Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Herrenmagazin – Das Ergebnis wäre Stille

dasErgebnisW+ñrestille_klein
von Fabian Brüssow

Gleich zu Beginn: Das ist kein Review eines Album von einer Band, die mit einem heißen Insidertipp versehen ist. Die Band mit dem interessanten Namen ist keineswegs ein Newcomer: Herrenmagazin gibt es bereits seit fast zehn Jahren – vielleicht kommt es nur so neu vor, da man sich bisher etwas im Indie-Rock-Dschungel auskennen musste, um sich kopfüber in die Musik von Herrenmagazin zu verlieben. Denn sollte das noch nicht passiert sein, wird es mit dem dritten Album „Das Ergebnis wäre Stille“ geschehen. Vielleicht keine Newcomer in dem Sinn, sondern ein kleiner, aber entscheidender Durchbruch, den Herrenmagazin mit dem dritten Album bewältigen. Auf dem Indierock-Gabentisch endlich mal die Sicht über den Tellerrand hinaus.

Möglicherweise ist die Hamburger Band Herrenmagazin mit eine der bedeutsamsten Indierockbands dieser Zeit – jetzt werden viele auf sie aufmerksam. Die Band, die häufiger wegen ihres Namens für Aufklärung sorgen muss, hebt beim geneigten Hörer schon bei der nordischen Herkunft der Band die Augenbrauen. Dabei ist die Hülle doch gar nicht so wichtig – eher das, was drinsteckt.

Hamburg, die Musikhochburg, die deutschsprachigen Indie seit Jahrzehnten prägt. Kein Verweis auf Helden wie Kettcar, Tocotronic oder Die Sterne, die geheim im Kern der Musik aber immer wieder zu finden sind. Nachdem die Band seit 2004 unterwegs ist, eine CD im Eigenvertrieb veröffentlicht, erscheint 2008 der erste Langspieler „Atzelgift“, eine herrlich sperrige Indiepunkscheibe mit Hymnen wie „Früher war ich meistens traurig“, „Geht nicht über Nacht“ oder „Lnbrg“, die weiterhin Vorzeigesongs der Band sind. Bereits zwei Jahre später setzen sie mit „Das wird alles einmal dir gehören“ einen drauf: Die sanfte Rebellion vom Vorgänger bleibt bestehen, es wirkt nur aufgeräumter. Bei „Alle sind so“, dem wohl schönsten Song dieser Platte, singt zudem Gisbert zu Knyphausen mit. Herrenmagazin sind in einem musikalisch menschlichen Umfeld aufgehoben, das von außen hin distanziert und eigen wirkt, aber im Kern das Herz erwärmt. Der Umfang von kollegialer Freundschaft geht so weit, dass Herrenmagazin schon mit der Electropunkband Frittenbude, Egotronic oder Captain Capa kollaborierten. Ein Toast auf Offenheit und wahres Miteinander. Mit Dear Reader folgte im Herbst eine lange Tournee im Rahmen der Berliner-Akustikmusikshow TVnoir.

„Deine Gedanken sind lebhaft wie Frösche im Sprung – doch bleibt ihre Heimat ein stinkender Sumpf.“

Deniz Jaspersen, Sänger der Band, macht es einem auch auf der neuen Platte thematisch nicht leicht. Der alltägliche Schmerz, die Liebe und die Sehnsucht werden weiterhin in wunderschönen Worten verpackt, die er mit stark und bestimmt vorträgt. Er erklärt das Leben mit all seinen Kanten auf eine Art und Weise, die Herrenmagazin schon von Anfang an prägt. Er lächelt Problemen ins Gesicht. Was auf den neuen Alben der Indiepopkollegen Bosse und Madsen, mit denen die Band als Support auf Tour ist, nur aufblitzt, knallt Jaspersen direkt auf den Tisch. „Du hast hier nichts zu suchen – und dementsprechend nichts verloren.“ lässt er in der Vorabsingle „In toten Hügeln“ verlauten, einem Hit der Platte, der mit seiner subtilen Wut genau wie der Opener „Regen“ („Mit dem Kater ging die Reue, ich tausche Schmerzen gegen Licht“) mit rauen Gitarrenwänden brilliert und dennoch treibend mitnimmt. Die beiden Songs stehen für die lauten, ruppigen Nummern von „Das Ergebnis wäre Stille“.

Denn das Album ist in seiner Gesamtheit eher ruhig, die Platte fordert Zeit, auch wegen der bekannten düsteren Stimmung, die im musikalischen Gewand der Lieder jedoch viele erhellende Momente findet: „Frösche“ ist der Vorzeige-Radiosong, der nie langweilt. Harmonische Gitarrensongs symbolisieren die anklopfende Hoffnung, dass der leere Spielplatz, der das Cover des Albums ziert, bald rege von Kindern heimgesucht wird. Die Platte knallt nicht wie ihre Vorgänger von eins voll auf Hundert und die melancholische Punkfraktion wird mit dem Album noch ein wenig zu knabbern haben, um zur süßen Füllung zu gelangen. Indiskutabel jedoch der Tiefgang der Songs. Herrenmagazin sind einen großen Schritt gegangen. Allseits bekannt, dass Bands mit dem verflixten dritten Album einen schwierigen Pfad einschlagen, finden Herrenmagazin den sicheren Weg nach Hause zurück.
Mit dem Wechsel von Motor Music zum Liebhaberlabel Delikatess Tonträger umarmen sich Herrenmagazin mit Findus und der neuen Vorzeigepunkrockband Frau Potz. Herrenmagazin sind angekommen.

Mit „Das Ergebnis wäre Stille“ bringen sie ein intensives und schwerfälligeres Album, die Hits haben sich ein bisschen versteckt, können aber mit Aufmerksamkeit gefunden werden. Am Besten liegend im Park hören, wenn die Stadt mal ausatmet – oder ausgeschlafen quer im Bett. Das Ergebnis ist eine gelungene neue Herrenmagazin-Platte.

Anspieltipps: In toten Hügeln; Krumdal; Qlinch

www.herrenmusik.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20. April 2013 von in 2013, Plattenbesprechungen, Uncategorized und getaggt mit , , , , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: