Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Die EAL-CD des Monats Mai/2013: Reinhard Mey – dann mach’s gut / Teil 2

rmsongdetails

Liebe Leser,

an dieser Stelle finden Sie – wie in Teil 1 unserer Rezension angekündigt –  nun eine Kurzbesprechung aller auf dann mach’s gut enthaltenen Songs.

Wir danken Ihnen für das rege Interesse und versprechen: Dieses Album ist eine derart breite Besprechung definitiv wert.

Und immer dran denken: Ein erstes Ohr in neue Liedermacherwerke werfen können SieHIER.

Reinhard Mey – dann mach’s gut

1. Wenn du bei mir bist

Das Paradebeispiel für alle im ersten Teil der Rezension benannten Tugenden. Hören wir den Song zum ersten Mal, so vernehmen wir eine ganz nette, sehr intime Liebesballade. Sehr besonnen formuliert, ruhig und bedächtig vorgetragen. Von der Melodieführung her betrachtet jedoch nicht sofort sonderlich auffallend. Und so dämmert und schlummert der Song fast ein wenig vor sich hin, erstirbt geradezu in Schönheit. Und entfaltet seine wirkliche Pracht und Macht erst mit der Dauer, mit der ständigen Wiederholung – und der Entschleunigung. Denn die Worte und Sätze, die Mey hier wählt, geben mit der Zeit einen schillernden Kern frei, für den die Erlebniswelt zweier Verliebter im Grunde zu klein ist.

Ich kann nicht mehr um sieben Ecken schildern, ich sag es einfach und grade heraus“ – diese Worte sang Reinhard Mey zu Beginn der neunziger Jahre im Lied „Ich liebe Dich“. Ein Vorsatz und ein Versprechen, das er nun mit Wenn du bei mir bist endgültig eingelöst hat. Die pure Rollenlosigkeit, das ungefilterte schutzbedürftige Sehnen, die Reduzierung auf das nun wirklich Elementarste, das alle und jeden Verbindende – das findet sich nun hier. Dieser schillernde Kern schält sich somit erst nach und nach aus diesem Stück. Und eine universelle Sprache erscheint, klar und glänzend. Sicherlich, dieser Kern, er führt Liebe als Grundmotiv in sich – wirklich getragen und geleitet wird er jedoch von der Sehnsucht und dem Glauben an ein ursprüngliches Grundvertrauen. Einen gemeinsamen Geist, ein gemeinsames Sein, das alle Menschen verbindet. Und so lässt sich dieses Lied natürlich der Liebsten oder dem Ehemann kredenzen, ganz wunderbar sogar. Seine Außerordentlichkeit aber bezieht es aus einem philosophisch, vielleicht gar esoterisch oder spirituell aufgetragenen Menschenbalsam. Und genau das ist der entscheidende Punkt, dem wir noch öfter begegnen werden auf dieser Platte: Eine prägnantere und griffigere Melodie oder eine Verknappung auf jene verruchten 3.30 Minuten, das alles hätte weggeführt von diesem Kern, hätte abgelenkt.  So aber haben wir die Möglichkeit zu erkennen, dass da etwas weit hinausragt über das altbekannte „Mann liebt Frau und singt darüber“-Schema.

2. Wenn schon Musik

Thematisch betrachtet könnte „Wenn schon Musik“  als Teil einer Trilogie betrachtet werden, die dereinst mit „Ich hasse Musik“ und „Ein Stück Musik von Hand gemacht“ in Gang gesetzt wurde. Eine Liebeserklärung von Reinhard Mey an seine Kunstform und sein Instrument, die Gitarre. Im Gegensatz zum Eröffnungslied erfreut „Wenn schon Musik“ in erster Linie durch seinen Refrain, der das Adjektiv meyesk verdient hat wie schon lange kein Lied mehr. Polarisierend ist dieses Stück von daher, da es vermutlich genau das Lied sein wird, auf das sich in Teil eins der Rezension benannte „Querhörer“ am schnellsten einschießen können, braucht es doch keinerlei Anlaufzeit und geht direkt ins Ohr. Genaugenommen also einer jener Songs, die problemlos und direkt im Radio laufen könnten. Griffig, einprägsam – und mit eingebauter Fuß-Mittapp-Garantie.

3. Fahr dein Schiffchen durch ein Meer von Kerzen

Ja, Reinhard Mey ist inzwischen Großvater. Und steht in diesem Lied an der Wiege des Enkels, ausgestattet mit einem wahren Füllhorn an Segenswünschen. Wie so viele Lieder auf dem Album beginnt aber auch dieses Stück schnell damit, sich diesem klar abgesteckten, sehr persönlichen Rahmen zu entziehen. Was vor allem an dem positiv an ein Poesiealbum erinnernden Refrain liegt, der erneut universal genug ist, um sich zunehmend seinem ursprünglichen Kontext zu entsagen. Sehr charmant umgesetzt und durch den Klang einer aufziehbaren Spieluhr erneut mit jenem Menschenbalsam-Effekt ausgestattet. Nehmen wir allenfalls zwei oder drei Begrifflichkeiten heraus, so lässt sich der Song ebenfalls jedem guten Freund mit auf den Weg geben, der eine Reise antritt. Für das Album auch charakteristisch: Der sehr intime, fast schon flüsternde Gesangsstil von Reinhard Mey. Wie, das hat er doch schon immer so gemacht bei ruhigen Liedern? Ja, vielleicht. Aber nicht so intim. Und nicht so nah dran. Ginge es darum, die Highlights des Albums zu benennen: Das hier ist eines davon. Ein perfektes Chanson würden wir sagen. Da Reinhard Mey jedoch bekanntlich weiter nach dem perfekten Chanson suchen möchte, räuspern wir uns kurz und fügen hinzu: Naja, fast perfekt.

4. Vaters Mantel

Dass auch Kleidungsstücken eine Seele innewohnt – niemand hat darüber so oft gesungen wie Reinhard Mey. Ausgiebig beschreibt er in „Vaters Mantel“ das handwerkliche Geschick, das nötig ist, ein solches Kleidungsstück herzustellen. Und schnell wird klar: Der stark autobiografisch gefärbte Song stellt eine Verbindung zwischen den Generationen her. Und das nicht nur weil jener Mantel, der einst mit viel Mühe und Geduld von seinem Vater genäht wurde, schließlich auf den Erzähler übergeht, der ihn stolz bis zum heutigen Tage trägt. Sondern weil – und diese Geschichte erschließt sich erneut eher zwischen den Zeilen – Vater und Sohn eine nachträgliche Eintracht erfahren. Denn wenn wir mit den Worten von Mey seinen Vater sitzen und basteln sehen, umgeben von Stoffen, Schnipseln, Maßband, Nadel und Garn, dann erkennen wir: Es mag eine Zeit gegeben haben, in der der Sohn gedacht hat, einen anderen Beruf auszuüben als sein Vater, zu ganz anderen Ufern zu streben. In Wirklichkeit aber vollbringt auch Reinhard Mey nichts anderes als eine geduldige handwerkliche Leistung, wenn er seine Stücke schreibt. Mit der gleichen Hoffnung, nämlich ein Stück zustande zu bekommen, das auch spätere Generationen noch stolz tragen werden. Ganz so wie es seinem Vater gelungen ist mit diesem Mantel. „Ich bin mir bewusst, heute trage ich – Vaters Mantel“ heißt es am Ende des Songs. Auch eine dieser benannten Nuancen, die zeigen, wie es Mey mit der leichten Betonung eines einzelnen Wortes – in diesem Fall ich – gelingt, aus einer gut erzählten, fast schon bodenständigen Geschichte ein kleines Gleichnis zu erschaffen. Der Form halber ist natürlich zu erwähnen, dass das Vorbild dieser Figur nicht der Vater von Reinhard Mey gewesen ist, sondern sein Schwiegervater.

Zu erwähnen ebenfalls, dass der leicht dramatisch gehaltenen Melodieführung an exakt dieser Stelle des Albums eine ganz besondere Wirkung zukommt, sorgt sie doch dafür, dass aus dann mach’s gut ein Album wird, das wesentlich größer als die Summe seiner Einzelteile ist. Vielleicht nicht der auffallendste Song der Platte – aber vermutlich der wichtigste. Denn exakt diese Art von Lied ist es, die bereit stehen wird, wenn alle anderen Stücke bereits bejubelt worden sind. Und es für dann mach’s gut auch nach vielen Wochen, vielleicht gar Monaten des Hörens darum geht, noch eine Schippe draufzulegen.

5. Vater und Sohn  

Ein Stück aus der Kategorie „Familie“, vor dem erzählerischen Hintergrund eines weiteren Kernthemas von Reinhard Mey: dem Fliegen. Womit wir uns der pragmatischen Einordnung von „Vater und Sohn“  jedoch gleich entledigen wollen, ja, gar müssen. Nähern wir uns mit diesem Lied doch zum ersten Mal auf dann mach’s gut jenem Moment, in dem der sensible Hörer nur noch die Wahl zwischen Gänsehaut und ersten Tränen hat. Wohlgemerkt: Der Autor dieser Zeilen ist nicht sonderlich nah am wohlbekannten Wasser gebaut. Und der Autor dieser Zeilen hat auch keine Kinder. Und gehört gar zu jenen Gestalten, die schnell die Geduld verlieren, wenn der halbe Bekanntenkreis wieder nur den eigenen Nachwuchs als Gesprächsthema hat. Fast logisch, dass die vielen Lieder, die Mey über die Jahre aus der Sicht eines Vaters geschildert hat, stets ein wenig vorbeigelaufen sind am Autor, entstammen sie doch einer ganz anderen Lebenswirklichkeit. Sogar das allseits hoch verehrte „Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“ – es wurde lange Zeit schlichtweg gar nicht wahrgenommen. Andere Lieder erschienen subjektiv betrachtet wesentlich ergreifender.

Gut möglich, dass der Verfasser dieser Zeilen nun also einfach in die Jahre kommt, langsam aber sicher das Alter erreicht hat, wo er sich dem Thema Kinder nicht mehr entziehen kann, natürliche Instinkte endlich auch bei ihm zu greifen beginnen. Noch viel plausibler aber: Reinhard Mey hat auf dann mach’s gut die schönschlimmsten Lieder über seine Kinder verfasst, die je seiner Feder entsprungen sind. Zu behaupten sie gingen lediglich „unter die Haut“ würde daher an dieser Stelle zu einer Floskel verkommen, denn unter die Haut ist nicht tief genug, trifft es daher nicht. Es geht tiefer, viel tiefer. Derart schönschlimmschön sind diese Songs, dass auch kinder(ahnungs)lose Hörer mit den Tränen zu kämpfen haben werden. Wie mag es da nur den vielen Mey-Enthusiasten ergehen, die Eltern sind? Und dazu noch das Wirken von Mey seit vielen Jahren oder Jahrzehnten verfolgen? Genau das ist nämlich wichtig, um die ganze Würde, Dramatik und emotionale Bodenlosigkeit dieses „weiteren Songs über das Fliegen“ zu erfassen. Denn Reinhard Mey erzählt hier die Geschichte, wie er seinen kleinen Sohn erstmalig mit ins Cockpit nimmt. Und sie zusammen fliegen. Nach wenigen Minuten aber schläft der Sohn ein, während er, Mey, die Maschine steuert und sicher wieder nach unten bringt. Derweil sein kleiner Sohn sich weit weg träumt in seinem Schlaf. Nach Asien. Und dann schwenkt das Lied ins Hier und Jetzt. Und wir erkennen mit Mey: Die Situation hat sich vielleicht gar nicht so sehr verändert seit damals. Er und sein inzwischen erwachsener Sohn, sie sitzen vielleicht nicht mehr in einem Flugzeug, aber vielleicht fliegen sie noch immer gemeinsam durch die Welt. Ja, er und sein in Träume versunkener Sohn, sie sind noch immer unterwegs. Geändert hat sich nur eines – nicht der Vater sitzt am Steuerknüppel, sondern längst der Sohn. Und nur er bestimmt, wie lange sie fliegen werden. Das ist sie, die feine Nuance, die aus dann mach’s gut einen Chanson-Klassiker machen kann, machen wird. Denn während Mey hier im Cockpit sitzt, hockt eben auch jenes „Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“ hinter ihm, hinter uns. Welchen seiner Söhne er nun meint und welchen nicht oder wo sich gewisse Gedanken auch einfach zu einem großen Ganzen verbinden, spielt zumindest für den Hörer dabei keine größere Rolle. Denn es ist auch hier, es kann nicht oft genug erwähnt werden, ein universales Gefühl, das er transportiert. Und so sagt Mey es zwar nicht, aber es ist da, direkt über uns in der Luft, was er dort dereinst in „Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“ sang. So führt denn auch „Vater und Sohn“ zu einer Lebenseinsicht. Einer Lebenseinsicht, die weit über das hinausgeht, was der genaue Wortlaut des Songs hergibt. „I’m not supposed to care“, einer der eindrücklichsten Songs des Kanadiers Gordon Lightfoot aus den mittleren siebziger Jahren, brachte mit seiner im Text verankerten „flying machine“ dereinst ebenfalls dieses fragile Spiel des Lebens auf den Punkt, jene ständig währende Ohnmacht zwischen beschützen und loslassen wollen, zwischen Sorge und Liebe, zwischen Traurigkeit und Glück. Doch was bei Lightfoot unterm Strich ein Liebeslied war, strickt Mey mit seiner eigenen Flugmaschine zu einem Stück Leben. Ebenfalls ganz großer Highlight-Alarm.

6. Wolle

Einer jener Songs, die Mey von seiner eher nordamerikanisch geprägten Seite zeigen. Stilrichtung „Der Bruder“, zu finden auf seinem Album Flaschenpost von 1998. Inhaltlich ist es ein Künstlerportrait, die Problematik eines Musikers, der jahrelang auf den großen Erfolg hofft. Um dann, als genau dieser eintritt, festzustellen, dass der Ruhm doch arg viele Schattenseiten mit sich führt. Interessant wird dieses Lied dadurch, dass man sich nicht des Eindrucks erwehren kann, dass hier die Geschichte von Wolfgang Petry besungen wird. Jenem Mann, der als richtiger Liedermacher startete, ein wenig in der Versenkung verschwand, um in den 90er Jahren als Schlager-Ikone eine seltsame Wiedererweckung zu erfahren.

„Der Junge aus Raderthal“ singt Mey, verweist auf den inzwischen ergrauten Schnurrbart, das Holzfällerhemd und das „Gewusel“ am Arm. Und je länger der Song läuft, desto klarer wird: Das könnte nicht nur Wolfgang Petry sein, der hier besungen wird. Es IST Wolfgang Petry.  Eine schöne Hommage, die ohne Häme oder Schelte daherkommt. Im Gegenteil: Die große, schmunzelnde und freundschaftliche Sympathie scheint hier klar durch. Und auch ein Amüsement darüber, wie positiv irrsinnig Leben verlaufen können. Kein zweites entertainmentkritisches „Daddy Blue“, wie er es bereits 1979 veröffentlichte also. Eher die Freude und der Respekt darüber, dass einer, der nun wirklich allen Grund gehabt hätte, abzuheben, durchzudrehen und dann ganz tief zu fallen, dass der offenbar doch sehr gut durch den Regen gekommen ist. Ein guter Song, angesichts der Gesamtqualität des Albums aber eher eines jener Lieder, die zwischen den vielen Highlights etwas zwischen den Stühlen landen könnten.

7. Spielmann

Was dort in fast schon mittelalterlichem Klanggewand daherkommt, das ist ein Fest für alle Musikfans, die bei einem Wort wie „Gaukler“ oder eben „Spielmann“ einen ganz besonders verklärten Blick bekommen. Und das können sie sich zusammen mit Reinhard Mey bei diesem so beschwingt beglückendem Stück auch erlauben, zeichnet uns Mey hier doch noch konsequenter als in „Wenn schon Musik“ sein Selbstverständnis als Musiker aufs Tableau. Und das ist eines, von dem es – historisch betrachtet vollkommen zurecht – heißt, es wäre antiquiert. Nach dem wir uns aber dennoch zurücksehnen, taugt es doch vortrefflich dazu, unserer fast nur noch auf heißem Dampf basierender Medienhysterie endlich wieder klar zu machen, worum es bei der Kunst in erster Linie geht: Nicht um Massenabfertigung, nicht um „ich hier oben – ihr da unten“. Nicht um Stars und Hits. Sondern um das Ich, das mit rein menschlichen Mitteln zu einem anderen Ich gelangt. Oder „von Tür zu Tür zieht“, wie Mey es im Spielmann formuliert. Neben aller romantischen Verspieltheit lässt sich das Stück jedoch auch als Mahn- und Weckruf für seine eigene Branche lesen, erinnert er hier doch daran, dass der Künstler dereinst nicht zum Künstler wurde, um reich oder berühmt zu werden. Sondern weil er nicht anders konnte und eine Verantwortung in sich spürte. Was fast als Gegenentwurf zu „reich und berühmt“ zu sehen war, wie wir wissen, galten Gaukler und Schauspieler doch in früheren Zeiten keineswegs als honorable Personen, zu denen ganz dringend aufzuschauen war. An alles das erinnert der „Spielmann“.  Unterm Strich macht das Stück aber einfach Spaß und zeigt, dass auch das Liedermachergenre inmitten seiner mitunter so eng gesetzten Grenzen ganz wunderbar variabel sein kann.

8. Lieber kleiner Silvestertag

Gute Frage: Was ist eigentlich aus Opa Bölke geworden? Sie erinnern sich? Das war jener Herr, der sich jedes Mal an Silvester zu Tode erschreckte, ist sein Bedarf an Krachern und Knallern in zwei Weltkriegen doch mehr als ausgiebig gedeckt worden. Nun, auch in „Lieber kleiner Silvestertag“ widmet sich Reinhard Mey diesem wohl wirklich seltsamsten aller Tage des Jahres. Die Wendung vollzieht Mey diesmal allerdings insofern, dass er aufzeigt, warum er Mitleid mit diesem so vielfältig misshandelten Tag empfindet. Denn es ist ja nicht der Tag, der so blöde im Kalender hockt. Sondern was wir Menschen daraus machen.

Ein guter Song, solide gemacht, schön formuliert, mit netten Ideen versehen – und damit ein treffliches Beispiel dafür, was für ein hohes Niveau dann mach’s gut in Gänze erreicht. Und was für ein seltsames Verhältnis wir Deutschen zu unseren eigenen Adjektiven haben. Denn gut, solide, schön, nett – das sind noch immer positive Einschätzungen. Vollkommen zurecht an dieser Stelle verwendet, ist der Song doch ein guter Song. Es liest sich nur an dieser Stelle ein wenig abschätzig, da das Umfeld, in dem er sich befindet, so exquisit ist. Auf vielen deutschsprachigen Alben der vergangenen Jahre wäre das Lied als „Highlight“ aufgetaucht. Auf dann mach’s gut ein eher aussichtsloses Unterfangen.

9. Alter Freund

„Manchmal brauche ich die Glut der Reben –  einfach, um zu überleben“ – was für eine schöne Zeile. Dürfte im Poesiealbum genau so gut funktionieren wie, tja, im Stadion, Haupttribüne. Die Frage ist natürlich: schön für wen? Und so sehen wir die Gazetten schon titeln: „Mey fordert zum Saufen auf!“. Aber macht er das wirklich? Nein, natürlich nicht. Was auch der Hauptgrund ist, warum sich „Alter Freund“ nicht mal eben so einreiht in seine alten Bier- und Becherklassiker. Denn das Verhältnis von Reinhard Mey zum Alkohol, es hat sich gewandelt mit den Jahren. Schon Klaus Hoffmann weiß inbrünstig und ebenfalls etwas wehmütig davon zu erzählen, was die Liedermachergilde zu feiern und zu trinken verstand in den späten sechziger, vielleicht auch noch siebziger Jahren. Doch das ist eben nicht Gegenstand dieses Songs, ist der Alkohol in jungen Jahren doch zumeist ein Vehikel, auf dem sich ganz wunderbar von dem einen Zustand in einen anderen sausen lässt. In „Alter Freund“ aber ist er genau das, was der Titel auch aussagt: ein Freund, ein verlässlicher Begleiter. Der jeden pfleglich behandelt, der eben seinerseits auch pfleglich damit umzugehen versteht. Wir können hier durchaus einen Bogen spannen zu unserem Altbundeskanzler Schmidt, der, wäre er der Liedermacherei mächtig, wohl ein ganz ähnliches Stück über das Rauchen anfertigen würde. Wobei der Fairness halber gesagt werden muss, dass Helmut Schmidt Kette raucht, während Mey bekanntlich sich einfach ein oder zwei Gläser bei passenden Gelegenheiten nicht nehmen lassen mag. Unterm Strich bleibt aber ein sehr sympathisches Bekenntnis, dass nicht alles, was dem Papier nach lauter Nachteile hat, nicht doch zu einem genussreichen Leben führen kann. Und einmal ehrlich: Reinhard Mey zu sagen, er möge nie wieder Wein trinken, ist in etwa so drollig wie eben dem quietschfidelen Schmidt zu erzählen, dass jahrelanger ausgiebiger Zigarettenkonsum zu einem verfrühten Tod führen wird. Wir Menschen müssen einfach lernen, mit unseren vermeintlich schwachen Seiten umzugehen, anstatt sie auf Teufel komm ‚raus nur zu dämonisieren und zu versuchen, sie wegzuschließen. Schließlich hat es schon seinen guten Sinn, dass der Mensch so gemacht wurde – wie er eben gemacht wurde.

Der vielleicht einzige Song auf der Platte, der als „altersweise“ bezeichnet werden kann. Was ihm jedoch auch erst seine Treffsicherheit verleiht, würde das gleiche Lied aus dem Mund eines 40jährigen doch nicht einmal im Ansatz glaubhaft klingen.

10. Das Taschentuch

Wir erinnern uns? Irgendwann gegen Ende der neunziger Jahre steht eine Frau etwas entnervt in ihrem Haus. Sie rollt mit den Augen, als ihr Mann ins Zimmer tritt. Und sie sagt was zu ihm? Genau, sie sagt: „Jetzt mach ein Lied über all das, worüber du noch nicht geschrieben hast“ (aus: Noch’n Lied, 1998). Wir präsentieren also: Das Taschentuch.

Es ist ein unausgesprochenes Liedermacher-Ethos, sich neben den großen Themen – Liebe, Tod, Politik – auch immer wieder neue Gebiete zu erschließen. Und auf Wegen entlangzuwandeln, auf denen vielleicht wirklich noch kein Musiker zuvor gewesen ist. Gleich eine ganze Reihe Liedermacher folgt dieser nicht zu unterschätzenden Kreativ-Übung, am bekanntesten dürfte in dem Punkt vielleicht der Chansonnier Sebastian Krämer sein, dem es gelingt, fast ausschließlich Themen zu beackern, auf die außer ihm im Leben niemand gekommen wäre. Ein offener Umgang mit eventuell klamaukigen Anleihen gehört bei diesen Songs durchaus zum guten Ton, ein beherztes Liedermacher-Bekenntnis, nach dem Motto: „Ich weiß, es ist etwas albern, aber ich hab‘ das jetzt einfach mal versucht!“. Diesen Ansatz dann konsequent zu Ende zu bringen ist eine Tugend, für die besonders viel Einfallsreichtum und auch Standfestigkeit nötig sind. Mey persönlich hat in dieser Disziplin schon mehrfach auf positive Weise den Vogel abgeschossen. Vor allem sein rundherum unfassbarer „Pöter“  ist hier zu nennen, ganz sicher auch „Das Etikett“, das man ebenfalls gehört haben muss, um es zu glauben. Ganz so brillant wie in diesen beiden so obskuren und doch treffsicheren Songs wird Mey bei seinem Taschentuch nun nicht, eignet sich das Utensil der Wahl doch eher als Begleiter tiefsinniger und tröstender Momente, was der Aktion von vornherein ein wenig den Komikzahn zieht. Wie im ersten Teil unserer Rezension beschrieben ist genau diese Komik allerdings nun ein Effekt, den Mey auf dann mach’s gut gar nicht nötig hat. Und gerade das Umschiffen jeglicher Komik ist es, das seinen hier gewählten Ansatz nur umso kunstvoller werden lässt. Denn: „Mach mal ein Lied über ein Taschentuch“ – ist eine Sache. „Werde dabei aber bitte nicht albern und bringe es mit Würde über die Bühne“ – eine zweite, kaum zu vollbringende Anforderung. Reinhard Mey aber hat sie mit Bravour gelöst, elegant nostalgische Erinnerungen eingewoben und wie nebenbei auch noch unterstrichen, dass es manchmal gerade die fast unscheinbaren Dinge sind, die uns Menschen verbinden. Es klingt so verdammt nebensächlich darüber zu singen, dass wirklich jeder Mensch – Banker, Rapper, die Queen, du, ich – ein Taschentuch bei sich hat. Doch wir erkennen: Es ist eben nicht nebensächlich. Sondern grundlegend. Nur so gelangen wir mit Mey noch während des Songs zu der Einsicht: „Alles wird gut„. Denn die Gemeinsamkeit zwischen den Menschen ist es, die überwiegt, immer und überall. Wer immer also ein Taschentuch mit sich führt – wird unseren Schmerz verstehen.

Im besten Sinne des Wortes ein Trostsong, dieses Taschentuch.

11. Tiergarten

Einer jener Songs, in denen Reinhard Mey seine Naturverbundenheit nicht nur durchschimmern lässt, sondern direkt auf den Punkt bringt. Doch nicht nur das: Der Mensch als Teil der Natur, der unterm Strich den gleichen Gesetzen folgt und folgen muss wie Bäume oder Kleingetier – alles das findet sich in seinem Tiergarten. In lockerem, eher spielerischem Grundton gehalten wagt sich Mey hier mit Wonne an ein kleines „no go“ des Musikzirkus: Die Einbindung eines Kinderchors. Klingt so geschrieben und gelesen etwas anstrengend, ist aber natürlich im mey’schen Ansatz in Form und Struktur an sein Lebensgefühl gebunden. Bedeutet: Streng-bürokratische Vorgaben haben draußen zu bleiben, im heimischen Garten genauso wie bei singenden Kindern. Und so krakeelen die Kleinen den Refrain gen Liedende eher belustigt vor sich hin als dass sie denn orchestral oder – gütiger Himmel! – gar kathedral werden. Ein Song, der für den Autor dieser Zeilen unvergesslich ist, da Reinhard Mey gerade daran arbeitete als Ein Achtel Lorbeerblatt ihn in seinem Studio besuchen durfte. Genaugenommen gab sich der Redakteur sogar die Klinke direkt in die Hand mit den singenden Kindern. Bemerkenswert: Gerade dieser Tiergarten erschien am ehesten vernachlässigbar auf dieser Platte – bis vor wenigen Tagen dieser von Kindern gesungene Refrain begann, sich breit zu machen. Erst im Hirn und dann auf der Zunge. Seit „Verbotene Früchte“ der Hamburger Band Blumfeld (2006) das erste so reine und ehrliche Naturlied, das der Autor befreit von jeglichen Zwängen städtischer Hippness nun gerne und oft vor sich hinträllert.

12. Gute Kühe kommen in den Himmel

„Gute Kühe kommen in den Himmel, böse kommen überall hin“ singt Reinhard Mey hier. Und erzählt damit die Geschichte einer Herde – oder vielleicht auch Horde – freiheitsliebender Kühe, die den Verkehr auf der Autobahn aber mal sowas von lahm legt. Schon von daher ganz lustig, da auch das Liedermacher-Duo Kugler & Waloschik auf ihrer gerade erscheinenden CD „S.O.S.“ einen Track namens „Cargo (Schweine nach Berlin)“ vorlegt, der fast als Bruder im Geiste daherkommt. Wie „Schweine nach Berlin“ lebt auch „Gute Kühe kommen in den Himmel“ von einer tonal zu Grunde gelegten Trucker-Mentalität, durch die es Mey gelingt, energischen Freiheitswillen mit fast schön lässiger Gutmütigkeit zu koppeln. Und man kann es nicht anders sagen: Der an dieser Stelle kaum korrekt niederzuschreibende und mit Bassstimme vorgetragene Nebenrefrain – in etwa: Bopp-bop-bobopp – bleibt genau auf die gleiche Weise im Kopf hängen wie der im Lied zuvor erwähnte Kinderrefrain. Wer es nicht glaubt, darf sich gerne überraschen lassen. Am besten von sich selbst – gerade aufgestanden, frisch geduscht, in den feinen Zwirn geworfen, gerade dabei, vor dem Spiegel die Krawatte zu binden…und, tja, genau dann wird es kommen, ganz sicher und ganz von selbst: Bopp-bob-bobopp.

13. Spangen und Schleifen und Bänder im Haar

Emotional nicht ganz so tief wie „Vater und Sohn„, dafür aber geradezu beschwingt kommt dessen „Tochterpendant“ daher, besingt Reinhard Mey hier doch das jüngste seiner drei Kinder, seine Tochter. Und schafft gerade durch diesen an und für sich lockeren Zugang nicht mehr und nicht weniger als ein kleines Meisterwerk. Der leicht antiquierte Beschützerinstinkt eines Vaters wird hier thematisiert, der seine alten Marotten nicht so ganz ablegen mag, obwohl seine Tochter ihm doch längst entwachsen ist. Die Besonderheit: Während Mey hier mehrere amüsante Betrachtungen aneinanderreiht, die den Hörer im Zustand einer gerührten Belustigung halten, zieht es einem jeden fühlenden Menschen zugleich fast etwas unbemerkt komplett den Boden unter den Füßen weg. Gerade wer das Schaffen von Reinhard Mey schon länger verfolgt und vor allem das Lied „Kleines Mädchen“ kennt, wird seine Tränen nur schwerlich unterdrücken können. Tränen des mitempfundenen Glücks. Wie er das hinbekommt? Nun, diese große emotionale Regung liegt zum einen in dem erzählerischen aber auch musikalischen Bogen begründet, den Mey hier zu eben jenem Lied „Kleines Mädchen“ schlägt. Noch mehr aber an dem grandiosen Refrain, der nicht nur mit einer entzückenden, wortlosen Melodieführung daherkommt, sondern, kurz bevor er sich in diese Wortlosigkeit begibt, noch einen hochwirksamen erzählerischen Bruch integriert. Dann nämlich, wenn Mey gesteht, dass er auch bei allem erwachsenen Verhalten seiner Tochter und ihrem ebenso erwachsenen Aussehen – noch immer jene Spangen und Bänder und Schleifen im Haar sieht. Highlight? Nein. Größer. Viel größer.

14. Dann mach’s gut

Drei Kinder hat Reinhard Mey. Und drei eindeutige Songs aus Vatersicht finden sich auf diesem neuen Album. Und fassen wir es in die üblichen Begriffe der Entertainmentbranche, so hören wir drei Volltreffer, drei Großtaten, die jeweils zum Besten gehören, was Reinhard Mey in seiner Karriere geschrieben und veröffentlicht hat. Und nachdem „Vater und Sohn“ mit dem Zusatz aufwartet, dass es da auch einen Enkel gibt, und „Spangen und Schleifen und Bänder im Haar“ sich um seine Tochter dreht, ist der instrumental betrachtet leicht asiatisch angehauchte Titeltrack „Dann mach’s gut“ dem, wie Mey im Lied verrät, wortkargen Sohn mit dem wehenden Khmer-Schal gewidmet. Es liegt in der Schwere des Augenblicks begründet, dass dieses Lied zeitlos über uns in der Luft zu schweben scheint. Wie ein flüchtiger Moment weht er sanft an uns vorbei, mehr ein Blinzeln und ein Hauch als denn ein Song. „Wir begreifen unser Glück erst, wenn wir es von draußen sehen“, heißt es hier. Womit wir es aus Gründen des Taktgefühls auch bewenden lassen wollen. Alles, was zu sagen ist, hat Reinhard Mey hier in Worte gepackt. Mutmaßungen und Einsortierungen von fremder Seite erübrigen sich komplett. Nur soviel noch: Da ist es. Das perfekte Chanson.

15. Lass nun ruhig los das Ruder

Wann und wo stößt Musikjournalismus an seine Grenzen? Nun, vielleicht genau dann, wenn ihm die Begriffe ausgehen vor lauter Fassungslosigkeit. Dann, wenn er merkt, dass es Dinge gibt, die schlichtweg nicht beschreibbar sind, auch nicht mit den Worten der Poesie oder des Intellekts. Tränen. Der Begriff fiel schon öfter. Auch „Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“ wurde bereits erwähnt. Das Gefühl, jemanden, den man beschützen will und den man liebt, an irgendeinem Punkt einfach ziehen lassen zu müssen. Und dem man alles Gute für die Reise wünscht. Ja, der werte Herr Musikbesprecher wiederholt sich hier etwas. Reinhard Mey aber, der wiederholt sich nicht mit diesem Lied. Eher im Gegenteil. Er beweist eine Stärke, für die es keine Begriffe mehr gibt. Es ist gut möglich, dass es Menschen geben wird, die diesen Song nicht werden aushalten können, im menschlichsten Sinne nicht ertragen und tragen werden.  Denen die Kraft fehlt zuzulassen, was Reinhard Mey hier zulässt. Doch gerade das macht dieses Lied und damit auch die ganze Platte zu einem so außergewöhnlichen Werk. Ist der größte Beweis für seine Menschlichkeit doch die Übermenschlichkeit, der wir auf Schritt und Tritt begegnen.

Wie schon beim Song zuvor wollen wir auch hier ganz bewusst darauf verzichten, auf Details von „Lass nun ruhig los das Ruder“ zu verweisen. Angefügt sei lediglich der kleine Fachterminus, dass Mey mit diesem Abschluss dafür sorgt, dass dann mach’s gut fast zu einem Konzeptalbum wird.

16. Es ist an der Zeit

Die Neuinterpretation eines Klassikers von Hannes Wader. Antimilitarismus par Excellence. Schon das Original dürfte vielleicht der beste Song gegen den Krieg sein, der je in deutscher Sprache formuliert worden ist. Seine Veredlung erfährt das Lied aber erst jetzt, was wohl mit dem Fortschreiten der Jahre zu erklären ist. Nicht nur „Es ist an der Zeit“ ist noch reifer geworden, auch die Herren, die das Stück singen, sind es. Und das macht wahrhaftig einen Unterschied, einen großen sogar. Wird er von einem 40jährigen gesungen, ist es ein brillanter Song. Aus dem Munde eines 70jährigen aber wird er regelrecht frappierend.

17. Sally

Leider ist der Autor dieser Zeilen der italienischen Sprache nicht mächtig. Muss er aber vielleicht auch gar nicht, ist es doch der Klang südeuropäischer Zungen- und Kieferverbalität, der bereits eine Melodie für sich erzeugt. Bei „Sally“, im Original von Fabrizio de Andrè, ist das nicht anders. Es geht wohl, soviel haben wir über das alleswissende Netz herausfinden können, um einen jungen Mann, der den Verlockungen dunkler Mächte nicht widerstehen kann. Und gerade darin seine menschlichen Züge offenbart. Gut möglich, dass wir dieses wunderbare Lied ein wenig zu sehr bagatellisieren, aber: Für uns klingt es einfach wie der richtige Urlaub, im richtigen kleinen italienischen Ort in der Toskana. Im richtigen Café, zur richtigen Abendstunde, mit dem richtigen Glas Wein. Frau auch dabei? Ja, Frau auch dabei.

Foto: Jim Rakete

Hören Sie auch ins Herbstgewitter – unsere moderierte Radiosendung rund um Liedermacher & Chansonniers. Zur aktuellen Ausgabe: HIER klicken.

13 Kommentare zu “Die EAL-CD des Monats Mai/2013: Reinhard Mey – dann mach’s gut / Teil 2

  1. eddie
    24. Mai 2013

    Ich habe mir die letzten Alben zugegebenermaßen nicht gekauft, sondern von Freunden geliehen und habe damals nicht darauf geachtet, was da im CD-Booklet stand. Das neue Album musste ich jedoch bereits nach dem Probehören im Internet unbedingt kaufen.
    Was allerdings das Aufnehmen im Studio betrifft, so gibt es Musiker, die in der Lage sind, ganze Alben komplett allein einzuspielen und zwar auf hohem Niveau (z. B. Lenny Kravitz, der dann dafür live mit einer Band auftritt, was bei dieser Art von Musik ja auch besser passt). Es ist ja auch ansonsten in aller Regel üblich, dass ein singender Gitarrist Gesang und Gitarrenspiel im Studio getrennt aufnimmt. Mey hat übrigens einmal gesagt, dass er seine auf niederländisch aufgenommenen Lieder sogar quasi Silbe für Silbe eingesungen hat, weil er eben kein Niederländisch kann.
    Ich muss nun ehrlich gesagt gestehen, dass ich nicht weiß, seit wann Reinhard Mey bei Studioaufnahmen so wenig selbst Gitarre spielt. Ich bin gerade im Urlaub, von meiner Musiksammlung getrennt und kann nicht nachsehen. Die frühen französischen Alben, auf denen ausschließlich Gitarre als Begleitung zu hören ist (obwohl es keine Live-Alben sind) gefallen mir übrigens außerordentlich gut. Wahrscheinlich kam dies in Frankreich damals besser an, als die zum Teil kitschig wirkende Orchestrierung der frühen 70er Jahre (aber auch die deutschen Alben aus dieser Zeit höre ich gern).

  2. eddie
    20. Mai 2013

    Mir gefällt das Album sehr gut. Auch ich bin der Meinung, dass es sich um sein bestes Album der letzten 20-25 Jahre handelt. Und das soll bei Reinhard Mey etwas heißen, denn die dazwischenliegenden Alben waren ja nun auch nicht schlecht.
    Etwas enttäuscht bzw. verwundert bin ich nur aufgrund einer Feststellung: Warum nur spielt er auf seinem Album nur bei einem einzigen Lied selbst Gitarre? Nichts gegen Gast- und Studiomusiker zur Unterstützung, aber ich sehe Reinhard Mey doch noch immer als untrennbar mit seiner Gitarre verbunden. Während es jedoch viele Sänger gibt, die sich mit ihrer Gitarre auf die eine oder andere Art und Weise begleiten können, verfügt Mey seit Jahrzehnten über begnadete Techniken, die ihn erst zum wahren Gitarristen machen. Wieso überlässt er diesen für ihn charakteristischen Part nun überwiegend anderen? Gibt es dafür eine bekannte Erklärung? Ich hoffe, es sind keine gesundheitlichen Gründe und wünsche ihm alles Gute.

    • Silke
      22. Mai 2013

      Ich könnte mir vorstellen, dass es die Studioaufnahmen leichter macht, wenn man sich nur auf den Gesang konzentrieren muss und die Instrumente komplett anderen überlässt. In den mir vorliegenden Studio-Alben der letzten Jahre (Flaschenpost, Rüm Hart, Bunter Hund, Nanga Parbat) ist Reinhard Mey immer nur bei ein oder zwei Liedern als Gitarrist vermerkt. Deshalb würde ich mir da erstmal keine großen Sorgen machen. Und die Live-CD hat dann dafür ausschließlich Mey-Gitarren-Begleitung!

      „dann mach`s gut“ finde ich ein außerordentliches Album und mir fällt da nur ein: Chapeau! Und DANKE lieber Reinhard Mey für die Offenheit und das Vertrauen, das Sie uns Zuhörern in Ihren Liedern entgegenbringen.

  3. Denise
    12. Mai 2013

    gerade widme ich mich noch einmal erneut deiner rezension. mit dem neuen album in den händen bzw. im ohr ist es wieder etwas ganz anderes das zu lesen. ich muss mich in mey-lieder „reinfühlen“, deshalb habe ich auch nach oftmaligem hören noch nicht alle lieder gleichermaßen aufnehmen können. mit zwei liedern hast du allerdings völlig recht: „lass nun ruhig los das ruder“ ist in der tat ein lied, zu dem einem die worte fehlen. eigentlich zerreißt es einen innerlich und ich frage mich, woher dieser mann nur solche kraft und weisheit, solche feinen, mutmachenden und trotzdem nichts vorgaukelnden worte nimmt. für mich persönlich eine antwort.
    zum zweiten „dann mach´s gut“. wie viele emotionen, wie viel liebe und trauer in diesem lied stecken, kann ich kaum ertragen. tränen, jedes einzelne mal. „wir hatten doch alles, doch wir wussten es nicht“, dieses erst abrupte, vielsagende und in weichen klängen schließende ende – vollkommen, dieses lied.
    „spangen und schleifen und bänder im haar“ ist für mich jedoch um einiges emotionaler als „vater und sohn“. aber das ist ja individuell und könnte natürlich auch daran liegen, dass ich mich in den tochter-part einfach besser hineinversetzen kann.
    :-)
    lg

  4. RegenSchauer
    4. Mai 2013

    Hab das Album nun dreimal angehört. Allein, mit einem Glas Wein. Und freu mich nun auf Durchgang Nummer vier.
    Für mich nun das MEYsterwerk. Kommt noch vor „Farben“ (Anhörtipp: „Allein“ ).

  5. Denise
    2. Mai 2013

    heute ist sie angekommen! :-)

  6. Silke
    20. April 2013

    Ich muß mich einfach nochmal kurz melden, auch wenn`s schon spät ist… Da ist es schon wieder, dieser Ausdruck „perfektes Chanson“. Den ich nicht so ganz begreife – wiederhole jetzt einfach mal meinen Kommentar von der Umfrage vor ein paar Tagen zum perfekten Chanson von Reinhard Mey: „Mich würde mal interessieren, wie Reinhard Mey “Chanson” überhaupt definieren würde, oder Ihr das tut? Ob damit allgemein “Lied” gemeint ist, bzw. hatte ich bei den Begriffen Mey und Chanson zuallererst an die “französisch angehauchten” Stücke von ihm gedacht, wie die wunderschönen Lieder “Douce France” und “Etienne” (wohlgemerkt nicht aufgrund der franz. Titel sondern wegen der Melodie und Rhythmik).“
    Danke schonmal für eine Erklärung…
    LG, Silke

    • achtellorbeerblatt
      20. April 2013

      Hallo Silke,
      also gesagt hat Reinhard Mey es so, allerdings ohne zu definieren was nun exakt für ihn darunter fällt und was nicht. Ich vermute aber stark eben da er es nicht näher definiert hat, dass er es eher allgemein hält. Ist dann vermutlich eher eine instintive Angelegenheit, wo man gar nicht genau analysieren kann wo und warum Song A oder B es nicht ist.
      Ich selbst habe gefühlt 20 diverse Ansichten und Definitionen gelesen, die sich teilweise derart widersprachen, dass es mir schlichtweg zu anstrengend, aber auch zu widersinnig wurde darüber nachzudenken. Ich persönlich habe als Grundmotiv, so nennen ich das einfach mal,daher für dieses Blatt ausgemacht, dass es der Versuch ist „mit möglichst wenig Hilfsmitteln ein Maximum an Eindruck zu erzielen“. Wobei ich mit „Eindruck“ meine, dass es entweder emotional sein kann oder aber auch eher intellektuell.
      Am Ende bleibt aber auch das subjektiv. Wenn zB Konstantin Wecker mit Begleitband und 10 Sängerinnen auf der Bühne loslegt, passt er dann noch hierher? Ich sage: Ja. Frage mich aber nicht nach Argumenten: Ich habe keine. Einfach ein Gefühl.

      Liebe Grüße in den spätenden Abend
      EAL/David

  7. A. Schwenk
    20. April 2013

    … kann es nicht endlich der 3. Mai sein…
    … ich mochte warten schon als Kind zu Weihnachten nicht und das jetzt ist viel viel schlimmer.

  8. achtellorbeerblatt
    20. April 2013

    Liebe Silke,
    besten Dank. Ja, es ist immer gut, wenn Menschen etwas finden, das sie antreibt. Bei manchem sind das neue Lieder, bei anderen das Schreiben und verbreiten der Werke anderer. Und andere widerum treibt der eigene Nachwuchs an. Hm. So sind wir also alle Getriebene – und es ist gar nichts Schlechtes daran oder darin…
    LG, David

  9. Silke
    19. April 2013

    Lieber David,
    mit welcher Hingabe Du Dich hier dieser Rezension widmest, ist wirklich bemerkenswert und klingt in jedem einzelnen Satz mit… Toll!!! Und vielen Dank dafür, das ist nicht selbstverständlich. Ich fühle mich wie ein Kind, das sehnsüchtig auf die Bescherung wartet! – Und zum Thema „Kind“ und Lied Nr. 5: als Mama von zwei Jungs (5 und 10 Jahre) kann ich Dir versprechen, Du wirst, solltest Du einmal Vater werden, die CD „Das Apfelbäumchen“ mit ganz neuen Gefühlen hören…

  10. Silke
    19. April 2013

    Ich weiß immer noch nicht, ob es gut ist, die Ausführungen über die einzelnen Lieder zu lesen, oder das alles doch lieber selber beim Hören zu entdecken… Aber schließlich siegt doch die Neugier!
    (Ist „Wolle“ nicht der Spitzname von Wolfgang Petry?)

    • achtellorbeerblatt
      19. April 2013

      Liebe Silke,
      da ergeht es uns ganz ähnlich, wenn wir über Platten lesen, die wir noch nicht kennen – aber ENDLICH haben wollen. Denn am Ende ist Musik halt nicht zum Lesen, sondern zum Hören da. Und auch tausend Worte können nicht vermitteln wie es dann sein wird, das Lied. Unser Tipp: Jetzt überfliegen und später sich dann auch den Unterschieden erfreuen. Denn die eigene Wahrnehmung wird manches bestätigen, manches im Nachgang aber dann evtl auch vollkommen anders beurteilen. Hm, nein. Das „evtl“ kann gestrichen werden. Es WIRD so sein, ganz sicher.
      Liebe Grüße
      Das gelorbeerte Blatt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: