Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Die EAL-CD des Monats/April 2013: Die Versammlung der Inseln – SAGO singt Stählin

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von David Wonschewski

Oh doch, natürlich existiert da ein großer Unterschied, so von Liedermacher-Urgestein zu Liedermacher-Urgestein. Und so mögen Herren wie Hannes Wader, Reinhard Mey, Manfred Maurenbrecher und neuerdings auch Christof Stählin zwar jeweils für sich beanspruchen können mit einem sogenannten Tribut-Album geehrt worden zu sein. Doch gerade die just erschienene Versammlung der Inseln – also die Ehrung für eben Stählin – zeigt eindrucksvoll auf wie unterschiedlich das Schaffen der vier liedermachenden Barden doch geartet ist. Was wiederum, nehmen wir es  ruhig vorweg, das wirkliche Faszinosum an dieser Veröffentlichung ist. Und ein Grund, warum niemand, dem das Genre der Liedermacher am Herzen liegt, sich diese Platte entgehen lassen sollte.

Ja, es ist richtig: Reinhard Mey ist bereits vor einigen Jahren mit einem solchen Tribut-Album geehrt worden, Hannes Wader folgte erst unlängst.  Doch bei allem Respekt vor den beteiligten Künstlern, die es vermutlich allesamt nur gut gemeint haben:  Am Ende stand bei diesen Veröffentlichungen auch stets ein wenig das Wissen darum, dass Mey- und Wader-Songs am besten eben auch nur von Herrn Mey und Herrn Wader intoniert werden sollten. Und sonst, bitte: niemandem.

Und nun ist also Christof Stählin an der Reihe, jener Grandseigneur der deutschen Liedermacherszene, der mitsamt seinem feinsinnigem Humor, seiner Distinktion und Noblesse auch abseits der Musik ganz gut zu punkten weiß. Ja, Stählin ist ein waschechtes Urgestein, seit diversen Dekaden Taktgeber des wuseligen Kleinkunst-Genres – und weiß vermutlich selbst gar nicht so richtig wie ihm da geschieht in den vergangenen Monaten. Denn nachdem sein Name über Jahre, vielleicht gar Jahrzehnte hinweg, nur noch von den eingefleischtesten Liedermacher-Enthusiasten geflüstert wurde, ja es mitunter überhaupt den jungen Musikern der von ihm gegründeten SAGO-Schule für Poesie und Musik, den „Sagonauten“, zu verdanken ist, dass er nominell nicht vollends abgehängt wurde von den weiterhin Hallen füllenden Weckers und Hoffmanns – geht es in puncto Wahrnehmung ordentlich zur Sache bei ihm. Erst wird ihm der Deutsche Kleinkunstpreis im Mainzer Unterhaus verliehen und sogar 3Sat lässt es sich nicht nehmen mit der Kamera voll drauf zu halten. Dann versammeln sich seine Sagonauten, üben Stücke Stählins ein und stellen ein Tribut-Konzert auf die Beine (einen Konzertbericht können Sie HIER einsehen). Tja und dann wird die aus diesem Treiben entstehende Tribut-CD auch noch zur Platte des Monats April in der Liederbestenliste gekürt. Es ist und bleibt seltsam: Manchmal kommt jahrelang wenig bis gar nichts. Und dann kommt es, genau: knüppeldick.

Wobei wir an dieser Stelle so detailgetreu sein wollen zu erwähnen, dass die Pläne der Sagonauten zu Konzert und Platte bereits gereift waren als an eine (erneute, er wurde bereits 1975 in der Sparte „Chanson“ ausgezeichnet) Kleinkunstehrung Stählins noch gar nicht zu denken war. Siebzig Jahre ist der auch als Kabarettist und Schriftsteller tätige Stählin im vergangenen Jahr geworden – auch das ein Grund für seine ehemaligen Musiksprösslinge einfach einmal Danke zu sagen. Und ihm, Stählin, etwas zurück zu geben, nachdem vor allem sie von Stählins Expertise und seinem Willen Kenntnisse nicht zu bunkern, sondern sie betont und beflissen an nachfolgende Generationen weiterzugeben, so ausdauernd profitiert haben.

SagoGrande 2012-06-23 21.00.43Womit wir auch direkt bei einem der Unterschiede angelangt wären, den die Versammlung der Inseln zu landläufigen Tribut-Alben ausmacht: Denn wo ansonsten ganz gerne jene durchaus logische Konsequenz anzutreffen ist, wonach Bewunderung auf seinen Meister trifft und hinaufschauende Ehrerbietung auf den wahn- und zwanghaften Versuch es dem großen Idole doch gleichzutun – besticht die Versammlung der Inseln durch verblüffende Eigenständigkeit. Ja, wir könnten die Namen SAGO und Stählin streichen, sie ausradieren aus Booklet und Pressemeldung – und hätten noch immer eine Veröffentlichung, die in sich stimmig ist und nicht weniger als: erlesen. Und genau das ist ein Punkt, der positiv verwundert. Denn so klar es für die Sagonauten auch sein mag, dass die Werke Stählins zeitgemäß und ewiglich sind – für das Gros außenstehender Musikfreunde ist genau das nicht der Fall. Stählin-Songs, so denn vorgetragen vom Meister persönlich, erweisen sich in den Ohren der vermeintlichen Mehrheit als fast schon barocke Klangdelikte, als eigentümliche Unikate, präsentiert in fast schon besessen zu nennender lyrischer Romantik und auf jenem für Laien nicht zu identifizierenden Paradeinstrument Stählins, der Vihuela, einem spanischen Zupfinstrument aus dem 16. Jahrhundert, das durch seinen „silbrigen Ton“ (Stählin) verzückt – und enorm aus der Reihe fällt. Ja, Stählin legt es geradezu darauf an antiquiert zu klingen, freilich ohne den Begriff „antiquiert“ negativ besetzt zu sehen. Eher im Gegenteil, wie er dem Lorbeerblatt vor einigen Monaten persönlich erklärte (HIER zum Interview mit Christof Stählin).

Gerade durch diese dezidiert artifizielle Vortragsweise erscheinen Stählin-Stücke wie dahingetupft, feinsinnig und zerbrechlich. Und sind doch gerade in ihrer so kompromisslosen Umsetzung oftmals geradezu brutal fordernd. Nicht viele Menschen verfügen heute noch über Hirn, Herz und Aufmerksamkeitsspanne sich einer solchen Herausforderung hinzugeben.

Gerade antiquiert ist an diesem Tribut-Album aber nun gar nichts. Und das ist, mit Verlaub, eine kleine Sensation. Sicherlich, es entstaubt per se, so Lieder, die zum Teil mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel haben, frisch eingespielt werden. Und dabei von Leuten gesungen werden, die vom Alter her Stählins Kinder, wenn nicht gar Enkel sein könnten. Doch genau das ist hier nicht der entscheidende Punkt: Was Künstler wie Jan Gaensslen („Der Clown“), Annett Kuhr („Die kleine heile Welt“) oder Jörg Sieper („Der Kapitän“) hier aufzeigen ist exakt das, was bisher vermutlich neben ihnen nur wenigen Stählin-Hörern klar gewesen ist: Dass hinter der barocken Gestalt weitaus mehr Moderne schlummert als jemals für möglich gehalten. Am besten nachempfinden lässt sich exakt das vielleicht an einem Lied wie „Mein Freund und Schlawiner“, in all seiner Ursprünglichkeit zu finden auf Stählins LP „Wie das Leben schmeckt“ von 1982 und nun dargeboten durch den Sagonauten Philipp S. Rhaesa. Ein Lied, gesungen aus der Sicht eines Vaters, der sein noch ungeborenes Kind in Gedanken beim Aufwachsen zusieht. Und das trotz der ihm tonal zugrunde liegenden Lochkartenspieluhr – eines jener Instrumente, auf die ein Musiker anno  2013 auch erst einmal kommen muss – und trotz seines humoristischen Untertons alle Eltern derart rührselig zurücklassen dürfte wie es allenfalls Reinhard Mey dereinst mit seiner Vater-Tochter-Ballade „Kleines Mädchen“ gelungen ist. Nicht viel anders der Schweizer Liedermacher Markus Heiniger, der mit „Lamento ( Was ist uns von Preußen geblieben)“ ein Stählin-Stück von 1983 ins Hier und Jetzt holt ohne dabei Reibungsverluste zu erleiden. Ja, es mag hier um „Preußen“ gehen, einen erneut historischen Stoff also – doch es ist geradezu besorgniserregend schmerzhaft einzusehen mit welch  Trefferquote dieses Lehrstück über urdeutsche Befindlichkeiten noch immer daherkommt. „Doch immer, mit schmalem Munde, steht Preußen im Hintergrunde“, gibt Heiniger die von Stählin ersonnenen Worte nun wieder. Und so gerne man auch möchte: Widerspruch sinn- und zwecklos.

Ganz anders Tina Häussermann, die sich mit „Manchmal wenn“ einen vergleichsweise jungen Stählin-Text gegriffen hat, um ihn mit einer eigenen Melodie zu unterfüttern. Gerade durch ihre dezidiert weibliche Darbietung, ihre stimmliche Schönheit und interpretatorische Eleganz gelingt es Häussermann, der Stählin-Vorlage ungeahnte Nuancen abzutrotzen. Eine ganz für sich stehende, hell schimmernde Ballade ist „Manchmal wenn“ geworden. Eine Ballade, die in dieser Version über diverse Genre-Grenzen hinweg funktionieren dürfte. Vielleicht der beste Beweis dafür wie viel Pop unterm Strich dann auch in einem wie Stählin ganz offenbar stecken kann. So man denn zu buddeln imstande ist.

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Es liegt in der Natur der Sache, dass über die diversen Sagonauten (auch Sebastian Krämer, Holger Saarmann, Uta Köbernick, Annett Kuhr, Dany Dziuk und Martin Sommer sind unter anderem dabei) ganz verschiedene Stile Einzug finden. So gar nicht in der Natur der Sache liegt jedoch,  dass die Platte dennoch niemals zerfleddert, sondern daherkommt wie aus einem Guss. 18 Aufnahmen, darunter auch diverse Kollaborationen der Sagonauten untereinander – aus im Übrigen einem Füllhorn vieler weiterer, deren Endauswahl schließlich Stählin persönlich überlassen wurde.

Unterm Strich gerät die Versammlung der Inseln somit zu einem Tribut-Album, das anders als die meisten Alben dieser Art nicht nur generationenübergreifend funktioniert, sondern  generationenverbindend. Ja, wie alle Tribut-Alben mag auch diese Platte in der Verkleidung eines Blicks nach hinten daherkommen. Doch sie ist in Wahrheit das genaue Gegenteil davon: Der klar definierte Blick nach vorne. Und so ist es schlussendlich ein und dieselbe Stufe, auf der sich der Geehrte und die ihn Ehrenden hier begegnen. In einem beiderseitigen Geben und Nehmen.

Es darf vermutet werden, dass genau diese gemeinsame Augenhöhe es ist, die Christof Stählin am meisten ehrt und die ihn persönlich am stolzesten machen wird. Denn nun können wir alle ihn endlich hören, diesen Unterschied zwischen Liedermachern, die auch hinter den Kulissen Einzelgänger sind. Und solchen, die wirklich nach links und rechts schauen, nach vorne und nach hinten.

Kleine Abstriche gibt es lediglich für die Aufmachung, denn das Booklet ist für eine Veröffentlichung dieses Ranges geradezu beschämend mickrig geraten und scheint mit Ehrehrbietung nur noch sehr entfernt in Zusammenhang zu stehen. Und warum sich auf der CD-Rückseite ausgerechnet bei den Namen gleich mehrere Rechtschreibfehler finden – wer weiß das schon.

Fotos: Masha Potempa / Marieke Krämer

Lesen Sie auch: Die Versammlung der Inseln – Ein Konzertbericht.

Herbstgewitter – die moderierte Radiosendung rund um Liedermacher & Chansonniers. HIER reinhören!

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