Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Uta Köbernick – Man muss ja nicht gleich

CD_Man_muss_ja_nicht_gleich

von Jürgen Faas

Die dritte CD von Uta Köbernick – die Künstlerin hat sich merklich gewandelt, ohne sich komplett neu erfinden zu wollen.

Vor wenigen Jahren sagte sie im Konzert sinngemäß: „Jetzt folgt eine Art Lied, die bei mir immer zu kurz kommt – ein Beziehungslied.“ Der Saal lachte, denn diese Art Lied hatte den Abend tatsächlich schon vorher dominiert.

Im Februar 2013 kam dieselbe Ansage, aber niemand lachte. Das Programm ist vielfältiger geworden, zum einen „politischer“, zum anderen jedoch auch auf persönlicher Ebene facettenreicher. Im besten Fall läßt sich das Persönliche vom Politischen nicht wirklich trennen; ein solcher „Fall“ ist beim Lied „Zukunft und wo die manchmal so herkommt“ doch glattweg eingetreten. Während in diesem Lied verfehlte Großprojekte (vor allem S21) Pate standen – ja, „Pate“ passt gut – und man sich wundert, wie ein solches Thema so poetisch umgesetzt werden konnte, hat sie in „Unvorstellbar“ die „eigentlich unvorstellbaren“ Grundrechtseingriffe usw. anläßlich Blockupy Frankfurt (2012) verarbeitet. In verblüffender Weise mündet dieses Unvorstellbare ins banal Tatsächliche.

Den anderen über das Private hinausgehenden Liedern ist eine Botschaft in der Sache eher weniger zu entlocken. Möglicherweise eine bezeichnende Reaktion auf das Geschehen unserer Zeit, in der bekanntlich schon die Analysen weit auseinanderklaffen, von Lösungsvorschlägen gar nicht erst zu reden. Die Frage ist auch immer, wie weit sich konkrete Positionierungen oder Konzepte mit Kunst vertragen – Nicht wenige sagen: Gar nicht.
In „Auf die Plätze“ singt sie: „Wir haben ja keine Ahnung, und keine Ziele … wir sind halt nur viele.“ Was die Frage offenläßt, ob sie die gegnerischen Sprüche parodiert oder auch tatsächliche inhaltliche Defizite einräumt.

Es geht Köbernick (abgesehen vom S21 Komplex) mehr darum, wie man sich organisiert und auf Mißstände aufmerksam machen kann („Auf die Plätze“ – Occupy), was von „Realpolitikern“ zu halten ist (nichts) und wie sich beharkende Bewegungen miteinander umgehen sollten: Keine persönlichen Untergriffe, aber auch nicht zu früh einem Harmoniebedürfnis erliegen: „Wir müssen auseinanderhalten“. Allerdings dürfte der Sinn dieses recht komplexen Lieds schwer zu erschließen sein, wenn beim Zuhörer keine Grundkenntnisse zur Bewegung gegen S21 vorhanden sind.

Bei allen diesen Liedern bleiben ihr Markenzeichen erhalten: Sprachliche Finessen, verstörende Wendungen, elegante Pointen, die aber nicht zum wortspielerischen Selbstzweck verkommen. Wo es platt zu werden droht (tatsächlich oder vermeintlich?) – Realpolitiker sind alle Verbrecher usw. -, nimmt sie sich im Gegenzug stimmlich zurück. Nach dieser Entwicklung darf man gespannt, wie die politische Reise der Uta Köbernick weitergehen wird.

Highlights dieses Albums sind für mich neben dem Zukunftslied gleich der Auftakt: „Ich mache mich davon“. Da mutiert sie zur Pippi Langstrumpf mit Indianerzöpfen in einer irren Geschichte. Die Indianer tauchen später wieder auf, und zwar, wer hätte das gedacht, in „Indianer“, wo selbiger eine krause Spur auf ihrer Stirn hinterläßt, ganz
zauberhaft, einschließlich dem ausgesprochenen Wort, das sich unwohl fühlt und lieber schriftlich wäre!

Ebenso stark sind die „Reste“, wo darüber philosophiert wird, dass auch ein Rest von irgendwas noch eine eigenständige Kraft hat. Auch ein Mensch nach einer Trennung.

Ich kann mich nicht entscheiden, was mein Lieblingslied ist, denn zumindest die ersten zwei Drittel geht es immer weiter mit einer Art von Poesie, bei der ich mich fast zu einer Behauptung versteigen möchte, die ich schon über H.E. Wenzels „Stirb mit mir ein Stück“ gelesen habe: Nämlich dass hier ein neuer Typus „Lied“ kreiert wurde. Merkmale sind eine hohe Dichte, ohne dabei die Leichtigkeit zu verlieren. Besondere Magie vermitteln außer den Genannten: „Wolken“, das „Schattenlied“ und „Unter der Hand“. Beschreibungen oder Erklärungen von Magie sind immer unzulänglich, aber in diesem Fall zumindest anzudeuten, wobei meine Interpretationen erfahrungsgemäß meistens falsch sind…

Wolken: Die Sängerin sitzt im Zug und sinniert, die Wolken und Bäume betrachtend. Es geht ums Überwinden, Trennen, Loslassen oder doch nicht. Lieblingsstelle: und ich warte nur den richtigen Moment, den Schlüssel zu verlieren.
Poetischer kann man´s nicht sagen. Wenn man so will, wird das Angebot zur Loyalität zugunsten des Wunsches nach unmittelbarer Nähe ausgeschlagen: „Du sagst, du hältst Wort – halt´ lieber mich!“

Schattenlied: War bereits auf der „Sonnenscheinwelt“ (1. CD) drauf. Ist aber so brillant, dass es – dank kritischer Begleitung neu gewandet – reaktiviert werden musste, zumal immer noch nicht jeder die Sonnenscheinwelt kennt. (Manche kennen nicht mal Uta, aber das sollte sich nun schleunigst ändern). Das Lied folgt eigentlich einem recht konventionellen Schema, wir haben ein Thema, man möchte lieber im Schatten sein und nicht im grellen Sonnenlicht.
Es folgen verschiedene Situationen, in denen die Sängerin im Schatten im eher übertragenen Sinn im Schatten bleiben möchte. Aber: Welche Situationen das sind und wie sie den Bogen sogar bis zum guten alten Jesus spannt, das ist alles andere als konventionell.

Unter der Hand: Thematisiert werden Erwartungen, Täuschungen und Realitäten des Lebens. In diesem stark metaphorischen Stück bewahren sich Kartentricks ihren Zauber auch nach ihrer Auflösung, und die Zeit betreibt einen schwunghaften Handel mit heimlichen Momenten. Geht auch dank der zarten Melodie sehr zu Herzen.

Im letzten Drittel des Albums befinden sich neben schon erwähnten Politliedern auch zwei Stücke, die etwas „anders“ sind, also weniger metaphorisch oder lyrisch, sondern eher direkt das Verhältnis zwischen der Künstler-und Privatfrau in ihr. Dies mit Liebe zum Detail und untrüglicher Beobachtungsgabe, wie in den besten Liedern von Reinhard Mey, z.B. über die Dinge, die sich in ihrer berufsbedingten zu langen Abwesenheit verändert haben oder eben gerade nicht, obwohl sie es hätten sollen…

Bemerkenswert schließlich: „Schon morgen“, das die Melodie von „Kein schöner Land“ moll-verfremdet und eine Art Mischung aus schaurig-bedrohlichem Partylied daraus macht. Hier treffen sich vor der morgigen Reise, der mit leichtem Bangen entgegen gesehen wird, alte Freunde wieder, die – so scheint man die Brücke spannen zu können – in Form der kritischen Begleitung mal so richtig vom Leder ziehen dürfen. Da knarzt es anfangs, bis schließlich Uta zeigt, dass sie auch ein weinseliges Grölen hinkriegt.

Wie kam es zur „kritischen Begleitung“? Soweit ich weiß, trafen sich die Musiker erstmals anläßlich der Occpuy-Proteste im Oktober 2011. Der Name bezieht sich wiederum auf eine Episode aus der unendlichen Stuttgarter S21-Geschichte: Nach der sog. Volksabstimmung erklärte Ministerpräsident Kretschmann, das Projekt werde jetzt gebaut, und er wolle es „konstruktiv-kritisch begleiten“.

Uta bestritt ja die erste CD allein (Aufzeichnung eines Solo-Abends), die zweite mit Hilfe einer ausgeliehenen „Kapelle“. Die neue CD nun mit der kritischen Begleitung hat im Vergleich dazu eine experimentellere Note, was an den Bestandteilen dieser Begleitung liegt: Der Stuttgarter Musiker Thorsten Puttenat beweist, dass eine Stimme nicht nur zum Sprechen und Singen gut ist (außerdem Beatbox und Ukulele). David Stützel wiederum ist ein vielseitiger Klangkünstler, der u.a. für seine „singende Säge“ bekannt ist, er gibt hier den Saxophonisten und Obertonkünstler. Also schon ordentlich durchgeknallt, nicht wahr, Jungs? Eva Graeter wirkt da etwas „normaler“ (bitte nicht beleidgt sein), sie ist für das Akkordeon zuständig, hat aber auch eine gute Stimme, und alle zusammen bilden zuweilen einen Background-Chor der etwas anderen Art.

Die meisten Lieder sind zwischen kurz und sehr kurz. Warum? Hilfreich könnte das abschließende Statement aus dem „Indianer“ sein:
„… man muss ja nicht gleich ein Lied drüber machen, nur weil man mal was Lustiges denkt.“ (Ich ergänze: Aber wenn doch, dann bitte nicht zu lang!)
Das gilt sicher nicht nur für „lustige Gedanken“, sondern auch diverse andere, selbst wenn diese Weisheit in der Liedermacherszene nicht durchgängig beherzigt wird.

Uta Köbernicks Gesangsstil wurde des öfteren als klar und natürlich beschrieben, was auch stimmt – wegen oder trotz Gesangsausbildung? Sie hat vielleicht keine volltönende Stimme, zieht dafür aber alle technischen Register, so dass sie von einschmeichelnd bis trompetend alles singen kann. Ebenso passen sich die Melodien zwanglos den doch sehr unterschiedlichen Stimmungslagen an. Es hat eindeutig Vorteile, in Kindheit und Jugend (auch) mit klassischer Musik sozialisiert zu werden. Wenn in manchen Stücken eine Melodie nur angedeutet wird, hat das nichts mit Unvermögen zu tun, sondern es „gehört so“. Man bedenke: Auch wenn gewisse Teile der Texte und der Musik nicht jedem unmittelbar eingängig erscheinen mögen, hat diese Frau doch in ihrer relativ kurzen „Liedermacher-Karriere“ schon bestimmt an die fünfzehn mitreißende Titel geschrieben, die sogar Hitpotential hätten. Wie zweischneidig ein solches Lob auch sein mag.

Trotz der mit diesem Werk unglaublich hoch gelegten Messlatte darf man von Uta Köbernick noch allerlei Wunderdinge erwarten: Oder in ihren Worten: Das Ende der Geschichte geht noch weiter.

www.utakoebernick.de

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