Ein Achtel Lorbeerblatt

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Schweiz: „Lass mich nie mehr los“ oder „Warum nicht im Abendkleid, wenn es passt?“ Heiniger trifft Brigitte Marolf

Brigitte Marolf-0745 Kopie

Biel am Bielersee, dem zweitgrössten der Schweizer Jura-Seen, auf dem es eine wunderschöne Halbinsel gibt, die Petersinel, die bis heute oft auch Rousseau-Insel genannt wird, nach dem Aufklärer Jean-Jacques Rousseau, der hier einst Zuflucht suchte. Die Stadt Biel ist ein Schweizerischer Sonderfall. Weshalb?

„Biel/Bienne (deutsch Biel, französisch Bienne, Bieler Dialekt [Bieu]) ist die grösste zweisprachige Stadt der Schweiz und nach Bern die zweitgrösste Stadt des Kantons Bern. Als einziger Stadt der Schweiz besteht eine gesetzliche Pflicht zur Zweisprachigkeit im Umgang mit den Behörden. Somit werden alle amtlichen Dokumente, Strassenschilder zweisprachig verfasst und Behördengänge sind sowohl in deutscher als auch in französischer Sprache gleichberechtigt möglich. In bestimmten Quartieren werden im gleichen Schulhaus sowohl deutschsprachige als auch französischsprachige Schüler unterrichtet.“  ( Wikipedia)

„Lass mich nie mehr los“

oder

„Warum nicht im Abendkleid, wenn es passt?“

Reinhören: Lass mich nie mehr los

Markus Heiniger und Brigitte Marolf  treffen sich in einer kleinen Bieler Bar, der Café-Bar „Hasard“ und bestellen einen Espresso. Die beiden treffen sich hier allerdings nicht „par hasard“, ( per Zufall). Der Schweizer Liedermacher am Piano wollte seine am selben Instrument singende Kollegin schon lange einmal interviewen. Voilà!

MH Bist du oft hier?

BM Ja, ich bin immer wieder mal da. Der Kaffee ist einfach wunderbar, der Beste von ganz Biel, finde ich.

MH Fast ein bisschen klein hier, nicht?

BM Ja, es  ist immerhin die kleinste Café Bar von ganz Biel. Die Atmosphäre ist sehr angenehm, wenn die Bar nicht gerade voll besetzt ist. Aber ich habe da sogar schon Konzerte gegeben. Wer schon da war, glaubt es kaum, so rein aus platztechnischen Gründen.  Aber es waren immer schöne Abende, gemütlich, stimmig und mit  13 Leuten hast Du bereits volles Haus!

MH Und wenn du hier gerade nicht auftrittst?

BM Vor der Mittagszeit oder am Nachmittag, wenn es etwas ruhiger ist,  komme ich gerne hier her um die Zeitung zu lesen. Und man trifft hier einfach auch immer wieder jemanden, den man kennt.

MH Biel ist zweisprachig. Du auch?

BM Ich spreche französisch, bin aber nicht zweisprachig aufgewachsen. Ich lernte die Sprache in der Schule, bin aber sehr froh, dass ich immer wieder die Möglichkeit habe, in Biel Französisch zu sprechen, oder sprechen zu müssen. Ich  finde es eine wunderschöne Sprache.

MH Wodurch unterscheidet sich der Berndeutsch sprechende Bieler vom Französisch sprechenden?

BM Man sagt von den „Welschen“ (Französisch sprechenden), sie seien in der Regel spontaner und direkter, auch etwas gelassener als die Deutschschweizer.  Die beiden  Kulturen vermischen sich dann meistens auch nicht so wirklich. Ich selber habe ausschliesslich deutschsprachige Freunde, die französischsprachigen leben vor allem die Kontakte untereinander.


MH Verbindet die Musik?

BM Zum Teil hören die beiden unterschiedlich-sprachigen ganz andere Musik. Im französischen Bereich gibt es Musiker und Bands, die vor allem in der „welschen Schweiz“ gehört und gespielt werden, von denen wir Deutschsprachigen aber noch nie etwas gehört haben und umgekehrt. Dieser Graben existiert, auch wenn wir unmittelbar nebeneinander wohnen, oder sogar in derselben Stadt.

Dass Schweizer Künstler englische Texte singen, daran hat man sich längst gewöhnt. Singt eine Schweizer Musikerin aber hochdeutsche Texte…

 

MH Du singst Hochdeutsch. In eigener Färbung zwar, aber in der Aussprache sehr gepflegt, also nicht typisch schweizerisch. Wirst du darauf angesprochen?

BM Ja, immer wieder. Dass ein Schweizer oder eine Schweizerin englische Texte singt, daran hat man sich gewöhnt, das ist ja irgendwie „normal“. Singt eine Schweizer  Musikerin –  dann erst noch aus dem Berner Seeland – aber hochdeutsche Texte, kommt oft die Frage auf: „Warum singst du denn nicht Berndeutsch?“ Oder es fallen Bemerkungen wie:  „Das ist ja jetzt in, so neue deutsche Welle.“ Ich glaube, die Leute hier sind es sich einfach noch nicht so gewohnt, auch wenn hochdeutsche Texte und Lieder wieder öfter im Radio gespielt werden.

Es duftet herrlich nach Kaffee. Die Espressos kommen.  Brigitte Marolf nippt an der Tasse und überlegt:

Ich kenne auch Leute, denen deutsche Texte in Liedern einfach nicht gefallen, die lieber berndeutsche oder englische Texte hören.

MH Wie hast du das hingekriegt mit der Aussprache? Ich meine, du warst ja nicht auf einer Schauspielschule.

(Markus Heiniger „emilt“ ja auch nicht, wenn er Hochdeutsch singt. „Berndeutsch mit der Muttermilch, Baseldeutsch im Sandkasten und Hochdeutsch am Küchenradio“, pflegt er zu sagen. Aber die Frage richtet sich hier an Brigitte Marolf.)

BM Ich habe mir die Aussprache irgendwie übers Hören angeeignet, liess mich aber auch zusätzlich coachen.  Für mich war es immer wichtig meine persönliche Note zu behalten und ich wünschte mir gleichzeitig, dass meine gesungene Sprache in meinen Liedern auch als gutes Hochdeutsch akzeptiert wird.

MH An deinen Auftritten werden deine Song-Zwischentexte immer feiner und präziser. Auch witziger. Sie leiten zuweilen fast unmerklich vom einen zum anderen Song über, obwohl du Berndeutsch sprichst und Hochdeutsch singst.  Ja, nochmals: Warum eigentlich keine Berndeutschen Songs im Lande Mani Matters?  Reizt es dich nicht doch irgendwie, es zu wagen?

BM Ich habe ja auch schon berndeutsche Texte geschrieben und sage auch nicht, dass ich dies nie wieder tun werde; aber irgendwie liegt mir das Hochdeutsch eben doch mehr, ich fühle mich wohl damit beim Singen, und mittlerweile hat sich das so gefestigt und ist ein Teil von mir und meinem Programm geworden.

MH Deinem Live-Publikum läuft beim Vortrag deiner Songs zuweilen eine Gänsehaut über den Rücken. Sie überträgt sich nicht zuletzt dank deiner feinen Klavierbegleitungen,  aber wohl noch stärker durch deine  Stimme. Sie klingt warm, locker und entspannt,  auch dann noch, wenn du deine ganze Kraft in sie hineinlegst. Wann hast du sie entdeckt, deine Stimme?

BM Sie ist für mich ein Geschenk, das ich mit auf die Welt bekommen habe. Sie hat mich seit ich klein war begleitet.  Am Anfang war mir das nicht so bewusst, ich wurde aber immer öfter darauf angesprochen. Anfänglich von meiner Familie, meiner Lehrerin, später von meinem Musiklehrer. Meine Stimme war für mich schon sehr früh mein Instrument,  durch sie konnte ich meine Emotionen ausdrücken. Oft bin ich stundenlang am Klavier gesessen und habe Melodien gespielt und gesungen. Erst viel später lernte ich meine Stimme auch gezielt einzusetzen, entwickelte  die Ausdauer und den Ehrgeiz weiter zu kommen, sie zu trainieren.

MH  Wie arbeitest du an ihr?

BM Ich hatte eine Phase, in der  ich krampfhaft versuchte, besser zu werden, indem ich noch höhere Oktaven übte, noch schwierigere Themen sang und mich dabei natürlich völlig verkrampfte. Ich musste lernen, dass man nicht einfach gut ist, wenn man problemlos über vier Oktaven singen kann, sondern dass ganz viel Anderes mindestens ebenso wichtig ist.Brigitte-0800

MH Gesangsunterricht?

BM Klar, die Grundtechniken habe ich durch Gesangsunterricht und gezieltes, intensives Üben erarbeitet und verinnerlicht.  Heute bin ich ruhiger sicherer geworden, habe meinen eigenen Stil entwickelt,  der mir gefällt und in dem ich mich wohlfühle.  Ich probiere gerne Neues  aus und versuche mich nicht mehr so unter Druck setzen zu lassen wie früher.  Ich singe heute nach meinem Ermessen viel besser und authentischer als noch vor einigen Jahren.

MH Autodidakt?

Heute übe ich meine Songs oft am Piano, komponiere, spiele Konzerte und singe einfach, was ich gerne mag. Gezielte Gesangsübungen mache ich vielleicht noch zwei- bis dreimal wöchentlich.

MH Im Refrain eines meiner Lieblingssongs von dir heisst es „Lass mich nie mehr los“. Das klingt beim ersten Hinhören nach Chanson, textlich fast schon nach Schlager. Doch der erste Eindruck täuscht. Der Text wird mit dem zweiten Nachsatz plötzlich unverhofft intensiv: „Lass mich nie mehr los, auch wenn ich mich alleine fühle, auch wenn du bei mir bist“. Tiefste Einsamkeit noch in der innigsten Umarmung. Wie siehst du diesen Song?

BM Es ist tatsächlich auch einer meiner Lieblingssongs, einer, den ich  in einer sehr emotionellen Lebensphase geschrieben habe, mit Gefühlen, die einfach raus mussten.

Im Studio wollte ich diesen Song  so produzieren, dass er am Schluss richtig gross wird… 

Im Studio wollte ich diesen Song  dann so produzieren, dass er von der anfänglichen intimen Stimmung der Nähe und der Stille am Schluss richtig aufgeht und gross wird.  Und ich finde, das haben wir wirklich geschafft.

MH Eine Stimmung innerer Zerrissenheit für die Ewigkeit festhalten?

BM Klar, Gefühle verändern sich, Stimmungen verändern sich. Ich war bis heute nie mehr in der genau gleichen Stimmung wie damals, als ich den Song geschrieben habe. Und doch glaube ich, dass ich auf der Bühne, wenn ich das Lied am Piano singe und spiele, die Leute immer auf eine Art berühren kann, sie an dem Moment teilhaben lassen kann, den ich damals erlebt habe. Und dass ich bei den Leuten mit meiner Musik, meinen Texten etwas auslösen kann, das ist für mich als Musikerin eines der schönsten Geschenke überhaupt und zeigt mir, dass ich mit mir und der Musik auf dem richtigen Weg bin.

MH Apropos Studio: Auf deinem Album, das nun bald erscheint, sehen wir die uns vertraute Brigitte Marolf abgelichtet, dunkle, klare Augen, langes braunes Haar und Hut. Deinen Namen allerdings suchen wir vergeblich. „Delayne“ steht da stattdessen.  Was heisst das?

BM Der Name „Delayne“ hat keine Bedeutung in dem Sinne.

MH Kommt er nicht von Englischen „delay“?  Das bedeutet doch irgendwie „Verzögerung“ „Hemmung“…   Ich meine, geht es so ungefähr in Richtung „Miss Slowhand?“

BM Mir hat der Klang des Namens einfach gefallen, ich hatte beim Suchen eines geeigneten Namens rein klanglich das Gefühl, mich mit ihm identifizieren zu können.

MH Brigitte Marolf goes Delayne…

Ich habe mir einfach eine neue Identität gegeben für dieses Projekt…

BM Ja, „Delayne“ ist anders. Schon seit längerer Zeit hatte ich dieses Bandprojekt im Hinterkopf. Ich liebe es halt auch sehr, mit mehreren Leuten auf der Bühne zu stehen,  das Ausprobieren, das gemeinsame Komponieren, die Momente wenn die Songs „grooven“ die Gespräche und Auseinandersetzungen auch, die gemeinsamen Proben und Auftritte. Der Charakter von Brigitte Marolf wird auch in diesen Songs da sein, ich habe mir einfach eine neue Identität gegeben für dieses Projekt.

MH Live am Piano klingen deine Chansons nach „ehrlichem“ Liedermacher-Handwerk. Eine Frau mit eigenen Texten und eigener Musik , die auch noch hervorragend singt und sich sehr schön am Klavier begleitet. Vermisst du das nicht ein bisschen,  dieses Songwriter-Gesamtkunstwerk auf der Band-CD?

BM Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich ja gerade auf diese grössere  Produktion  mit den unterschiedlichsten  Musikern  gefreut. Den Song „Lass mich nie mehr los“ spiele ich aber auch in meinem Soloprogramm. Von dem her habe ich ja jetzt den Luxus zweier Varianten.

MH Sebastian Krämer hat ja – wenn ich das richtig aufgeschnappt habe –  über unsere Zunft mal schalkhaft gesagt, als Liedermacher bezeichne sich einer dann, wenn er sich weder gute Musiker noch ein anständiges Studio leisten könne.  Du  „leistest“ dir jetzt das alles. Mit welchen Musikern arbeitest du?

BM Für mich war es immer wichtig, dass ich Leute in meiner Band habe, die einerseits professionell arbeiten, mit denen es aber auch im zwischenmenschlichen Bereich stimmt, gerade in dieser kreativen Aufbauphase, wo  es  Platz für Ideen und Kritik braucht. Und da habe ich nun wirklich drei ganz tolle Musiker mit ins Boot holen können.  Am Piano Gregor Loepfe. Mit  ihm zusammen habe ich vor einigen Jahren zusammen in der Berner Funkband   “Götterfunken“ gespielt.  Am Bass Roland Sumi, der unter anderem auch mit Gigi Moto, Vera Kaa  und Paul Camilleri spielt. Am Schlagzeug ist Alexander Balajew, Drummer von “Plüsch“, einer der bekanntesten Schweizer Mundartbands.

Längst stehen die beiden Espressotassen leer auf der Theke. Markus Heiniger spürt, wie sich in ihm langsem folgender Text zu einem Song formt:  „Wann ist ein Liedermacher ein Liedermacher?“, doch dann kommt ihm in den Sinn, dass es diesen Song ja schon gibt, nur dass der Autor dabei den Begriff „Liedermacher“ zum tendenziell eher einsilbigen Wort „Mann“ umgewandelt hat. Heiniger lächelt und probiert es nochmals so:

MH Flo Stanek hat hier bei  „Heiniger trifft“ ja schon mal eine Lanze fürs kreative Mischen von Genres gebrochen. Trotzdem: Die Liedermacherin als Balladensängerin im Abendkleid? Oder wird es doch eher Soul? Oder Funk? Oder ist es im Grunde einfach Pop, wie du oben sagst?

Ja, das Album „Delayne“ wird rein stilistisch in Richtung Pop gehen. Aber soulig, funkig und balladesk wird es auch. Und wenn das Abendkleid dazu passt, warum nicht?

MH Und wenn du wieder zu Auftritten mit Schweizer Showgrössen kommst, wie unlängst gemeinsam mit TV Quizmasterin Susanne Kunz und Satirikerin und Clown Anet Corti, erwartet uns dann eher Delayne oder Brigitte Marolf am Klavier?

BM Hoffentlich beides! Mal so und mal so!Der Frauenabend mit Susanne Kunz und Anet Corti war übrigens tatsächlich eines meiner Highlights in diesem Jahr. Wir durften im Volkshaus in Biel vor ausverkauften Rängen spielen und hatten alle drei das Gefühl, diesen Abend wiederholen zu müssen, weil es wirklich Spass gemacht hat und weil die bunte Kombination einfach gepasst hat.

MH Ich bin gespannt auf deine weitere künstlerische Entwicklung, Brigitte, und freue mich, sie verfolgen zu dürfen! – Wann kommt die CD raus?

BM Danke! Die Spannung beruht ja auf Gegenseitigkeit. Die CD erscheint voraussichtlich Ende 2013 / Anfang 2014.

Brigitte Marolf wurde 1978 in der Nähe von Biel geboren. Nach der Schulzeit machte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester. Um sich so oft wie möglich der Musik widmen zu können, hat sie vor einigen Jahren das Arbeitspensum stark reduziert.
Seitdem ist sie als Singer/Songwriterin tätig, schreibt ihre eigene Musik und ist Frontsängerin in verschiedenen Bands mit unterschiedlichsten Stilrichtungen. Zusätzlich bildet sie sich in Schulungen für Gesang und Klavier weiter. Durch ihre zahlreichen Bühnenauftritte hat sie im Laufe der Zeit viel Erfahrung gewonnen, die ihren Performances die Professionalität und die Energie verleiht. Ihr neuestes Album kommt demnächst auf den Markt und heisst: „Delayne“

www.brigittemarolf.ch /
www.delayne.ch /
www.liederlobby.ch

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