Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Widukind oder: Ich weiß nicht was es ist, aber es kommt direkt auf uns zu.

carsten-klatte

von David Wonschewski (zur Autorenseite)

Es gibt nicht viele Werke der jüngeren Vergangenheit, anhand derer sich vortrefflich über das Wesen der Kleinkunst parlieren lässt. Widukind aber, das Projekt des Berliner Musikers Carsten Klatte, eignet sich ganz hervorragend dafür. Schließlich führt der Künstler, dessen Name seit langem zum integralen Bestandteil einer eher düster konnotierten Szene gehört (in seiner kreativen Vita finden sich bereits Wolfsheim, Project Pitchfork oder Goethes Erben) hier geradezu exemplarisch vor, welche Rechte, vor allem aber Pflichten Kleinkunst auch hat.
Sicherlich, Kleinkunst, das ist zunächst die minimalistische One-Man-Show, verortet irgendwo zwischen Liedermachern, Chansonniers und Kabarettisten. Da kommt einer auf die Bühne und zerlegt direkt vor unser aller Augen das Leben in seine politischen, sozialen oder auch humoristischen Einzelteile. Ganz ohne Netz und doppelten Boden. Eine emotionale Unmittelbarkeit ist es, die in den besten Fällen entsteht. Wonnig berührt schmelzen wir dahin. Und nennen es an dieser Stelle daher einfach einmal den Klaus-Hoffmann-Effekt.
Doch Kleinkunst ist noch mehr, denn so wie das weiße Yin stets das schwarze Yang benötigt, um überhaupt zu Sinn und Funktion zu gelangen, so braucht auch die Kleinkunst einen symbiotisch agierenden Gegenpol. Einen Gegenspieler, der jedoch nur auf den ersten Blick opponierend daherkommt. In Wahrheit aber ein Freund ist, vielleicht gar der beste, den wir überhaupt haben. So wie der Tod, der bekanntlich nie ein Feind des Lebens gewesen ist. Sondern sein größter und höchster Förderer.
An exakt dieser Stelle kommt nun Widukind ins Spiel. Und mit Widukind auch sein Verlag Periplaneta. Denn was der in Berlin beheimatete Verlag mit einem Großteil seiner unter Vertrag genommenen Künstler seit wenigen Jahren realisiert ist: Der David-Lynch-Effekt. Ja, es sind bevorzugt die Schattenseiten des Lebens, denen sich hier hingegeben wird, die Verwirrung, die Dekonstruktion, das stolze Entlangtänzeln zwischen irgendwie Dada und ganz schön Gaga. Wie bei den bedrohlichen, surrealistischen und alptraumhaften Werken des Filmregisseurs und Allround-Künstlers Lynch (u.a. Twin Peaks, Mullholland Drive, Lost Highway) entzieht sich Carsten Klatte bei Widukind ebenfalls derart jeglichen Hör- und Lesegewohnheiten, dass auch Adjektive wie avantgardistisch oder experimentell endlich wieder aus der Truhe geholt werden dürfen. Ein gesellschaftlich nicht zu unterschätzender Ansatz, den Widukind und Periplaneta hier verfolgen, weitab von den ungelenken Versuchen manch eben nicht im Kleinkunstbereich angesiedelter Künstler, Labels und Verlage auf (Eyeliner-)Teufel komm ‚raus nur irgendwie aufzufallen. Und mundfertig und passgerecht anzuecken, auf dass auch bloß die Medien darauf anspringen.

Was Klatte in seinem auch als Widukind betitelten Buch und vor allem auf der gleich mitgelieferten CD vollführt, das ist nicht viel weniger als die bewusste Grenzüberschreitung. Und damit einhergehend: eine betont-lustvolle, sehr faszinierende Überforderung unserer vielfach längst taub gewordenen Geschmacksknospen. Wir wollen an dieser Stelle nicht vom kulturellen Einerlei reden, das uns seit Jahren so vehement als Kunst verkauft und in Funk und Fernsehen um die Ohren geklatscht wird. Und zwar so penetrant, dass wir in bester Erich Fromm-Prophezeiung längst der Entfremdung anheim gefallen sind, vor lauter Plastik kaum noch in der Lage sind uns selbst zu spüren. Liest und hört man sich diesen Widukind jedoch an, so können wir unseren eigenen Geist und unseren eigenen Körper endlich wieder bei einer Tätigkeit beobachten, wie sie doch längst nur noch Metallen zugeschrieben wird: Wir reagieren. Das ist nicht immer schön, manchmal ätzen wir mit Widukind geradezu säurehaft vor uns hin. Aber, hurra – wir leben!

Warum das nun Kleinkunst ist? Ganz einfach: Da nur derart konsequent umgesetzte Gesamtkunstwerke wie eben Widukind uns daran erinnern, welche zivilgesellschaftlich so überaus wichtige Funktion Kunst neben dem Schönklang und der Erheiterung dereinst doch gehabt hat. Eine Funktion, wie sie nur noch selten zu finden ist in diesen Tagen, diesen Zeiten. Das Wühlen in den Wunden, die permanente menschliche Selbstgeißelung, das Vorhalten des bösen Fratzenspiegels. Oder um es einfacher zu formulieren: zu verhindern, dass wir alle miteinander wegpennen in unserer gleichgeschalteten und mit kommerzoptimiertem Süßstoff zugekleisterten Wahrnehmungswelt. Dafür ist Kunst da. Und dafür ist auch Widukind da.

widukindWidukind an dieser Stelle mit Worten zu beschreiben erweist sich dabei allerdings so kompliziert wie überflüssig. Wie eben auch die Zusammenfassung eines Spielfilms von David Lynch ein Irrsinn für sich und unmöglich ist. Nein, Widukind muss man gelesen, gehört, um Himmels Willen einfach erlebt haben, um es zu glauben. Zu glauben, dass es so etwas noch gibt, noch geben darf. Noch geben kann. Denn in Buch- wie auch CD-Form widmet sich Klatte hier der Scheinbarkeit, der Weltlichkeit unserer Gesellschaft. Er fügt sich selbst Schmerzen zu und verschont selbstredend auch den Hörer nicht, indem er ihn hinabzieht in einen, nein: in seinen so frappierend losgelösten Schlund aus Wut und Wahrheit. Qual und schonungslose Offenheit als Katharsis. Und inbrünstig-unbequeme Verstörtheit als ein Quell wahrer Schönheit. Schließlich ist gute Kunst wie Sport: Was nicht fordert und quält, ist sinnlos. Und führt im besten Fall zu sprödem status quo.
So furios Klatte mit Widukind also auch loslegt, literarisch und tonal von Brandrede zu Brandrede eilt, bis er schließlich unsere ganze Welt in einen einzigen glühenden Feuerball verwandelt hat – mehr back to the roots bzw. back to art als hier praktiziert geht schlichtweg nicht. Eine Behauptung, die sich leicht verifizieren lässt, dürften es doch zwei Gewissheiten sein, die denjenigen als erstes umgreifen, der die lustvolle Bereitschaft mitbringt mit Widukind die Grenzen seines eigenen Erkenntnis-Kosmos ein wenig zu überdehnen, seine längst auf Durchzug geschalteten Sinne endlich mal wieder zu überreizen.
Nein, auf Anhieb begreifen wird Widukind niemand. Darum geht es aber auch gar nicht. Es geht darum die Gedanken endlich wieder in Wallung zu bekommen, zurück zur Kunstform der Auseinandersetzung zu finden, endlich weg zu kommen von den vorgesetzten Mahlzeiten unserer Friss oder stirb-Gesellschaft. Und so ist nach 120 Seiten literarischem Fegefeuer und fast 60 Minuten exzessiv produzierter Chaos-Theorie, wie sie Widukind hier verbreitet, unsere erste Erkenntnis zwar abstrakt, aber doch klar definiert: Wir wissen zwar nicht so richtig was es ist, das Klatte uns dort so provokant auf die Stirn zimmert. Aber wir spüren: Es kommt direkt auf uns zu. Erkenntnis zwei bezieht sich auf den Verlag Periplaneta: Denn wir wissen ebenfalls nicht wie derart konsequente Kleinkunst in der heutigen Zeit vermarktet, geschweige denn überhaupt noch finanziert werden kann – aber neben dem literarisch und musikalischen Wahnsinn ist es vor allem das unternehmerische Wagnis, das Projekte wie dieses so faszinierend macht, so spannend, so authentisch. Denn Werke wie diese, so viel steht fest, produziert und veröffentlicht niemand, der ein ausgeprägtes Herz für unser kapitalistisches Wertesystem mitsamt seinen geschmierten und geölten Marktmechanismen hat. Nichts für Businessplanfetischisten und Anhänger von Netzen und doppelten Böden. Widukind – egal ob nun aus der Sicht seiner Macher oder aber seiner Leser und Hörer – ist etwas für Menschen, die eine große Lust verspüren, die Augen zu schließen und erst dann loszugehen. Widukind ist etwas für Menschen, die viel lieber wagen als gewinnen. Widukind ist etwas für Menschen, die es als Stärke empfinden eben nicht mit beiden Beinen wie einbetoniert mitten im Leben zu stehen. Und die in der Lage sind zurückzublicken und sich auch an den Schandflecken in der eigenen Vita zu erfreuen.
Kurzum: Widukind ist etwas für Menschen. Ganz einfach.
Schön, dass es so etwas gibt? Nein, weit gefehlt: Enorm wichtig, dass es so etwas gibt.
Punkt.

zu: Widukind bei Periplaneta

Pssst! Lesen Sie dazu passend auch SCHWARZER FROST – den düster-misanthropischen Existenzialistenroman. Mehr Infos? HIER entlang…

2 Kommentare zu “Widukind oder: Ich weiß nicht was es ist, aber es kommt direkt auf uns zu.

  1. Horst Schröder
    11. April 2014

    „Widukind muss man gelesen haben“, das meine auch ich, so findet man über den Namensgeber, den Sachsenherzog Widukind, Vieles in Widukind – Sagen und Erzählungen, Berlin 2013

  2. s.K.
    7. April 2013

    ich stimme dem letzten Satz zu :: Enorm wichtig, dass es so etwas gibt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 6. April 2013 von in 2013, Artikel & Interviews und getaggt mit , , , , , , , , .
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