Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Michael Witte & Band – Zirkushimmel

Zirkushimmel

von Kristy Husz

Eines vorweg: Disc, Inlay und Booklet bilden in puncto Liedreihenfolge keine Einheit. Hinter dem Irritationsmoment beim ersten Hören und Jewelcase-Durchstöbern könnte jedoch fast ein bisschen Absicht stecken. Spannt man unter einem Zirkuszelt nämlich den Sternenhimmel auf – sagen wir, aus Liebe zu indefiniten Schwebezuständen –, so erhält man, kaum überraschend, einen „Zirkushimmel“. Bunt darf man sich diesen vorstellen, kaleidoskopisch funkelnd, stets in Bewegung und im wahrsten Sinne des Wortes voller Geigen hängend. Oder ganz einfach so wie das gleichnamige, neueste Album der 2005 gegründeten Osnabrücker Combo Michael Witte & Band.

Während Witte selbst das Songwriting und den Gesangspart übernimmt sowie mit Elan Saiten- und Tasteninstrumente beackert, haben sich mittlerweile, nach ein paar Umbesetzungen in der jüngeren Vergangenheit, Lilia Kirkov (Kontrabass und sympathisch dominierende Violine), Christian Kittel (Bass), Alexander Rosenhof (Gitarre) und Gerwin Spalink (Schlagzeug) als seine dauerhaften Begleiter herauskristallisiert, die zusammen mit einer stolzen Gastmusikerphalanx aus Akkordeonisten, Saxofonisten, Mundharmonikaspielern und vielen anderen für den flirrenden, herzhaften Sound im Artistengewölbe sorgen.

Da ertönt dann ein epochales Orchester („Du kriegst mich nur lebend“) neben einem unwiderstehlich jazzig vor sich hin perlenden Piano („Tausend Kilometer“), lässt sich der erdige Country-Rock eines „Jetzt und hier“, dessen Lyrics geschickt unsere Geschlechterklischees auf den Kopf stellen, mit dem Ultra-Melancholiker „Das Lachen geht auf mich“ ein, dessen sphärische Düsternis direkt in Richtung der Wave-Klassiker Depeche Mode und The Cure weist. Anderes klingt poppig („Nur ein Tag“, „Durch die Nacht“), aber wie schon bei den Witte’schen Idolen Bruce Springsteen, Tom Petty, Bob Dylan oder John Mellencamp niemals zu glatt und gefällig, und ist passend zu dem Bild, das der Name der CD evoziert, immer auch Zitat und Spiegel und Flirt mit doppeltem Boden.

Grundsolide und eigenständig wirkt Wittes vierte Veröffentlichung (das 2001 erschienene Demo-Album „Fisch auf Asphalt“ eingerechnet) trotzdem, was ebenfalls an seine musikalischen Helden erinnert und vor allem den bedachten Texten und einem handwerklich unantastbaren Genremix zu verdanken ist. Oder, mit dem Titeltrack gesprochen: „Und wie Akrobaten tanzen wir zur Mitte / Wo aus unseren Gegensätzen Eines wird / Und wir sehen zu dem Rauschen aus Gefühlen / Das unterm Zirkushimmel wie Konfetti schwirrt“.

Das ganze Leben ist nun einmal ein Zirkus, und in diesem heißt es: Manege frei für Michael Witte & Band.

http://www.michael-witte.de

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