Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Timon Hoffmann – Bewusstseinserheiterung

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Der Reinbeker Gitarrenkabarettist Timon Hoffmann legt mit „Bewusstseinserheiterung“ sein zweites Studioalbum vor: ein kurzweiliges Werk, das – musikalisch virtuos – durch originelle Pointen und gekonnten Wortwitz besticht.

Von Carsten Langner, Liedermacher (www.carsten-langner.de)

Der Blick aufs Cover lässt ein klassisches Liedermacher-Album erwarten: Timon Hoffmann, dem Betrachter freundlich, fast ein bisschen schelmisch entgegenblickend, adrett gekleidet (schwarzes Hemd, Weste) und seine Gitarre im Arm, vor einer roten Backsteinfassade. Ich wende die CD. Hinten: Hoffmann, kumpelhafte Miene, Kleidungsstil: unverändert, mit Gitarre lässig auf dem Schoß auf einem weißen Barhocker vor ebenso weißem Hintergrund sitzend. Eintönig? Nein: ansprechend gestaltet. Die Titelliste liest sich eher unscheinbar. Hoffmann mag es knapp. Seine Lieder heißen „Vermieter“, „Wachstum“ oder „Stille“, in ausführlicheren Ausnahmefällen auch mal „Trend verpennt“ oder „Ficken für Keuschheit“. Wie bitte? Ja, richtig gelesen! Und spätestens jetzt ahnt jener, für den Timon Hoffmann längst mehr ist als ein gerade entdeckter Geheimtipp: Der Künstler ist sich selbst treu geblieben, nach wie vor eher vortrefflicher Gitarrenkabarettist als traditioneller Liedermacher (Liederlacher nannte er sich selbst mal). Bei Hoffmann darf, soll gelacht werden. Das steigert die Erwartung.

Aufgelegt, beginnt die CD ohne Vorspiel mit rhythmisch-schwungvollen Steelstring-Klängen und einem im Gegensatz zu Hoffmanns virtuosem Gitarrenspiel wenig bravourösen Mundharmonika-Solo, das sofort Rummelplatzprärie-Gefühle aufkommen lässt. Aber spätestens nach der ersten Strophe ist klar: Das soll so sein. Warum die Mundharmonika? Hoffmann dazu im gleichnamigen Lied: „Nur mit Mundharmonika bist Du der Kracher als Liedermacher.“ Trotzdem hat sich das Instrument für ihn schon nach diesem einen Stück disqualifiziert. Sein Spiegel habe sich, verrät er singend, gleich bei ihm beschwert: „’Hey Mann, das sieht bescheuert aus (gemeint ist die Verbindung aus Halsbügel-Halter und Mundharmonika bei Live-Auftritten, d. Redaktion), komm nimm das wieder ab.‘ So, jetzt wisst ihr auch, warum ich keine hab.“ Das ist sein Humor und diesen spinnt er wie einen roten Faden bis zum Ende der CD weiter, ohne dass er zu irgendeinem Zeitpunkt langweilig oder vorhersehbar wird.

Was Hoffmanns Gitarrenspiel angeht, über das allzu viele Worte gar nicht geschrieben werden müssen – es ist schlicht meisterhaft und ein akustischer Genuss irgendwo zwischen dem frühen Hannes Wader und Werner Lämmerhirt -, lädt der markante und stets akkurat gepickte Wechselbass, in vielen Stücken unterstützt von einem dezent im Hintergrund gehaltenen Footstomp (taktbegleitende Fußtritte auf einen Dielenboden, via Mikrofon aufgenommen), auf Anhieb zum Mitstampfen ein.

Hinsichtlich der Instrumentenauswahl ist der Künstler, vergleicht man die „Bewusstseinserheiterung“ mit seinem Debüt-Album „Drahtseilakt“ (2010), vielseitiger geworden. Neben seiner handgebauten Duwe-Gitarre (für einige Stücke hat er zwei miteinander harmonierende Spuren aufgenommen), Mundharmonika und Footstomp kamen im Studio unter anderem ein E-Bass und ein Fretless Bass zum Einsatz – allesamt von Hoffmann selbst gespielt. In „Wachstum“ ist außerdem Olaf Nilson auf einem Abflussrohr-Didgeridoo zu hören. Insgesamt ist die Instrumentierung kreativ, abwechslungsreich, aber dennoch stets zurückhaltend. Zu keinem Zeitpunkt verliert sich Hoffmann in technischen Spielereien. „Bewusstseinserheiterung“ ist vor allem ein akustisches Gitarrenalbum.

Wie schon beim vergangenen Album ist die Tonqualität der Aufnahmen positiv erwähnenswert. Auch diesbezüglich hat sich Hoffmann bei der Produktion in seinem eigenen „Pennthaus Studio Reinbek“ hörbar Mühe gegeben: satte Bässe, klare, luftige Höhen und ein klanglicher Gesamteindruck, der sich wohltuend vom heute als radiotauglich geltenden Kompressionseinheitsbrei abhebt. Für Mischung und Mastering zeichnet übrigens Kay Hähnel verantwortlich.

Timon Hoffmanns Texte bestechen besonders durch ihren Wortwitz, hintersinnige und originelle Pointen, die manchmal derb sind – je nach Geschmack -, aber niemals unterhalb der Gürtellinie einschlagen. Vor allem aber sind sie unverbraucht. Selbst sprachlich naheliegende Reime hört man so, wie er sie dichtet, zum ersten Mal und ist verblüfft über solch kreative Einfälle wie diesen: „Tinnitus im Auge, schwer zu begreifen. Tinnitus im Auge, ich seh‘ nur noch Pfeifen.“

Mit Blödelbarden wie Mike Krüger – ohne jene damit abwerten zu wollen – hat Hoffmann kaum etwas gemein – abgesehen von seiner Wirkung auf das Publikum, welches ihn bei seinen Konzerten begeistert feiert.

Richtig ruhig und besinnlich gibt sich der seit vergangenem Herbst stolze Vater einer Tochter nur in einem einzigen Lied, das vor ihrer Geburt entstand: „Kleine Frau“. Darin beschreibt er seine Ängste vor der Vaterrolle, die man ohne Probe spiele, und vergleicht sie liebevoll mit der eines Theaterschauspielers. Diesbezügliche Erfahrungen hat Timon Hoffmann hinreichend, kann er doch auf eine Gesangs- und Schauspielausbildung am renommierten Konservatorium in Wien und Hauptrollen in Musicals wie „Cats“ oder „Jesus Christ Superstar“ zurückblicken.

Ernsten, immer wieder auch politischen Themen widmet er sich – etwa in „Klimawandel“ („Es wird warm, mein Schatz.“), „Stammtischpolitik“ oder „Angie“ – unkonventionell und mit seiner ganz eigenen Logik. Dabei gelingt ihm der „Drahtseilakt“, Gesellschaftskritik mit der gebotenen Seriosität anzubringen, ohne aber den Zeigefinger zu erheben. Und sein Humor blinzelt selbst aus den nachdenklichsten Versen hervor; wohl dosiert, niemals aufdringlich. Kostprobe:

„Wer Che Guevara auf’m Batik T-Shirt hatte,
hat es längst eingetauscht gegen Anzug und Krawatte.
Ich glaube fast, auf diese Weise rächt sich das Establishment für 68.

Ob’s euch gefällt oder nicht,
die Welt, die ändert man nicht mit einem Lied.
Weil’s keinen Frieden bringt,
wenn man von Frieden singt.

Es tut mir leid, wenn Ihr von mir enttäuscht seid,
doch kämpfen für Frieden ist wie Ficken für Keuschheit.“

Hoffmanns Haltung in dieser Hinsicht muss man nicht teilen (auch der Autor teilt sie nicht); seine erfrischend andere Art der Betrachtung – im wortgetreuen Sinne hat er zweifelsohne Recht – verdient allemal Würdigung. Und auch den Mut zu seinem, verglichen mit Kollegen, recht eigensinnigen Standpunkt kann man anerkennen. Musikalisch interessant und überraschend arrangiert ist das Lied definitiv.

Wie auch jenes über die Bundeskanzlerin, „Angie“. Hier jedoch ist der Text, gemessen an Hoffmanns anderen Werken, dann doch ein wenig zu platt bzw. abgedroschen geraten – es ist, das sei betont, der einzige Lied, bei dem dieser Eindruck entsteht: „Oh Angie, komm nimm Deinen Hut. Oh Angie, dann hast Du was bei mir gut. Gib Deinen Kanzlersessel her und dann lassen wir ihn leer.“ Auch die übrigen Parteien bekommen ihr Fett weg: „Ich mag auch kein‘ vom anderen Verein. Rote, Grüne, Gelbe, ist doch alles irgendwie dasselbe.“

Dass er es viel besser kann, beweist er bereits mit dem nächsten Stück: Richtig gut und mit seinem tiefgründigen Biss überzeugend ist „Stammtischpolitik“, das – sehr passend und vor allem im Refrain mit exzellenter Gesangsstimme interpretiert – im Marley-typischen Reggae-Gewand daherkommt: „Hey, wir sind Deutschland, wir schauen nur nach vorn. Und was sehen wir da vorn? Tja, ’n Bierchen und ’n Korn. Wir machen Stammtischpolitik, retten uns’re Republik.“

Hört man Hoffmann diese Verse so vor sich hin stammeln (ein Vergnügen!), fragt man sich einen Augenblick lang, ob er im Studio nicht vielleicht doch wirklich betrunken war. Ganz ausschließen lässt sich das zwar nicht, so überzeugend ist er. Wahrscheinlicher jedoch ist, dass er hier von seiner künstlerischen Ausbildung profitiert. Denn ob als Stammtischpolitiker, vom Glück verfolgter Zeitgenosse („Ich lauf dem Glück ganz locker wech.“), oder Tinnitus-/Pfeifen-geplagter Künstler – Hoffmann brilliert in sämtlichen Rollen. Meistens singt er nicht, sondern erzählt, spielt – und trifft dabei lässig jeden Ton. Seine Kunst des melodiösen, temperamentvollen Sprechgesanges ist in dieser Form wohl einmalig und macht das Album zu einem ganz besonderen, fesselnden Erlebnis. Der Mann lebt seine Lieder und ihre Geschichten.

Mit klassischen Liedermachern wie Mey, Wader und Degenhardt lässt sich Timon Hoffmann nicht vergleichen, prägt doch sein künstlerisches Selbstverständnis, die „Erheiterung“, wenn auch gelegentlich einem sensiblen Thema entsprechend subtil, jeden Song. Am ehesten hört man noch den textdichterischen Einfluss Ulrich Roskis heraus, den der Musiker selbst gern betont. Dennoch hat er – und das macht seine Musik aus – mit bewährten Mitteln (ein Mann, eine Gitarre) seinen eigenen Stil erfunden.

Kein charakteristisches Liedermacheralbum also, sondern mit 15 dramaturgisch ausgefeilt aufeinander abgestimmten Stücken kurzweiliges und originell pointiertes Gitarrenkabarett – musikalisch wie technisch auf ganz hohem Niveau. Ein Muss für alle Freunde rhythmisch vollendeter Fingerpickings – und für die gehaltvoller deutschsprachiger Texte, egal ob man Hoffmann nun den Kabarettisten, doch den Liedermachern oder wie der Autor beiden zuordnen mag, ebenso.

Timon Hoffmann. Bewusstseinserheiterung. Erschienen im Juli 2012 bei Bluebird Café Berlin Records. Spielzeit: ca. 55 Minuten. 14,99 EUR.

www.timon-hoffmann.de

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