Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Peter Blaikner – Boulevard Villon

Boulevard Villon- Cover

von David Wonschewski

Geben wir es ruhig zu: Als Liedermacher oder Liedermacher-Freund nicht ein ausgeprägtes Faible für französische Orte und Personen zu haben – kaum vorstellbar. Nun ist es vielleicht nicht jedem gegeben eine derart französisch geprägte Vita zu besitzen wie beispielsweise Reinhard Mey, doch es gehört nur ein wenig Hingabe dazu, um im Werk fast eines jeden größeren Liedermachers auf höchst frankophile Andeutungen zu stoßen. Auch der Österreicher Peter Blaikner macht aus seiner Verbundenheit für die französische Sprache und Kultur keinen Hehl, muss er auch gar nicht, hat er neben einem universitären Abschluss in Romanistik doch sogar einen zweijährigen Berufsaufenthalt als Lektor in Poitiers hinter sich. Kurzum: Wenn der Salzburger erst einmal ins Reden und Sinnieren kommt über Größen wie George Brassens oder François Villon, dann weiß er wahrhaftig, wovon er da spricht. Oder aber eben: singt. Denn akademische Bildung hin, Frankreich-Fimmel her, in erster Linie ist Blaikner ein großartiger Liedermacher, dessen inzwischen gut und gerne 30jährige Expertise sich in unzähligen Chanson- und Kabarettprogrammen hat entwickeln können. Und das nicht gerade zum Schlechten, wie wir anhand seines „Boulevard Villon“ dieser Tage so eindrucksvoll erleben dürfen.

Eines gleich vorneweg: Beim „Boulevard Villon“ handelt es sich definitiv um ein Album Marke „kleines Gesamtkunstwerk“, wie es beispielsweise auch Volker Kittelberger mit „Kittels Wagner“ (zur Albumbesprechung von Kittels Wagner) oder Reno Rebscher mit „Auf stillen Pfaden“  (zur Albumbesprechung von Auf stillen Pfaden) vor einigen Monaten vorgelegt haben. Was das bedeuten soll? Nun, „Boulevard Villon“ wurde ganz offensichtlich zur Gänze von jemandem erdacht, dem es darum geht einen anderen Menschen zu ehren.  Wobei die Betonung auf dem Verb „ehren“ hier besonders wichtig ist, geht es doch gerade nicht darum in plumpe Vergötterung zu geraten. Und stattdessen den Weg einer wirklichen Auseinandersetzung zu beschreiten. Was Blaikner hier also vorlegt ist nicht weniger als ein Geschenk. Ein Geschenk, so wie er es vermutlich George Brassens persönlich überreichen würde. Und auch könnte, wie wir als Hörer nun sehr erfreut konstatieren dürfen. Denn allein die Aufmachung und das Booklet des „Boulevard Villon“ lassen einen jeden Kleinkunstfreund bereits Entzückung verspüren. Ein gewaltiges, aber doch sehr pinselreduziertes Cover, dazu ein 20seitiges Booklet, das ausgiebig über bereits benannte Herren (auch Wilhelm von Aquitanien und H.C. Artmann gesellen sich hinzu) zu informieren weiß – na und dann natürlich diese Musik. Nun liegt die Annahme nahe, dass hier das ganz große Chansonrad gedreht werden könnte, mitsamt Akkordeon, manch Streicher, vielleicht gar Bläsern. Doch genau das ist nicht der Fall, beschränkt sich Blaikner doch auf seine Akustikgitarre, die punktuell unterstützt wird von einer zweiten Gitarre und Bass. Wobei „punktuell“ dem Einsatz der Geräte nicht ganz gerecht wird, sind es doch gerade die so wirkungsvoll eingesetzen Reinhold Kletzander (Gitarre) und Bernd Weissig (Bass), die schon aus dem sehr guten, die Platte eröffnenden Titeltrack ein schlichtweg großartiges Stück machen. Vor allem der Einsatz einer E-Gitarre, er müsste bei einer solchen Platte doch eigentlich verboten sein. Und verleiht dem Lied schließlich vielleicht gerade deswegen seine ganz spezielle Atmosphäre. Eine Atmosphäre die durchdrungen wird von dem romantischen, aber niemals seichten oder gar naiven Lebensverständnis seiner Erschaffer. Der provenzalische Troubadour Wilhelm von Aquitanien, dazu Villon, der so wortgewaltige Dichter aus dem Paris des ausgehenden Mittelalters. Dazu der „ungehobelte, schüchterne Bär“ Brassens und mit H.C. Artmann der vielleicht polyglotteste Lyriker aller Zeiten. Und mittendrin Blaikner, dem das unfassbare Kunststück gelingt, all diese großen Geister nicht nur zusammenzuführen, sondern sie auch noch zusammenzuhalten. Ja, wahrhaftig: Dass gerade er, der Kunstfreund Blaikner, es ist, der mit seinem eigenen Talent den Kitt erschafft, der nötig ist um seinen „Boulevard Villon“ zu einem solchen Gesamtkunstwerk werden zu lassen tritt fast vollkommen in den Hintergrund. Und lässt eine Platte entstehen, die wie aus einem Guss daherkommt.

Es gehört zum guten Grundton der in diesem Magazin veröffentlichten Rezension stets auch offen darauf hinzuweisen, welchem Liedermacher-Freund ein Werk vielleicht nicht gefallen könnte. Und vor allem warum. Und so könnte an dieser Stelle durchaus bemängelt werden, dass Blaikner seine Stimme fast durchgängig geradezu stoisch einsetzt. Durchaus adäquat für den vorliegenden Stoff. Eine etwas variabler angelegte Singstimme hätte jedoch manch auch von ihm selbst komponierte Melodie vermutlich etwas weniger verdeckt. Denn genau das ist nun ab und an der Fall, wenn Blaikner beschließt manch zauberhaft angelegtem Bogen gesanglich nicht ganz zu folgen. Dass genau das den Genuss der Platte nun nachhaltig stören würde, kann allerdings nicht behauptet werden. Und so bleibt dieses Album unterm wohlbekannten Strich ein echtes Liebhaber-Produkt. Das künstlerische Schaffen eines Mannes, in dem ein von seinem eigenen Genre ganz ordentlich Verzückter steckt. Und: ein Inspirierter. Denn derart einflussreich zu sein, um aus ihrer eigenen großen Kunst weitere Kunst entstehen zu lassen – Brassens und Co. hätten sich mit Sicherheit enorm geehrt gefühlt, hätten sie denn die Möglichkeit erhalten es zu erfahren.

Bestellt werden kann das Album direkt über die Homepage von Peter Blaikner: www.blaikner.at

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 25. April 2013 von in 2013, A-D, Blaikner, Peter, Liedermacher, Plattenbesprechungen, Uncategorized und getaggt mit , , , , , , .
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