Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Singer/Songwriter Tim Neuhaus – live in Tübingen. Ein Konzertbericht.

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Text & Fotos: Fabian Brüssow

„It’s gonna get rough and roudy!“ – Tim Neuhaus, Sudhaus Tübingen, 22.03.2013

„Wer ist wegen „The Cabinet“ und wer wegen „Now“ da?“ fragt der Berliner Tim Neuhaus ein sehr aufmerksames Tübinger Publikum. Nach kurzer Verwunderung melden sich ein paar, bis einer „Wir sind wegen dir da!“ ruft. Tim Neuhaus lächelt – das wird’s wohl sein. Er fragt, da er vor einem Monat sein neues Album „Now“ veröffentlichte. Sicher hat er die meisten Zuhörer mit seinem tollen Debut „The Cabinet“ erobert, das sich mit klugem Gitarrenpop etablierte. Die Vorzeigeplattenfirma Grand Hotel van Cleef aus Hamburg nannte es zurecht „Eines der schönsten Alben, die wir bisher veröffentlichten durften“. Das neue Werk „Now“ ist die solide Fortsetzung, die außer fließenden Synthieklängen keine größeren stilistischen Überraschungen bietet – Tim Neuhaus‘ Stimme füllt bedacht den Raum, die Instrumente tragen die Texte, die er mit Ian Fisher schrieb, der heute im Vorprogramm zu hören ist.

Tim Neuhaus reist jedoch nicht allein – er hat seine Band „The Cabinet“ dabei. Eben jenes Kabinett ist in der Grundformation heute nur in Teilen anwesend – Tim Neuhaus hat sich eine neue Formation gebastelt und begrüßt einen neuen Bassisten und Keyboarder. Letzterer war ursprünglich Andi Fins, der auch auf Solowegen ist. Ein bekanntes Gesicht ist Drummer Florian Holoubek, der heute auch singen darf. Denn Tim Neuhaus stellt sich ungern in den Vordergrund: So lädt er auch Ian Fisher&the Present an diesem Abend ein, mitzuspielen. Es ist eine Tour unter Freunden, eine Klassenfahrt von Menschen, die ihre Arbeit lieben. Tim Neuhaus dankt bescheiden bei Lob und würde sich nie selbst beweihräuchern, obwohl er das durchaus könnte. Diese Haltung macht ihn von Grund auf sympathisch. Sein Talent ist unumstritten: Schon vor Jahren hatte er es in der Liveband von Clueso oder bei der Blue Man Group bestätigen können, denn Tim Neuhaus ist eigentlich Schlagzeuger. Mittlerweile hat er sich mit Gitarre und Gesang völlig zurecht ein eigenes Standbein erarbeitet.

TNeuhaus1Dieses Talent wird vor allem bei seinen Solokonzeten ersichtlich: Neben Gitarre, Loopstation, allerlei Perkussionsinstrumenten, Koffer-Drums und Gesang spielt er höchst konzentriert nebenbei noch Fußorgel. Ein Mann der wie fünf klingt, die es alle drauf haben. Er schafft es, im Sommer Weihnachtslieder (Little drummer boy) oder Hannes Waders „Was keiner wagt“ so zu spielen, dass es ein völlig eigenes Stück wird. Die Hoffnung, letzteres heute zu hören (Hannes Wader erhielt einen Tag zuvor einen Echo) war groß, für’s Kabinett dann vielleicht doch zu eigen.

„Wir reisen durch alle vier Jahreszeiten“

Tim Neuhaus freut sich über ein nicht volles, aber gut besuchtes Sudhaus in Tübingen, dort spielen sie zum ersten Mal – gut möglich, dass viele aus dem Umkreis angereist sind. Auf der Tour quer durch Deutschland haben sie Ian Fisher & the Present mit im Gepäck, die weit mehr als „nur“ eine Vorband sind. Das charmante Country-Duo aus Missouri, USA, bestehend aus Ian Fisher, der in Berlin lebt und seinem Begleiter Ryan, sorgen für einen Auftritt mit viel Witz – der Gegenpol zum ruhigeren Tim Neuhaus. Sie zeigen, das verkopfte Folkballaden nicht bierernst wirken müssen, sondern locker vorgetragen werden können. Bei ihrer „Comedyshow mit Musik“ merkt man ihnen die Auftrittsfreude doppelt an – die beiden sind ein Herz und eine Seele, die ihre Songs mit markanten Stimmen und viel Selbstironie vortragen. Ihr neues Album „Selftitled“ erscheint zudem am Auftrittstag. Sie sind nicht nur während ihres halbstündigen Sets auf der Bühne zu sehen, sondern auch bei Tim Neuhaus Hit „As life found you“, der mittlerweile keine Zugabe mehr ist. Tim Neuhaus ist dankbar, was er mit diesem schönen Werk erreichen konnte – und kann es nun mit der üblichen Lässigkeit vortragen. Das Publikum setzt natürlich sofort ein und zieht den Song selbstständig in die Länge. Das ist inzwischen Gang und Gäbe.

Das lange Set, das seinen krönenden Abschluss mit dem Schunkelsong „So long it’s been good to know you“ (http://youtu.be/iBEpqdlHEsM?t=52s) findet und das Publikum mit einem Lächeln im Gesicht entlässt, hat eine gute Mischung. Eine, mit der jeder heute auf seine Kosten kommen sollte. Der neue Keyboarder hat die Stücke binnen kürzester Zeit einstudiert und ihm ist auch mit Merkzetteln zu jedem Song nichts anzumerken – selbst ein Melodica-Solo bei „Headdown“ gibt er zum Besten. Doch man muss schon irgendwie Fan sein, dieses Gefühl teilen, um an Tim Neuhaus‘ Musik heranzukommen, um sie zu erleben. Die Freude, die die Band am Musizieren hat, teilen sie alle gemeinsam auf der Bühne, die nur bedingt direkt auf den Zuschauer überschwappt, wenn er nicht schon vom musikalischen Können allein gefesselt ist. Sie steigern sich selbst, bauen die Songs gegenseitig haushoch auf, um dann zur großflächigen Explosion zu kommen. Das schafft man nicht oft mit Gitarrenpop. Tim Neuhaus fängt da an, wo es aufhört und bricht Grenzen auseinander. Die Songs zeigen sich in einer feinen Struktur, denn seine Musik ist vor allem rhythmusbetont. So entstehen auch mal Songs am Schlagzeug. Wo viele von Einzigartigkeit sprechen und Altbekanntes neu aufkochen, experimentiert Tim Neuhaus in der Küche, um dann mit einer klugen Kreation zu leise aber bestimmt zu erscheinen. Ein Koch, der sein Handwerk versteht.

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http://www.tim-neuhaus.de/

http://www.ianfisheronline.com

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. April 2013 von in 2013, Artikel & Interviews und getaggt mit , , , , , , , .
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