Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Hart und Zart, Vol.5

hartundzart

von David Wonschewski

Zu den unangenehmeren Aufgaben, die der Musikjournalismus zu vergeben hat, gehört mit Sicherheit die gepflegte Sampler-Besprechung. Also jener Best Of-CDs, auf denen eine ganze Reihe Künstler mit jeweils exakt einem Song vertreten sind. Denn egal unter welchem Obermotto diese Titel auch zusammengepfercht werden – sonderlich viel zu schreiben gibt es über diese latent erzwungene Ansammlung nur selten. Außer, dass es sich halt gut verkaufen lässt, das auf Hits getrimmte Scheiblein. Auch auf Ein Achtel Lorbeerblatt werden derartige Sampler daher ganz gerne einmal links und rechts liegen gelassen, zeichnet sich der wirkliche Musikfreund doch dadurch aus, dass er seinen Klangartisten nicht in sauber verpackten Portionen wahrnehmen mag, sondern im ganzen Stück, auf Albumlänge. Echte Hingabe oder gar keine. Ganz oder gar nicht.

Nun, auch bei „Hart und Zart“ handelt es sich um eine solche Sampler-Reihe. Doch allein der theoretische Ansatz dieser Reihe hat es derart in sich, dass jeder, dem Musik am Herzen liegt, das selbige hier nur kräftig aufgehen kann. Denn bei dem Versuch die so umtriebige und kreative bayerische Musiklandschaft abzubilden ohne sich dabei den bekannt-kommerziellen Diktaten aus Rundfunk und TV zu beugen, haben es sich die Produzenten der „Hart und Zart“-Reihe auch bei „Vol.5“ wieder einmal nicht leicht gemacht. Aus rund 70 CDs lokaler und regionaler Bands und Musiker haben sie eine Auswahl getroffen, auf möglichst klingende Namen wenig gegeben und ihre ganzes Tun dabei lediglich dem Ansinnen untergeordnet die besten Songs zu finden, die der Freistaat aktuell zu bieten hat. Jaja, das böse Formatradio-Schlagwort, da ist es: Das Beste von heute. Mit dem Unterschied, dass auf „Hart und Zart“ wieder einmal gar nichts abgegriffen und schon tausendfach durchgenudelt daherkommt. Sondern so frisch und unberechenbar, dass es, mit Verlaub, a Gaudi is. Bei der das Beste denn auch wirklich einmal das Beste sein dürfte.

Weit über 40 Akteure haben auf Betreiben der Mundart Ageh – dem Verein zur Förderung der bayerischen Sprache – Einzug gefunden auf den zwei prall gefüllten Silberlingen. Die meisten dieser Akteure dürften dabei bereits ab, tja, Stuttgart nordwärts nur noch sehr wenigen Spezialkennern bekannt sein. Und genau das ist der Pluspunkt dieser Compilation, setzt sie sich doch emsig hinweg über alles, was kommerziell betrachtet vielleicht ein wenig ergebnisorientierter wäre. Ein kulturell  nicht hoch genug zu schätzendes Ansinnen, kommt es doch auch den wenigen Namen zugute, die sich jenseits der Landesgrenzen bereits eine kleine Bekanntheit erspielen konnten. Die Rosenheimer Band Foitnrock beispielsweise, die mit „I dank dir“ einen Song beigesteuert haben, der gerade in diesem fast schon abenteuerlich zu nennenden Umfeld seine ganze brillante Schönheit nach außen kehrt. Und dieses abenteuerliche Umfeld, es führt wahrhaftige Perlen mit sich. Wie Karina Kaltenmarkner, die eindrucksvoll unterstreicht, dass sie zu den besten weiblichen Stimmen Deutschlands gehört, bringt ihr „In meine Arm“ doch fast schon spielerisch die vergessenen Qualitäten einer Dolores O’Riordan (Cranberries) oder Linda Perry (4Non Blondes) hervor. Eine großartige Komposition, an der jedoch ganz fraglos so manche längst etablierte Sängerin zerschellen würde. Für ausgemacht zulangende Liedermacher wie Roland Hefter oder Christoph Weiherer müsste in einer etwas gerechteren Medienwelt das große Bayern längst viel zu klein geworden sein, während Wekstattexpress Juche! mit ihrem von Reggae-Rhythmen getragenen „As Leben is schee“ und das ähnlich urlaubig-beschwingte „Tomaten“ von Mista Wicked + Riddim Disasta die traditionelle Gewissheit untermauern, dass Kingston gleich hinter Garmisch-Partenkirchen liegen muss.

Und sonst? Viel. Sehr viel sogar. Viel zu entdecken, viel zu erstöbern, ein Füllhorn an inspirierter Musik, die wieder einmal beweist, dass unsere süddeutschen Freunde kulturell betrachtet zu den am wenigsten konservativen Vertretern unserer Republik gehören dürften. Sicherlich, Leute mit einem ausgewiesenen Dialektproblem werden bei „Hart und Zart“ schnell an ihre Grenzen stoßen. Doch auch das spricht für jene bereits benannte, so kompromisslose Umsetzung.

Fazit: Das genaue Gegenteil zu jener abgestandenen Plörre, die ansonsten auf Sampler-CDs zu finden ist. Neu, frisch und unbekannt – und somit ein kleines „must have“ für Leute, die auch weiterhin von sich selbst behaupten wollen musikkulturell aufgeschlossen zu sein. Kann ja schließlich nicht angehen, dass nach Wecker, Haindling und der Spider Murphy Gang die große Ratlosigkeit einsetzt. Ein höchst unterhaltsamer Überblick über den Status Quo der aktuellen bayerisch-sprachigen Musikszene. Die Palette reicht auch dieses Mal wieder von Hardrock, Rock, Ska, Salsa, Reggae, Funk über Rap, Country, Soul, Bluegrass, Punk bis hin zu Folk, Pop und neo-traditionellem Instrumental. Fast drei Stunden Musik zu vergleichbar kleinem Geld. Klasse!

Mehr Infos zu dieser CD – HIER entlang!

Lesen Sie auch „Schwarzer Frost“ – der neue medienkritische Misanthropenroman von David Wonschewski. Mehr Infos? HIER entlang.


Ein Kommentar zu “Rezension: Hart und Zart, Vol.5

  1. Markus Straßer
    3. Mai 2013

    Es gibt so manche Rezensionen. Erst kürzlich habe ich eine solche für mein Werk bekommen. Und dazu eine äußerst nette Geste der Redaktion: Nach getaner Arbeit haben sie mir meine CD wieder zurückgeschickt und noch besser: Sie haben sie sogar wieder eingeschweisst (!). Wie nett :-)
    Doch hier wird klar: Der Autor hat sich mit dem Werk auseinandergesetzt. Und so eine „Hart & Zart“ im Doppelformat durchzuhören, dazu gehört viel Enthusiasmus.
    Eine gelungene Kritik, Gratulation und DANKE dafür! So haben wir kleinen Leute, die „Peanuts“ des Musikgeschäfts, auch unsere Chance, ausserhalb des bajuvarischen Leberknödeltellerrandes gehört zu werden!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16. April 2013 von in 2013, E-H, Foitnrock, Liedermacher, Plattenbesprechungen, U-Z, Weiherer und getaggt mit , , , , , , .
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