Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Die EAL-CD des Monats Mai/2013: Reinhard Mey – dann mach’s gut / Teil 1

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von David Wonschewski

Soso. Platte des Monats Mai also. Wie unsagbar überraschend auf einer Seite, die nach einem Song von Reinhard Mey benannt ist. Die eine eigene Radiosendung produziert, die nominell ebenfalls in diese Richtung weist. Und die überhaupt seit einigen Wochen fast nur noch ein Thema zu kennen scheint: Mey hier, Mey da. War doch vorauszusehen, dass jetzt der ganz große Lorbeerkranz geflochten werden soll und muss. Oder etwa nicht?

Nun, wer auch immer so denkt: Ihnen sei verziehen, denn, logisch betrachtet, sind Sie natürlich im Recht. Doch Sie übersehen dabei einige Kleinigkeiten, die durchaus von Belang sind. Zunächst einmal, dass dann mach’s gut im neuen Weiherer-Album ( A Liad, a Freiheit und a Watschn) einen starken Mitbewerber hat, legt der bayerische Liedschmied doch ebenfalls am 03. Mai ein neues Album vor. Und zwar eines, das es in der Vermengung von Lied- und kabarettistischer Kleinkunst derart in sich hat, dass es ebenfalls einen solchen Monats-Titel wert wäre. Ein großer Wurf für den Weiherer, seine neue Platte. Doch – wir hatten genau das von ihm erwartet. Dass der mundartige Liedermacher gar nicht so mundbrav daherkommt und in puncto Sozialschelte seinen Zenit bisher noch nicht erreicht hatte, das war uns immer klar gewesen. Sein grandioses neues Album somit: Fast ein wenig vorhersehbar. Genau das aber kann zumindest der hier schreibende Autor von Reinhard Mey nun nicht behaupten. Die vergangenen beiden Alben – Bunter Hund und Mairegen – waren für Mey-Verhältnisse dann doch eher solide geworden. Was wahrlich nicht schlimm ist, begeben sich fast alle großen Musiker ab einem gewissen Alter doch in ruhige Fahrwasser und machen sich – gewollt oder ungewollt – zu Verwaltern ihrer eigenen Legende. Und Reinhard Mey, der ist immerhin 70 Jahre alt geworden, Ende 2012. Dass da noch einmal eine Scheibe mit brandneuem Material um die Ecke kommt, die zu einem Klassiker werden könnte, das war mit Verlaub wirklich nicht zu erwarten. Und ist nun doch geschehen.

Und genau deswegen: CD des Monats.

Ja, der Überraschungseffekt, er gehört in diesem Monat ganz klar Reinhard Mey. Doch nicht nur das ist der Grund, warum das neue Werk an dieser Stelle zur CD des Monats gekürt wird. Es ist auch das gemeinschaftliche, fast schon sinnstiftende Gefühl, das dann mach’s gut verströmt. Denn so pathetisch wie es klingt, so pathetisch fühlt sich diese Neuerscheinung für die meisten Liedermacherfreunde nun einmal auch wahrhaftig an. Und so bedeutet ein neues Mey-Album auch etwas, was kaum ein anderes Album bedeuten kann: Feiertag. Ein kurzer Moment des Innehaltens in chaotischen Zeiten, eine selten erlebte Emotion reiner, fast schon naiver Freude. Ja, da ist dieses sehr singuläre und gleichzeitig einende Gefühl, das uns Liedermacher-Enthusiasten mit einer jeden neuen Mey-Platte durchströmt. Ein Gefühl der Eintracht, das nur er hinbekommt.

Und das aus gutem Grund, sind es doch gerade sein Schaffen und seine Persönlichkeit, die diesen ganzen Liedermacher-Laden, in dem wir so gerne herumkramen, über so viele Jahre zusammengehalten, ja, überhaupt am Laufen gehalten haben. Natürlich haben auch andere Musiker ihre großen Verdienste. Aber zum Gesicht eines Genres und vielleicht sogar einer Lebenseinstellung ist nur Mey geworden.

Eine gefühlsbeduselte Übertreibung? Mitnichten. Es ist Fakt. Denn vollkommen egal, ob nun immer gelungen oder manchmal auch etwas daneben – auf Reinhard Meys ganz eigene Demut vor dem Lied und seine Suche nach dem perfekten Chanson ist immer Verlass gewesen. Und auch auf seine Disziplin. Denn, welcher Wind politisch, gesellschaftlich oder kulturell auch durch Deutschland fegte – das neue Mey-Album kam. Immer und pünktlich. Genau dieses gute und alte Fels-in-der-Brandung-Prinzip ist es, das Reinhard Mey zum Inbegriff dieses ganzen Genres hat werden lassen. Und daher jede neue Platte mit Wohlgefühl überzieht.

Ja, dieses 26. deutschsprachige Studioalbum von Reinhard Mey, das hat nicht nur er, der Künstler, Macher und Mensch Mey, sich verdient, das haben auch wir uns verdient. Denn es sind mitunter harte Jahre, die hinter einem jeden von uns liegen. Jetzt ist endlich Wohlsein angesagt. Kurz einmal runter von der Schnellstraße, rauf auf den Rastplatz, Picknick-Korb auspacken, Bienen und Schmetterlinge zählen, Mey-Platte hören.

Doch genug der Glückseligkeit, werden wir verantwortungsvoll, werden wir musikjournalistisch – und werden wir auch kritisch: Wie also ist es geworden, das neue Album? Was hat es auf sich mit dann mach’s gut?

Nun, diese Platte wird, obschon in überwiegend ruhigen Klängen gehalten, polarisieren. Denn, was sie definitiv erfordert, ist Hingabe. Ist Geduld. Und natürlich auch Zeit. Das sind zwar keinesfalls neue Grundanforderungen des Liedermacher-Genres, aber dafür welche, die immer weniger Menschen zu erbringen vermögen. Hinhören ist eine Tugend geworden, die immer öfter verwechselt wird mit  jenem Querhören, dessen sich vor allem Fachleute und Alleschecker so gerne bedienen. Zwanzig Sachen zeitgleich auf dem Radar – und nichts davon richtig. Nun, wer tatsächlich glaubt, eine akustische Stippvisite auf dann mach’s gut wird ausreichen, um sich einen adäquaten Gesamteindruck dieser Platte zu verschaffen – liegt kräftig daneben. Und wird scheitern. Was dieses Album zu einem Chanson-Klassiker werden lässt, das sind nicht die Mey’schen Hittugenden aus den neunzehnsiebziger Jahren, es sind auch nicht jene rasend schnell vorgetragenen Komik- und Reimexzesse á la Annabelle, ach Annabelle, die sich einem jeden Hörer sofort erschließen. Nein, was dann mach’s gut zu einem Mey-Klassiker werden lässt, das sind die unfassbar vielen Nuancen, die sich erst nach und nach erschließen, ja, geradezu darauf warten, erst nach mehrmaligem Hören frisch entdeckt zu werden.

Ganz kleine, sanft gesetzte Zwischentöne, mitunter erst zu vernehmen, wenn wirklich so gar nichts mehr zwischen Hörer und Musik steht. Ja, ganz sicher: dann mach’s gut wird sich nur jenen erschließen, die der Selbstentschleunigung fähig sind. Wem genau das nicht gelingt, dem wird sich nur ein weiteres Album von Reinhard Mey offenbaren. Angefüllt mit lauter Zeug, das sich doch auch auf den 25 vorherigen Alben bereits finden ließ. Ein Song gegen den Krieg, ein Song über den Wein, Lieder über seine Familie, Lieder, die trösten, sogar ein Lied über das Fliegen ist wieder dabei.

Doch verlassen wir eben jene, die eh nicht richtig hinhören werden. Was also werden alle anderen vernehmen? Nun, die werden unumwunden feststellen, dass wir hier das beste Reinhard Mey-Album seit seiner Flaschenpost von 1998 vorliegen haben. Und zusammen mit jenem Album sogar die beste Mey-Platte der vergangenen 20, vielleicht sogar 25 Jahre. Denn was Mey auf dann mach’s gut abfeiert, ist nicht weniger als die ganze Stilpracht seines Genres. Eine einzige, 17 Songs lange Ode ans Chanson. Und auch wenn er selbst es vielleicht nicht gerne hören mag, sucht er doch noch immer nach dem perfekten Chanson, wie er selbst bekennt: Was die Platte zu einer kleinen Offenbarung werden lässt, ist neben seiner souverän entfachten stilistischen Blüte die textliche Weisheit. Genau das ist er, der ganz große und in dieser Ausprägung sogar neue Trumpf. Ja, Reinhard Mey ist 70 Jahre alt. Er sagt und singt es vielleicht selten direkt in den vielen neuen Songs, betracht er sich selbst doch noch immer als einen Suchenden, einen Tastenden, einen permanent Fragenden. Doch es ist ganz fraglos zu spüren: Der Mann weiß etwas vom Leben. Und er hat etwas begriffen. Ist über harte und schöne Erfahrungen zu einem Ich gelangt, zu dem nicht jeder Mensch im Laufe seines Lebens gelangen darf. Nein, keine Schlaumeierei, keine klugen Sprüche, kein „Father and Son“ in Cat-Stevens-Manier. Sondern ein faszinierend gelassenes Ich ist da plötzlich zu vernehmen, wie es auf seinen früheren Platten in dieser Ausdrucksstärke noch nicht zu vernehmen war. Ein so feiner Unterton von Lebenseinsicht durchzieht diese Platte, dass es schon Hörer braucht, die Mey nahestehen in just diesem Suchen, Sehnen und Hoffen. Diejenigen, die sich sanft durchs Leben tasten, werden dann mach’s gut lieben und nicht mehr aus den Händen geben wollen. Der Chansonnier Klaus Hoffmann, bekanntlich einer von Reinhard Meys besten Freunden, hat es in einem seiner schönsten Lieder vor vielen Jahren einmal auf den Punkt gebracht als er in Weil du nicht bist wie alle anderen folgende Zeilen sang: Weil du noch Mut hast, um zu träumen, weil in dir Schmetterlinge sind, und weil du Zeit hast, dich an Bäumen halbtot zu freuen wie ein Kind.

Die Rückkehr zur ungefilterten Sensibilität eines Neugeborenen, das Wiederfinden eines unter einem Wust an Ambitionen, Motivationen, falsch verstandenen Eitelkeiten und Zerwürfnissen vergrabenen Ich. Der Lebensweg, ausgehend von der Kindheit und im besten Falle mündend in Kindsein – das ist die wahre, die wirkliche Demut vor dem Leben. Und genau das ist auch die Essenz von dann mach’s gut. Eine Essenz, nach der sich alle Menschen sehnen, manche offen, andere unbewusst.

Zumindest für 17 Songs scheint Reinhard Mey sie angetroffen zu haben.

Um pointenreiche Formulierungen war Reinhard Mey nie verlegen, sein Backkatalog ist voll von spruchreifen Sentenzen, die auf ein T-Shirt gedruckt und durch die Welt getragen gehören. Auf dann mach’s gut begegnen wir derartigen Einfällen jedoch eher selten. Warum? Nun, ganz einfach: Seine Suche nach dem perfekten Chanson hat Reinhard Mey nun, mit Album Nummer 26, endgültig in die Situation versetzt, sich sämtlicher Kniffe und Effekte zu entsagen. Das hat er im Grunde schon immer getan, doch bisher war er immer nur sehr nah dran – jetzt ist er drin. Jetzt kann er es sich wahrhaftig leisten, einfach nur noch zu singen, leise und bedächtig zu erzählen, sich fast schon unbekümmert gehen zu lassen. Wie ein Schulkind eben, das selbstvergessen den Weg nach Hause verbummelt.

Sich nicht zu verstellen, endlich keine Rolle mehr zu spielen, nur bei sich selbst und zugleich derart selbstvergessen zu sein – es klingt so einfach, ist jedoch eine der größten Herausforderungen, die das Leben zu bieten hat. Planen kann man diesen Zustand vermutlich nicht, denn schon eine solche Planung wäre nur der Beginn einer weiteren Rolle. Nur den allerwenigsten Menschen gelingt es daher, spielen die meisten von uns doch ihr ganzes Leben lang jemandem etwas vor – und sei es auch nur sich selbst.

Ob Reinhard Mey privat bereits zu diesem Einklang mit sich selbst, dieser absoluten Rollenlosigkeit gefunden hat, wir können es nur vermuten. Ganz sicher aber ist es ihm auf dann mach’s gut gelungen, genau ein solches Gefühl auf Platte zu bannen.

Den Künstler und Entertainer bis zur Unscheinbarkeit minimieren und nur noch den wahren Menschen sprechen lassen: Ist das jemals zuvor so gut gelungen wie hier? Allenfalls der angloamerikanische Markt kennt passende Vergleichsgrößen in Johnny Cash und Neil Diamond, die mit Hilfe des Produzenten Rick Rubin aus ihrem eigenen Ikonenstatus herausfanden und für wenige Momente zu jenen lebendigen Männern wurden, die sie in der Abgeschiedenheit ihrer großen Häuser immer gewesen waren. Auch sie wurden in fortgeschrittenem Alter exakt dadurch noch einmal toll, großartig, relevant.  Auch Paul McCartney gelang diese weise Selbstwerdung kurzzeitig auf beeindruckende Weise, im Jahr 2005  auf „Chaos And Creation In The Backyard“. Doch auch er geleitet von einem Produzenten, Nigel Godrich, der im besten Sinne des Wortes die richtigen Knöpfchen zu drücken wusste. Aber in Deutschland?

Teil 2 der Besprechung – HIER einsehbar.

Der Autor dieses Artikels ist Schriftsteller & Musikjournalist. Sein von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlener medienkritischer Debütroman „Schwarzer Frost“ ist Ende 2012 erschienen. Mehr Informationen dazu: HIER entlang.

6 Kommentare zu “Die EAL-CD des Monats Mai/2013: Reinhard Mey – dann mach’s gut / Teil 1

  1. B. Fischer
    19. April 2013

    „Mairegen“ war für „für Mey-Verhältnisse dann doch eher solide geworden“?

    • achtellorbeerblatt
      19. April 2013

      Liebe Frau Fischer, die Beschreibung, Bewertung und Einordnung von Kunst erfolgt immer subjektiv, trifft doch die Welt des Aussendenden stets auf die Welt des Empfängers. Manchmal gibt es viele Verknüpfungspunkte, ab und an weniger, manchmal gar keine. Zur ehrlichen Auseinandersetzung mit dem eigenen Lieblingskünstler gehört es aus unserer Sicht daher auch sich mit ihm zu beschäftigen und diese Nuancen herauszuarbeiten. Wie bei einer guten Freundschaft: Wer immer nur lobt und nie ein mahnendes oder auch kritisches Wort parat hat, ist mit Vorsicht zu betrachten. Kunst und Freundschaft – beides keine Einbahnstraße.
      Die Wahrheit, die gibt es nie, schon gar nicht im Kunstbereich. Wir freuen uns daher durchaus über gegenteilige Meinungen, die absolut zulässig sind, ja sogar gewünscht sind. Das Ziel dieser Seite ist es schließlich nicht eine Linie vorzugeben, sondern zur Beschäftigung mit dem Genre einzuladen. Dafür sollte der Widerspruch aber natürlich halbwegs konkret formuliert werden. Und zwar von jemandem, der diese andere Meinung auch hat.
      Liebe Grüße
      EAL

  2. Denise
    18. April 2013

    heute gelernt: so schöne texte über schöne dinge lieber nicht auf der arbeit lesen. zu emotional. meine schüler haben sich schon gewundert, warum ich in der frühstückspause nicht mehr ansprechbar war :)
    kurz gesagt: nagel auf den kopf getroffen und die freude auf das neue album immens gesteigert – soweit das möglich war. danke!

    • Silke
      18. April 2013

      die letzten zwei Zeilen kann ich nur dick unterstreichen!!!

  3. achtellorbeerblatt
    18. April 2013

    Hallo Silke. Möglich wäre das natürlich. Da aber ich offen gesagt dieses Album von Jürgens nur unzureichend kenne (Querhörungs-Alarm) und du vermutlich das neue Album von Mey noch gar nicht, lässt sich da nur im Nebel stochern…aber: Danke für den Tipp!

  4. Silke
    18. April 2013

    Mir fiele da schon jemand aus Deutschland ein; wie wär`s mit Udo Jürgens?
    „Einfach ich“ geht schon auch in die Richtung…

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