Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Tante Polly – Herzkotze

Herzkotze

von Simon-Dominik Otte

Nach Herzschmerz, Herz statt Kommerz und Herzscheiße kommt nun also die Herzkotze. Aus dem Hause Tante Polly. Und wenn der erste Track einer CD schon „Einsam und pleite“ heißt, kann das, was dann kommt, eigentlich nur gut sein. Und glücklicherweise ist es das auch, was die Hamburger Herren dem geneigten Ohr anbieten. Irgendwo zwischen Jazz, Swing, Hamburger Schule und Songwritermusik lässt sich die Musik verorten, mit sehr unterhaltsamen Texten, die selbst bei ernsteren Themen einen hellen Sonnenschein herein lassen, um dem Ganzen die Tragik ein wenig zu nehmen. („Frauen haben kein Glück mit mir / und ich hab auch kein Glück mit Frauen / ich kann nicht mehr zurück zu dir / und ich würd mich auch nicht trauen“)

Relativ häufig beschäftigen sich die drei mit dem Thema Alkohol auf „Herzkotze“, mal in positiver, mal in eher negativ geprägter Art. Aber nie so, wie man es von ihrer Namensgeberin Tante Polly erwarten würde, denn diese verbäte wohl jeglichen Umgang mit diesem unsäglichen Getränk. Erfreulich, dass sich die Band davon nicht beeinflussen lässt. Hierzu passt natürlich ganz hervorragend das Barpiano, das allein schon die Whiskeyflecken auf der heimischen Tastatur erscheinen und den dichten Zigarettenrauch im Zimmer entstehen lässt, während man diese Rezension schreibt. So ehrlich und überzeugend ist das, was Tante Polly auf ihrem Debüt darbieten.

Sicherlich sind die Themen, die auf „Herzkotze“ behandelt werden, alles andere als neu. Jeder kennt mindestens hundert Lieder über Liebe, Schmerz, Sehnsucht und die wilde Feierei. Was aber besonders ist an dieser Hamburger Band, ist die Art und Weise, wie diese Themen angegangen werden, eben nicht auf eine düstere oder gar poppige, die einem nicht mehr als ein müdes Gähnen und den Spruch „hey, kenn ich schon“ entlockte, sondern insbesondere musikalisch auf eine, die den Hörer stets bei der Stange hält und freudig schon dem nächsten Song entgegen blicken lässt. „Denn du kochst mich weich / von den Füßen bis zu den Haaren“

Mit „Wo gehst du hin?“ bauen Tante Polly gar noch eine Brücke zwischen Jazz, Rock, Hiphop und Alleinunterhalter. Das muss man erstmal können. Ja, man kann sich ohne weiteres vorstellen, mit dieser Band die ganze Nacht wach zu bleiben und Musik zu machen, zu trinken, zu rauchen und zu reden. Um dann, mit dem letzten Ton des das Album abschließenden Instrumentals „Pianote“, ebenso wortlos ins Bett zu fallen und sich den Träumen hinzugeben. Denn zu diesen animiert „Herzkotze“ auch und es sind alles andere als Albträume, die einen dann durch den Schlaf begleiten.

Wer jetzt noch nicht interessiert ist, der sollte sich „Herz aus Beton“ – meiner Meinung nach der Höhepunkt der CD – anhören und dann wird es auch den letzten Zweifler überzeugt haben, dieses Album mit dem eher unschönen Titel, der aber alles aussagt. Selbst, wenn sich Tante Polly sicherlich im Grabe umdrehen wird ob der Musik, die da unter ihrem Namen das Licht der Welt erblickt. Aber wer mochte schon Tante Polly?

http://www.tante-polly.com

Zum Video „Einsam und pleite“

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. April 2013 von in 2013, Plattenbesprechungen und getaggt mit , , , , , , , , .
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