Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: GLEIS 8 – Bleibt das immer so

Gleis-8-Bleibt-Das-Immer-So-Cover

von Simon-Dominik Otte

Es dauert tatsächlich nur etwa 5 Sekunden, bis man beim ersten Song von Gleis 8, „Ändern“, weiß, wer da ihre Stimmbänder einsetzt, um Töne entstehen zu lassen. AnNa R. hat also eine neue Band, Rosenstolz sind Vergangenheit. Sehr aktuell dagegen ist die Musik, die uns diese Band liefert, ein Hauch von Chartspop steckt in den Songs, aber eben auch immer diese Besonderheit, die AnNa R. immer wieder ihren Liedern einhauchen können, die so schön knarzig und verzogen sind, dass man es nicht einfach nur Pop nennen kann und darf. Ob nun instrumental über seltsame Bläser, die fast schon ein Bigband-Gebäude erbauen, ein warmherziges Piano, Orchesterklang oder durch den Inhalt der Texte („komm mach mir was vor / wenn du es nötig hast“), jedes Stück auf „Bleibt das immer so“ hat etwas Spezielles, was von der Masse abhebt.

Stadionhymnen wechseln sich mit zarten Balladen und harten Rocknummern ab, Gleis 8 treiben den Hörer durch die verschiedensten Musiklandschaften, zeigen dabei sowohl die touristischen Sehenswürdigkeiten, aber auch die versteckten Seitenstraßen mit den gemütlichen Studentenkneipen.

„Ich fahre wie auf Schienen / direkt in dein Gesicht“ singt AnNa R. in „Eine Sekunde“ und erinnert dabei an Judith Holofernes und ihre direkte Vertracktheit, was die Lyrics angeht. Überhaupt merkt man der Sängerin an, dass hier eine erwachsene Frau zu Werke geht, die vieles gesehen, vieles erlebt hat und über dieses Erfahrungsspektrum berichten möchte. Und sicherlich auch teils muss. Hierin liegt wohl auch einer der Gründe dafür, dass sie mittlerweile ihre Songs selbst schreibt und mit den Musikern von Gleis 8, die sie dazu aus Hamburg und Berlin zusammenholt, dann in fesselnde Popmusik übersetzt.

Das große Thema dieses Albums ist – fast schon natürlich – die große Liebe in all ihren Varianten und Spielarten. „Los, geh mit dem Teufel trinken / aber bitte heul mich nicht voll“ (‚Teufel’). AnNa R. kann es unfreundlich-schmutzig und säuselnd-zart, verliert dabei aber nie den Blick für das richtige Maß, überschreitet keine Grenzen und lässt uns teilhaben an dem, was man auf dem Weg des Lebens so alles erleben kann.

Schwachpunkt des Albums ist das zu schlagerartig geratene „Liebe ohne Gewähr“, das an Seichtheit nur schwer zu überbieten sein dürfte. Ansonsten ist „Bleibt das immer so“ ein wirklich mehr als gelungenes Popalbum über die Liebe, für einsame und zweisame Stunden und mit der prägnanten Stimme, die die deutsche Poplandschaft seit langer Zeit geprägt hat und so mit Sicherheit auch weiterhin prägen dürfte. Man wünscht sich fast, dass die Macher des ESC mal auf die Idee kämen, eines der Stücke dieses Albums als deutschen Beitrag auszuwählen. Die Qualität spräche dafür. Aber seit wann hat Qualität etwas mit Masse zu tun. Leider immer noch viel zu selten.

Hier werden Fans von Rosenstolz ihren Trennungsschmerz verarbeiten können, Freunde der intelligenten deutschen Texte ihre helle Freude haben und bestimmt auch einige völlig unbedarfte Musikkonsumenten neue beste Freunde finden. Gleis 8 sind nicht Rosenstolz. Gleis 8 sind eigenständig und erwachsen.

www.gleis8.net

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