Artikel über ihn schrieb. Er hat sicher nicht die Welt mit seinen Liedern verändert, aber viele, viele seiner großen Fangemeinde.

  8. freiedenkerin
    25. März 2013

    Reblogged this on Freidenkerin's Weblog und kommentierte:
    Schön und bewegend ist die Laudatio, die Reinhard Mey anlässlich der Echo-Verleihung seinem langjährigen Künstlerfreund und Weggefährten Hannes Wader gewidmet hat…

  9. ralphbuttler
    25. März 2013

    Reblogged this on Auf dem Dao-Weg.

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