Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Wenn Politik auf Lyrik trifft. Das große EAL-Interview mit Reno Rebscher.

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Geht es um die eloquente Vermengung von Lied, Politik und Poesie, so gibt es in Deutschland wohl keinen besseren Ansprechpartner als Rainer „Reno“ Rebscher. Der gebürtig aus Darmstadt stammende Mediziner ist bereits seit den frühen neunzehnhundertsechziger Jahren künstlerisch aktiv und darf dabei ganz fraglos als stilistisches Allround-Talent gesehen werden. Und so finden sich in seinen Programmen neben Liedern und Gedichten auch Kurzgeschichten.

Ein Gespräch über politischen Aktivismus, sein aktuelles Album „Auf stillen Pfaden“ und – tatsächlich – die offenbar besonders ausgeprägte kreative Ader unserer Ärzte.

Ein Achtel Lorbeerblatt (EAL): Reno, du kannst von dir behaupten, einer der dienstältesten Liedermacher unseres Landes zu sein. Eine feine Sache, „die früheste urkundliche Erwähnung“ eines Rebscher-Songs datiert bereits aus dem Jahr 1962. Da du dort allerdings gerade einmal 13 Jahre alt warst, darf gefragt werden: Wie klang das Ganze denn? Und worum ging es da, doch wohl noch nicht um die große Politik…

Reno Rebscher (RR): Meine ersten Lieder und Texte habe ich in Reaktion auf die Lieder geschrieben, die die Erwachsenen um mich herum mochten und ich überhaupt nicht. Das war Anfang der 60iger, da waren Heintje bei den Frauen und Freddy und Hans Albers bei den Männern so beliebt, dass ich mir das zuhause ständig anhören musste. Ich hab mich schon als 12-jähriger immer gefragt, warum das leichte Übelkeit bei mir erzeugte. Gleichzeitig hat einer in meiner Schule so gut den Blues gespielt, dass ich Stunden lang das Bluesschema in allen Variationen übte – zum Entsetzen der Erwachsenen, für die war das Urwaldmusik, genau wie die anderen Songs, die über den Ozean rüberkamen, Folksongs von Bob Dylan, Joan Baez, Woody Guthrie und Pete Seeger, die mich so begeisterten.

EAL: Ich nehme an, deine erste Lieblings-LP stammte dementsprechend dann auch nicht gerade von Fred Bertelmann oder Conni Froboess..

RR: Die erste LP, die mich faszinierte – da war ich gerade mal 12/13 Jahre alt – war die von den Ofarims, auf der ich „Freight Train“ hörte, „Morning Of My Life“ und vor allem den Deserteur von Boris Vian. Der hat mich so tief berührt, dass er prägend für meine politische Einstellung bis heute wurde. Mit meinem späteren Liedermacher-Duo Handstreych habe ich ihn dreimal ins Deutsche übertragen und gerillt, einmal im Originaltext und zweimal aktuell politisch angepasst, mit Genehmigung der Fondation Boris Vian aus Paris, und ich übertrage und vertone heute noch Gedichte von Vian, dem ich mich seelenverwandt fühle.

EAL: Nun ist es ja bekanntlich eine Sache, sich von dem absetzen zu wollen, was einem vorgesetzt wird. Was es aber auch braucht, sind erste Initialzünder, Leute, die einen bestärken zu einem Instrument zu greifen…

RR: Ich hatte das Glück, schon in diesem vorpubertären Alter andere Gitarrenliebhaber zu treffen, unter anderem auch bei der Bündischen Jugend (Pfadfinder und Nerother Wandervogel). Wir sangen diese Songs und auch später die Songs der Waldeck zusammen und gründeten auch die Folk-und Bluesgruppe „Kellerasseln“ in Darmstadt, mit der ich viele Konzerte hatte und Auftrittserfahrungen sammelte. Viele der ersten Liedermachergeneration kamen ja über die Bündische Jugend, zum Beispiel auch Walter Mossmann, den ich später nach meinem Umzug nach Freiburg im Rahmen der badisch-elsässischen Bürgerinitiativen gegen das AKW Wyhl noch persönlich kennen lernen sollte.

EAL: Ja, aber so aktivistisch war doch wohl dein erste Lied nicht…oder etwa doch?

RR: Mein erstes Lied, das ich selber auf Deutsch schrieb, mit 13 Jahren, handelte von der Umweltverschmutzung im Wald, der war meine eigentliche Heimat. Es hieß „Deutscher Wald“, also ein politisches Lied, ich bin heute noch erstaunt, dass so früh schon so etwas zustande kam. Der Drang, selber zu schreiben, war sicher ein Teil der Identitätssuche gegen die Erwachsenenwelt um mich herum.

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Foto: Workshop Politisches Lied / Handstreych-Konzert  – beides auf dem Folkfestival Ingelheim

EAL: Ende der 60er Jahre gehörtest du zu der ersten Generation junger, sehr politischer Liedermacher…

RR: Zur ersten Liedermachergeneration gehöre ich sicher nicht, das waren die Waldecksänger, die alle entweder noch während des Krieges oder noch vor dem Krieg geboren wurden, wie Degenhardt zum Beispiel. Ich gehöre zur ersten „Nach-Waldeck-Welle“ der Liedermacher, die nach dem Krieg geboren wurden und vor allem in den 70er Jahren aktiv waren. Die meisten haben sich in der AG Song gesammelt, um den rührigen, auch heute noch aktiven Musikjournalisten Stefan Rögner herum. Oder auch im AkPoli (Anm. der Red.: Arbeitskreis Politisches Lied), den ich mit Peter Kühn und Wolfgang Hering gründete, der sich aber nur ein paar Jährchen hielt.

Damals kam aus der 68er Bewegung eine große Aufbruchsstimmung gegen die verkrusteten, zum Teil noch Nazi durchsetzten Strukturen des politischen Establishments. Die Liedermacher waren als Mut Macher bei Demos etc. wesentlich gefragter als heute – und in ihrem Selbstverständnis als politische Liedermacher auch viel zahlreicher. Es gab aber schon auf den Waldeckfestivals eine Spaltung zwischen politischen und privaten Künstlern, die ja auch zum Scheitern des Festivals führte.

EAL: Nun, schauen wir uns die jungen Liedermacher von heute an, so fällt aber auf, dass die meisten eher über emotionale Befindlichkeiten singen, während nachrückende politische Liedermacher kaum noch zu finden sind. Was denkst du, waren junge Menschen früher ganz allgemein viel politischer?

RR: Heute hat sich das Selbstverständnis junger „linker“ Liedermacher glaube ich verändert, privat und politisch sind keine schroffen Gegensätze mehr. Jeder private Handlungsakt, zum Beispiel auch Nichtwählen, wirkt sich politisch aus. Die Art des Privatlebens spiegelt sich in der politischen Einstellung der Menschen und umgekehrt. Ich finde gut gemachte „private Lieder“, die sich von dem Schunkelniveau der Schlager mit Rosa-Brillen-Effekt textlich und musikalisch qualitativ abheben, genauso wichtig wie politische Lieder mit gutem Inhalt.

EAL: Du und ich, wir sind in gewisser Weise Kollegen, schließlich hast du in den 70er Jahren ebenfalls ein Magazin für Folkmusik unterstützt, das „Folkmagazin“. Ein Grund für die Schaffung von „Ein Achtel Lorbeerblatt“ war, dass es trotz Internet kaum noch mediale Plattformen für Liedermacher gibt und abgesehen vom „Folker“ auch über die virtuelle Welt hinaus kaum noch ein Sammelmedium zu finden ist,  wo sich halbwegs gebündelt informiert werden kann. Mal ganz ehrlich: War – aus Liedermachersicht – medial betrachtet früher vielleicht wirklich alles besser?

RR: Die damalige Zeitschrift „Folkmagazin“, die eine Stellung wie heute der „Folker“ innehatte, habe ich nur unterstützt mit eigenen Beiträgen, aber nicht journalistisch und auch nicht redaktionell. Das Folkmagazin war  ja auch praktisch die einzige weiter reichende Publikationsmöglichkeit mit größerer Auflage. Aktuelle politische Themen wurden in der von Mees und Reinheimer publizierten Reihe „Folkbuch“ der Edition Venceremos heraus gegeben, zum Beispiel ein Chile-Solidaritätsliederbuch oder mein Folkbuch 5, das ich zur Reihe beitrug. Heute sind Liedermacher mehr als früher eine Randbewegung, mit Ausnahme der wenigen großen Alten. Die Jungen haben aber durch das Internet mehr Möglichkeiten, ihre Songs und Texte zu verbreiten. Einen direkten Bruch in der medialen Öffentlichkeit sehe ich nicht, eher schleichendes Desinteresse ab den Achtzigern in den großen Medien, die immer mehr Sendungen kappten, zum Beispiel auch der SWR mit der Liederbestenliste.

EAL: Ein ebenfalls großer und sehr faszinierender Teil deiner musikalischen Biografie ist in der Zusammenarbeit mit Ulrich Kind zu finden…

RR: Handstreych wurde 1978 von Ulrich Kind und mir als Liedermacherduo in Freiburg gegründet. Ich hatte damals einen Auftritt im Liberalen Zentrum, die FDP hatte da noch etwas mehr Profil, und Uli kam als Zuhörer. Danach sprach er mich an und spielte mir gleich seine Flüchtlingsballade vor.  Er war ja 1973 aus der DDR auf abenteuerliche Weise geflüchtet…

EAL: So etwas kann aber wohl auch schief gehen, oder? Ihr müsst doch eine vollkommen unterschiedliche Sprache gesprochen haben, sozusagen…

RR: Wir waren beide völlig gegensätzliche Persönlichkeiten, er eher extro-, ich eher introvertiert, diese Spannung, die auch aus den völlig verschiedenen Biografien resultierte, war eine Stärke, die das Publikum intuitiv mitbekam und mitriss. Unzählige Konzerte, zumeist im süddeutschen Raum, fanden statt in den 30 Jahren, bis Uli 2007 schwer erkrankte. Fünf Tonträgerproduktionen, die ersten noch stark vom Ost-West-Konflikt geprägt, dann immer mehr Mischung aus privaten und politischen Liedern, erbrachte die Zusammenarbeit, drei davon sind noch im Handel zu haben. die anderen beiden sind bei Interesse über mich erhältlich. Der größte Erfolg war 2002 der dritte Platz in der Liederbestenliste des SWR mit einem von uns beiden übertragenen Lied des französischen Autors George Brassens, den ja alle großen Liedermacher der Waldeck als einen ihrer geistigen Väter bezeichnen.

EAL: Mal etwas ganz anderes: Im Haupt- und Brotberuf bist du Arzt und ich habe in dem Zusammenhang herausgefunden, dass es sogar einen „Bundesverband Deutscher Schriftstellerärzte“ gibt. Von außen betrachtet klingt das, bei allem Respekt, fast etwas obskur und lustig. Sind Mediziner per se nicht ausgelastet genug, dass so viele davon in künstlerische Gefilde ausschwirren, so dass gar eine eigene Vertretung notwendig ist? Oder ist es der Beruf als solcher, der offenbar ein ganz spezielles Mitteilungsbedürnis entfacht?

RR: Ich denke, dass Ärzte tatsächlich wegen ihres aufreibenden Berufes, diesem  täglichen Umgang mit körperlichem oder psychischem Elend mehr als manch anderer Beruf Burn-out gefährdet sind und deshalb schon immer Ressourcen leben, zum Beispiel Ärzteorchester, Marathonlauf, Schachmeisterschaften und eben auch diesen Berufsverband Deutscher Schriftstellerärzte, bei dem ich Mitglied bin. Bekannte Schriftstellerärzte sind zum Beispiel Alfred Döblin, Gottfried Benn und Arthur Schnitzler.

EAL: Der beste Beweis für diese These bist tatsächlich du selbst, deine aktuelle CD „Auf stillen Pfaden“ trägt schließlich den Untertitel „Liedpoesie und Lyrik“ – du bietest also das ganze Programm…

RR:  Ja, „Auf stillen Pfaden“ trägt bewusst den Untertitel „Liedpoesie und Lyrik“, da ich nach dem Ende von Handstreych zunehmend zur Lyrik gefunden habe. Mein zweiter Gedichtband ist derzeit im Anton G. Leitner-Verlag in Vorbereitung. Und Lyrik und Lied befruchten sich bekanntlich gegenseitig, was ja auch historisch eng zusammenhängt, zum Beispiel durch die sogenannten „Dichterbarden“.  In der Poesie finde ich den „ kreativen Bezug auf die Gegenwart“, der mir früher im politischen „Protestsong“ oft fehlte, wo es zumeist zukunftsbezogen her ging. Und dieser Bezug ist per se politisch, denn auf die Gegenwart bezogene Texte drücken eine persönliche Wahrheit aus, die nicht manipulierbar ist. Wenn ich mich zum Beispiel im Lied „Wendezeit am See“ mit der Vergänglichkeit beschäftige, auf eine ganz persönliche Weise, ist das hoch politisch, weil dieses Thema etwa bei rechten Kadern und auch allgemein in der Leistungsgesellschaft völlig verdrängt wird. Aber es gibt auch Liedpoesie auf der CD, die direkter politisch ist. „Tibets Stille“ zum Beispiel. Oder „Ulsters Flüsse“.

EAL: Mit deinem aktuellen Album hast du es – man darf sagen wieder einmal – auch in die Liederbestenliste geschafft. „Auf stillen Pfaden“ ist unterm Strich dennoch eher lyrisch als denn dezidiert politisch geworden. Wie ist das zu erklären? Denn betrachten wir uns deine Vita, was du politisch bereits alles gemacht hast und nehmen dann deine Erfahrungen mit Handstreych hinzu, so lassen sich doch wesentlich gesellschaftskritischere Sachen erwarten. Mich hat der doch sehr poetische Ansatz daher, ich will es zugeben, etwas überrascht…

RR: Bei meinen „Lesungen mit Gitarre“ wird deutlich, dass die Zuhörer genau wie ich nach einer neuen poetischen Sprache für eine immer komplexer werdende Welt suchen und dass Poesie im Sinne von „Realpoesie“  – also nicht akademische Elfenbeinturmlyrik – sehr heilsam sein kann. Ein gelungenes „privates Gedicht“ führt den Menschen, der sich darauf einlässt, auch zu sich selber. Und den Autor sowieso.  Man kann aber auch poetisch politisch kämpfen, das widerspricht sich nicht, gute Beispiele sind hier Erich Fried oder Kurt Tucholsky. Die Lyrik ist nicht umsonst eine gesellschaftliche Nische, die sich der totalen Vermarktung, dem „Gott Markt“ entzieht. Aber sie wirkt im direkten Kontakt mit Zuhörern emotional bewegend. Gedichte haben auch die Widerstandskraft des kürzlich verstorbenen Stephane Hessel so gestärkt, dass er die schlimmsten Umstände wie die KZ-Internierung besser überstehen konnte. Da gibt es viele Beispiele dafür.

Interview: David Wonschewski

www.rainer-rebscher.de

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Foto: Reno Rebscher mit Bluesharpist W. Lampka

Ein Kommentar zu “Wenn Politik auf Lyrik trifft. Das große EAL-Interview mit Reno Rebscher.

  1. ankemueller
    5. April 2013

    Richtig schönes Bild, das vor der Hütte! :-)

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